Ménerbes, mit Abschweifungen zu Dora Maar, Picasso und…

Ich war noch niemals in Méberbes… gewesen. Und das, obwohl ich in den 90ern Peter Mayles Buch „Mein Jahr in der Provence“ gelesen hatte, das in eben diesem Örtchen im Département Vaucluse (84) spielte, aber das hatte ich vergessen oder wohl für unwichtig, wenn nicht abschreckend, befunden. Peter Mayle blieb übrigens nicht länger in Ménerbes, weil Leser sein Wohnhaus identifiziert hatten und er keine Ruhe mehr vor den Touristen hatte. Eben.

Aber nun ist der Hype oder besser die Manie vorbei und so fuhr ich einfach mal los, da ich nur eine halbe Stunde Fahrzeit entfernt mein Ferienquartier aufgeschlagen hatte.

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Rot glüht der Mohn…

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…und wie immer beglückt mich die südfranzösische Landschaft mit ihren niedrigen knorrigen Weinstöcken, die bereits ausgetrieben haben, den bewaldeten Höhenrücken und den hingekauerten blassfarbigen Häuser und Gehöften.

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Ménerbes gehört offiziell zu den «plus beaux villages de France», also zu den schönsten Dörfern des Landes, liegt adrett auf dem Rücken eines Hügels, was man bei der Anfahrt schon beglückt wahrnimmt, und ist von wunderschöner Landschaft umgeben. Hier, irgendwo zwischen Avignon und Apt, im Naturpark Lubéron, leben nur knapp 1.100 Seelen.

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Kommt man allerdings an einem Donnerstag – am Markttag – und dann noch am 1. Mai… Alle Parkplätze am Ortseingang sind belegt, von ein paar Autos der Marktstandbesitzer, die noch nicht den Heimweg angetreten haben (denn da schon mittags ist, haben die meisten schon den Heimweg angetreten), und vor allem von Besuchern, die den Feiertag für einen Ausflug nutzen, sowie Anwohnern, von denen viele unterhalb des Dorfs parken müssen. Ich finde eine ziemlich schmale Seitenstraße, die in einer engen spitzwinkligen Kurve bergauf führt und auf deren linker Seite schon einige PKWs parken, also stelle ich meinen Wagen dahinter, scharf links an der Hecke, so dass ich beim Aussteigen Pflanzenkontakt habe, der sich noch wiederholen sollte.

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Beim Aufstieg ins Dorfzentrum komme ich an roten Kleidern vorbei…

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…und wieder entblößten Puppen.

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Außer dem Markt gibt es noch ein paar kleine im Ort, einen Tabac und eine Dorfkneipe scheint jedoch nicht mehr vorhanden zu sein. Stattdessen lockt eine Weinbar sicher vor allem Touristen an. Ein paar kleine Restaurants gibt es auch, alle Tische auf den sonnigen kleinen Terrassen sind besetzt. Einladend sieht das aus ich möchte mich bald später auch irgendwo zum Essen niederlassen.

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Aber erst will ich die Gassen erkunden. An einem Ortsrand geht das Dorf nahtlos ins Grün über, hier fühlt man sich wie auf dem Land.

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Eine fromme Madonna, sicher aus dem Mittelalter, wird hinter Gittern gehalten, unter Verschluss. Ob sie vor Vandalismus geschützt werden soll, hier an diesem so friedlich scheinenden Ort?

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Ein Blick zum anderen Ortsende. Trotz des Mistrals sind noch ein paar Wolken am Himmel.

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Na ja, de temps en temps soll das ja mal vorkommen, wie der stets „aktuelle“ Wetterbericht von Ménerbes verkündet! Nur den Mistral, den haben sie einfach verschwiegen. 😉

In Ménerbes wurden viele antike Funde gemacht, wie ich später las, unter anderem Überreste einer Töpferwerkstatt aus dem späten 1. Jahrhundert, sowie einiger römischer Villen. Im Mittelalter gab es zwei Tore in die Stadt oder hinaus.

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Ich mache zwar auch einige ältere Funde, doch die verwitterten und von der südlichen Sonne verblassten Schriftzüge auf Fassaden sind weder aus der Antike noch aus dem Mittelalter, wenngleich äußerst pittoresk.

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Am Ende des Ortes liegt außer dem Schloss auch die Kirche von Ménerbes.

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Die schmale Straße führt direkt an der alten Stadtmauer entlang.

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Von hier bietet sich ein wunderschönes Panorama.

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Ein Tor mit einem großen versteckten Garten dahinter weckt meine Aufmerksamkeit.

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Da entdecke ich, dass ich vor einem Haus stehe, das einmal Dora Maar gehört hat, Künstlerin und bis zu ihrem Umzug hierher … acht Jahre lang die wohl bekannteste Geliebte und Muse von Pablo Picasso. (Das Foto oben in der Mitte ist von Man Ray.)

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Er hatte ihr das Haus zum Abschied geschenkt, nachdem er sich von ihr getrennt hatte. Eine Jüngere hatte ihren Platz als (Zweit)Geliebte eingenommen, die 21-jährige Françoise Gilot. Letztere war eine der wenigen Frauen, die einmal Picasso verlassen würden, ansonsten war er es, der die Frauen verließ. Wenn er es tat…, denn zumeist hatte er mehrere Geliebte und Musen parallel. Sein sexueller Appetit war außerordentlich groß und er führte ein ausschweifendes Sexleben. Bis er mit 85 Jahren Prostataprobleme bekam, das hat ihn schon ein wenig gedemütigt.

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Pablo und Dora

Wie viele Künstler war er ein charismatischer Narzisst und Egozentriker, das liegt anscheinend in der Natur der Sache, doch übertrieb er es bisweilen. Die Gefühle seiner Geliebten waren ihm egal. Grämten sich zwei Frauen und litten, weil sie sich den Mann teilen mussten, spielte er sie sogar gegeneinander aus oder sagte, das sollten sie unter sich ausmachen – nach dem Motto „wer das nicht aushält, soll eben Konsequenzen ziehen“. Das zeugt von großer Überheblichkeit bis zum Größenwahn, zumal er den Frauen damit vermittelte, dass ihm keine wichtiger war und es ihm gleichgültig war, welche ihn möglicherweise verließ. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er genau wusste, dass ihn keine verlassen würde und sich keinerlei Sorgen machte.

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(Eine Zusammenstellung einiger Fotos der Fotografin Dora Maar)

Dora Maar – ihr richtiger Name lautete Henriette Theodora Markovitch – wurde 1907 in Tours geboren und starb 1998. Sie war ursprünglich Malerin. Sie und Picasso lernten sich 1936 in Paris kennen, sie war 28, er 56. Dora Maar gehörte zur intellektuellen Szene in Paris und bewegte sich in den Kreisen der Surrealisten. Sie war vom Wesen und optisch eine besondere Frau mit einer geheimnisvollen Aura, traurigen Augen und einem Zug von Bitternis um den Mund. Die Künstlerin war bei den Männern begehrt und selbstbewusst in der Wahl ihrer Liebhaber. Bis sie auf Picasso traf, ihren „Lebensmann“. Während ihrer achtjährigen Beziehung zu Picasso wandte sie sich von der Malerei ab und der Fotografie zu – aus Liebe, ihm zuliebe, um ihm nicht mit ihrer Kunst in die Quere zu kommen.

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Ein Portrait Picassos von Dora Maar und die »Weinende«, die über den Zustand der Welt die „Tränen der ganzen Menschheit“ vergießt und sie als Picassos Muse bekannt machte. Sie war die einzige, die sein Atelier betreten durfte, während er an seinem Werk „Guernica“ arbeitete und taucht auch auf diesem Gemälde auf, als Frau, die mit einer Lampe das Grauen im Spanischen Bürgerkrieg erhellt. Die Entstehung des Bildes hat Dora Maar fotografisch dokumentiert.

Während der ganzen Zeit ihrer Beziehung behielt Picasso seine aktuelle bisherige Geliebte Marie-Thérèse, mit der er auch ein Kind hatte.

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Er hatte sie kennengelernt, als er 45 war und sie 17. In einem Laden hatte er sie angesprochen: „Sie haben ein interessantes Gesicht, ich bin Picasso.“ Der Name sagte ihr nichts, aber sie fand ihn charmant und verführerisch und außerdem fühlte sie sich geschmeichelt darüber, dass er sie schön fand. So begann alles. Fast 30 Jahre lang inspirierte sie ihn bei seiner Malerei. Es heißt, sie sei seine größte oder einzige richtige Liebe gewesen. Im Unterschied zu Dora Maar war Thérèse keine Intellektuelle und außerdem hatte sie keine eigenen künstlerischen Ambitionen. Auf den Bildern wirkt sie oft schläfrig, ein bisschen farblos und fast etwas „langweilig“. Vielleicht war sie sanfter und gefügiger, weniger mit sich selbst befasst…

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Dagegen strahlte die schöne kreative Dora Maar mehr nachdenkliche Persönlichkeit aus. Zunächst gelang es Picasso, sein Leben so zu arrangieren, dass die beiden Frauen nichts voneinander erfuhren. Als das doch geschah, ermunterte er sie regelrecht zum Kampf um seine Gunst und Nähe, da er nicht im Traum daran dachte, sich selbst zu entscheiden, mit wem er weiter zusammenleben wollte. Die beiden Geliebten rauften tatsächlich miteinander, Dora Maar gewann und durfte bei ihm einziehen. Marie-Thérèse musste mit dem Kind ausziehen in eine Mietwohnung in der Nähe.

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Picasso ging so weit, sich den Kampf der Rivalinnen anzuschauen und den Moment sogar in einem Gemälde festzuhalten: Auf „Oiseaux dans une cage” kämpft eine schwarze Taube (Dora) mit einer schönen weißen (Marie-Thérèse). Picasso war seit der Kindheit gut mit Tauben, deren Gewohnheiten und Charakter vertraut, denn sein Vater hatte einen Taubenschlag. Für ihn waren Tauben nicht nur oder nicht nur Symbol des Friedens, sondern Vögel, die auch kapriziös und ziemlich grausam sein können (wie er, möchte man assoziieren).

1943 lernte Picasso Françoise Gilot kennen. Je älter das Genie, umso schöner, begabter und selbstbewusster die Geliebten? Letzteres birgt auch Gefahren für einen noch dazu alternden Egomanen. Françoise war ebenfalls Malerin und erfolgreiche Buchautorin.

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Als sie die Autobiografie „Leben mit Picasso“ geschrieben hatte, versuchte dieser erfolglos, das Erscheinen des Buchs zu verhindern, da sie darin nicht nur seine künstlerische Arbeit, sondern auch seinen Umgang mit Frauen zum Thema machte. Nach der Scheidung legte ihr Picasso Steine in den Weg, indem er verhinderte, dass ihre Werke in Pariser Galerien ausgestellt wurden: Er hatte dies den Galerien untersagt und damit gedroht, dass sie dort nie wieder ein Werk von ihm bekämen. Schwere Geschütze eines offenbar auch einmal verwundeten Mannes…

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Zunächst lief auch diese Liebschaft parallel, bis Dora Maar sich eine eigene Wohnung nehmen musste. Sie lebte zwar nur wenige hundert Meter entfernt, doch durfte sie nie unangemeldet bei ihm vorbeikommen, während er erwartete, dass sie verfügbar zu Hause sein sollte, wenn immer ihn danach gelüstete, sie ohne Ankündigung zu besuchen. Ihre Liebesaffäre war eine Amour fou, voller Leidenschaft und gegenseitigen Eifersuchtsszenen – er verlangte von ihr, ihm körperlich treu zu sein, während er sich selbst alle Rechte herausnahm. Ein echter Diktator, dem es wahrscheinlich nicht einmal bewusst wurde, wie tyrannisch er sich verhielt und wie sehr er seine Geliebten und Musen, ohne die er seine Kunst nicht hätte schaffen können, permanent demütigte. Für die Ehre, seine Muse sein zu dürfen und darüber Bedeutung für den Künstler und die Kunstwelt zu erlangen, zahlten Picassos Geliebte einen hohen Preis. Sie waren, abgesehen davon, dass sie Musen waren, dafür da, ihm das Leben angenehm und vergnüglich zu machen. Dora hatte ihm einst gesagt “Als Künstler magst du außergewöhnlich sein, aber vom moralischen Standpunkt aus bist du nichts wert.”

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(An der Côte d’Azur mit Freunden, Foto von Man Ray. Im heißen Süden, am Meer, fand ein heißes Leben statt, unter anderem Partnertausch)

Man sagte Picasso nach, er liebte die Frauen und sei nach allen jungen hübschen Mädchen verrückt gewesen und bestrebt, sie zu verführen und alsbald ins Bett zu bekommen. Doch es sieht eher danach aus, dass er ein ambivalentes Verhältnis zur Damenwelt hatte, wenn nicht ein schizophrenes: Er bewunderte sie und ließ sich von seinen Musen inspirieren, aber manche seiner Äußerungen und sein Verhalten lassen darauf schließen, dass er sie auch verachtet hat. Er teilte die Frauen ein in Göttinnen und Fußabtreter. Die Fußabtreter waren offenbar die flüchtigen Abenteuer zwischendurch; den Göttinnen, seinen acht festen Geliebten, war er meist mehrere Jahre verbunden. Einer seiner Biografen schrieb, dass Picasso besessen vom weiblichen Geschlecht war, regelrecht abhängig, denn er musste immer von einer oder besser mehreren Frauen umgeben sein. Auch habe er diese Abhängigkeit selbst gespürt und versucht, sie zu überwinden, indem er die Frauen gnadenlos dominierte. Seine Geliebten mussten devot sein, sich unterordnen – und kleiner sein als er, was nicht so einfach war, den er maß nur 1,65 Meter…

Trotz seiner Egomanie und seines kompromisslosen Lebensstils liebten die Frauen Picasso, was darauf schließen lässt, dass er auch gute Charakterzüge besessen haben muss. Er soll bisweilen durchaus zärtlich, sanft und feinfühlig gewesen sein. Doch wie sehr seine Geliebten unter seinen parallelen Liebschaften, unter seiner seelischen Grausamkeit und unter den Trennungen litten, zeigt sich daran, dass viele seiner ehemaligen Geliebten psychisch zusammenbrachen, physisch krank wurden oder gar Selbstmord verübten. Picasso dagegen zog während seines langen Lebens Energie und gewaltige künstlerische Schaffenskraft aus seinen Liebesbeziehungen zu vermutlich insgesamt mehreren hundert Geliebten: Er kam auf 25.000 Originalwerke, kein anderer Künstler war so produktiv.

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Dora Maar sollte sich nie mehr von der Trennung erholen. Sie bekam Depressionen, war selbstmordgefährdet und machte eine Psychoanalyse. Die „Abfindung“ wirkt auf den ersten Blick großzügig – das Haus in Ménerbes und einige Stillleben und Zeichnungen von Picasso. Doch Dora lebte zurückgezogen in ihrem Haus, mied die gemeinsamen Freunde und gab zunächst sogar ihre Fotografie auf.

Nach 1945 wurden in der Gegend viele Häuser billig verkauft und als Ferienhäuser genutzt. Um 1960 herum lebten nur noch wenige Menschen im Ménerbes. Dora war einsam, auch wenn sie ab und zu Besuch von befreundeten Künstlern bekam, unter anderem von Nicolas de Staël, der von 1953 an eine Weile in Le Castellet de Ménerbes lebte.

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Der französische Maler russischer Herkunft – ein Vertreter der informellen Malerei – malte dort 1954 das Bild «Ménerbes», bevor in sein Atelier in Antibes zurücking – und sich ein Jahr später, mit 41 Jahren, das Leben nahm…

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Schon wieder eine tragische Geschichte…

Und so lauschig Haus und Garten der Dora Maar auch aussehen – im Winter war es bitterkalt und das Haus bis auf einen Kamin nicht heizbar. Wenn der Mistral pfeift, scheint er selbst durch die dicksten Mauern zu dringen, wie ich selbst in meinem Feriendomizil feststellte, am zweiten Tag musste ich die zum Glück vorhandene Heizung anstellen.

1997 starb die Künstlerin und ehemalige Muse, die nach Picasso, ihrem „Gott“,  nie wieder einen Geliebten hatte.

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Diesen Blick hatte Dora von der Straßenseite ihres Hauses aus ins Tal.

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Muss den Besucher hier nicht die Muse küssen, wenn er länger verweilt? Aus Ménerbes stammt ein Poet, Romancier und Politiker: Clovis Hugues, hier 1851 geboren und 1907 in Paris gestorben. Hugues war mit der Bildhauerin Jeanne Royannez verheiratet. Auch er hatte ein äußerst bewegtes Leben, aber eher politisch bedingt, erst landete er wegen eines zu aufmüpfigen Zeitungsartikels im Knast, 1877 tötete er einen Redakteur der Bonapartisten-Fraktion im Duell, floh nach Neapel, stellte sich dann jedoch in Aix-en-Provence und wurde freigesprochen. Später wurde seine Frau von einem Literaten verleumdet, woraufhin sie den Denunzianten im Jahr 1884 erschoss und unbehelligt davonkam. Drei Jahre vorher wurde Clovis Hugues in Marseille zum Mitglied der Deputiertenkammer gewählt. Er schloss sich der äußersten Linken an und war einer deren radikalsten Redner. Nun, ich möchte nicht noch mehr abschweifen, sondern nur einen Ausschnitt eines Gedichts von Clovis Hugues vorstellen, in dem es auch um eine Muse geht, die wie Dora Maar auch in Paris erscheint:

Montmartre est le bruyant sommet

Où la Muse surgit, pareille

A la nymphe qui chate et met

Son chapeau floré sur l’oreille.

(La poésie à Montmartre, Paris, 6 février 1900)

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Die Büste rechts hat Hugues Frau Jeanne von ihm geschaffen. Sie befindet sich im Jardin des Félibres in Sceaux. Die Skulptur in der Mitte wurde zu seinem Andenken in Ménerbes aufgestellt. Übrigens hat Jean-Claude Izzo, der Autor der Marseille-Trilogie um den Polizisten Fabio Montale, ein Buch über Clovis Hugues geschrieben: „Clovis Hugues, un rouge du Midi“. Das habe ich gerade selbst erst entdeckt und mich gewundert, da ich nur die Krimis von Izzo kenne.

Aber nach soviel Kultur, finsteren Geschehnissen und gleißender Sonne knurrt der Magen ein wenig und Geist und Seele verlangen nach Ruhe.

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Ich könnte ja jetzt noch das Korkenziehermuseum mit einigen skurrilen Exponaten besuchen, doch dazu habe ich keine Lust.

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Am liebsten würde ich mich auf der wie privat wirkenden schattigen kleinen Panoramaterrasse des P’tit bouchon (kleiner Korken) auf der Rückseite der vorn sonnigen Weinbar niederlassen, doch leider gibt es dort nichts zu essen.

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Im Haus nebenan, ein paar Schritte darunter, liegt eine Art Biergarten, den ich beim Ankommen schon gesehen habe. Hier gibt es zwar nur Kleinigkeiten in Form von Salaten, doch das kommt mir bei der Wärme gerade recht. Nett werde ich an der Bar empfangen und gefragt, ob ich einen Apéritif möchte, ach nein, doch lieber nicht. Ich suche mir einen Platz im Schatten. Die Weine sind die gleichen wie in der Bar nebenan, zum gleichen Preis wie in den Weingütern, ohne Aufschlag. Natürlich bestelle ich einen direkt aus der Gegend, ein Viertel Côtes du Luberon. Gut ist er.

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Über mir ein Blütendach…

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…vor mir ein schöner Weitblick, es duftet nach Süden, hier lässt es sich aushalten, obwohl der Wind mein Haar zerzaust und vorüberziehende Wolken mich frieren und meine Jacke anziehen lassen. Hier will ich meinen Gedanken nachhängen. Wenn da nicht… meine Landsleute wären… Ausgerechnet zwei deutsche Paare höre ich schräg hinter mir. Sind sie lauter als die sechs Franzosen am Tisch rechts hinter mir oder bilde ich mir das nur ein, weil sie Deutsch sprechen? Bei ihnen fällt es mir jedenfalls schwerer wegzuhören. Und sie sind mir unsympathisch. Bin ich ungerecht? Na ja, sie sind so unfreundlich zur netten Bedienung, sie kennen kein Merci und selbst für ein deutsches Danke sind sie sich zu schade. Das ist die Kategorie von Touristen oder „Gästen“, die Bedienungen wie Diener behandelt, also weitgehend ignoriert.

Die Deutschen sprechen viel über Geld. Über teure Autos. Und über nervige Nachbarn. Jedenfalls vermeintlich nervige, ein Unbekannter versorgte eine der Damen öfter mir Informationen und Prospekten aller Art, die er ihr unter den Scheibenwischer klemmte. Sie regen sich auf. Sie sind nicht urlaubsentspannt. Einer der Söhne, der wird mal ein richtiges „Alphatier“, vernehme ich. Man gut, dass er das Richtige studiert, da kann er seine Alphatierfähigkeiten am besten ausspielen.

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Ich versuche, mich nicht am gerösteten Brot unter dem gebackenen Ziegenkäse zu verschlucken. Langsam werde ich ungeduldig und genervt, wippe mit den Füßen. Rot der Rock, rot die Wut, rot die Leidenschaft, rot die Liebe – so vieles ist rot. Aber sie da drüben, die hatten ihren café, können sie nicht gehen? Sonst werde ich noch roter. Ich will meine Ruhe, wenigstens noch eine Viertelstunde hier sitzen ohne solches Geschwätz, das mein Südfrankreichgefühl stört. Endlich stehen sie auf. Ich schaue ihnen kurz nach: Vier „hässliche“ Deutsche, alle in den gleichen hellbeigefarbenen Hosen, die Männer haben keinen Arsch in der Hose, eine der Frauen ziemlich viel davon, oh, bin ich böse?!

Nun kann ich dieses schöne Plätzchen noch ein wenig genießen. Einfach sitzen und in die Natur schauen… Um wieviel schöner ist es hier doch als am schwarzen Wald.

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Noch ein Rückblick. Ach ja, die Immobilienmakler haben hier seit Peter Mayle sicher gute Geschäfte gemacht, vor allem mit Engländern, die ja sowieso immer die ersten sind, die die schönsten Orte entdecken.

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Das alte Lavoir, vor dem vorhin noch Marktstände aufgebaut waren. Wäsche wird hier schon lange nicht mehr gewaschen.

Als ich mein Auto erreiche, stelle ich fest, dass direkt hinter mir noch zwei weitere Autos parken, die direkt in die 45-Grad-Kurve reichen. Aber das ist nicht alles, auch die rechte Straßenseite ist nun von PKWs belegt. In der Mitte ein schmaler Streifen. Jemand hat meinen Rückspiegel eingeklappt. Das wird eng werden. Allein das Herauskommen aus der engen Parklücke ist schwer. Fahre ich geradeaus weiter, durch die schmale Gasse, wird es reichen und wohin führt das bergauf führende Sträßchen überhaupt? Besser als steckenzubleiben wäre sicher, zurückzufahren. Doch wenn ich etwas hasse, dann ist es Rückwärtswaren bergab und in Kurven. Trotzdem entscheide ich mich für diese Variante, da am rechten Fahrbahnrand eine autobreite Lücke ist, dorthin könnte ich mit etwas Geschick zurücksetzen. Mit etwas Geschick, ja, und mit Glück. Während ich mich auf meine zentimetergenauen Fahrmanöver konzentriere, werde ich zweimal durch Autos gestört, eines kommt von oben, eines von unten – aha, geht doch beides. Aber immer wieder muss ich zurück in die enge Lücke. Endlich klappt es, doch hinter mir ist ein Graben, darf ich noch ein paar Zentimeter zurück oder fahre ich ins Desaster? Schnauf, ächz, es ist heiß, die Sonne knallt wieder erbarmungslos vom Himmel. Da kommt eine Frau zu Fuß die Gasse hoch, sieht meine Bemühungen und sofort hilft sie mir und sagt mir, wie weit ich noch zurück Richtung Graben fahren kann. Ich bin froh und bedanke mich, schließlich schaffe ich noch die zugeparkte Serpentine und komme heil aus Ménerbes hinaus.

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Unten muss ich nochmal anhalten, das Örtchen ein letztes Mal anschauen, die Garrigue einsaugen und ins Gedächtnis einbrennen. Als ich „zu Hause“ ankomme und mich im Spiegel sehe, muss ich lachen, denn Haare und Kleidung sind voller Blüten, die der Wind aus dem Baum hat rieseln lassen, unter dem ich gesessen habe. Ich weiß immer noch nicht, um was für ein Gewächs es sich da gehandelt hat, fällt mir gerade ein. Egal, das Dorf auf dem Hügel hat wieder einmal gezeigt, dass Licht und Schatten – auch und gerade in der Provence – oft nah beieinander liegen.

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14 Antworten zu Ménerbes, mit Abschweifungen zu Dora Maar, Picasso und…

  1. Sofasophia schreibt:

    ein grossartiger ausflug – inkl die künstlerische ausflüge! toll geschrieben, ein genuss, dich zu begleiten. inkl. wut etc.!

  2. rotewelt schreibt:

    Oh, freut mich, liebe Soso, dass dir mein Artikel gefallen hat und dass du meine Ausschweifungen offenbar ertragen hast! 😉 Als ich das schrieb, dachte ich mir, dass es niemand bis zum Schluss lesen würde, viel zu lang(weilig) – und sicher wirst du auch zu den Ausnahmen gehören – nix für Bloghausen, glaube ich. Dass es so lang werden würde, hatte ich selbst nicht geahnt und beabsichtigt, aber dann gab eins das andere, ich recherchierte noch hier und da, wurde sozusagen eingefangen in verschiedene Geschichten – und, huch, war es ein „Roman“ geworden. Aber es hat mir mal wieder Spaß gemacht und allein dafür hat sich die Mühe gelohnt.
    Und was die Wut betrifft: die hatte ich sicher sowohl auf Picasso (als Mann und Mensch, nicht als Künstler) und auf die doofen Deutschen, die meine Kontemplation massiv mit ihrem ökonomischen Geschwätz störten – so fern jeglicher Kunst und tiefschürfender Gedanken und Gefühle! 🙂

  3. zeilentiger schreibt:

    Jetzt möchte ich auch aufbrechen. Und an jedem dieser einladenden kleinen Tischchen auf Terrassen eine kleine Pause einlegen.

    • rotewelt schreibt:

      Weißt du was, Zeilentiger, ich würde am liebsten auch wieder den Koffer packen und mich gen Süden aufmachen. Hier ist alles so grau, kalt und regnerisch und wenn ich mir die Bilder mit dem blauen Himmel anschaue…

  4. Stefan schreibt:

    Hat dies auf Vergangene Zeit rebloggt.

  5. Lakritze schreibt:

    Oh, wenn Du die Zweige über Dir fotografiert hast: dann waren das Robinienblüten. .)

    • rotewelt schreibt:

      Oh, danke für die Nachhilfe in Botanik, Lakritze! Nun bin ich schlauer. Ein schönes Gewächs, das ich bisher nur vom Namen kannte und vielleicht auch vorher nie gesehen habe!

  6. Pingback: Von village zu village: Le Thor | rotewelt

  7. ehre9 schreibt:

    Der Picasso, wie alle Künstler, ein Vampir…lach… qui use ses muses pour la création…haha…also nochmals; Finger weg von diesen Kreaturen des Teufels, Künstler sind keine Männer für normale Frauen..tstststss… aber wie traumhaft sieht die Landschaft aus!

    • rotewelt schreibt:

      Na, dann sollten sich diese schlimmen Blutsauger doch am besten von der Damenwelt fernhalten oder sich einen Warnhinweis auf die Stirn kleben, lach, aber die Landschaft ist wirklich traumhaft. 🙂

  8. Sabine schreibt:

    Toll geschrieben, war gestern auch dort. Im September ohne Mistral….

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