Christoph ist verschwunden

Christoph ist verschwunden. Als ich das hörte, war ich nicht sonderlich überrascht. Er war ein Sonderling, fast immer gut drauf und gleichzeitig stoisch, jemand, der sowohl äußerlich als auch innerlich kompakt wirkte, dabei rund und wendig. Selten hatte er plötzlich kleine Wutanfälle, die aber immer schnell in sich zusammenfielen.

Ungefähr ein Jahr lang sah ich ihn fast täglich, es war unkompliziert, mit ihm zusammenzuarbeiten. Nur einmal hatte ich Gelegenheit, seine Wohnung sehen zu dürfen, die wohl ein Provisorium war, für den Übergang gedacht, nicht zum lange Bleiben. So ging es uns allen. Während ich jedoch meine Unterkunft und auch die der anderen noch genau vor Augen habe, bleibt von seiner nichts, was hängenblieb. Das einzige, woran ich mich erinnern kann, ist die Küchenspüle. Zusammen mit Silvia war ich dazu verdammt worden, Unmengen sandigen Feldsalates in winterkaltem Wasser zu waschen. Christoph kümmerte sich um die Champignons und briet sie in einer Pfanne. Wenn ich gedanklich hochblicke vom Spülbecken, mich umdrehe und in den Raum schaue, ist da nur eine diffuse verschwommene Leere.

Nach dem gemeinsamen Jahr verliefen sich unsere Spuren allmählich. Einmal sah ich Christoph noch mit den anderen, wir aßen griechisch am Rhein, frischten noch frische Erinnerungen auf und ich trank roten Domestica. Mit einigen der anderen hatte ich noch jahrelang Kontakt, doch Christoph war bald wie vom Boden verschluckt. Niemand wusste, wo er lebte und was er machte. Wie er lebte und ob er jemanden hatte, dem er zugetan war, hat keiner von uns je erfahren. So ist er nun also wieder verschwunden. Irgendwann wird er wieder auftauchen, vielleicht, für andere, und…

Wer etwas über den Verbleib von Christoph weiß oder ihn kannte, wende sich bitte mit literarischen Hinweisen an Jutta.

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6 Antworten zu Christoph ist verschwunden

  1. Ulli schreibt:

    schade, wohin ich auch schaue, ich kann Christoph nicht mehr sehen, dabei fällt mir ein, dass es schon eine lange Weile her ist, dass ich mit ihm einen Kaffee trank, wann war das?

  2. Sofasophia schreibt:

    Ei, du machst auch mit? Will auch. Morgen dann. Oder so. Ich mag deine Geschichte gerne. Ich hatte grad voll die Bilder vor mir, die du beschreibst und muss an WG-Zeiten von Anno Dazumal denken. Schön, dass du diese Erinnerungen bei mir geweckt hast.
    Mal schauen, ob ich etwas über Christoph erfahren werde.

    • rotewelt schreibt:

      Ja, bin schon gespannt auf deine Christoph-Geschichte, Soso! Danke dir, schön, dass ich Erinnerungen wecken konnte, die anscheinend keine schlimmen waren. 😉

  3. juttareichelt schreibt:

    Wenn ich von „Unmengen sandigen Feldsalates in winterkaltem Wasser“ lese, kommt es mir so vor, als wenn ich damals vielleicht dabei gewesen sein könnte? Gefällt mir sehr, diese Erinnerung an Christoph und wie er dadurch eine sehr spezielle Gestalt in meinem Kopf annimmt!

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