Kalabrien – die Menschen / Calabria – la gente

Bevor ich weiter über Tropea und andere Orte schreibe, möchte ich erst einmal ein paar „atmosphärische“ Eindrücke meines Aufenthalts in Kalabrien wiedergeben, über die Menschen dieses Landstrichs. Nein, es gibt dort nicht nur die Mafia.

Meine Reise im Mai 2011 startete anders, als ich erwartet hatte: in einer Propellermaschine!

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Und natürlich gab es heftige Turbulenzen, sie begannen über der Toskana und dauerten eine halbe Stunde lang. Während dieser Zeit ließ ich meinen Sitznachbarn in Ruhe, denn er kämpfte Kaugummi kauend gegen die Übelkeit an, doch gern hätte ich mich selbst durch Reden abgelenkt. Schließlich war der Signore doch wieder bereit zum Plaudern und so verging die restliche Zeit wie im Fluge.

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Der Mann aus dem Mezzogiorno hatte 40 Jahre als Gastarbeiter in Deutschland hinter sich. Nun begann er sein Rentnerleben mit einem Urlaub in der alten Heimat, wo seine betagte Mutter noch lebte. Wie sein Leben danach weitergehen würde, wusste er noch nicht; seine Frau war vor ein paar Jahren gestorben. In welcher Sprache unterhielten wir uns eigentlich? Seltsam, ich habe es vergessen, vielleicht war es ein Mischmasch.

Mir war vor dem Urlaub etwas passiert, was mir noch nie geschehen war: Ich hatte die Reise vier Monate vorher organisiert, aber versäumt, die Buchungen für Flug, Mietwagen und die Ferienwohnung auszudrucken. Als mir dies eine Woche vor der Abreise bewusst wurde, stellte ich fest, dass es die Mails nicht mehr gab; der neue Account war so voreingestellt, dass Mails nach vier Wochen gelöscht wurden. Die Ferienwohnung fand ich im Internet schnell wieder, aber bei welcher Fluglinie und welchem Autovermieter hatte ich gebucht? Und die Zeiten? Es wollte mir nicht einfallen…

Einen Tag später bekam ich eine Mail, die ich fast wegen Spamverdachts gelöscht hätte… zu meiner Flugbuchung. Man teilte mir mit, dass sich die Flugzeiten geändert hatten; statt abends würde ich früh morgens abfliegen, Gleiches galt für den Rückflug. Airberlin war es also. Glück gehabt! Nach langer panischer Suche fand ich schließlich auch heraus, über welche Seite und bei welchem Anbieter ich das Auto gebucht hatte; jetzt galt es nur noch, den Vertrag erneut anzufordern und den Buchungszeitraum zu ändern, denn ich brauchte den Wagen ja nun bereits am Vormittag. Die nette Frau am Telefon regelte alles für mich, nur das mit den Zeiten musste ich direkt bei Avis am Flughafen Lamezia Terme regeln. Irgendwie klappte das alles am Telefon, aber ich kam ins Schwitzen, auch wenn ich vorher ein paar italienische Begriffe nachgeschlagen hatte – was gut war, denn die Signora sprach nichts anderes. Eine Bestätigung per Mail wollte sie mir aber nicht schicken, es sei alles in Ordnung, sagte sie.

Nun, bei der Ankunft am Aeroporto von Lamezia Terme, war mir doch etwas mulmig – schließlich war ich nicht nur im sowieso chaotischen Italien, sondern noch dazu im Mezzogiorno… Ich schämte mich fast ein wenig, weil ich fürchtete, dass die mündliche Absprache vergessen worden sein könnte. Aber da war ja mein freundlicher „Flugbegleiter“ und der hatte noch viel Zeit, bevor ihn ein Zug weiter bringen würde in sein Dorf. Also schlug er vor, mit zur Autovermietung zu kommen und mir, für alle Fälle, beizustehen, quasi als Einheimischer, und notfalls mit seinem Italienisch auszuhelfen, falls ich Probleme haben sollte. Nach kurzem Zögern, ich wollte ihm keine Mühe bereiten, nahm ich seine Hilfe an und war entspannter. Geduldig wartete er mit mir an der Gepäckausgabe; er hatte nur Handgepäck bei sich. Am Autovermietungsschalter hielt er sich diskret, aber nah genug im Hintergrund, doch alles funktionierte reibungslos. Ich bot meinem sympathischen Helfer an, ihn zum Bahnhof zu fahren, doch er lehnte dankend ab und wollte lieber zu Fuß gehen, damit die Zeit schneller verging – und er wollte mich auch und vor allem, so glaube ich, in meine Ferien entlassen, damit ich schneller nach Tropea käme. Mit Handschlag verabschiedete er sich von mir und ich fand, dass der Kalabrien-Urlaub gut anfing angesichts dieses warmen Empfangs.

Auch die Luft umfing mich Mitte Mai mit einer unglaublichen Wärme, bei 36 Grad; es würde der heißeste Tag des Urlaubs bleiben. Endlich gelang es mir, das doch so praktisch-kleine Gefährt, einen Cinquecento, schrammenfrei aus der eigenwiligen Eck-Parklücke zu manövrieren. Und dann ließ ich mich ein, auf die kurvenreichen Straßen, die Berge links von mir, das glitzernde Meer, dessen Anblick ich öfter zur Rechten erhaschte, unter mir, die Orte, dieses mir noch unbekannte Stück Italien – und die Menschen.

In einem Straßendorf hielt ich an, um mir in einem winzigen alimentari eine Flasche Wasser zu kaufen. Wie ich es bereits vor Jahren im wilden Cilento in Kampanien erlebt hatte, wurde ich als Fremde neugierig-freundlich gemustert und bestaunt, wie eine Außerirdische.

Mit dem Vermieter hatte ich vereinbart, dass ich, in Tropea angekommen, zum Bahnhof fahren und ihn von dort aus anrufen sollte, damit er mich abholen und zu meiner Unterkunft geleiten konnte. Der Bahnhof war so klein und unauffällig, dass ich ihn fast nicht fand. Lange warten in der Mittagshitze musste ich nicht, zum Glück, denn ich war für deutsche Wetterverhältnisse gekleidet, da bog ein alter eckiger weißer Fiat um die Ecke. Christian, so hieß er ab sofort für mich, begrüßte mich herzlich und dann fuhr er vor – es begann eine Fahrt, die ich nicht vergessen werde! Obwohl ich gern schnell fahre, musste ich mich öfter überwinden, in den unbekannten und zum Teil engen Straßen, bergauf und bergab, so aufs Gas zu treten wir er (später fuhr ich selber so, gewöhne mich schnell an landesübliche Sitten), doch ich durfte ihn ja nicht verlieren. Es ging nicht auf dem schnellsten Weg zum Haus, sondern durch die Straßen und Gassen Tropeas. Mehrfach hielt er unvermittelt an und sprang aus dem Auto, um mir zu erklären, wo ich was finden würde: Geschäfte, Banken, Sehenswürdigkeiten und sein Büro. Öfter behinderten wir auf Kreuzungen den Verkehr, doch niemand scherte sich darum oder hupte ungeduldig. Alles so richtig schön undeutsch und auch viel entspannter als um das nördlich-gestresste Milano herum. Von Rom an abwärts wird sowieso alles anders, chaotischer, regelloser – und schmutziger. Selbst auf der Autobahn gelten Linien allenfalls als Empfehlungen, die jedoch meist großzügig ignoriert werden.

Als wir am Haus ankamen, hatte ich fast alles vergessen, was Christian mir gezeigt hatte – zu viele Eindrücke. Am Haus standen mir wahlweise zwei Parkplätze zur Verfügung. Da ich bei dem einen für jedes Entfernen vom Ort hätte rückwärts einen steilen schmalen Weg hätte rückwärts hinauffahren müssen, entschied ich mich für den Platz oberhalb des Hauses, mitten im hohen Gras, doch von hier aus war das Manövrieren etwas einfacher. Die nächsten zwei Wochen ertappte ich manchmal dabei, dass ich vor mich hin grinste, wenn die Halme meine nackten Beine streiften und ich an die Zeckenphobie hierzulande und die hysterischen Mahnungen zur Impfung denken musste. Von diesem gefährlich grasigen Platz aus brauchte ich, ungeimpft, um in den Ort zu fahren, zum Wenden nur ein Stückchen rückwärts bergab um die Kurve zu fahren, uff.

Christian schnappte sich meinen schweren Koffer und geleitete mich zu meiner Ferienwohnung, ein separates Häuschen, etwas zurückgesetzt neben dem großen Wohnhaus der Eigentümer.

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Es gab sogar eine große Dachterrasse nur für mich allein, vorm Haus im kargen Gras ein Plastiktisch mit Stühlen und eine Hängematte. Ein üppiger prächtiger Blumenstrauß aus dem Garten begrüßte mich. Das war also mein kleines Paradies für zwei Wochen.

Schnell bekam ich alles gezeigt – wichtig, der Code fürs Internet! – und war’s zufrieden; dort würde ich mich wohlfühlen.

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Schön altmodisch: das Schlafzimmer!

Es war nun Mittag, die meisten Geschäfte hatten geschlossen, doch ich hatte noch ein belegtes Brot dabei, das mir gegen den größten Hunger helfen würde. Da hatte ich aber nicht mit den Vermietern gerechnet: Bevor sich Christian zurückzog, kündigte er an, seine Mutter würde bald vorbeikommen und mir etwas zu essen bringen. Kurz danach tauchte sie auf, begleitet von zwei kleinen Hunden, die mich stürmisch begrüßten und mich nun öfter besuchten…

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…ebenso wie die Katzen.

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Die Signora trug einem dampfenden Teller eines kalabresischen Pasta-Gerichts herbei.

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Obst, eine Flasche Wasser und Bonbons hatte ich schon auf dem Tisch der Wohnküche entdeckt.

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Und so würde es nun öfter sein: Fast jeden zweiten Tag bekam ich etwas aufgetischt, einfach so, gratis, aus Gastfreundschaft…: Immer Pasta- und Risottogerichte, im tiefen schlichten weißen Teller serviert und reichlich portioniert, ob mit Sepia und dazu passender schwarzer Tinte oder auch mal mit Fleisch – köstliche unverfälschte regionale Hausmannskost, wie man sie im Restaurant wohl kaum findet. Bekam ich den neuen gefüllten Teller, gab ich den alten sauber zurück.

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Und so ging ich viel seltener essen als ich es mir vorgestellt hatte. Denn dann gab es da ja noch den Wochenmarkt und den vierflammigen Gasherd und den ruhigen Garten und den Blick vom Dach zum Apéritivo oder Abendmahl.

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Einmal kam die Signora noch mit einem Espresso für uns beide und setzte sich mit mir an meinen Gartentisch. Wir sprachen über uns, die Männer, die Familie, die für sie fremden Länder, die Welt, das Leben als solches. Neugierig war sie nicht, aber offenbar interessiert, denn warum kam eine Frau wie ich allein nach Süditalien…? Ich genoss diesen „Familienanschluss“, der niemals aufdringlich war. Wie viel schöner war das doch so, als den Urlaub in einem Hotel oder einer anonymen Ferienresidenz zu verbringen.

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Vormittags und bis zum frühen Abend, wenn alle in Tropea ihrer Arbeit nachgingen, hatte ich das Grundstück für mich allein, sofern ich überhaupt um diese Zeit „zuhause“ war. Eines Spätnachmittags, ich hatte meinen Laptop mit nach draußen genommen, um dort zu arbeiten, raschelte es im Gebüsch auf dem verwilderten Nachbargrundstück, hinter dem Maschendrahtzaun. Manchmal sah ich ein blaues Oberteil durch das Laub hervorschauen; ein Mann durchstreifte das Gelände, ging hin und her, blieb stehen, verharrte, ging weiter. Mir war unheimlich. Ein Dieb? Oder beobachtete er mich? Vorher hatte ich noch im Bikini auf der Dachterrasse gelegen, auf gleicher Höhe wie der obere Teil des Grundstücks nebenan.

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Ich stand auf und ging bis zum Rand des Gartens, tat so, als würde ich auf das Meer blicken, und versuchte, etwas vom Geschehen nebenan mitzubekommen. Plötzlich rief mich eine Männerstimme, „Signora“… und da stand er direkt hinterm Zaun, ein Mann um die 40, und bat mich, näherzukommen. Was wollte er? War der Zaun hoch genug oder würde er ihn überklettern können? Zögernd näherte ich mich, doch der Mann hatte ein freundliches offenes Gesicht und lächelte. Als ich am Zaun angekommen war, zauberte er eine rote Rose hinter seinem Rücken hervor und reichte sie mir durch ein Loch im Zaun, mit ein paar freundlichen Worten. Einfach so. Dann verschwand er und ich sah ihn nie wieder.

Später erzählte ich Christian von dem Besuch nebenan. Doch er wusste nichts von einem jungen Mann, das Grundstück gehörte einem alten Herrn, der sich dort manchmal mit Freunden zum Kartenspielen traf oder ein paar Zitronen erntete. Seltsam, die Begebenheit, die mich noch ein, zwei Tage beschäftigte.

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Doch alle Menschen begegneten mir freundlich, sei es auf dem Wochenmarkt –

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ja, mann war zu Späßen aufgelegt! -, in Geschäften, wo der Inhaber mir die Plastiktüten bis zum Auto trug, oder in Cafés. Warum haben sie bloß so lange Berlusconi gewählt und sind immer wieder für ihn empfänglich?! Eines Tages suchte ich Christians Büro in der Stadt, weil wir wegen der Wohnung noch etwas regeln mussten, doch ich fand es nicht… Welche der Gassen hatte er mir noch gezeigt bei der Ankunft? Also fragte ich die Serviererin eines Cafés um Rat. Sie ließ es nicht dabei bewenden, mir den Weg zu beschreiben, sondern nahm mich herzlich am Arm und ging bis zur nächsten Gasse mit.

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Ähnliches geschah, als ich an einem Sonntag, als fast nur Souvenirläden geöffnet waren, einen minimarket suchte und einen alten Mann fragte, der den ganzen Tag bis in den späten Abend neben seiner Keramik und seinen cipolle rosse vor seinem Laden saß.

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Tagsüber ließ er sich gern fotografieren, mit seinem Sohn, der auch nichts dagegen hatte.

Zweimal, während ich mit dem Fotoapparat durch die engen Gassen streifte, begegnete mir zufällig Christian, er winkte mir zu, fragte mich, wohin ich unterwegs sei, wie es mir ging und ob er mir helfen könne. Ich fühlte mich wie zuhause in Tropea.
Die Familienverhältnisse nebenan waren mir zwar trotz der Gespräche nicht ganz transparent, aber das ging mich ja nichts an. Es lebte dort unter anderem noch ein recht junger Mann, der wie ein Junge wirkte und ein kindliches Gemüt hatte. Eines Tages sah, nein, hörte ich ihn draußen seltsame Töne von sich geben und schaute hinüber. Er kniete und lockte etwas an, dann verstand ich, dass es sich um Katzen handelte. Eine der drei Katzen, die scheueste von allen, hatte also Junge. Er lud mich ein, näherzukommen. Die Katzenmutter bewachte ihren Nachwuchs mit Argusaugen, auch den jungen Mann ließ sie nur selten an die Kleinen heran, wie er mir anvertraute. Abends nach 21 Uhr klopfte es dann überraschend an meiner Tür, im Dunkel dahinter stand er, strahlend, ein junges Kätzchen im Arm. Er war glücklich, es geschafft zu haben, es kurz entführen zu können und wollte mir Gelegenheit geben, das Tierchen auch von Nahem zu sehen und zu streicheln. Fast fühlte ich mich von dieser Familie adoptiert.

Heimisch war ich dort und so verhielt ich mich auch. Ich ließ mich ein wenig gehen. Morgens warf ich mir einen der zwei großzügig bereitgelegten weißen Bademäntel über und begab mich, ungekämmt, mit meinem Tee und Marmeladenbrot, oft ergänzt durch Lesestoff, auf die Dachterrasse, um zu frühstücken und mit Meerblick in den Tag zu schnuppern.

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Den einen Nachbarn, der in sicherer Entfernung oberhalb des Grundstücks lebte und der oft ein weißes Unterhemd trug, kannte ich schon vom Sehen von der Dachterrasse und vom Parkplatz aus und manchmal winkte er mir zu und grüßte. Aber den Mann, der vor meiner Tür die Blumen goss, als ich eines Tages frühmorgenszerzaust aus der Tür stolperte, kannte ich noch nicht (ich glaube, es ist der Bruder des Ex meiner Vermieterin oder ihr neuer Freund, aber sicher bin ich nicht…). Ich warf ihm ein lässiges Buongiorno zu und verschwand schnell über die Außentreppe hoch aufs Dach!

Im Grunde war mir nur ein Mann – allerdings kein Einheimischer – kurzfristig etwas, ähm, unangenehm, lästig, aber das lag sicher an meinem ungehörigen Benehmen: Wie kann sich eine Frau meines doch nicht mehr jugendlichen Alters es erlauben, allein am Frühabend schwimmen zu gehen und sich dann in der milden Abendsonne trocknen zu lassen? Ja, ich war der einzige Mensch am Strand, die Einzige, die ins Wasser ging, ich schwamm in den Sonnenuntergang, denn das gehört zu den schönsten Momenten für mich.

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Während ich zurückschwamm, fixierte mich der lächelnde Blick eines Strandspaziergängers. Als ich noch etwas auf meinem Handtuch liegend entspannte, war der Mann schon wieder da. Und sprach mich an, verwickelte mich in ein kleines Gespräch. Locker-flockig-unaufdringlich, charmant und mit Witz. Ich beschloss, den lauen Frühabend mit einem Getränk auf der Terrasse des Strandcafés abzuschließen. Da kam er schon wieder. Wir waren die einzigen Gäste. Er fragte, ob er sich zu mir an den Tisch setzen dürfe und bestand darauf, mich einzuladen. Seine Augen waren von einem seltenen Grün, das in der Sonne sphinxhaft leuchtete. Nicht unsympathisch, der Mann mit dem gelockten grauschwarzen Haar und wir fanden sofort Worte und Gemeinsamkeiten über Ländergrenzen hinweg. Einerseits gefiel er mir, andererseits… War das nicht ein durchschaubares Spiel? Dabei bin ich nicht einmal blond. Und wie stand es um seine Wahrheit…? Er gab sich aus als Galerist aus Florenz (die Toskaner sind bekannt als Frauenhelden…). Nun, gebildet war er und unkonventionell und weltoffen und ein bisschen künstlerisch-schräg und das gefiel mir schon. Und dann wollte er mir noch ein Getränk spendieren, was ich aber ablehnte, und als er vorschlug, noch ein wenig mit mir am Strand spazieren gehen oder einfach still im Sand sitzen und auf den Horizont und die Abendsonne zu schauen, wurde es doch zu durchsichtig, haha. Auch einen gemeinsamen Restaurantbesuch verweigerte ich. Grazie, Signore, mir ist gerade nicht nach Abenteuer, jedenfalls nicht mit Ihnen. Ich hatte große Mühe, ihn abzuwimmeln, er wollte sich mit seinen Fingern in meinen Locken verfangen, der Kerl, berührte meinen Arm wie zufällig – wo war mein Auto? Irgendwie schaffte ich es, meinen Fiat unbehelligt zu erreichen und davonzubrausen, nachdem ich ihm das vage Versprechen gegeben hatte, am nächsten Abend um die gleiche Zeit wieder an diesem Ort zu sein.

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Zu dumm, dass ich diesen Strandabschnitt die nächsten drei Tage (solange machte er Urlaub) dann nie mehr besuchen konnte…

Aber ich hatte ja noch einen Anhänger, der auch eine Anhängerin hatte, nämlich mich. Am ersten Ferientag war die See rau und mir war sowieso danach, zuerst die Umgebung zu erkunden, ganz nach Laune. Am Ortsrand sah ich Esel und da ich Esel liebe, stoppte ich und betrachtete die Tiere mit den großen Köpfen und dem verhältnismäßig bescheidenen Untergestell – sie rühren mich an, seit jeher. Einen Schritt auf die Böschung hoch machte ich, ohne die Leinenabgrenzung zu touchieren, und fotografierte die Tiere, die jedoch nicht alle grau waren.

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Während ich in Kontemplation versank, schreckte mich eine Männerstimme auf. Schon wieder „Signora“, ich drehte mich um und eine Gestalt, mit einem Stock wedelnd, kam auf mich zu. Das sah wie eine Drohung aus. Der Mann sprach ununterbrochen und auch wenn ich wegen des Windes oder überhaupt kaum etwas verstand, floh ich doch nicht, zumal er sich nicht schnell fortbewegen konnte. Es stellte sich heraus, dass er nur an einem Schwätzchen interessiert war. Auch war er überrascht –und stolz –, dass sich jemand für die Esel interessierte, es waren nämlich seine! Er, der alte Mann, hatte kaum Kontakt zu Touristen und noch nie hatte jemand wegen seiner Esel angehalten. Trotz seiner dörflich-bäuerlichen Herkunft war er offen und interessiert, befragte mich über mich und Deutschland und machte mir Komplimente, ja, er hatte noch ein südländisches Blitzen in den Augen! Schließlich nötigte er mich quasi, zu den Eseln auf die Böschung zu steigen, damit er – für mich als Erinnerung an Kalabrien – ein Erinnerungsfoto mit meiner Kamera machen konnte. Er hatte noch nie eine Digitalkamera bedient, wie es schien, doch seine zwei Bilder sind ganz gut geworden.

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Ich musste für die Fotos den Eselskopf in den Arm nehmen, das war Bedingung! Ob ich ihn, den Fotografen, denn auch fotografieren dürfe, fragte ich. Aber ja, nur musste er sich erst in Pose stellen. Zum Abschied umarmte er mich und küsste mich zahnlos auf die Wangen. Während meiner Ferien sah ihn noch öfter, immer saß er auf einer Bank am Straßenrand, schräg gegenüber von den Eseln. Jedes Mal winkten wir uns zu und ich grüßte aus dem immer offenen Autofenster.

Am letzten Urlaubstag hatte ich das dringende Bedürfnis, den Eselbesitzer noch einmal zu sehen, mich von ihm zu verabschieden. Doch seine Bank war leer, was mich zutiefst betrübte.

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Traurig wanderte ich einen schönen unbekannten steinigen Strand entlang, der sich nach zehn Minuten Fußmarsch als sandiges Paradies entpuppte. Ein wilder Hund sprang an mir hoch. Ich hatte nicht einmal Lust, das Strandcafé auszuprobieren. Auch auf dem Rückweg sah ich den Mann nicht.

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Der Himmel am Vorabend der Abreise

Am nächsten Morgen erschien die Signora im Morgenmantel, um sich zu verabschieden und lud mich noch auf einen Espresso ein. Sie freute sich sehr über mein Abschiedsgeschenk, als Dank für all die Essenseinladungen. Der „Blumengießer“ trug mein Gepäck zum Auto. Arrividerci, ciao, noch kurz winken. Selten war ich so traurig, einen Urlaubsort und dessen Menschen verlassen zu müssen.

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15 Antworten zu Kalabrien – die Menschen / Calabria – la gente

  1. Hilde schreibt:

    Liebe Ute, ein wunderschöner Bericht. In Gedanken konnte ich an Deinem Urlaub teilnehmen.

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  2. vilmoskörte schreibt:

    Und so ein großer Berg leckerer Tropea-Zwiebeln!

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  3. traeumerleswelt schreibt:

    Wirklich ein wunderschöner Urlaub ! Kann es gut verstehen, dass dir der Abschied schwer fiel !
    die Menschen im Umfeld sind immer wichtig, damit steht und fällt so mancher Urlaub…
    daheim ist es ja ähnlich..

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  4. Lakritze schreibt:

    Wie schön … Mag ein Vorurteil sein, aber das würde einem Urlauber hier wohl nicht so gehen.

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    • rotewelt schreibt:

      Ich halte es leider nicht für ein Vorurteil… Immer wenn ich aus Italien oder Frankreich zurückkomme, fallen mir die abweisenden unfrohen Gesichter hier auf, die Sturheit, der Regelgehorsam, das fehlende Lächeln, die fehlende Freundlich- und Höflichkeit und es fällt mir schwer, mich wieder einzuleben. Ausnahmen bestätigen die Regel.

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  5. karu02 schreibt:

    Eine reiselustmachende Reisebeschreibung! Ja, mir geht es ähnlich, wenn ich aus solchen Ländern zurück komme und bin jeweils erschrocken, dass ich mich an Unlust, Unhöflichkeit, Unfreundlichkeit gewöhne, bis ich anderswo bin. Der Eselbesitzer sieht sehr nett aus.

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  6. karu02 schreibt:

    Der Esel auch, ich bin ein Fan von Eseln.

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  7. Dina schreibt:

    Das ist der schönste Reisebericht den ich seit sehr, sehr langem gelesen habe, liebe Ute. Am Ende habe ich gedacht, schade, es hätte doch ruhig weiter gehen können…
    Herzliche Grüße zu dir aus Norfolk
    Dina

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  8. haushundhirschblog schreibt:

    Phantastisch, wieder einmal !!
    Danke dafür,
    dm und mb

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  9. rotewelt schreibt:

    Non c’è di che! Danke euch beiden, buon fine settimana dal mondo rosso!

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