Über (Un)Geduld und Geschwindigkeit

Früher waren die Menschen geduldig. Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Wer einen Brief versandte, konnte nicht auf baldige Antwort hoffen. Postkutschen brauchten lange zwischen Städten und zwischen Ländern noch mehr. Zwischen Kontinenten verkehrten nur Schiffe.

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Kein Klick brachte die baldig erwartete, die ersehnte oder gefürchtete Reaktion, kein Handyton und kein Telefonklingeln. Tage, Wochen, manchmal Monate hieß es warten. Wer so lange ausharrte, glätteten sich dessen Emotionen nicht zwangsläufig, verwischten, verwuschen, ließen nach? Verpuffte das, was gestern Zorn war, allmählich? Versandete Verzweiflung zur Gleichgültigkeit? Versickerte Trauer in der Zeit? Verblassten Nach- und Vorfreude und Sehnsucht mit den Wochen oder intensivierten sie sich durch den Mangel? Blieben Gefühle beständiger, weil sie nicht von beständig neuen Nachrichten und Informationen durchgewirbelt wurden? War der Mensch gelassener, ruhte er mehr in sich? Blieben Verbindungen beständiger durch die langsame Art der Kommunikation?

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Ich weiß nicht, ob die Menschen früher gnädiger waren, großzügiger und-mütiger. Aber ich stelle mir vor, dass sie milder waren, weil sie soviel Zeit hatten, über ihre Freundschaften und Liebesbeziehungen in der Ferne zu reflektieren. Es war damals nicht so einfach, impulsiv zu sein. Bis ein Brief, vielleicht im Affekt formuliert, mit der Feder fertiggeschrieben war, verging allein schon Zeit, ihn dann noch zur nächsten Postkutschenstation zu bringen, erforderte einige Mühe. So mancher Brief wurde vermutlich gar nicht abgeschickt, sondern letztlich doch zerrissen. Heute geht vieles unredigiert und unreflektiert raus – es braucht keine Siegel, Stempel und Marken mehr – und ist nicht zurückzuholen, mit allen Konsequenzen, die das nach sich ziehen kann.

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Heute ist alles schneller und wir sind ungeduldige Zeitgenossen geworden. Immer mehr Menschen sind mit ihren Smartphones verwachsen, starren permanent auf’s Display und machen den ganzen Tag nichts anderes als auf Nachrichten zu warten und zu antworten, neben der Arbeit, beim Essen zu Zweit und wer weiß wobei und mit wem sonst noch. Es könnte ja ein Like auf Facebook gekommen sein, das wichtiger ist als alles andere.

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Schreiben wir eine Mail oder SMS, erwarten wir eine baldige Rückmeldung. Weil es geht. Ich ertappe mich selbst manchmal bei dieser Ungeduld, empfinde es als unhöflich, nicht wenigstens nach ein paar Tagen bald ein Zeichen „habe es gelesen“ zu bekommen und bin auch manchmal gekränkt. Und wehe, die Technik spielt einmal nicht mit, das Internet steigt aus oder der Handy-Akku ist leer – da gerät der nichtsahnend Wartende schon mal in Zweifel und ergeht sich in schlimmsten Vermutungen. Aber ich bin nicht mit allen ungeduldig, ich mache da ziemliche Unterschiede und das ist auch nicht fair. Meinen FreundInnen gegenüber bin ich ziemlich großzügig und verständnisvoll.

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Und gleichzeitig erfülle ich die Erwartungen anderer nach Schnelligkeit oft nicht. Es sind gerade die persönlichsten „Briefe“, für deren Beantwortung ich am längsten brauche. Früher habe ich stets sofort reagiert, aus Gewissenhaftigkeit und Pflichtgefühl heraus, auch wenn ich keine Zeit hatte, ich habe sie mir abgeknappst und anderes liegengelassen. Nicht nur, wenn jemand in Not war.

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Nun wartet eine „alte“ Freundin seit Wochen auf Antwort von mir, auf eine Mail oder einen Anruf, und ich bin noch nicht so weit. Wenn ich ihr schreibe oder mir ihr spreche (sie telefoniert sowieso lieber und dann meist stundenlang, dazu muss ich bereit sein), möchte ich auch wirklich auf das eingehen, was sie mir geschrieben hat, auf die Fotos, die sie geschickt hat, auf denen Menschen zu sehen sind, die ich wiedererkannt habe und die mich mit ihr, mit gemeinsamen früheren Zeiten verbinden. Aber ich hätte ihr wenigstens kurz danke sagen und mitteilen können, dass ich ihre Mail erhalten habe und ihr später ausführlich antworten bzw. sie anrufen werde. Das habe ich in diesem Fall versäumt, zu doof, aus diversen Gründen – keine Zeit, selbst zuviel im Kopf – immer wieder aufgeschoben, dann vergessen, schließlich war es für eine solche Kurznachricht zu spät. Ich schäme mich dafür, finde mein Verhalten nicht okay, so möchte ich auch nicht behandelt werden.

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Mit einer anderen Freundin ging es mir immer so, selbst wenn ich ihr schrieb, was mein Innerstes bewegte, wenn ich mal Probleme hatte und eine Art Hilferuf schickte, kam wochen- oder monatelang nichts von ihr und dann, wenn überhaupt, nur ein Satz zu mir und ansonsten ihr Eigenes, das immer wichtiger und viel schlimmer war als meins. Aber mich durfte sie um drei Uhr nachts anrufen, um mir heulend ihr Leid zu klagen. Nun, das ist ein anderes Thema; es gibt eben Menschen, die sich nur selbst wichtig nehmen und sich nicht in andere einfühlen können. Mit solchen Menschen kann man sich trotzdem gut verstehen, auf bestimmten lockeren Ebenen, zum Beispiel wenn man Dinge gemeinsam unternimmt, Essengehen, Weinproben, Sport, Ausflüge – gemeinsame Urlaube können aber schon mal in die Hose gehen… Um wahre Freundschaft handelt es sich aber im Grunde nicht.

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Gestern las ich auf Facebook eine Art Ausbruch von Meryl Streep, die darin schilderte, ihre Geduld sei am Ende, mit solchen Menschen und allen, die ihr nicht gut tun. Mir geht es genauso, heute habe ich den Mut, mich von Menschen fernzuhalten oder zu trennen, die emotionale Blutsauger sind und die mich nach jedem Kontakt erschöpfen. Aber es war ein langer Weg dahin. Zuviel Geduld in allen Dingen ist eben auch nicht gut, etwas mehr Gelassenheit aber kann nicht schaden, sie wünschte ich mir für mich schon manchmal.

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Früher aber war ich wahrhaft engelsgeduldig, mit allem und jedem, dabei aber schneller als heute, sehr fix in vielem, ob beim Gehen, Kochen, Lesen oder Gartenumgraben. Ich merke seit einiger Zeit, dass ich das nicht mehr mag, überhaupt will ich keine Hektik mehr. Dazu hat sicher auch mein zweites Freiberuflerdasein beigetragen (das erste war noch hektischer als das Angestelltendasein davor, oft drei Wochen ohne freien Tag durchgearbeitet bei immensem Termindruck und viel zu großer Arbeitsbelastung), vielleicht hat es mich verdorben, bequem und ein wenig faul gemacht (mir geht es mit diesen Gedanken nicht alleine so, wie ich weiß. Zum Beispiel du, Soso, wenn du das liest, gehst dir da sehr selbstkritisch auf den Grund und hinterfragst dich). Aber vielleicht ist es auch genau das richtige für mich, vielleicht ist das meine ureigene Art. Oder sie ist es jetzt und ich habe mich schlicht verändert mit den Jahren und gestehe mir nun mehr Langsamkeit zu, mehr Freiheit und Selbstbestimmung, Zeiteinteilung nach meinem Rhythmus, die ich ja auch früher schon ersehnte. Und das damals war nur ein Irrtum, eine Ablenkung, denn in gewisser Weise war ich eine Getriebene, voller innerer Unruhe, bin Ansprüchen und Bildern hinterhergerannt, die gar nicht zu meinem Wesen passen.

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Manchmal ertappe ich mich heute dabei, dass ich es hasse, durch die menschengefüllte Fußgängerzone und volle Geschäfte zu gehen. Dann habe ich die Stadt und ihr Gewusel plötzlich so satt und träume vom einsamen ruhigen Leben auf dem Land, mit Garten und Weitblick in die Natur oder – noch schöner – auf’s Meer. Aber natürlich mit Internet und E-Mail – und wehe, man antwortet mir nicht umgehend, dann werde ich ungeduldig! 😉

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6 Antworten zu Über (Un)Geduld und Geschwindigkeit

  1. Sofasophia schreibt:

    ich grinse. dachte grad, ja, das kenn ich doch irgendwie … und schon finde ich meinen namen im text …
    ach ja, was kann ich da noch anfügen. ich bin auch genau in dieser zwickmühle. wünsche mir manchmal die alte langsamkeit und genieße doch die technischen möglichkeiten.
    mit andern bin ich noch immer viel geduldiger als mit mir. aber ich lerne … und du auch, wie ich sehe. diese reflexion tut immer wieder gut. danke fürs in-worte-fassen!
    und die bilder – klasse!!!

  2. Ulli schreibt:

    so viele tolle Bilder und so viel Wahres, was du schreibst, ich fasse mir gerade an die Nase …
    ich erinnere mich gut an zerrissene und nicht abgeschickte Briefe und genauso an die emotionalen Mails, nein, ich will nicht zurück, aber bedachter mit den Emotionen umgehen schon, es gelingt mir auch immer besser, gut so … gönnen wir uns etwas mehr Langsamkeit, Geduld und Muse … wir dürfen das 🙂

    herzlichen Dank für diesen wunderbaren Artikel, liebe Rotewelt
    liebe Grüsse Ulli

  3. aquasdemarco schreibt:

    Liegt auch am älter werden und an der Weisheit. Tief in uns wissen wir was da gerade passiert und was wir da für eine Welt basteln, aber was sollen wir machen.
    Da ist die grosse Schieß vor Krieg, Inflation, Chaos, einer unsicher Zunkunft, plus Existenzangst, die Angst nicht mitzukommenund da sin die tollen Ablenkungen durch Facebook, Blogs, Spiele… .
    Und alles irgendwie nett und freundschaftlich und wenn ich nicht will, kann ich einfach offline klicken.
    Eine Zeit geht es bestimmt noch gut, aber die Realität ist mehr als ein Eimmer voller Eiswasser.
    Wir sollten die Zeit nutzen, gerade in den Blogs, sozialen Foren, Freundschaften zu schliessen, Kontakte zu knuepfen, Netzwerke zu schaffen Es wird eine Zeit kommen in der wir all das gebrauchen koennen. Zeit hat meiner Meinung nach keine Geschwindigkeit, es ist unsere Bewegung, unsere Gedanken die sie schneller werden laesst.
    Wenn du in Verona ein Konzert mit tausenden Mensche hörst ensteht vielleicht sogar ein zeitloser Raum. Die selben Menschen in der Fußgängerzone bringen Stress, alles eine Sache der eigenen Betrachtung. Im Grunde Spiegeln wir nur unsere Gefühle, etwas in der Fußgängerzone macht uns vielleicht ängstlich, oeffnet alte Erinnerungen.
    Verliebt die volle Rambla in Barcelona entlang zu schlendern macht bestimmt keinen Stress udn die Zeit steht still.
    Aber den Weitblick, den Garten haette ich ebenfalls sehr gern.

  4. richensa schreibt:

    Wunderbar zusammengefasst…
    Wenn ich daran denke, wieviel bei Jane Austen (nur als Beispiel) ein Brief bedeutete, wie er gefaltet war, wann er geschrieben wurde, und wieviel über den Inhalt sinniert wurde…
    Und wie ergeht es mir selber? Ich habe noch einige Schachteln Briefe von Menschen, die mir viel bedeuten, diese würde ich niemals wegwerfen. Heute schreibe ich so selten selber noch Briefe mit dder Hand, nur zu Weihnachten oder zum Geburtstag oder Karten aus dem Urlaub. Alles muss heute schnell gehen, Erwartungen schnell erfüllt. Nicht immer ist das gut…
    Schöne Bilder hast du zu deinem Beitrag gegeben..

  5. zeilentiger schreibt:

    Ja, wie viel Bekanntes …

  6. Pingback: Fremde Federn: Ungeduld | sunflower22a

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