Sehnsuchtsbilder aus Marseille, ohne Meer

Der Herbst naht und damit Wehmut – vor allem im Anschluss an einen Sommer, der keiner war, auch wenn uns die Meteorologen anhand errechneter Werte sagen, er sei wärmer gewesen als im Durchschnitt. Aber eben nicht gefühlt. Und mit dem Wermut, pardon, der Wehmut (hatte zunächst die Artikel verwechselt und es kam mir falsch vor – übrigens mag ich Wermut nicht, höchstens als Noilly Prat im Essen), kommt Lust auf Reisen in wärmere Gefilde, doch da sich das nicht immer mal eben so machen lässt, kramt das Hirn vergangene Reisen und Kurztrips hervor, um sich wenigstens an erinnerten Bildern zu erfreuen. Heute ziehe ich beim Blick ins Grau Marseille aus der Erinnerungsschublade  hervor. Da war ich zuletzt vor zwei Jahren im März.

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Auf der Fahrt im TGV, der direkt von Mulhouse nach Marseille fährt und nur 4 Stunden 40 Minuten dafür braucht, merkt man irgendwann der Landschaft an, dass man im Süden ist.

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Auch wenn ich um die gute Lage meiner Ferienwohnung wusste: Der abendliche Blick von der Terrasse auf die berühmte Kirche Notre Dame de la Garde war doch etwas Besonderes.

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Aber auch zu anderen Tageszeiten genoss ich die Sicht, ob auf die Kirche…

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… oder den Blick zur Linken mit den Bergen im Hintergrund.

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In der Morgensonne machte das Studieren des Stadtplans Spaß. Überhaupt war das Licht magisch.

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Am Vormittag beleuchtete es die Hüte auf dem Markt, während der Schatten das Gesicht der gut gelauntenf Verkäuferin kaschierte.

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Das bleu du ciel konkurrierte mit dem Lack azurblauer Autos am Platz der Präfektur.

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Hunde verlustierten sich in öffentlichen Brunnen und hübsche junge Frauen mit ihrer Elektronik.

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Die Tiere hatten mindestens soviel Spaß am Glitzern.

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Weiter Richtung des Alten Hafens faszinierten mich osteopathische und andere bunt angerichtete Briefkästen

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Die Einwohner, davon unberührt, bevölkerten die märzsonnigen Cafés und Restaurants, Kinder tobten sich in Sichtweite aus,

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auch wenn das mittägliche Gegenlicht das Erkennen Einzelner erschwerte.

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Viele waren mit luftigsommerlichen Motorrollern gekommen.

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Symbolische Schiffsbuge ragen, Fassaden verlängernd, vor das meerfarbene Himmelsblau.

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Gegenüber macht sich figurative theatralische Dramatik breit

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Und überhaupt ist die Stadt durchsetzt von Symbolik, auch barock-üppiger Art. An versteckten Orten findet sich wunderschöner alter Figurenschmuck an Fassaden,

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…nicht selten in Kontrast zum Neuen, Banalen, Praktischen.

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Reizende Figuren schmücken auch viele der Brunnen,

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an denen nicht minder schöne Marseillaises vorbeispazieren.

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Tauben sind fast immer dabei.

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Kurz vor der Abenddämmerung,

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wenn die Menschen aus der Metro strömen, färben sich die Fassaden.

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Zur blauen Stunde bekommen sie einen rosa-ockerfarbenen Hauch

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Das ist die Zeit, in der die Tauben am schönsten sind und sich mit den Statuen verbrüdern.

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Auf dem Heimweg vom Hafen aus nahm ich manchmal die Rue Paradies mit klassischen Profilen,

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bevors ich rechts in meine Straße einbog,

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den Code eingab, die Zwischentür öffnete und das schöne alte Treppenhaus betrat.

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Bis zur Wohnung im vierten Stock waren es über 80 Stufen.

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Auf der Terrasse konnte ich mir eine erfrischende und stärkende Belohnung nach den langen Stadtbummeln genehmigen.

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In der Nacht – wie sehr ich doch das gelbe Licht der französischen Straßenlaternen mag – dachte ich mir aus, was sich wohl hinter den Fassaden der anderen Häuser abspielen mochte im schon frühlingshaften Märzleben…,

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…bevor mich am Abreisetag schon nach der Hälfte der Fahrt wieder nackte Erde erschreckte und in den Spätwinter zurückbrachte.

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19 Antworten zu Sehnsuchtsbilder aus Marseille, ohne Meer

  1. aquasdemarco schreibt:

    Es ist komisch, ich war 2 Male dort und sogar beon Betrachten deiner Bilder empfinde ich es so. Ich mag dieses Licht dort nicht.
    Die Stadt hatte etwas bedrohliches für mich und es war nicht der Ruf dieser Stadt.
    Vielleicht komm ich ja noch mal hin und fühle noch einmal in die Stadt hinein.

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    • rotewelt schreibt:

      Dann ist das vielleicht ganz einfach nicht deine Stadt. Das Licht spielt ja für’s Wohlfühlen eine wichtige Rolle. Aber was das Bedrohliche angeht, so erging es mir mit Marseille früher genauso wie dir (auch ohne an den Ruf zu denken bzw. ich wusste damals gar nichts davon). Früher konnte ich durch Marseille nur hindurchfahren, so schnell wie möglich, bloß raus da. Die Stadt kam mir wie ein gefährlicher stinkender Moloch vor, durch die schmalen dunklen Straßenschluchten drängten sich die viel zu schnell fahrenden PKWs und viele LKWs und wir im Fluss mittendrin. Ich war immer froh, es geschafft zu haben und hatte null Interesse, die Stadt und den Alten Hafen (der damals allerdings auch noch ungepflegter und unwirtlicher war) zu besichtigen, sogar vor ungefähr zehn Jahren noch. Auch an die Campingplätze in der Nähe habe ich schlechte Erinnerungen, sie hatten die primitivsten sanitären Anlagen, das Wasser fiel aus etc.. Dass ich Jahre später überhaupt nochmal hinfuhr und gleich für sechs Tage, wundert mich im Nachhinein selbst ein bisschen. Aber es war etwas ganz anderes, mit der Bahn anzureisen und zu Fuß zu gehen oder Metro und Bus zu fahren. Die schlimme Straßenschlucht kam mir aus der Fußgängerperspektive gar nicht mehr so laut, gefährlich, eng und dunkel vor. Ich mag das Licht und auch den Duft der Stadt, der unverkennbar ist (und nicht mehr von LKW-Abgasen geprägt ist, sicher wegen der neuen Umgehungsstraßen). Wirklich schön finde ich Marseille aber insgesamt nicht, es ist vor allem die Lage am Meer, der alte Hafen, die mich anziehen.
      Ähnlich wie früher mit Marseille geht es mir übrigens noch mit Lyon, ich bin immer froh, die Stadt hinter mir zu lassen und habe überhaupt keine Lust, das alte Zentrum, das schön sein muss, kennenzulernen.

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  2. Sofasophia schreibt:

    ich war noch nie in marseille, kenne es nur aus romanen und krimis, aber deine bilder machen mich neugierig. tolle aufnahmen!

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  3. Ulli schreibt:

    immer wieder fein, deine Reiseberichte und Fotos, liebe Rotewelt, ich kenne Marseille nur vom Rande, würde schon gerne einmal näher eintauchen …

    liebe Grüsse
    Ulli

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  4. zeilentiger schreibt:

    Schöne Sehnsuchtsbilder und warme Töne. Ja, den Trost darin kann ich nachvollziehen. Und habe mir fest vorgenommen, es mir diesen Winter doch ausnahmsweise irgendwie zu ermöglichen, ins Licht zu fahren. Ich habe jetzt schon das Gefühl, das noch ganz dringend zu gebrauchen. (Wermut in Cocktails finde ich reizvoll – nur bin ich eigentlich kein Cocktailtrinker. ;))

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  5. richensa schreibt:

    Ich war bisher einmal in Marseille drinnen und mochte die Stadt, obwohl ich mich nicht in allen Ecken abends wohl gefühlt habe. Beim zweiten Mal hatte ich einen beruflichen Termin etwas außerhalb und fand es ganz schrecklich. Nicht den Termin, aber die Gegend. Es ist immer etwas anderes, so eine Stadt von innen mit Zeit kennen zulernen. Danke für die Impressionen.

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    • rotewelt schreibt:

      An den Rändern der Stadt ist es zum Teil wirklich unwirtlich, vor allem im Norden, wo sich die sogenannten Problemviertel befinden. Dorthin würde ich mich sicher nicht alleine wagen. Und auch im Zentrum gibt es Ecken, vor denen mich eine Freundin, die in Marseille lebt, gewarnt hat. Andererseits denke ich immer daran, dass man etwa auch in Frankfurt ausgeraubt werden kann, einer Bekannten wurde dort innerhalb von zwei Jahren fünfmal das Auto aufgebrochen, und die Gewalt betrunkener deutscher Männer (vor allem in Norddeutschland) schreckt mich mehr als das Risiko, dass mir jemand die Handtasche entreißen könnte. Da, wo ich in Marseille war, habe ich mich immer sicher gefühlt und bin auf sehr freundliche und hilfsbereite Menschen gestoßen. Und stimmt, von innen sieht eine Stadt immer anders aus. Danke für deine Eindrücke, richensa.

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      • richensa schreibt:

        Ja, du hast ganz Recht. Vor bestimmten Ecken (derzeit auch der Alexanderplatz) wird ja auch in Berlin immer gewarnt. Und wenn man sich etwas Zeit nimmt, einen petit café irgendwo trinkt, nicht mit der dicken Kameratasche auf der Suche nach dem nächsten Supermotiv durch die Stadt läuft, trifft man eben immer jemand auf einen Plausch, auch in der Großstadt.

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        • rotewelt schreibt:

          Ach, der Alex gilt nun auch als gefährlich… Berlin muss sich sehr verändert haben, seit ich das letzte Mal (vor sieben Jahren) dort war. Stimmt, man sollte sich nicht zu auffällig touristisch geben in einer fremden Stadt, sondern sich mehr unter die Einheimischen mischen. Als ich 2012 in Marseille war, wurde gerade viel gebaut für die Kulturhauptstadt 2013, Bushaltestellen waren nicht da, wo sie sein sollten und wann immer ich Einheimische um Hilfe oder nach dem Weg fragte, kam mir Herzlichkeit entgegen. Oft mischte sich noch jemand anders dazu und es wurde diskutiert, was der beste oder kürzeste Weg für mich wäre, sehr nett!

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  6. traeumerleswelt schreibt:

    Kenne Marseille (noch) nicht, aber die Stadt scheint deinen Bildern nach interessant zu sein. Muss dazu sagen, dass Südfrankreich im allgemeinen mir noch ziemlich unbekannt ist. Aber das wird sich sicher ändern, wenn ich mal nicht mehr auf die vorgeschriebenen Ferienzeiten meines Chefs angewiesen bin 🙂

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    • rotewelt schreibt:

      Hier habe ich ja nur einen unspektakulären Ausschnitt von Marseille gezeigt, Träumerle. Über den alten Hafen und das historische Panier-Viertel schrieb ich an anderer Stelle. Falls du den Süden näher kennenlernen willst, machst du es sicher richtig, nicht zu den Haupttouristenzeiten zu fahren, sondern in der Vor- oder Nachsaison. 🙂

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  7. ehre9 schreibt:

    Wunderschöne « Blicke »… auf die Stadt… auf die Menschen, die triefenden Hunde ! und die verrosteten französischen Briefkästen, das ist nicht in Dtschland vorstellbar… hahah… JA, hier lässt es sich leben… das Leben hat hier den Vorzug! Kein Zwang, kein Polizist, keine Angst vor der roten Ampel… lach… und schöne Fotos! 🙂

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