Nebental, jenseits der Zeit

Gestern ist mir etwas sehr Peinliches passiert: Ich konnte nicht bezahlen, habe die Zeche geprellt – ja nicht ganz, bin ja nicht geflohen…

Wie es anfing? Weil ausnahmsweise die Sonne schien, fuhr ich in eines meiner Lieblingslokale, zum Gscheid kurz vor Freiamt. Wie immer, verfuhr ich mich zuerst. Dann fand ich sofort einen Parkplatz gegenüber des Lokals mit gemütlicher Bauernstube und schöner großer Gartenterrasse, zwischen Wiesen und Wäldern. Ein Dreiertisch wurde gerade draußen frei und ich delektierte mich an einer Bauernbratwurst mit köstlicher brauner Soße und Zwiebeln, dazu ein ebenso schmackhafter Kartoffelsalat. Zum Glück wusste ich schon von früheren Besuchen, dass es auch kleine Portionen gibt… Die große hätte aus zwei fetten Würsten mit einer Riesenmenge Kartoffelsalat bestanden.

Nach einer Weile füllte sich der Garten und ein Wandererpaar gesellte sich zu mir an den Tisch. Wir hatten unterhaltsame Gespräche, die Zeit verging schnell und das, obwohl es sich um Freiburger handelte… Aber so ist es eben: Ein Small Talk macht hier keinerlei Probleme, nur hört es danach auf…

Irgendwann wollte ich zahlen und fand zu meinem Schrecken keinen Schein im Portemonnaie, gerade mal fünf Euro Kleingeld konnte ich zusammenkratzen und neun Euro kostete das Gericht inklusive Getränk. Kartenzahlung akzeptierte das Gasthaus nicht. Ich hätte im Erdboden versinken mögen…, wo waren die Scheine geblieben, die ich doch am Vortag noch hatte? Musste ich nun in der Küche spülen? Die Bedienung schaute recht indigniert, doch auf meine eingeschüchterte Frage, was ich nun tun könne, erfragte sie meine Adresse und sagte, ich solle am nächsten Öffnungstag, Dienstag, ab 14 Uhr wiederkommen und bezahlen.

Beschämt trollte ich mich von dannen. Unterwegs fiel mir ein, dass ich ja vielleicht einen Ort mit Geldautomat finden könnte und so stellte ich meine Augen auf Empfang.

Von der Schnellstraße aus sah ich unten eine Kirchturmspitze aufragen, aha, ein Dorf. Wo eine Kirche steht, gibt’s auch Geld, befindet sich auch eine Bank mit einem Geldautomaten, dachte ich, also nahm ich die nächste Abfahrt, Richtung Siensheim, einem Ortsteil von Waldkirch, 15 Kilometer vor Freiburg. Nach einem Wendemanöver, weil eine Bahnlinie den Ort durchschneidet, landete ich im Dorf.

Als ich zwei junge Frauen sah auf der anderen Straßenseite, ließ ich das Autofenster hinunter und fragte, ob es in diesem Ort eine Bank und womöglich noch die gäbe, bei der ich mein Konto habe. Sie verstanden erst nichts, so dass ich schreien musste, dann nannten sie eine andere, dann aber doch auch meine Bank, allerdings war nicht zu entnehmen, ob es die gab oder eben nicht. Also der Rechtskurve folgen, die ich sowieso nehmen wollte. Als erstes fand ich das Hinweisschild auf die andere Bank, die sich dann aber in der Straße nicht zu befinden schien. Ah, eine Nordic-Walkerin! Ich fragte die dunkelhaarige, in rosa Shirt und mit blauem Lidschatten sorgfältig geschminkte Dame, kaum älter als ich, durch das Beifahrerfensterhindurch, also schon näher, denn sie war auf meiner Seite, nach „meiner“ Bank.

Daraufhin breitete sie die Arme mit den verlängernden Stöcken aus, abwechselnd, wobei sie aussah wie ein im Anlauf unfreiwillig gestoppter Vogel mit verwundeten oder vom Stopp in Unkoordination geratenen Flügeln, und stieß hervor, halb fragend, halb bestimmend: „Das ist rechts?!“ (nach links zeigend), „das ist links?!“ (nach rechts zeigend). „Du fahren rechts (nach links zeigend)“, dann mit beiden Armen fuchtelnd, „dann du siehst Bank“. Alles klar, „dankeschön“ rufend, wendete ich und machte mich auf die Suche. Und wurde doch tatsächlich fündig. Als ich die Bank betrat – die Tür öffnete sich durch Knopfdruck – schreckte ein anderer Kunde zusammen und drehte sich um. Nun, offenbar war ich ungefährlich und machte mich ja sofort auch am zweiten Geldautomaten nebenan zu schaffen. Und dann machte ich mich schnell auf den Rückweg, um sofort meine Schuld zu begleichen, aus einem inneren Drang getrieben, aber auch, weil ich nicht wusste, ob ich zwei Tage später die Zeit finden würde, noch einmal dorthin zu fahren.

So passierte ich Siensheim noch einmal, diesmal seiten- und richtungsverkehrt. Ein Dorf mit Kirche und mindestens zwei Banken, dazu ein Uhrencafé, das ich – hätte ich es nicht eilig gehabt – beinahe besucht hätte, zumal es von außen einen anheimelnden Eindruck macht. Und, neugierig wie ich bin, hätte ich versucht, sofern ich nicht auf Ablehnung gestoßen wäre, den Wirt oder andere Gäste zu fragen, wie es sich lebt dort, in diesem abgeschiedenen Ort.

Ein Dorf in einem vergessenen, zumindest sperrig erreichbaren Tal. Einzig die Kirchturmspitze hatte mich verleitet, die Ausfahrt zu nehmen. Kaum jemand, der dort nicht lebt, wird sich dorthin verirren. Schon die Abfahrt von der Schnellstraße aus ähnelt einer Odyssee, auch wird das Zentrum nicht ausgeschildert. Weil es keines gibt. Der Ort ist das Zentrum, nur von was? 830 Einwohner hat Siensheim. Das Dorf liegt im Elztal zwischen Waldkirch und Gutach, am Nordhang des Kandel, der 1.243 Meter hoch ist. In Urkunden taucht die Gemeinde bereits seit 1290 auf.

Steile Kurven, zum Teil knapp an Wohnhäusern vorbei, in denen ich nicht leben wollen würde, prägen die An- und Abfahrt. Als Fremder weiß man auf der Hinfahrt nicht, wie man den Kern erreicht. Zuerst gelangte ich in eine Sackgasse, ohne dass darauf hingewiesen wurde. Ich fuhr vorbei an älteren Häusern, vor denen überwiegend ältere türkische oder andere südosteuropäische Männer nebeneinander auf unterschiedlichen Stühlen saßen – ein Stück Heimatland im schwarzen Wald. Die Männer blickten auf, der Reihe nach, wie aufgefädelt an einer Perlenkette, als ich Fremdling sie mit falschem Autokennzeichen passierte (über das dort heimische Kennzeichen EM lasse ich mich an dieser Stelle nicht aus, das wäre einen eigenen Artikel wert, haha!).

Dann endete die Straße unvermittelt, das heißt, sie ging in einen Hof über, den Vorhof einer Fabrik, besser einer Schmelzhütte, wie ich dann doch mittels eines Schildes vernahm. Dass sie längst stillgelegt war, erkannte ich an diversen Zeichen, unter anderem zahlreichen Grafittis und herumstromernden jungen Männern. Gedanken geisterten durch meinen Kopf. Die Ausländer hier, in den Häusern direkt neben der Schmelzhütte, bis wann hatten sie dort Arbeit und Brot gefunden? Haben sie ausgedient? Wovon leben sie jetzt, von HartzIV? Erst durch das Internet erfuhr ich, dass man hier in der Nähe einmal Eisenerz abgebaut hatte, der Bergbau jedoch schon vor Ende des Zweiten Weltkriegs eingestellt wurde. Umso rätselhafter muten die ausländischen Arbeiter oder Rentner im Nachhinein an. Beim Wenden wurde mir wieder hinterhergeschaut und auch auf der Rückfahrt musste ich diese Stelle, diese Blicke, noch einmal passieren.

Was in diesem sichtbaren, aber sperrig zugänglichen Tal, mit der stillgelegten Schmelzhütte wohl alles geschehen Ist? Wurde die Schmelzhütte zum Schmelztiegel der Kulturen und Nationen? Wer strandet(e) hier? Woher kommen die Menschen? Wer lebt hier freiwillig?

Selten habe ich in Deutschland einen solchen Ort gesehen, so in der Zeit und doch jenseits davon. Was für Geschichten sich hier wohl abgespielt haben und noch abspielen… Ich glaube, ich muss nochmal dorthin, dann würde ich auch Bilder machen und (mir) ein besseres Bild. Ein Ort, der filmreif ist. Beinahe hätte ich Lust, mir ein Drehbuch auszudenken für einen Film, der hier spielt.

Auf dem Rückweg durchfuhr ich die letzte steile Kurve mit halb angezogener Handbremse.

Die Zeche geprellt und in einer stillgelegten Zeche gelandet…

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10 Antworten zu Nebental, jenseits der Zeit

  1. Sofasophia schreibt:

    und das nur, weil du kein geld dabei hattest. hättest du genug dabei gehabt, hättest du dieses zeitlose dorf nicht gefunden. und diesen artikel nicht schreiben können … 😉

    ohne geld in einer kneipe gegessen habe ich auch mal, noch nicht mal lange her. zum glück hat mich ein kollege eingeladen. die scham hatte sich zum glück in grenzen gehalten, muss ich gestehen. im zeitalter von bankkarten kommt es bei mir recht häufig vor, dass ich nur wenig geld bei mir habe.

    was man so erlebt, wenn man sich einfach so von der intuition treiben lässt … 🙂
    gute nacht!

    • rotewelt schreibt:

      Genau, Soso, oft entdeckt man interessante Orte durch „Zufall“. Einladend ist dieses Dorf nicht, aber ich fand die Atmosphäre dort absolut ungewöhnlich.
      Eigentlich muss es einem auch nicht peinlich sein, wenn man kein Bargeld dabei hat, da man fast überall mit Karte zahlen kann. Trotzdem… 🙂

  2. cablee schreibt:

    Ich liebe deine Geschichten aus dem täglichen Leben, rotewelt! Mir ist mal ähnliches in einem Supermarkt passiert, den Wagen proppe voll, das Portemonnaie leer… Ich musste den Wagen stehen lassen und mir das Genörgel der Kassiererin anhören. Lästig!
    Seither habe ich immer einen Reserve-20-€-Schein im Autoschlüsseletui, einen im Aschenbecher im Auto und einen im Brillenetui in der Tasche 🙂 Sicher ist sicher 😉

  3. ehre9 schreibt:

    Das beweist mal wieder… wo Kirchen stehen, ist GELD !… lach… Eine schöne schuldkomische Geschichte der Autorin, und den entsetzten Wirtschaftsfraublicken, wenn es ums Geld geht… hahaha; Aber mann fragt sich; „Warum schöne Frauen im Restaurant bezahlen müssen! lach

    • rotewelt schreibt:

      Stimmt, es gibt da einen Zusammenhang von Kirche und Geld. Ja, mein Erlebnis entbehrte nicht einer gewissen Komik. Aber deine Frage ist schon etwas schräg, lach!

  4. Lakritze schreibt:

    Ach, aber die Bilder sind doch gut geworden? .)
    Ich konnte mal in der Bahn den Zuschlag nicht bezahlen, weil sie da keine EC-Karten nehmen. Da hat mir ein freundlicher Mitfahrer fünf Euro und seine Visitenkarte in die Hand gedrückt — ein Rheinländer, übrigens –, und mein Tag war gerettet.

    • rotewelt schreibt:

      🙂
      Da sieht man’s wieder, die Rheinländer… Ich gebe zu, diese Möglichkeit bei meinen Tischnachbarn auch kurz in Erwägung gezogen zu haben, gedanklich. Wäre ihnen das passiert nach so einer netten Unterhaltung, hätte ich ihnen die fehlenden Euro – es waren vier – auch gegeben, samt Visitenkarte. Doch daran dachten sie wohl nicht im Traum, die Alemannen…

  5. karu02 schreibt:

    Ich folgte gerne Deiner Spur, gut hast Du das beschrieben. Das Dorf hätte ich auch gerne zufällig gefunden.

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