In aller Frühe

Kurz nach sechs Uhr morgens. Waren es die Vögel oder der nette schwule deutsche Nachbar, die mich wieder aus dem Schlaf geholt haben? Die Inselvögel zwitscherten ungewohnte Melodien und Peter im Haus nebenan hatte die Angewohnheit, sein Wachwerden und Aufstehen laut zu dokumentieren inklusive lauten Hustens und ebensolchem Öffnen der Tür- und Fensterklappen. Meist warf er dann noch sein Moped an und knatterte von dannen, um frisches Brot zu holen. Bei unserer Ankunft sprach er – warnend? – über den Gartenzaun zu uns, hier würde man wirklich JEDES Geräusch hören. Wie bitte, was wollte er uns denn damit sagen? Spekuli, spekula… Nun ja, es hielt sich doch in Grenzen, auch als er Geburtstagsbesuch hatte. Bis auf die platonische Freundin, deren penetrante und laute rechthaberische Grundsatz- und Ich-weiß-alles-habt-ihr-das-etwa-noch-nicht-gehört-so-ist-die-Welt-Reden unsere Terrasse erreichten und unser stilles Lesevergnügen für einige Stunden schmälerte.

Um diese Uhrzeit war Peter aber noch gar nicht auf und mir kam mein frühes Erwachen gerade recht. Ich hatte ja eine Entscheidung zu fällen. Den Abflug zu verschieben und zumindest moralische Unterstützung in einer Notsituation leisten (eine Kieferentzündung ist nicht zum Lachen und das Vollpumpen mit Antibiotika und Schmerzmitteln macht es nicht unbedingt einfacher, sondern führt zu weiteren Malessen) und gleichzeitig zwei Sonnentage mehr genießen oder… plangemäß die Heimreise antreten und…

Die frische Morgenluft schien mir geeignet für derlei Gedankenarbeit und so zog ich meine Turnschuhe an und machte mich lautlos auf zur nur ein paar hundert Meter entfernten Steilküste. Aber wie es dann oft so ist, kann ich in solchen Situationen und Landschaften nicht nachdenken, nur schauen und Eindrücke aufnehmen.

Das Gegenlicht der frühen Sonne, das Diffuse, das Markante, Raue, die Steine, das Grün, das Meer, die Düfte, der Wind in den Haaren.

Ich stromerte so nah wie möglich am steilen Ufer entlang. Nur die Stelle, an der ich vor gut zwei Jahren ein Picknick gemacht hatte, mit dem nur knapp einem Meter entfernten Abgrund vor mir, erreichte ich nicht, ich kapitulierte vorher an der engsten Stelle. Zweimal ging ich hin, doch hatte ich plötzlich Angst, hinabgesogen zu werden oder zu stolpern. Je kürzer das Restleben wird, umso weniger mag man es vielleicht riskieren? Oder bin ich feige geworden? Oder unsportlich?

Ein wenig enttäuscht von mir selbst durchstreifte ich die Macchia auf natürlichen Steinpfaden, betrachtete Licht und Schatten und das erwachende Grün. Niemand störte mich, niemand begegnete mir, bis auf eine Frau mit drei angeleinten Hunden. Der größte, ein schwarzer, blieb ständig stehen und fiepte aufgeregt; ich spürte, wie er sich losreißen und zu mir hinjagen wollte, nicht in bester Absicht. Die Angst vor diesem Tier war fast größer als die vor dem Abstürzen. Vor vielen Jahren, in einem Bretagneurlaub, hatte ich ein unschönes Erlebnis. Auch da ging eine Frau mit drei Hunden unterschiedlicher Größe am Strand entlang. Dann gingen alle ins Wasser, wo ich mich schon befand. Der größere der Hunde, ein Schäferhund, hatte mich schon vom Land aus in Augenschein genommen und seitdem fixiert. Weggucken meinerseits half nicht mehr. Während ich schwamm, bewegte er sich auf mich zu, aggressiv. Ich wusste gar nicht, wie gut und rasend schnell Hunde schwimmen können. Diesem Tier fühlte ich mich nicht gewachsen, obwohl ich selten Angst vor Hunden habe und auch die giftigsten bislang immer zähmen und für mich gewinnen konnte. Als er direkt vor mir war und mich aus bösen Augen anblickte, auch eine seiner kratzigen Pfoten bekam ich ab, sah ich, dass er einen Maulkorb trug.

Dieser Hund trug keinen Maulkorb. Ich wandte mich ab, ohne zu hasten. Endlich waren sie in sicherer Entfernung.

Ich hatte die Lust an meinem einsamen Spaziergang indes etwas verloren, jedenfalls hier, und ging zurück. Noch kein Laut aus den Häusern. Schwalben und andere frühe Vögel stießen vom Himmel hinab und flogen zwecks Insektenfangs in Augen- bis Kniehöhe knapp an mir vorbei, Bauch und Flügelunterseiten golden von der Morgensonne beleuchtet. So frühe Menschen auf den Straßen waren sie wohl nicht gewohnt.

Das Haus schlief noch. Nur der Urlaubskater wartete bereits im Blumenkübel. Mich stumm anblickend wie immer.

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10 Antworten zu In aller Frühe

  1. Frau Blau schreibt:

    es ist nicht gerade häufig, dass einem Frauen mit gleich drei Hunden an der Leine begegnen, ich glaube, dass ich nach dem ersten Erlbnis, beim zweiten auch gleich in Habachtstellung gegangen wäre- aber ungewöhnlich finde ich es schon …
    danke für den tollen Bericht, nebst den Fotos, die letztlich nur immer wieder eins schüren: Fernweh … dieses Jahr wird der Süden mich nicht sehen- schade eigentlich …
    habs fein
    herzlichst
    Ulli

    • rotewelt schreibt:

      Sorry wegen des Verursachens von Fernweh, liebe Ulli! 😉 Schade, dass es für dich deses Jahr nichts wird mit dem Meer. Aber man weiß ja nie…
      Ja, diese zweite Begegnung hat mich auch gleich in Habachtstellung gehen lassen.

  2. haushundhirschblog schreibt:

    Herzlichen Dank, liebe rotewelt,
    dm und mb und Hund … 😉

  3. kormoranflug schreibt:

    Du hättest auch was Schönes schreiben können. Aber so wie die Dinge beschrieben sind: nichts wie weg da. Endlich die Entzündung los werden, sonst kommt noch ein Drehschwindel hinzu.

  4. traeumerleswelt schreibt:

    schön beschrieben ! Kann deine Vorsicht gut nachvollziehen. Drei Hunde an der Leine sind schon viel, die müssen gut erzogen sein, dass das klappt….

    • rotewelt schreibt:

      Gracias, träumerle! Du kennst dich ja gut mit Hunden aus. Wie sie reagieren, hängt ja nicht unwesentlich von ihren Menschen ab, das stimmt – und man weiß eben nicht, wie sie ihre Tiere erzogen haben…

  5. cablee schreibt:

    Ich wäre wohl in vollständige Hysterie verfallen angesichts der Hunde. Mein eigener kleiner Hund, den ich als Kind an der Leine hatte, wurde von einem Schäferhund zerfleischt. So etwas vergisst man nie.

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