Flaneurin in Pariser Passagen: Passage des Panoramas – die Bunte

Nur ein paar Schritte über den Zebrastreifen und schon gelangt man von der Passage Jouffroy wieder ins Überdachte, in die Passage des Panoramas. Sie liegt zwischen dem Boulevard Montmartre und der Rue St. Marc und hat wie die Passage gegenüber Zugang von den Grands Boulevards. Diese Passage ist die älteste überdachte Passage in Paris; sie wurde bereits 1799 eröffnet.

Zusammen mit den Passagen Jouffroy und Verdeau ergibt sich eine angenehme Flaniermeile, ein Wegenetz von 350 Metern. Dort können die Spaziergänger damals wie heute die Utopie einer überdachten Fußgängerstadt genießen und den Straßenlärm vergessen. Doch wie war es früher, zu der Zeit, als die Passagen entstanden?

Die Straßen und Gassen von Paris waren schmutzig, gar nicht oder schlecht gepflastert und von Kanalisationsrinnen durchzogen. Zudem brachten Fuhrwerke und Reiter die Fußgänger zusätzlich in Gefahr – und es gab keine verbindlichen Verkehrsregeln.

“Nichts dürfte den Fremden mehr belustigen als der Anblick eines Parisers, wie er mit dreischwänziger Perücke, weißen Strümpfen und tressenbesetztem Rock den kotigen Bach durchquert oder überspringt, auf Zehenspitzen in den schmutzigen Straßen läuft und mit seinem Taftschirm den Gruß der Gossen abwehrt. Was macht der für Luftsprünge, der vom Faubourg St. Honoré zum Essen geht und dem Schmutz, den tropfenden Wagendächern auszuweichen sucht! Dreckhaufen, glitschiges Pflaster, geschmierte Wagenachsen – wie viele Klippen gilt es zu umgehen!”, schrieb Louis-Sébastien Mercier, der „Urahn aller schreibenden Stadtspaziergänger“, am Vorabend der Französischen Revolution 1789.

Angesichts solcher Zustände mussten die Passagen den damaligen Flaneuren wie das Paradies erscheinen!

Vorm Eingangsportal der Passage des Panoramas steht… Monsieur Hulot, wie immer die Pfeife dabei, das Bauwerk von außen bestaunend…? Ach nein, er trägt keinen Hut, pardon, eine Verwechslung! Also, ohne Jacques Tati hinein ins Vergnügen. Doch man fragt sich schon, wie sein Protagonist sich verhalten hätte in einer Pariser Passage… und muss schmunzeln.

Kaum ist man drin, wird man von einer geheimnisvoll-vielsagend-verführerisch lächelnden Herzogin empfangen.

Zuerst bleibt mein Blick wieder oben hängen, an der schönen Glas-/Stahlkonstruktion, und fängt beim Herabgleiten Details ein…

Zum Bau der Passagen inspirierten auch die orientalischen Souks. Und hier fühle ich mich tatsächlich ein wenig so, als sei ich in einen Souk eingetaucht. Es geht enger zu als in anderen Passagen, es wirkt vollgestellter, die Flaneure müssen einander ausweichen. Auch ist es bunter. Bunter und zugleich dunkler und diffuser.

Während Jouffroy prächtig und großzügig wirkt und Verdeau zu stillen surrealen Träumen einlädt, scheint es hier mehr um andere Dinge zu gehen, um Greifbares, Essbares, um Umsetzbares, Spekulatives. Auch habe ich in keiner Passage so viele Restaurants gesehen. Die meisten sind schön dunkel-rötlich.

Selbst hierher haben sich schon die Burger vorgearbeitet, aber sie klingen ja sooo fronsssösisch, deshalb doch irgendwie sympathisch und immerhin gibt es auch Magret de Canard mit Honigsoße…

Ich empfinde das alles als einladend und trotzdem fühle ich mich hier, erst nach dem zweiten Blick, nicht so zuhause, ohne sagen zu können, warum. Vielleicht fehlt mir einfach Helligheit?

Alles erscheint mir so kleinteilig hier – kein Wunder, war die Passage einst doch eine der wichtigsten Stätten für Briefmarkenhandel in Paris. Ob die Blaue Mauritius dabei ist? Ach…

Philatelie, philatelo – Bilder gibt es hier auch größer als im Briefmarkenformat, chaotisch-sympathisch. Aber was ist mit dem Licht? Neongrünlich oder warm? Hmmm, diese Passage empfinde ich als nicht so heimelig. Trotz der vielen Lokale. Seltsam.

Alles so…viel, vielleicht zuviel?

Die alten Postkarten gefallen mir schon viel besser.

Ansonsten findet der Blick hier wenig Halt, nicht nur, weil die Weihnachtsdeko schon präsent ist und mich irgendwie stört – diese Passagen brauchen keine zusätzliche Dekoration! Ich suche was, was du nicht siehst, pardon, etwas Klares, an dem ich mich festhalten kann, ein Fenster, ein schönes Ornament. Manchmal werde ich fündig.

Eine Lampe. Eine Uhr. Diffuses Licht herrscht hier vor. Sind Uhren nicht immer Fixpunkte? Es heißt, die Zeit in den Passagen sei irgendwann einfach stehengeblieben. Aber das stimmt nicht, manche Uhren haben alle Turbulenzen der letzten zweihundert Jahre überlebt und zeigen die aktuelle Zeit an…, wie ungewöhnlich!

Dann, in einem der stillen, schönen inneren seitlichen Hauseingänge, schon ziemlich am Ende der Passage, befindet sich das berühmte Variétés-Theater; es gehört dem Schauspieler Jean-Paul Belmondo. Das Theater wurde 1807 eröffnet.

Übrigens, 1816 experimentierte man hier erstmals mit Gasbeleuchtung – kaum noch vorstellbar heute.

Doch, wie enttäuschend: Das Ende der Passage, nach dem Linksknick, gleitet ab in die Tristesse der „modern-coolen“ Atmosphäre neuer deutscher Kleinstadtpassagen mit aufgegebenen Ladengeschäften mangels Kundschaft. Hier wird nur noch Ramsch verscherbelt, oh, pardon, Warcraft und Geld, zum Kilopreis. Da hilft auch Himbeerrot nicht. Ich werde mit dieser Passage nicht so recht warm.

Aber nochmal zurück zum Ausgangspunkt, zur Geschichte: Der Name der Passage lässt sich auf die panoramiques, panoramische Rundbilder, zurückführen. Der Amerikaner William Thayer, der die Passage nach der Französischen Revolution gekauft hatte, ließ dort am Boulevard zwei große Rotunden erbauen, in denen dem Publikum diese Vorläufer des Kinos, Stadt- und Landschaftsansichten, gezeigt wurden. Allerdings wurden die Türme schon 1831 abgerissen, damit dort hohe Mietshäuser entstehen konnten. Außerdem heißt es, das Publikum sei der Bilder schließlich müde geworden.

Ähm, à propos, müde. Drei Passagen am Tag reichen dann doch. Nun ist nach dem abschließenden Himbeerrot und so vielen Eindtrücken erst mal eine Erholungspause angesagt. Heizstrahler auf der „verplanten“ Außenterrasse des Tavern Café machen den Aufenthalt gemütlich.

Das Café, farbenfroh wie die Passage und ganz in der Nähe, doch trotzdem so entspannend ruhig wie ein havre de paix, offerierte uns köstliche heiße Schokolade zum Aufwärmen und Stärken.

Aber bald, bon courage, mesdames et messieurs, geht’s weiter, zur nächsten Passage!

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13 Antworten zu Flaneurin in Pariser Passagen: Passage des Panoramas – die Bunte

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Wir hätten noch ein bisschen weiter bummeln können. Ein Hoch auf die Flaneure dieser Welt.

  2. erinnye schreibt:

    Noch mehr wunderbare Fotos aus Paris. Man möchte gleich mitbummeln.

  3. karu02 schreibt:

    Hach, ach, will auch! Danke fürs Mitnehmen.

  4. Lakritze schreibt:

    Merci für M. Mercier. Solche Berichte liebe ich.

  5. kreadiv schreibt:

    Oh, was für ein unerwarteter Streifzug für mich an diesem Nachmittag!
    Toll!!!!!

  6. Jean Kadar schreibt:

    Chère Ute, j’aime te voir te promener dans mon passage (oui celui-là aussi m’appartient). Tu en parles avec tant d’amour que je te fais grâce du péage 😉

  7. rotewelt schreibt:

    Verspäteten Dank an euch alle! Sehe gerade verwundert, dass hier mehrere Kommentare stehen…

    Merci, cher Jean, pour ton compliment et de m’avoir visité ici. Ah, le passage des Panoramas t’appartient aussi… incroyable! Mais encore une fois tu es très généreux de me faire grâce du péage! 😉

  8. Dieter Schäfer schreibt:

    Ach Ute, ich bin begeistert bis hin zu schwärmerisch trunken, wenn ich in all diesen so sinnlich erlebten Begebenheiten Deiner Erzählungen mit- und nachempfindend zugegen sein darf.
    Offenbart herzlichst – der Dieter, der einstmals als Schwager …

    • rotewelt schreibt:

      Ach Dieter, das Kompliment aus deinem Munde freut mich besonders, danke dir. Schön, dass ich dich mit auf meine Reisen nehmen konnte, virtuell jedenfalls, und dass du bei mir vorbeigeschaut hast. Was meinst du denn mit „der einstmals als Schwager…“? Wie auch immer, herzliche Grüße von deiner Ex-(und nochmal fast-Ex-, also quasi Doppel-Ex-) Schwägerin! 🙂

  9. Ulli schreibt:

    Vor ein paar Tagen schaute ich mir wieder einmal Fotos von Brassai an, der es liebte am Abend, in der Nacht durch Paris zu streifen und eben zu fotografieren, nun streife ich mit dir durch das taghelle Paris, durch die schummerige Passage, mit der du nicht wirklich warm geworden bist, und ich denke, dass so viele Städte dabei sind ihre Gesichter zu verlieren, die Fassaden erzählen von vergangenem Flair, aber heute ist eben Hamburgerzeit und wir sollen eben nur eins: konsumieren auf Teufel komm raus, da kann es schon einmal eng werden …
    danke für diesen Spaziergang …
    herzliche Grüsse Ulli

    • rotewelt schreibt:

      Die Fotos von Brassai mag ich sehr! Ja, zwar wurde ich mit dieser Passage bei meinem Winterbesuch nicht richtig warm – die anderen besuchten gefielen mir meist besser -, trotzdem findet man hier auch noch das Flair vergangener Zeiten: das Glasdach, die alten Lampen, Uhren, Schilder…. Später war ich noch einmal dort, im Sommer, und da gefiel mir die Passage plötzlich viel mehr. Sicher, weil die Sonne hinein schien, andererseits hat Sonnenschein für mich keinen Einfluss darauf, ob ich eine Galerie schön finde oder nicht. Seltsam.
      Ja, heute ist – leider – Hamburgerzeit und es geht nur ums Kaufen, sehe ich auch so wie du. Dadurch geht viel Charme verloren, alles Alte und Individuelle wird durch die immer gleichen Ketten ersetzt, so dass man gar nicht mehr erkennt, in welcher Stadt und welchem Land man eigentlich ist, traurige Entwicklung, ästhetisch und sozial. Danke dir für die Begleitung, Ulli! 🙂

  10. zeilentiger schreibt:

    Eine Passagenwanderung, wie schön.

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