L’Isle-sur-la-Sorgue – Wasser auf Mühlen, Bilder und Worte

In Isle-sur-la-Sorgue begann ich zu spüren, dass ich im Süden war, in der Provence, und ein Gefühl der Freiheit wollte aufkeimen…

Ich fuhr lange Schleifen, um einen Parkplatz zu finden, frischte ein paar verblasste Erinnerungen auf, die scheinbar ewige Zeiten zurücklagen,

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sah bemooste Wassermühlenräder wieder und erkannte doch nicht mehr alles, lief an den vielen Antiquitätengeschäften vorbei, nahm erste Sonnenbäder beim Bummel durch den Ort,

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fing an, mich zu entspannen, den Süden auf mich wirken zu lassen und genoss den erfrischenden Anblick des Wassers. Es ist schön, am Ufer entlangzugehen, das Wasser macht träumerisch und lässt die Gedanken frei.

„Ich fand ein sehr schmales, einsames Tal, dennoch sehr einnehmend, Vaucluse genannt, ein paar Meilen von Avignon entfernt, in dem die Königin aller Quellen, die Sorgue, entspringt. Von der Annehmlichkeit des Ortes bezaubert, transportierte ich meine Bücher und meine eigene Person dorthin.“

Der das einst sagte, war kein anderer als Petrarca. Wie gut ich ihn verstehen kann.

Kürzlich aktualisiert

Der italienische Dichter Francesco Petrarqua (geboren 1304 in Arezzo, gestorben 1374 in Arqua bei Padua) hat zwar nicht in L’Isle-sur-la-Sorgue gelebt, aber einige Zeit in der Nähe, in Fontaine-de-Vaucluse. Dort entspringt die Sorgue am Fuße einer 230 Meter hohen Felswand. Vaucluse ist der Name, den man zuerst der Quelle gab und der dann auf das ganze Département überging. Die Quellgrotte hat Petrarca oft beschrieben. Nachdem er durch ganz Europa gereist war, zog er sich 1338 das erste Mal dorthin zurück, um nachzudenken und Gedichte zu schreiben. Und überhaupt schrieb er an diesem Ort im Luberon die meisten seiner Gedichte – und die schönsten. Sein Haus existiert heute noch und ist nun ein Museum.

Viele Poeten – ob dort geboren oder irgendwann im doppelten Wortsinn dort „hingezogen“, fühlten sich mit diesem Fleckchen Erde verbunden und fanden dort ihre Inspiration.

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Heute ist es hier beschaulich, früher pulsierte fast täglich das Leben: an den öffentlichen Waschplätzen und den Anlegeplätzen, wo die Fischer ihre seltsamen Barken, die Nego Chin, vertäuten.

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An den Ufern gab es Woll- und Seidenindustrie und mehr Landwirtschaft als heute. Außerdem fanden entlang der Sorgue lokale Spiele und Feste statt – Letzere existieren heute noch.

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Wendet man sich vom Fluss ab und taucht in die Gassen des Örtchens ab, gibt es auch viel zu sehen, zum Beispiel schöne Fassaden alter Geschäfte.

Farbenfroh ist es, es gibt viele einladende Plätze und offenbar zahlreiche junge Einheimische, die frische Provenzalen (er)zeugen. Die niedliche Gendarmerie könnte fast in Saint Tropez stehen, jedenfalls sah ich Lous de Funès vor meinem Auge, wie er hektisch zu einem „Tatort“ fortbraust.

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Aber dann verlockten mich doch die Restaurants, von denen viele direkt am Wasser liegen. Alle Terrassen sind hübsch zurechtgemacht, man hat die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Möbelstilen und Gerichten, die auf Schiefertafeln präsentiert werden.

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Schließlich entschied ich mich für das Restaurant „Les Cigalons“, das mir schon von Weitem einladend erschienen war und das ich bereits einmal passiert hatte. Cigalon wird die cigale cotonneuse (Tibicina tomentosa) genannt, DIE provenzalische Zikade, die mehr oder weniger im Aussterben begriffen ist. Warum „cotonneuse?“ Mit Baumwolle oder Watte hat sie nichts zu tun, doch sie ist besonders flauschig-flaumig!

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Die Plätze hatten sich geleert, ich war einer der späten Gäste dieses Mittags, suchte mir den besten Tisch mit Aussicht und genoss die Ruhe, direkt an der Sorgue,

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verspeiste (fast ganz) eine köstliche und noch dazu preiswerte Plat du jour,

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sann vor mich hin, überlegte in einem schwachen Moment, ob ich eine SMS schreiben sollte und war fast erleichtert, dass ich die Nummer gelöscht hatte, die ich nie auswendig gelernt hatte. Zurück in meinem Ferienquartier, stellte ich fest, dass fast im gleichen Moment eine SMS von eben dieser Nummer bei mir eingegangen war, doch ich hatte auf Vibrieren gestellt und es nicht wahrgenommen, denn das Handy lag in meiner Tasche, zumal ich keine Nachrichten erwartet hatte… Telepathie wie so oft, wenngleich sie gerade etwas hakte…

„Les femmes sont amoureuses et les hommes sont solitaires. Ils se volent mutuellement la solitude et l’amour.“ (René Char)

Um René Char kommt man nicht herum, wenn man L’Isle-sur-la-Sorgue besucht. Denn der Schriftsteller wurde 1907 dort geboren und starb 1988 in Paris. Mit 21 veröffentlichte er seine ersten Gedichte. Auf Bitte von Paul Eluard ließ er sich eine Weile in Paris nieder und stand der surrealistischen Bewegung nah, bevor er sich in den 30ern wieder davon distanzierte.

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Viele seiner Werke wurden von befreundeten Malern mit Bildern ausgeschmückt, zahlreiche seiner Gedichte von Peter Handtke ins Deutsche übersetzt. Char ist einer der wenigen Schriftsteller, dessen Werk schon zu Lebzeiten in der “Bibliothèque de la Pléiade“ erschien. Darin erscheinen Werkausgaben der Klassiker der Weltliteratur; die Aufnahmerichtlinien sind streng.

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Ich dachte nicht an Char, als ich dort saß, sondern betrachtete das Schauspiel der Enten, das durchaus auch poetisch anmutete: eine lebende Ente im Blumentopf, Schwänzchen in der Höh‘, von ihrem Erpel verwundert beäugt, im Wasserstrom sich treiben lassende und Brotkrumen gleichsam einsaugende Kollegen sowie andere (Enten)stillleben des frühen Nachmittags.

Während René Char dort lebte, hat er sicher auch Enten betrachtet, vor allem aber die Sorgue in seine Gedichte einfließen lassen:

La Sorgue
Chanson pour Yvonne
Rivière trop tôt partie, d’une traite, sans compagnon,
Donne aux enfants de mon pays le visage de ta passion.
Rivière où l’éclair finit et où commence ma maison,
Qui roule aux marches d’oubli la rocaille de ma raison.
Rivière, en toi terre est frisson, soleil anxiété.
Que chaque pauvre dans sa nuit fasse son pain de ta moisson.
Rivière souvent punie, rivière à l’abandon.
Rivière des apprentis à la calleuse condition,
Il n’est vent qui ne fléchisse à la crête de tes sillons.
Rivière de l’âme vide, de la guenille et du soupçon,
Du vieux malheur qui se dévide, de l’ormeau, de la compassion.
Rivière des farfelus, des fiévreux, des équarrisseurs,
Du soleil lâchant sa charrue pour s’acoquiner au menteur.
Rivière des meilleurs que soi, rivière des brouillards éclos,
De la lampe qui désaltère l’angoisse autour de son chapeau.
Rivière des égards au songe, rivière qui rouille le fer,
Où les étoiles ont cette ombre qu’elles refusent à la mer.
Rivière des pouvoirs transmis et du cri embouquant les eaux,
De l’ouragan qui mord la vigne et annonce le vin nouveau.
Rivière au coeur jamais détruit dans ce monde fou de prison,
Garde-nous violent et ami des abeilles de l’horizon.“

(René Char, extrait de Fureur et mystère, 1948)

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Ich riss mich los vom Fluss und meinen Gedanken, erhob mich wieder, flanierte noch ein wenig, fand als Motiv den Inbegriff der Provence und lichtete ihn ab. Natürlich war ich nicht die Erste, die dieses Motiv aufgenommen hat. Wie ich jetzt erst feststellte, hatte schon einer meiner Lieblingsfotografen vor diesem Cafe gestanden:

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der berühmte Fotograf Willy Ronis, der sich 1972 für einige Jahre in L’Isle-sur-la-Sorgue niedergelassen hatte. Das Bild entstand 1979. Nur hatte er eine Zeit erwischt, zu der das Café belebt war – und nicht zur Sieste!

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Willy Ronis, 1910 in Paris geboren und 2009 auch dort gestorben, war der Sohn russisch-jüdischer Auswanderer. Er studierte Jura, Zeichnen, Violine und Musik. Eigentlich wollte er Musiker werden, musste dann aber wegen seines kranken Vaters dessen Fotostudio übernehmen – so wurde er 1936 Fotograf. Er machte viele Sozialreportagen und wie es heißt, fand er mit einer Reportage von der Parade zum französischen Unabhängigkeitstag schließlich seine Berufung.

Nach dem Krieg wurde er bekannt durch seine Fotografien der kleinen Leute in Paris und der Provence (er unterrichtete eine Zeit lang an der Ecole des Beaux Arts in Avignon, nicht weit von L’Isle-sur-la-Sorgue entfernt). Mit Henri Cartier-Bresson und Robert Doisneau zählte er zur französischen Schule des fotografischen Humanismus. Doisneau wurde noch berühmter als er, doch die Fotos von Ronis erscheinen nicht gestellt, wie es bei einigen oder etlichen Bildern Doisneaus der Fall war, was erst spät bekannt wurde.

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Die Poesie der Bilder von Willy Ronis lebt vor allem davon, dass er seiner Kamera erlaubte, den Zufall einzufangen, er selbst gab sich dem Zufall hin, die Augen immer offen für Momente, Situationen, Bewegungen, Licht- und-Schatten-Stimmungen. Sein Reich waren die flüchtigen vergänglichen Eindrücke, und er hat sie meisterlich für uns festgehalten. Oft schimmern Melancholie, eine leise Traurigkeit und Einsamkeit durch die dargestellten Personen und Szenerien.

Er hielt Menschen fest und ihre Stimmungen, doch niemals vergaß er den Respekt vor ihnen:  „Ich habe nicht ein gemeines Foto gemacht. Ich wollte nie, dass Menschen lächerlich aussehen“, sagte er.  Ronis war ein empathischer, sanfter, oft zärtlicher und wirklich humaner Fotograf.

„La belle image est une géométrie modulée par le cœur.“ (Willy Ronis)

Ich sollte auch mal wieder in Schwarzweiß fotografieren, wie früher so oft…

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Heute ist es leicht möglich, Fotos im Nachhinein die Farbe zu nehmen – hier versuche ich es einmal -, doch das ist nicht dasselbe. Besser ist es, vorn vornherein nach Motiven zu suchen, die sich für Schwarzweiß eignen, man hat dann einen völlig anderen Blick.

Un Oiseau

Un oiseau chante sur un fil
Cette vie simple, à fleur de terre.
Notre enfer s’en réjouit.

Puis le vent commence à souffrir;
Et les étoiles s’en avisent.

O folles, de parcourir
Tant de fatalité profonde!

(René Char)

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(Fotos von anderswo)

Schwarzlichtschattenweiß

An einem Ort
Ohne Fluss und Zikaden
Doch mit südlichem Licht
Tanzte, für mich unsichtbar
Eine Biene den Pas de deux für ihn
Lebte der stille Garten Eden
Für mich unhörbar, auf, für ihn
Wurde der Teufel wieder sein Engel
Für mich unmerkbar
Erklang ihr Liebesflüstern der Nacht neu
War er an diesem Ort mit ihr
In Erinnerung
Und zeigte es allen
Selbst mir.
Unerhört
War dort doch ich
Mit dir.

(Rotewelt, Juni 2014)

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„Fort will ich, fort von hier, nach meiner Sorgue.“ (René Char)

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An der Sorgue wird man seine Sorgen los, für einen Moment.

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16 Antworten zu L’Isle-sur-la-Sorgue – Wasser auf Mühlen, Bilder und Worte

  1. Sofasophia schreibt:

    „Sorgenlose“ Bilder … 🙂

  2. saetzebirgit schreibt:

    Toller, informativer Bericht, der richtig Lust aufs Reisen dorthin macht!

  3. aquasdemarco schreibt:

    Seufz, irgendwann musste mich mal mitnehmen, ich mach dann auch paar Fotos und filme ein wenig:-)

  4. kormoranflug schreibt:

    Wunderbar aufbereitete Führung. Da würde man gerne mitreisen.

  5. Ulli schreibt:

    liebe Rotewelt, ich bin ein grosser Fan von deinen Reiseberichten und Fotos, hier sind es besonders die Entenbilder, die ich ins Herz geschlossen habe- und immer kann ich etwas lernen, einfach toll!
    herzlichen Dank und noch herzlichere Grüsse von Wanderin an Wanderin
    Ulli

    • rotewelt schreibt:

      Freue mich sehr über deine Worte, liebe Ulli! Ja, die hübschen Enten(formationen) hatten es mir auch angetan. Herzliche Grüße von Wanderin zu Wanderin. 😉

  6. traeumerleswelt schreibt:

    wunderschöner Bericht und sehr informativ ! 🙂

  7. vilmoskörte schreibt:

    Das klingt wahrlich nach einem schönen Urlaub (mit ein bißchen Bildung dabei, für die Reisende und die Daheimgebliebenen 🙂

    • rotewelt schreibt:

      Na, so haben auch die Nichtreisenden etwas davon, Vilmos. 🙂 Es war aber nur ein Kurztrip, zieht man An- und Abreise ab, hatte ich nur vier Tage im Süden und musste währenddesssen noch arbeiten, trotzdem habe ich viel gesehen und mich an der Schönheit von Orten und Landschaft sattgesehen und dabei entspannt.

  8. Pingback: Die 26. Woche, 2014 | rotewelt

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