Capo Vaticano – Granitfelsen mit Charme

Das Capo Vaticano ist vielleicht das schönste Fleckchen Küste in Kalabrien. Das ahnte ich schon aufgrund der im Internet betrachteten Bilder, bevor ich meine Reise organisierte und fast hätte ich mir dort eine Unterkunft gesucht. Aber die Gegend erschien mir zu einsam und so mietete ich mich in Tropea ein, was die richtige Entscheidung war, denn dort herrscht doch mehr urbanes Leben, auch im Mai, zumal man dort außer Touristen auch viele Einheimische vorfindet.

Auch trennen nur 20 Kilometer kurvige Straßen Tropea vom Kap, eine Entfernung, die schnell bewältigt ist…, wenn man nicht auf der Strecke ständig kleine Stichstraßen nimmt, um schon auf dem Weg nach Perlen zu suchen.

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Ich finde kleine Altäre am Wegesrand…,

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…traurige Pferde…

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…und wunderschöne wilde Natur, nur wenige Meter von den Stränden entfernt.

Die Sträßchen erweisen sich alle als Sackgassen, die direkt ins Meer zu münden scheinen. Hier liegen versteckte Strände mit Ferienhausanlagen oder Hotels, alles schön flach und auffällig angelegt. Doch auf Feriengäste stoße ich nicht, stattdessen auf Bauarbeiter und Putzpersonal – überall wird renoviert und gewienert, um die Häuser für die Touristen aufzupolieren, bevor die Saison losgeht. An manchen Stellen ist es jedoch fast unheimlich ruhig, so dass ich mich dort nicht lange aufhalte.

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Und da bin ich auch in der Gemeinde Ricadi, zu der das Capo Vaticano gehört. Ricadi zählt nur 4.770 Seelen. Das Kap liegt auf einer felsigen Landzunge – ein Ausläufer des Monte Poro – am Tyrrhenischen Meer. Der weißgraue Granit soll in Italien eine Seltenheit sein. An seiner höchsten Stelle erreicht das Kap 284 Meter Höhe über dem Meerespiegel. Der Gebirgsausläufer trennt hier den Golf von Gioia Taura von dem des Sant’Eufemia.

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Für Besucher gibt es eine Aussichtsplattform, den belvedere, der seinem Namen alle Ehre macht und von dem aus man Richtung Südosten blickt.

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Eine wunderschöne Küstenlandschaft offenbart sich: mediterrane Vegetation, fast karibisch anmutendes glasklares Meer und zwei menschenleere weiße Sandstrände, die nach dem Capo Vaticano benannt sind.

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Die Küstenabschnitte hier werden seit Jahren mit der „Bandiera Blu“ ausgezeichnet, der blauen Flagge Europas, die für sauberes Meerwasser steht.

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Über einen schmalen Pfad kann man am Kap entlangspazieren und das Panorama sowie Blicke in den Abgrund genießen. Bei günstigen Wetterverhältnissen kann man bis zur Straße von Messina sehen – Sizilien ist „nur“ hundert Kilometer entfernt -, und den Äolischen Inseln Stromboli (manchmal raucht der Vulkan), Lipari, Salina, Vulcano, Alicudi und Panraea.

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Ein kleines Restaurant-Café lädt zum Verweilen ein.

Bei meinem ersten Spaziergang bin ich ganz allein. Eine Woche später, bei schlechterem Wetter, läuft eine italienische Dreigenerationenfamilie mit, staunt und füllt die Stille mit Worten.

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Andere Besucher haben sich still verewigt, auf den Kakteen, die den Wegrand säumen, eine beachtliche Größe erreichen und wie Bäume anmuten.

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Warum das Kap „Capo Vaticano“ heißt, habe ich mich gefragt. Aber mit Rom hat es nichts zu tun. Sondern mit einer Legende: In der Antike, als die Region von Griechen besiedelt war, lebte in einer Höhle auf der Landzunge die Prophetin Manto, heißt es. Sie wurde von Seefahrern besucht, die von ihr die naheliegende Zukunft erfahren wollten. Vor allem interessierten sie sich für Wetterprognosen und die Navigationsbedingungen im recht gefährlichen Golf von Messina. Andere sagen, es sei keine Frau, sondern der Seher Mantineo (was soviel heißt wie „Kommunikation des göttlichen Willens“) gewesen. Ob Prophetin oder Prophet – von dieser historischen Stätte, von diesem Orakel stammt der ursprüngliche Name „Capo die Vaticinii“, Kap der Prophezeiungen. Ein Felsenzipfel, der in der Nähe der Landzunge liegt, wurde „Mantineo“ genannt.

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Ich sehe weder Seefahrer noch Propheten, dafür Katzen, die ja vielleicht auch einer Legende entstammen oder verzaubert sind.

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Doch dafür sind sie zu hungrig. Ein jüngeres deutsches Pärchen, das öfter in die Gegend kommt, füttert sie regelmäßig. Von mir kriegen sie noch ein paar Streicheleinheiten, bevor ich in meinen Fiat 500 steige und weiter Richtung Süden fahre.

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Unterwegs halte ich noch an, weil mich bunte expressive Keramik und ein verrostetes Moped anlachen.

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In dieser Region wird die Kunsthandwerktradition hochgehalten und man liebt es farbenprächtig und üppig.

Dann mäandere ich von Bucht zu Bucht.

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Zuerst komme ich an den Strand von Grotticelle, der aus drei unterschiedlichen aneinander gereihten Einzelstränden besteht. Im ersten Abschnitt wurden tatsächlich schon die ersten Bagni aufgebaut, wie überall in Italien sind Liegen und Sonnenschirme exakt ausgerichtet.

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Hier hat man die Wahl, ob man lieber hohe zackige Felsen als Nachbarn hätte oder begrünte flachere Hügel.

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Auch beim nächsten Stopp bin ich ganz hingerissen vom Anblick, der sich mir bietet. Herrlich muss es sein, morgens in diesem Haus aufzuwachen, vor dem Frühstück ins Meer zu hüpfen und bei Sonnenuntergang auch nochmal eine Runde zu schwimmen, bevor es zum Aperitivo auf die Terrasse mit Meerblick geht. Träum…

Ich bin nicht die Einzige, die die Aussicht genießt, ich werde verfolgt von einem weißen Fiat, der immer da hält, wo ich halte.

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Nun bin ich oberhalb von Santa Maria di Ricadi angelangt mit den gleichnamigen Stränden. Tote Hose auf dem Parkplatz, nur wieder dieser Fiat. Heraus quellen fünf Frauen mittleren Alters und mit ihnen quillt durcheinander geredetes munteres Italienisch heraus. Sie reden mehr – parlare, parlare – als dass sie schauen. Alle paar Meter bleiben sie stehen, um sich zu unterhalten und alles, was sonst noch lebt, wird auch angesprochen und einbezogen, unter anderem der einzige Einwohner, der sich blicken lässt. Aus dem nördlichen Ligurien (für mich schon lange Süden) kommen sie – eine ganz andere Welt als der mezzogiorno und vom Tourismus schon lange eingenommen –, allerdings sind auch sie wie ich mit dem Flugzeug angereist, das Auto ist wie meines ein Mietwagen.

Ein hübscher kleiner Strandort mit ein paar Fischerhäusern, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Hier liegen Boote friedlich neben Autos und alles wird beschützt von dahinter aufragenden schmucken kleinen Kirche – und alles unter diesem leuchtend blauen Himmel.

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Hier, am vorletzten Strandabschnitt, der zum Capo Vaticano gehört, sind noch keine bagni aufgebaut, die Ferienhäuser ohnehin noch leer, weil die Italiener es ja doch am liebsten rammelvoll und laut und eng haben und alle zusammen im August Ferien machen. Nur zwei junge Bikinischönheiten nehmen ein Sonnenbad und natürlich haben sie ihr cellulare, auf „Deutsch“ Handy, dabei und telefonieren ständig

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Schließlich komme ich zum Porticello-Strand und damit zum letzten, der noch zum Kap gehört. Ein Parkplatz und sonst nur Meer, Sand, Felsen und südliches Grün. Ich lasse mir den Wind um die Nase wehen und atme tief ein. Da sind sie schon wieder, die Signore, bleiben in meiner Nähe stehen und zerstückeln die Stille. Ich warte, bis sie genug haben und bleibe noch einen Moment allein.

Alle Strände und Buchten dieser abwechslungsreichen Küste sehe ich nicht, denn manche von ihnen sind nur vom Meer aus zu erreichen oder über gefährliche Felsenpfade an Steilhängen. Es gibt auch kleine Grotten, zu denen man nur per Boot gelangt.

Dieses Fleckchen Erde ist sehr beliebt bei Tauchern. Hier bietet die Natur einen immensen und artenreichen Fischbestand und auch ein reiches Pflanzenleben unter Wasser. Die beiden Golfe, die sich hier treffen, sorgen mit ihren Strömungsverläufen von Norden und Süden dafür, dass die Fische aus zwei Richtungen aufeinander zu getrieben werden.

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Auf dem Rückweg nach Tropea nehme ich im Nirgendwo eine verlockend aussehende Abzweigung. Das Sträßchen wird ein Erdweg und endet im Gestrüpp. Ein paar hüttenartige Häuser stehen hier, sie sehen unbewohnt aus, aber ob sie wirklich verlassen sind? Ich stromere hier lieber nicht weiter umher, nehme nur ein Bild mit von der bezaubernden Pflanzenwelt, die hier wild gedeiht, einfach so, und die so Mancher sicher gern in seinem Garten hätte, aber bei diesem Bemühen scheitert. Beim Wenden bekommt die Autotür noch ein paar Kratzer von wehrhaften Dornen, aber das macht nichts. Ich bin schließlich im Süden…

Natürlich hat das Paradies auch kleine Schönheitsfehler, wer aber noch ursprüngliche Natur und unverbaute Küstenlandschaft ohne Massentourismus – zumindest in der Vor- und Nachsaison – mag, dem könnte es hier auch gefallen.

Für den kleinen und großen Überblick:

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15 Antworten zu Capo Vaticano – Granitfelsen mit Charme

  1. karu02 schreibt:

    Liest sich verlockend und sieht auch so aus..

  2. ehre9 schreibt:

    Hier winkt Sizilien schon aus der Nähe… wie könnte man das anders sehen? Das Licht, die Landschaft, die Strände und alles was es da zu sehen gibt von Schönheiten…lach; Kakteen mit Stacheln, magere Kätzchen, Boote und andere keramische Überraschungen, all das verleitet zum Genuss, der Erzählerin zu folgen… eine wirklich schöne Reise, welche sie uns hier erzählt und zeigt!

    • rotewelt schreibt:

      Ja, sicher kann man das nahe Sizilien schon schnuppern und ahnen – und mit Glück sogar sehen, es heißt, man würde bei gutem Wetter sogar die Stromleitungen erkennen! Irgendwann werde ich auch mal Palermo und andere schöne Orte dort heimsuchen. 🙂 Merci beaucoup dem Kommentator.

  3. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Da werden Urlaubserinnerungen wach – vor 10 Jahren war ich dort, auch in Tropea. Schön zu lesen, dass es noch nicht überrannt ist. Ich habe dort das beste Eis meines Lebens gegessen – nach dem Urlaub gefühlte zehn Kilo schwerer, trotz Wanderungen in der kalabrischen Hitze.

    • rotewelt schreibt:

      Sätzeundschätze, ich weiß nicht, wie es im Sommer dort ist, aber zumindest bis Ende Mai war ich oft fast allein am Strand und in der Landschaft unterwegs. Ich glaube und hoffe, ein wirkliches Massentourismusziel wird Kalabrien nie. Ach ja, das gute Eis, verstehe! 🙂

  4. traeumerleswelt schreibt:

    ein toller Bericht einer wunderschönen Gegend. Schön, dass es noch ruhige Orte gibt, die noch nicht vom Tourismus überrannt wurden.

  5. Ulli schreibt:

    eijei, erst Soso, nun du, die mich seufzen lassen lässt, da schaue ich nun auf das weiße Land vor meinem Fenster und sehe auf dem Monitor all die Farben des Himmels, des Meeres und der Pflanzen, die ich sooo liebe- mein Traum ist es ja immer noch übers Jahr so viel Geld zu verdienen, dass ich von Mitte Dezember bis Ende März irgendwo auf einer warmen Insel, an einem warmen Ort sein kann, mich nicht satt sehen kann an den wunderbaren Boungavilles, Kamelienblüten und … aber wer weiß, was ich noch erleben darf 😉

    ich danke dir, liebe Rotewelt für diesen feinen Ausflug, der mir wieder einmal zeigt wohin es mich zieht und was mein Herz höher schlagen lässt …

    herzliche Grüße
    Ulli

    • rotewelt schreibt:

      Ja, Ulli, Sosos Südfrankreichberichte fand ich auch schön. So bringen wir dir das Mediterrane in Bildern ins Haus, ohne dass du dich bewegen muss! 🙂 Mein Traum ist es auch, in einem südlichen Land in Meeresnähe zu überwintern und er wird immer stärker (ganz auszuwandern scheint mir aber fast machbarer zu sein finanziell). Mille grazie, dass dir der virtuelle Ausflug gefallen hat. 🙂

  6. Habe mir erlaubt, ein Foto in meinem Kakteenforum zur Diskussion zu stellen …

  7. Trotzdem DANKE ! Und: Immer wieder gerne, ich bin Fanatiker (allerdings nur, was „Euphorbien“ betrifft. LG.

  8. Corinna schreibt:

    Ich erinnere mich an einen Sonnenuntergang am Capo Vaticano im Jahr 2004. Man konnten den Vesuv als schwarzen Schatten sehen. Ein sehr romantischer Moment. 🙂

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