Grummelbummeln

Manchmal fühlt man sich gut, obwohl man sich nicht gut fühlt. Obwohl etwas in einem grummelt. Aber wenn etwas grummelt oder nagt, hilft es oft rauszugehen. Auch wenn man nichts kaufen muss, auch wenn man kein anderes Vorhaben hat, nicht einmal ein festes Ziel. Hauptsache, man geht. Gehen macht den Kopf frei, Gehen beruhigt. Wenn kein Strand da ist, keine Möglichkeit, über Stock und Stein, durch schweren Sand oder über störrischen Kies zu laufen, bergauf und bergab lehmige Küstenpfade entlang oder durch tiefen Schnee, wenn die Unruhe es nicht zulässt, den nächsten Wald oder Weinberg aufzusuchen, ist die Stadt ein gutes Pflaster.

Ein Bummel oder ein Weg-Gehen – was sollte es werden? Ich hatte keine Ahnung, verließ einfach das Haus. Bummeln war nicht möglich, wie ich bald feststellte, das Gehen gestaltete sich eher als Hindernislauf, als Stop-and-go. Schwarzbunt vor Menschen die Fußgängerzone, oft eher eine Steherzone. Heute kam es gleich zu drei Kollisionen mit mir, meinen Füßen oder meiner Tasche, das war mir noch nie passiert. Vielleicht habe ich heute aufs reflex-artige Vorabausweichen verzichtet. Zu meinem Erstaunen lächelten alle Beteiligten, ich eingeschlossen. Ein junger Mann, der plötzlich stehenblieb und auf den ich deswegen leicht aufgelaufen bin, entschuldigte sich mit einem Lächeln. Das Mädchen, bei dem ich mich entschuldigte, weil unsere Schuhe sich verhakten, drehte sich nochmal um und lächelte zurück. Den dritten Zusammenstoß erinnere ich nicht mehr, ich weiß nur, dass er stattfand und mit meiner Tasche zu tun hatte.

Ein Radfahrer mit einem schicken Sommerhut, gar nicht wie ein Schwarzwälder Urviech aussehend, strahlte mich am, ein anderer warf mir einen wissenden Blick zu. An der roten Ampel, die ich während einer Verkehrslücke überquerte, versuchte eine wie eine Mann-Schaft gekleidete Frauenreihe vergebens, meinen Ungehorsam und meine roten Schuhe mit Blicken zu zerstören, ich lachte sie einfach weg.

Bei Karstadt wollte ich schwarze Strümpfe kaufen, dabei geriet mir die neue Herbststrumpfhosenmode in den Blick. So viele rote Strumpfhosen, welch Überraschung! Überhaupt sollen sich die Beine in der bald beginnenden kühlen Saison anscheinend farbig zeigen, von Türkis über Grün und Violett bis Ocker, doch ich wollte schon immer eine rote Strumpfhose und als Störchin ausgelacht werden und so konnte ich nicht widerstehen. Rot zu schwarzen Stiefeletten und einem schwarzen Mantel, dazu ein roter Schal, ich sehe den Winter schon vor mir und obwohl ich ihn nicht mag, kann ich mir ja damit die fehlende Wärme und Farbe verschaffen! Als ich mir bei der Wahl der Größe nicht sicher war, traf ich auf eine äußerst freundliche liebenswerte Verkäuferin, die sich jegliche Mühe machte. Sie maß die untere Hälfte meiner Figur mit geübtem Blick, entnahm einer Packung das Beinkleid, hielt es mir an, um die Länge doch noch abschließend zu prüfen und befand es für passend. Als ich ihr sagte, ich wolle mutig das Rot wagen, indirekt auf mein nicht mehr jugendliches Alter anspielend, warf sie noch einen Gesamtblick auf mich und sagte lächelnd und vollkommen unzickig, ich könne mir das erlauben, das würde zu mir passen.

Auf dem Wochenmarkt kaufte ich ein Geschenk, das Paar am Stand ließ mich erst probieren, sogar mit anderen Kunden kam ich ins Gespräch und gut gelaunt wünschten mir alle ein schönes Wochenende. Mit diversen Schlenkern auf Nebenwegen machte ich mich auf den Heimweg, das Grummeln war nicht weg, aber gedämpft und fast vergessen. Stattdessen knurrte der Magen. Ungewohnt viele Autofahrer hielten an Zebrastreifen und Kreuzungen an, um mich durchzulassen. Wie es in den Wald ruft, hallt es zurück, ist hier nicht die Erklärung. Aber man muss ja nicht alles verstehen.

Zuhause erwartete mich ein überquellender Briefkasten, voll mit Versandhauskatalogen, als hätten sie sich abgesprochen, zwei Tage vor Herbstanfang. Ob darin auch rote Strumpfhosen zu finden sind, weiß ich noch nicht. Außer (der) Mode fand ich einen handgeschriebenen langen Brief vor, der und dessen Inhalt mich sehr freuten. Das Grummeln ist trotzdem nicht ganz weg, weil die Mail oder der Anruf, die ich erhoffe, wegen des Grummelns, bisher nicht eintrafen, aber der Tag ist ja noch nicht vorbei.

PS: Kaum geschrieben, so geschehen. Alles fügt sich heute, alles gut. Fast, aber das wäre ein anderes Thema.

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13 Antworten zu Grummelbummeln

  1. tikerscherk schreibt:

    Schön, wenn alles sich fügt! Manchmal ist das so.
    Ich sehe dich schon als anarchisch leuchtenede Flagge in schwarz-rot durch den Winter schreiten.
    Schöner Text!

  2. aquasdemarco schreibt:

    Warte nicht drauf, dann kommt die Mail

  3. rotewelt schreibt:

    Nachtrag zu roten Strumpfhosen, gefunden in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Mädchen“:

    „wie findet ihr rote strumpfhosen. also ich find sie ok und ihr?“

    „Hi,
    also ich finde rote Strumpfhosen sehen absolut süß aus,egal zu welchen Anlass.
    LG Hasenschnuffel“

    „Ich finde, dass es immer noch auf den Anlass an kommt.“

    „ich liebe rote strumpfhosen ,aber für in die schule find ich die nicht so geeignet..“

    also nachdem ich das gelesen hab, weiß ich, dass ich die ich ja schon lange kein teenie mehr bin, rote Strumpfhosen tragen darf und zwar mit Würde und Selbstbewusstsein und egal ob zu Genitiv oder Datif oder sogar Akkusatief und überhaupt worauf es an kommt und wie findet ihr das eigentlich, zum beispiel für auf die Straße oder für ins büro?

    LG Rotwelthasenschnüffel

  4. Sofasophia schreibt:

    grummelbummeln hach … der titel und das bild machen neugierig.
    dein tag klingt stimmig.
    gestern am konzert bin ich tanzenderweise auch paarmal mit menschen kollidiert. das waren auch immer herzige begegnungen.
    besteht das leben denn nicht eigentlich aus einer menge misstritte – also: dass wir ganz oft neben die normale spur treten?!
    einen schönen sonntag dir!

  5. Toller Bericht, ich liebe den Stil des Tagebuch-Schreibens sehr 🙂 Mache ich auch stets so.

    Rote Strümpfe! Aber sicher doch! Ich kauf mir auch welche und wir beide stolzieren erhobenen Hauptes durch die Stadt! Von wegen fortgeschrittenes Alter, tsss, wäre doch gelacht! 😉

    Ganz ganz liebe Grüße von einer, die es auch gern bunt treibt 😉

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