China auf Mallorca

Vom achten bis zehnten Schuljahr hatte ich einen Biologielehrer, der, wann immer er meinte, es passte auch nur ansatzweise in den naturwissenschaftlichen Zusammenhang, äußerte „Die Chinesen kommen“. Wir fanden diese Art Warnung vor der gelben Gefahr lustig und skurril. Sehr lange ist das her, doch nun sind sie wirklich im Anmarsch, die Chinesen. Überall. Sogar auf Mallorca.

Im beschaulichen Santanyi im äußersten Südosten der schönen Insel gibt es gleich zwei chinesische Haushaltswarenläden, die zudem nicht weit auseinander liegen. Den größeren der beiden suchten wir im Urlaub mindestens dreimal auf. Irgendwas fehlt im Ferienhaus ja immer, ob eine Tee- und Warmhaltekanne, ein Vergrößerungsspiegel, Antimückenkerzen, Strandmatten, die wir dann wegen des nicht badegünstigen Wetters doch nicht brauchten, oder auch Nagellackentferner. Das alles und noch viel mehr bekommt man hier bei den Chinesen. Und zwar spottbillig, zu wirklich unschlagbaren Preisen.

Der große Eckladen befindet sich am Ortsrand, draußen vor der Tür stehen riesige Plastikblumentöpfe. Innen ist es unübersichtlich, in den zahlreichen Gängen mit den vielen Regalen voller Waren fühlt man sich wie in einem Labyrinth. Das Licht ist gedämpft und dringt nur durch Glasbausteine ein, so scheint es, doch hier muss auch nichts ausgeleuchtet werden, die bunten Farben der Artikel strahlen von allein. Alles bekommt man hier, von der gläsernen Kaffeekanne über Futternäpfe, Spielsachen, Badeschwämme für die Kleinen, knallbunte Wischmopps, Kehrschaufeln im 70er-Jahre-Pop-Art-Stil, Besen mit Giraffenmuster bis zu irisierenden Antirutschmatten für Spülbecken – todo made in China.

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Die Ästhetik der hängenden Antirutschmatten im diffusen Gegenlicht hatte es mir besonders angetan, sehen sie nicht wie Spitzendeckchen aus? Bin noch ganz verzückt!

Auch hässliche Buddhas werden feilgeboten im chinesischen Haushaltswarenmarkt im spanischen Santanyi, sicher sind sie gedacht für die langhaarigen ausgewanderten deutschen Aussteiger, die auf den Dachterrassen im Abendlicht oder am Strand in der Morgensonne – immer jedoch für alle sichtbar – ihre Tai Chi-Übungen machen. Für die gesetzteren teutonischen Dauer- oder Überwinterungsresidenten im Rentenalter gibt es geschmacklose Plastik-Gartenzwerge, mit der sie die Exotik der mediterranen Vegetation durchbrechen und für heimatliches Flair im Vorgarten sorgen können.

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Auch wenn man gar nichts braucht, macht es Spaß, den Laden zu durchstreifen und über das Angebot zu staunen. Irgendwo hinter einer immer offenen Tür mitten im Geschäft befindet sich ein fensterloser Raum mit einer Toilette, die auch Kunden benutzen dürfen – sehr skurril.

Immer wenn wir uns unbeobachtet in den Gängen wähnten und über die putzigen und farbenfrohen Artikel kicherten oder ich fotografieren wollte, stolperten wir fast über einen Chinesen, sicher der Ladeninhaber. Jeden Tag platzierte er einen Stuhl an einer anderen Stelle im Geschäft und saß dort stumm und unbeweglich herum. Eine Art lebende Videokamera vielleicht.

An der Kasse dudelte manchmal chinesische Musik im Hintergrund. Es fiel mir schwer, dort Spanisch oder gar Mallorquin zu sprechen, es kam mir irgendwie falsch vor und weil ich kein Chinesisch kann, kamen immer italienische und französische Wörter aus meinem Mund, was mir in Spanien zwar sowieso oft passiert, doch in diesem chinesischen Laden noch mehr, da er mich in babylonische Sprachverwirrung stürzte. Sogar das Adios oder Adéu! vergaß ich kurzfristig, was den Chinesen sicher nichts ausmachte, trotzdem: disculpe, perdó!

Jedenfalls: Die Chinesen haben’s drauf, sind sehr flexibel und stellen sich schnell auf neue Zielgruppen ein. Schon lange produzieren sie ja für uns die Weihnachtskugeln.

再见!

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10 Antworten zu China auf Mallorca

  1. Frau Blau schreibt:

    früher hieß es: Vorsicht! die Russen kommen … aber sie sind eben nicht so farbenfroh 😉
    skurril, ja, da stimme ich dir zu, das viele Plastik lässt mich schaudern …

    liebgrüß
    Ulli

  2. aquasdemarco schreibt:

    Unbedingt mal Planet Plastic anschauen.-)

  3. Sofasophia schreibt:

    was ich mir da sofort – ohne es zu wollen – vorstelle: billigste kinderarbeit und giftige farben. ungeschützte arbeitsplätze. schön, wenn es anders wäre.

    deine faszination kann ich dennoch nachvollziehen, es ist so hässlich, dass es schon fast wieder schön ist. und eben: faszinierend in dieser ganzen extremen farbigkeit. danke für diese tollen bilder!

    • rotewelt schreibt:

      Solche kritischen Assoziationen hatte ich im Laden nicht, ich war einfach nur neugierig und fasziniert und fand auch gar nicht alles hässlich (am schlimmsten waren die Buddhas und Gartenzwerge!). Dankeschön fürs Kompliment, Soso!

  4. Utasflow schreibt:

    Es ist eine Vielfalt an Farben und Formen, die sich da offenbahrt. Vielleicht führt das auch zum SprachenMix. Die Spülmatten gefallen mir in dieser Zusammenstellung gut.

    • rotewelt schreibt:

      Haha, ja, wer weiß, vielleicht hat mich das vielfältige Angebot erschlagen und sich aufs Sprachzentrum ausgewirkt! 🙂 Die Spülmatten waren wirklich der Hit, hatte sowas in dieser Farbigkeit und Formenvielfalt noch nie gesehen!

  5. tikerscherk schreibt:

    Wenn ich all die hässlichen Aspekte von Plastik (ja, Planet Plastic ist sehenswert!) ausblende, dann finde ich es einfach sehr schön sommerlich bunt! Dein Text dazu hat mich zum Lachen gebracht, und das passt auch ganz wunderbar zu den leuchtenden Farben.
    (Plastik, schön designed, wie z.B. von Joe Columbo in den 60er und 70ern, ist ein tolles Material, finde ich)

    • rotewelt schreibt:

      Genau, sommerlich bunt trifft es gut. Mich haben die Besuche heiter gestimmt und ich habe nicht immer die Schere im Kopf, die mir gleich einflüstert „schrecklich finden, böses Plastik, Herstellung, Umwelt etc.“. Zwar bin ich kein Fan von Plastik, aber es gibt doch schön designtes, stimmt.

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