Gefälle

Die Balkontür steht noch offen, einer der seltenen warmen Sommerabende in diesem Jahr. Es riecht nach Kuhstall, kindheitswarm und altvertraut. Doch kein Stall weit und weit. Vielleicht bringt der abendliche Wind aus dem Höllental sogar den Stallgeruch bis in die Provinzstadt?

Vorhin im Mini-Supermarkt, noch in der Stadt, schnappte ich ein Gespräch auf zwischen Verkäuferin und Kundin. Ich hörte „Ostwestfalen“ und „Hannover“, blieb wie angewurzelt stehen und klinkte mich spontan ein. Die Verkäuferin, gebürtige Ostwestfälin, stammt aus dem Kreis Höxter. Die Kundin ist gebürtige Hannoveranerin. Wir waren uns einig, es ist nicht leicht, hier, im Südwesten, Fuß zu fassen. Auf dem Lande ist es offenbar noch einfacher als in der Stadt, wovon ich mich überzeugen ließ, man muss sich nur den örtlichen Vereinen anschließen, Schieß- und anderes und schon wird man oder sogar frau integriert, irgendwann. In der Stadt hingegen ist es fast unmöglich. Die Frau aus Hannover, wo ich ja immerhin auch vier Jahre gelebt habe, sagte, dass sie hier viele Jahre isoliert war, bis sie Kinder bekam und dann aber durch den Kindergarten endlich Kontakte knüpfen konnte. Wir alle waren uns einig, dass wir gebürtigen „sturen Ostwestfalen“ oder „drögen Hannoveraner“ wesentlich offener und aufgeschlossener sind als viele Menschen im vermeintlich weinselig-lebensfroh-heiter-tolerant-südlich-offenen Baden.

Am Wochenende schrecken mich das katholisch-scheinheilige Glockengeläut vom Freiburger Münster und der Kapelle auf dem Alten Friedhof aus dem Schlaf. Hier hat man niemals Ruh oder wenn, dann nur total mit Bio-Rollator, hier gibt es keine Lebendigkeit.

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10 Antworten zu Gefälle

  1. Sofasophia schreibt:

    oder du hast sie noch nicht gefunden? ich war heute spazieren und unterwegs wusste ich – es war im wald – auf einmal nicht mehr (nur ganz kurz) wo ich war. wald ist überall ja irgendwie ähnlich. ich war so gedankenversunken, dass ich kurz innehalten und mich nach dem WO? fragen musste. dachte über heimat nach. heimat ist der mittelpunkt, um den du dein netz aufbaust, dachte ich. bei mir: wo es einen wald hat, kann ich daheim sein. aber ist es auch heimat? ist das beziehungsnetz entscheidend? die art der menschen – wie sie mich wahrnehmen und spiegeln? so ungefähr dachte ich …
    und ich weiß nicht, wo meine heimat ist. außer jener in mir selbst, die ich so langsam am finden und verorten bin …

    • rotewelt schreibt:

      Ja, Soso, vielleicht habe ich (noch) keine Heimat gefunden (ich meine rein geografisch, Beziehungen und der Menschenschlag an einem Ort geben einem ja immer ein Stück Heimat, doch ich war schon immer umziehlustig, egal ob mit oder ohne Beziehungen). Aber mittlerweile denke ich auch: Muss ich eigentlich eine feste Heimat haben oder finden? Vielleicht muss ich auch einfach einsehen, dass ich so gestrickt bin, dass es mich immer wieder woanders hinzieht, dass ich gern unterwegs bin. Ich finde es auch spannend, neue Orte kennenzulernen. Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten zu leben und wenn meine nicht zu den „normalen“ gehört, so what. Auf jeden Fall muss ich ab un zu weg, reisen, egal wo ich lebe, das ist ein innerer Drang. Ob das auch noch so wäre, wenn ich „den“ Ort gefunden hätte, weiß ich nicht…

  2. richensa schreibt:

    Wir gebürtigen Ostwestfälinnen aus (dem Kreis) Höxter sind auf alle Fälle aufgeschlossen! Jesss!

  3. aquasdemarco schreibt:

    In OWL sind auch die Nächte warm, fast zu warm

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