Von village zu village: Joucas

Village- oder Dorfhopping: Nach Ménerbes, Chateauneuf de Gadagne, Goult und Le Thor geht es nun nach Joucas, ebenfalls im Luberon im Département Vaucluse.

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In Joucas, das heißt, schon während der Annäherung, genoss ich die Landschaft, die ich so liebe und musste aus dem Auto springen, um Luft und Duft zu genießen…,

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…dort, um mein früheres Lieblingsdorf im Luberon herum, wo man spontan ein Landhaus mit Blick auf Weinreben erstehen oder besetzen möchte, aber dabei nicht an die Kälte des Winters im Hinterland der Provence und die Einsamkeit denkt.

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Im Ort erkannte ich sogleich den Parkplatz an der Mauer mit Panoramablick, wo im Mai 1994 Hobbymalerinnen aus Stuttgart das Aquarellieren geübt hatten, fand Künstlerateliers, die damals noch nicht da waren, verlor einen Ohrring, stellte fest, dass es ansonsten immer noch nur ein Hotel gab und keinerlei Läden, also auch der Bäcker leider nicht zurückgekehrt war und mit Sicherheit auch niemals mehr zurückkehren wird wie alle anderen Geschäfte und nahm zur Kenntnis, dass es auf dem öffentlichen WC neben dem schrecklichen und anscheinend an manchen Orten unausrottbaren und angeblich ja auch so hygienischen (arghhh) Stehklo immerhin auch eine „normale“ Toilette gibt,

fand das winzige Joucas ansonsten genau so schön wie früher, auch wenn das Verzücken selten dem des ersten Besuchs gleicht,

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war froh, dass die Beschaulichkeit geblieben ist,

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fühlte mich wie damals in alte Zeiten versetzt und genoss die immer noch stillen Gassen

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und all die Wohltaten für’s Auge.

Und, Sylvia, falls du mich dann ja irgendwann anrufen wirst, bevor du nach Schweden auswanderst, werde ich dir sagen, dass Joucas – auch dein Luberon-Lieblingsort, an dem du dich sogar mal für en paar Tage eingemietet hattest – immer noch so verwunschen ist wie früher.

Joucas zählt ganze 325 Seelen und liegt zwischen Gordes und Roussillon, beides Orte, die sich des „Gütesiegels“ erfreuen, zu den „plus beaux villages de France“ gehören zu dürfen. Das reizende Joucas hätte diese Klassifzierung – zu den schönsten Dörfern Frankreichs zu zählen – mindestens genauso verdient, wurde aber nicht ausgewählt, doch das ist vielleicht auch gut so, weil es die Massen fernhält.  Das hübche Hügeldörfchen hat darüber hinaus noch den Vorteil, dass es vom Mistral geschützt nach Süden ausgerichtet liegt. Joucas wird übrigens vom deutschen Wiki verschwiegen, was mir gefällt, aber nun habe ich ja alles verraten…

Abschweifung:

Es war einmal ein französischer homosexueller Schriftsteller und Dramaturg, der 1940 in – ausgerechnet – Condom in der Gascogne geboren wurde und 1994 in Paris starb und der mehrere Jahre in Joucas gelebt hat. Er besaß dort ein Haus und schrieb in diesem Ort mehrere Bücher. Es handelt sich um Yves Navarre.

Navarre war zwischen 1981 und 1989 Sprachrohr von François Mitterrand für die Homosexuellen. Nichtsdestotrotz hat er immer mehr die Sinnlichkeit als die Sexualität verteidigt. Wie auch immer, er erkrankte an Aids und musste dabei zusehen, wie der Wind viele seiner Freunde davontrug. Er nahm sich – wie Abschiedsbriefe nahelegen – wegen Depressionen vor- oder vielleicht rechtzeitig selbst das Leben. Als Schriftsteller fühlte er sich nicht wirklich verstanden.

Dieser Autor, dessen ausschweifendes und gleichzeitig oft zurückgezogenes Leben ich mir nachträglich vorzustellen versuche in diesem winzigen stillen, künstlerisch angehauchten und doch irgendwie unschuldig erscheinenden Ort quasi am Rande der Welt, bekam den Prix Goncourt für sein 1980 erschienenes Buch „Le Jardin d’acclimatation“, in dem er sich mit dem Problem der Homosexualität auseinandersetzte. 1982 erhielt er den Prix de l’Académie française für sein Gesamtwerk.

Yves Navarre schrieb über 30 Romane, von denen ich bisher keinen gelesen habe. Für eines seiner Bücher suchte Saubade, eine enge Freundin von ihm, den Titel aus: «Je vis où je m’attache», in Anlehnung an den Efeu, der sich an der Fassade seines Hauses in Joucas festklammerte und daran emporwuchs. So ein Haus dort kann ich mir nur zu gut vorstellen und habe sicher auch solche gesehen.

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Sein Buch „Une vie de chat“ (zu Deutsch „Kater Tiffauges Die Geschichte seines Lebens von ihm selbst erzählt“ – in der Übersetzung klingt es typisch deutsch-niedlich) gilt als die eigentliche Autobiografie oder das eigentliche Selbstportrait des Autors, der dort mit zwei Katzen lebte, mit „lui“ und „elle“ (ihm und ihr).

Zitate von Navarre:

«La tendresse tue. L’absence de tendresse assassine.»
(Zärtlichkeit tötet. Das Fehlen von Zärtlichkeit bringt um)

«Toute création vraie est un suicide que personne ne regarde.» (Ce sont amis que vent emporte)
(Jeder wahre schöpferische Akt ist ein Selbstmord, bei dem keiner zusieht. (Aus: „Meine Freunde, die der Wind davonträgt“))

Schade, das ich vor meinem Besuch nichts von Navarre wusste, sonst hätte ich mich auf die Suche nach seinem Haus gemacht, um mir eine Vorstellung zu machen. Aber im Grunde ist es egal, in welchem dieser Dorfhäuser er gelebt hat, es bleibt eine fremde und etwas geheimnisvolle Imagination und doch oder deshalb kann ich verstehen, warum man(n) sich hierher zurückzieht.

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14 Antworten zu Von village zu village: Joucas

  1. vilmoskörte schreibt:

    Gut, dass du immer wieder die Berichte aus Frankreich mit den vielen schönen Bildern schreibst, da bin ich nicht so oft …

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  2. Sofasophia schreibt:

    feine bild-text-abschweif-mischung! 🙂 danke!

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  3. aquasdemarco schreibt:

    Jetzt waere ich auch gerne 7n Frooonkreisch

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  4. Ich danke dir für diese wunderschönen Fotos und deine hochinteressanten Erlebnisberichte aus Frankreich! Mir geht jedesmal das Herz auf, wenn ich solche Fotos sehe und von derartigen Erlebnissen lese und ich freue mich für dich, dass du sie erleben durftest.
    Liebe Grüße!

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  5. traeumerleswelt schreibt:

    wunderbarer Bericht, die Bilder bringen die Stimmung dort so richtig rüber ! 🙂

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  6. ehre9 schreibt:

    Diese kleinen « schönen » Dörfer sind tatsächlich „verwunschen“… weil außerhalb der Zeit, es gibt unzählige von diesen Orten, welche der Tourist bewundert… aber wo er auf lange Zeit nicht leben könnte; man kann nicht in einem “Paradies“ leben, es ist wahrhaft nicht der Sinn des Lebens… Nach-gedanken… „en avant“ so soll das Motiv des Lebens heißen, sonst erstarrt alles in einem Bild, wie hier, welches man nur bewundern darf!
    Und der Y. Navarre, schon-tot- geboren, wie viele seiner gleichen… schöpferisch immer dem Suizide nahe… ein Leben für die Katz“… lach, wie alle… „Du kennst einen, du kennst sie alle“; sagte Paul Morand… wie hatte er Recht.
    Aber troztdemallemgleichundmehr, ein wieder sehr verführerischer Artikel von Frau Dr. Rotewelt!

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    • rotewelt schreibt:

      Merci beaucoup. Träumt nicht jeder von paradiesischen Zuständen? Doch wer weiß, wenn sie erreicht, erscheint das Leben vielleicht zu komplett und was wäre es ohne Träume und „en avant“-Gedanken… Ja, wer weiß, besonders als „Zugereister“ könnte man sich in diesen Orten verwunschener Schönheit – aber nicht frei von Fehlern – vielleicht einsam fühlen.

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  7. richensa schreibt:

    Danke für das Mitnehmen auf deine Reise…

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