Handgeschrieben

Wieder einmal erreichte mich der Brief eines Freundes, den ich bisher noch nie getroffen habe.  Immer kam etwas dazwischen. Ja, auch heute gibt es noch Brief-Freundschaften. In diesen Zeiten würde man sie als virtuell bezeichnen. Und damit bagatellisieren.

Bislang tauschten wir uns neben telefonischen Gesprächen nur per E-Mail aus, ein paar Jahre schon, aber so ein greifbarer Brief, der ein bis drei Tage bis zum Adressaten zurücklegt, ist doch etwas Besonderes. Wie aus der Zeit gefallen. Fast könnte man sich der Illusion hingeben, er sei per Kutsche transportiert worden. Immerhin muss sich der Schreiber mehr Mühe machen, Papier oder eine Karte kaufen, sie frankieren und eigenhändig zum Briefkasten bringen.

Dabei fand ich es schon immer schön, eine „Ansichtskarte“ oder eine solche gar – huch, wie „intim“ – im geschlossenen Umschlag zugesandt zu erhalten, welche Freude, was für ein Fest, welch Herzklopfen ich empfinde und das Öffnen des Briefes gern ein wenig hinauszögere, feierlich.

Gern erinnere ich mich an meinen französischen Brieffreund aus Bayeux und meine amerikanische Brieffreundin aus Pennsylvania und viel später auch an… Welche Aufregung immer mit dem Erhalt und Öffnen solcher Post verbunden war! Zeichen aus einer anderen Welt, die ich nicht nur als junges Mädchen als außerordentlich abenteuerlich empfand. Immer noch bin ich entzückt, wenn sich jemand für mich diese Mühe macht. Schon allein die Auswahl des Postkartenmotivs, falls es nicht nur um Text geht. Und ich beantworte solche Briefe gern, wenn ich auch feststelle, dass wir „verdorben“ sind, was diese Briefkultur betrifft, doch man muss sich nur einlassen.

Feierlich und voller Vorfreude öffne ich solche Briefe, was ist dagegen schon eine schnöde E-Mail, die ja auch ungleich weniger „Arbeit“ vom Absender erfordert – klick und weg (geschickt oder gelöscht), Flüchtigkeitsfehler von hingeknallten Antworten sowie mangelnde Herzlichkeit gehören ja beinahe zum guten Ton, es ist ja alles so unverbindlich und konventionslos und cool… Mit bisous wird jede/r bedacht, alles austauschbar. Lese ich so etwas aber per Hand geschrieben, Schwarz auf Weiß, und nicht virtuell zerknüllt, dann ist es echter, glaubwürdiger.

Wer einen Brief schreibt, der braucht Papier, Stift, Umschläge und Marken, er muss sich bemühen, einigermaßen lesbar zu schreiben, kann nicht mal kurz etwas korrigieren, ohne das Gesamtbild zu zerstören, kann nicht löschen, ohne neu anzufangen, erinnert sich plötzlich auch daran, dass bestimmte Buchstaben großgeschrieben werden und damit die… des Empfängers…

Wer mit der Hand schreibt, schreibt nicht unbedingt überlegter, im Gegenteil, so glaube ich, er folgt viel mehr seinem Bedürfnis, das auszudrücken, was ihm auf dem Herzen liegt. Er schreibt sich Dinge vom Herzen, von der Leber weg, stutzt kurz kritisch und ist dann doch der Meinung, genau das dem Empfänger zumuten zu können, weil es echt ist. Komisch, auch Gedichte wirken auf Papier besser.

Meine nächste Antwort steht jenseits aller festgelegten Schriftfonds noch aus, aber da ich andere schlimme Klauen verstehe, dechiffrieren sie wie ich die meine. Wenn ich bloß endlich wieder meine schwarzen Minen hätte statt der unsäglichen blauen, besser noch, ich würde meinen Füllfederhalter reaktivieren, die Tinte ist längst eingetrocknet…

Vive la lenteur – Es lebe die Langsamkeit

PS: Wie ungeduldig wir doch inzwischen geworden sind. Auf jede Mail erwarten wir eine möglichst sofortige Antwort. Kommt sie nicht gleich oder – moderndeutsch formuliert – zeitnah, ist es möglich, dass wir alles infragestellen oder gar aufgeben.

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15 Antworten zu Handgeschrieben

  1. Sofasophia schreibt:

    ich glaube fast, wenn ich dir von hand schreiben würde, hättest du vielleicht nur im ersten moment freude. beim entziffern würdest du dich nach meinen mails sehnen … lach.
    tatsächlich habe ich das von-hand-schreiben beinahe verlernt und mein gekritzel war schon immer eher eine art zumutung als liebe freundInnen … 😦 aber natürlich hast du ja schon recht. es ist schöner, einen umschlag zu öffnen, keine frage!

    auch dein text ist sehr schön. 🙂

  2. rotewelt schreibt:

    Hihi, ich habe auch eine schlimme Klaue, wie ich bereits andeutete, aber meinst du nicht, dass sich diese Klaue mit anderen schlimmen Klauen verstehen/verständigen könnte…? 🙂

  3. karu02 schreibt:

    Meine kann sich nicht mal mit mir selbst verständigen. Trotzdem bekomme ich auch sehr gerne Handgeschriebenes – bekäme müsste es heißen, es schreib ja niemand mehr auf Papier. Schön, dass Du so etwas geschickt bekommst und wir auch noch teilhaben dürfen.

    • rotewelt schreibt:

      Ich gebe zu, manchmal kann ich auch meine eigenen handschriftlichen Notizen nicht mehr entziffern, räusper. Ja, es ist wirklich selten geworden, etwas Handgeschriebenes geschickt zu bekommen, früher schickten Freunde mehr Postkarten aus dem Urlaub, doch das ist altmodisch geworden und wird inzwischen auch als banal abgetan, dabei freue ich mich immer noch, wenn mal wieder eines der seltenen Exemplare eintrudelt. Ich sollte vielleicht selbst wieder öfter Karten schreiben…, genau, das nehme ich mir vor für den nächsten Urlaub!

  4. traeumerleswelt schreibt:

    Tausche mit M., meinem Hamburger Freund, jeden Tag SMS aus oder wir telefonieren. Aber aus dem Urlaub bekommt er jedes Mal eine handgeschriebene Ansichtskarte und auch zum Geburtstag und zu Weihnachten wähle ich diesen, doch sehr persönlicheren, Weg. Im Gegenzug bekomme ich auch handgeschriebene Briefe, bzw. Karten und ich freue mich jedesmal sehr darüber ! 🙂

    • rotewelt schreibt:

      Schön, dass du das pflegst und auch zurückbekommst, träumerle! Zu Weihnachten und zu Geburtstagen schicke ich manchen Freunden auch Karten. Natürlich kann man eine Mail verschicken mit einem selbst gemachten Foto bzw. einer selbst entworfenen digitalen Karte, aber ich finde es in der Papierversion auch persönlicher und schöner.

  5. wildganss schreibt:

    Ein schöner Text über etwas, das auch ich liebe! Und ich kenne andere, die auch als Erwachsene per handgeschriebener Briefe oder Postkarten korrespondieren, mich eingeschlossen. Werde in meinem Blog auf das hier bei Dir hinweisen! Vielleicht wäre auch http://www.postcrossing.com was für Dich?
    Gruß von Sonja

    • rotewelt schreibt:

      Na, wie man oder frau sieht, sind wir ja schon Mehrere! Das Postcrossing ist eine witzige Idee. Ob sich daraus, aus verschiedenen Ecken der Welt von Unbekannten eine Postkarte zu bekommen, Bekannt- oder Freundschaften entwickeln? Gruß zurück, Ute

  6. Pingback: Hier Handschrift, dort Blogdesign | Wildgans's Weblog

  7. Lakritze schreibt:

    Ach, schön — eine Lanze fürs Papier. Handschriftlich verständigt man sich ja fast nur noch, wenn man verliebt ist … Ich bin sehr für geschriebene Briefe, auch wenn meine Handschrift … na, Problem bekannt. Umso größere Freude, wenn doch ein paar Menschen per Hand zurückschreiben.

  8. rosadora schreibt:

    diesen text habe ich gestern schon gelesen
    angespornt von wildganss

    die geduld für handgeschriebenes ist auf keiner seite vorhanden
    nicht auf der der schreiberin und schon gar nicht auf der der empfängerin
    wer mag auf antworten warten, wo heute alles so umgehend ist
    und postkarten, die mag ich nicht
    das ist meistens ein allgemeines gesäusel und nichts konkretes

    und die handschriften – das wäre noch mal ein eigenes thema

    schönen tag
    und danke für den artikel
    rosoadora

    • rotewelt schreibt:

      Danke fürs Lesen und deinen Kommentar, rosadora.
      Ja, Geduld braucht es bei handgeschriebenen Briefen und ich glaube, durch die Digitalisierung haben wir sie alle ein bisschen verlernt. Ein handgeschriebener Brief muss die Mail ja auch nicht ersetzen; wenn’s wirklich dringend ist und schnellgehen soll, kann man auf letztere oder das Telefon zurückgreifen.
      Wie auch immer, ich gehöre zu Jenen, die sich freuen, hin und wieder „richtige“ Post zu erhalten, auch Ansichts- oder Postkarten. Es passt nicht viel drauf, aber man kann ja trotzdem wählen, ob man nur nichtssagende Floskeln schreibt oder sich die wenigen Worte gut überlegt. Und manchmal zählt für mich auch einfach nur die Geste und dass jemand an mich gedacht hat.
      Dir auch einen schönen Tag
      rotewelt

      • wildganss schreibt:

        beinahe hätte ich schon beschlossen, dass niemand mehr von mir auch nur eine schräge oder kitschige oder….postkarte bekommt, doch rosadoras meinung hat ja nur sie…ich liebe und kultiviere das schreiben per hand, gleich wie ich es liebe, solche post zu bekommen- gerade kam ein brief aus österreich, den lese ich gleich zum vierten mal…gruß von sonja

        • rotewelt schreibt:

          Ich hatte ja auch so eine Phase der papiernen Schreibunlust und kehre gerade wieder um. Jede/r so, wie sie/er mag. Weiterhin viel Spaß beim Wiederlesen deines Briefes, Sonja, wünscht Ute aus der roten Welt.

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