Überraschung im Jazzhaus

Gestern kaufte ich eine Karte für das Konzert von „Matou noir“ im Jazzhaus Freiburg. Schwarze Kater mag ich ja und sie laufen mir zu, denn sie mögen mich auch – und wenn dann noch die Musik stimmt! Hier ist es eine wilde unkonventionelle Mischung von Jazz, Klezmer, Balkan und Tango und dann gesungen in verschiedenen Sprachen: Englisch, Französisch, Portugiesisch.

Aber davon wollte ich ja gar nicht reden, denn das Konzert ist erst Mitte Mai dran. Doch wie der Zufall es so will, stieß ich auf Fotos, die ich vor fast genau einem Jahr im Jazzhaus gemacht hatte. Da wollte ich zu einem Konzert von Malia.

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Vor Jahren hatte mir ein Freund eine CD von ihr geschenkt, als Malia noch kaum bekannt war. Er weiß immer, was Rotewelt gefällt. So war ich auch diesmal angetan – und freute mich nun, Malia in der Provinzstadt Freiburg live sehen zu können.

Weil ich mit großem Andrang rechnete, machte ich mich ausnahmsweise sehr früh auf den Weg, um einen guten Platz zu ergattern. Bei Bestuhlung sind die ersten Reihen dort immer schnell belegt und es gibt keine Platzkarten. Wird nicht bestuhlt, muss ich mich rechtzeitig in die Nähe der Bühne begeben, weil mir sonst die teutonischen Riesen die Sicht versperren – und aus Erfahrung weiß ich, dass sie mich zwar schon registrieren und sogar mal anflirten, jedoch nicht auf die Idee kommen, mich vorzulassen, damit sie über meinen Kopf hinwegschauen können. Das letzte Mal opferte sich ausgerechnet ein kleiner Mann. So sind sie, die Germanen… und besonders die Breisgauer Urviecher.

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Doch ich war so früh im Gewölbe des Jazzhauses, dass ich freie Platzwahl hatte und es war, zu meinem Erstaunen, bestuhlt. Ich legte meine Jacke auf einen Sitz in der ersten Reihe und holte mir etwas zu trinken. Nur langsam füllte sich der Keller.

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Ich hatte noch viel Zeit, mich umzuschauen und die Bühne zu inspizieren. Seltsam, die vielen Stühle… Malia tritt doch nicht mit einer Kapelle auf… Am Rand der Bühne standen einige Männer in schwarzen Hosen und roten Hemden, die aussahen, als würden sie zur Band gehören, aber sie wirkten so deutsch. Komisch alles.

Der Stuhl rechts neben mir wurde besetzt. Ein Mann, der kommunikationsfähig war, lächeln und reden konnte – ist ja nicht typisch für Freiburger –, kam mit mir ins Gespräch oder ich mit ihm. Ich sprach ihn auf Malia an und wir kamen auf unsere Jazzgeschmäcker zu sprechen, auf das Jazzhaus-Angebot an sich und Vieles mehr.

So verging die Zeit wie im Fluge und schließlich waren zur vorgesehenen Uhrzeit des Konzertbeginns viele Plätze besetzt, doch längst nicht alle, was mich sehr wunderte. Das teilte ich meinem Sitznachbarn mit, doch er schien das nicht ungewöhnlich zu finden. Im weiteren Verlauf des Gesprächs schaute er mich zweimal seltsam von der Seite an, wie ich fand und ich fragte mich, warum.

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Schließlich gab es ein Gewusel auf der Bühne, lauter Männer und eine Frau in schwarzen Hosen und roten Hemden setzten sich auf die Stühle – mit Blechblasinstrumenten. Wirklich sehr komisch! Dann kam ein flott aussehender Mann mit Pferdeschwanz hinzu, ganz in Schwarz, setzte sich an das Schlagzeug und das Konzert begann. Doch ja, es fing ganz gut an, flotter Jazz war das! Aber…

Das erste Stück war vorbei, ich blickte zur Rechten, mit Erstaunen in den Augen, und sagte offenbar ein paar seltsame Worte, denn nun kam es endlich ans Licht, dass ich im falschen Konzert war. Malia war zwei Tage zuvor dort gewesen – und der Mann auch. Jetzt wurde alles klar, die Blicke, das bisweilen komische Gespräch! Wie schade, ich hatte Malia verpasst? Wie konnte das passieren? Und warum wurde ich eingelassen mit meiner falschen Buchungsbestätigung, meinem Ausdruck und bekam meinen Stempel?! Niemand hatte etwas bemerkt.

Wohin war ich hier aus Unachtsamkeit gelangt? In ein Konzert von BasTa Brass, die Blechbläser der Badischen Staatskapelle Karlsruhe!

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Ich hatte jedoch keine Zeit, enttäuscht zu sein, denn da kam SIE: special Guest Viviane de Farias aus Rio de Janeiro!

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Und außer der schönen Brasilianerin mit der schönen Stimme und der starken Bühnenpräsenz war da ja auch noch der Mann in Schwarz, der Schlagzeuger und Perkussionist Matthias Daneck, ebenfalls special guest, der auch die Stücke ansagte.

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Und so kam ich einen ganz anderen musikalischen Genuss als erwartet, doch es war eben auch ein Genuss. Ausschließlich südamerikanische Musik wurde gespielt.

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Da vermischten sich brasilianische Leichtigkeit, Eleganz, Bewegung und ein wenig Melancholie mit badisch-deutschem Stoizismus und weltoffener Behäbigkeit – eine interessante ungewöhnliche Kombination. Der Kontrast der Mentalitäten und Temperamente war auch optisch nicht zu übersehen, doch musikalisch passte es.

Wie ich später im Vergleich sah, hatte sich die Sängerin bei ihrer Kleidung anscheinend etwas zurückgehalten: bloß nicht zu schick oder gar mit Décolleté – das sind die Freiburger nicht gewohnt. Sie bleiben auch stoff- und stilmäßig am liebsten unter sich, Hauptsache Öko-Baumwolle und -wolle und flache Gesundheitstreter – so bevölkern sie die Straßen und auch die Konzerthallen in verwaschenen Nichttönen. Nur nicht zuviel Farbe oder Schwarz oder gar mal ein höherer Absatz, pfui – damit fällt frau auf (ach, wie schön vielfältig ist dagegen Berlin!). Ein Freund, mit dem ich mal auf einem Marla Glen-Konzert im Jazzhaus war, fand, die Frauen sähen alle aus wie Studentinnen der Katholischen Theologie, zumindest der PH, Fach Hauswirtschaft.

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Ich verbrachte einen wunderschönen Abend, die Füße wippten mit und dann hatte ich noch gute Unterhaltung – und das alles ohne Malia. Ihr Auftritt soll übrigens nur „ganz gut“ gewesen sein, sagte mein Nachbar, es fehlten wohl etwas Seele und Lebendigkeit eines Live-Konzerts. Jedenfalls hatte ich nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben – im Gegenteil!

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Obrigada! Nur würde ich die Sängerin gern auch mal mit anderer, zurückhaltender musikalischer Untermalung sehen. Hier ein Beispiel aus dem Netz, wenn auch nicht mein Lieblingssong… (ach, wie liebe ich das Portugiesische, auch in der brasilianischen Form):

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14 Antworten zu Überraschung im Jazzhaus

  1. cablee schreibt:

    Genauso mag ich deine Beiträge, rotewelt – da sind wir immer mitten drin dabei 😉 Danke!

  2. scarlett schreibt:

    Eine beeindruckende Stimme hat sie!

  3. _frauhase_ schreibt:

    eine überraschende wende, lach…manchmal sind die unerwartenden dinge die besten.

  4. whateveralter schreibt:

    Verrückt, dass du trotzdem rein gekommen bist. aber ungeplante Dinge stellen sich oftmals als etwas sehr gutes heraus, wie bei dir ja auch 🙂

  5. Sofasophia schreibt:

    was für ein toller zufall! 🙂

  6. karu02 schreibt:

    Da wäre ich gerne dabei gewesen.

  7. Frau Blau schreibt:

    eine witzige Geschichte!

    bislang war ich nur einmal im Jazzhaus bei Mari Boine, unvergessen guuuut! und ich hatte einen Platz ganz vorne an der Bühne ergattert 😉
    überlege gerade, ob ich es mal mit einem zweiten Besuch versuchen sollte … schauen wir mal
    herzlichst Ulli

    • rotewelt schreibt:

      Da hattest du also auch Glück, wie schön! Gegen einen zweiten Besuch ist doch nichts einzuwenden? Ich würde zu gern zu Gianmaria Testa am 28. Mai gehen, den finde ich klasse, aber da kann ich nicht, heul!

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