Geflohen, in die Fremde

Jenseits aller politischen Nachrichten aus allen Richtungen drücken sich entwurzelte Kinder aus Syrien und dem Irak in ihren provisorischen Flüchtlingsunterkünften die Nasen an den Fenstern platt oder treten für Minuten mal schüchtern vor die Tür. Außer der Kleidung, die sie auf ihrer Flucht am Leibe trugen, haben sie nichts oder kaum etwas. Von Spielsachen ganz zu schweigen. Während gegenüber ihrer unwirtlichen und zum Teil einsehbaren Stockbettzimmer die Smartphone-Displays deutscher Schüler auf dem morgendlichen Schulweg das Dunkel durchbrechen. Die Müllabfuhr – erst die gelben Säcke, dann die Biotonne, gefolgt von der grünen Papiertonne und schließlich der grauen Restmülltonne – wird begleitet von den christlich-katholischen Glocken des Münsters und anderer Kirchen, das läutet die Tage der Neuankömmlinge ein, die aus ganz anderen Welten kommen. Manche Frauen tragen ihr Haar offen, andere von Kopftüchern verhüllt, manche Erwachsene tragen Strümpfe, andere nur Badelatschen, im Dezember, der zum Glück noch mild ist. Ein alter leicht gehbehinderter Mann kehrt mit einem neuen Besen den nicht vorhandenen Schmutz vor der Unterkunft weg, die im ehemaligen Verwaltungsgebäude eines Altenheims eingerichtet wurde.

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4 Antworten zu Geflohen, in die Fremde

  1. Ulli schreibt:

    gut beschrieben, richtig gut, liebe Rotewelt, ach… es ist ein Elend in der Welt und wohin gehen wir? so viele, die sich das fragen und keine Antworten…
    nachdenkliche Morgengrüsse vom berg zu dir hin
    Ulli

  2. Elvira schreibt:

    Um die Ecke kommen die Mütter, die ihre Kinder in der Schule gut untergebracht wissen. Sie tragen Taschen und Körbe und Pakete. Einige Männer sind auch dabei. Und kleine Kinder mit kleinen Tüten. Freundlich werden sie vom Heimleiter empfangen. Im Speisesaal warten andere Frauen mit ihren Kindern. Die Männer sind in der Unterzahl. So stehen sie sich gegenüber, die Menschen aus der Nachbarschaft und die Menschen aus der Fremde. Eine Dolmetscherin bricht die Stille und stellt die Menschen vor. Die unsichtbare Grenze verliert ihre Kraft, als die ersten Kinder aufeinander zugehen. Päckchen und Tüten werden verteilt, Teddys, Puppen und Autos in die Arme geschlossen. Eine Eisenbahn wird von den Kindern aufgebaut. Wild durcheinander fliegen die Wortfetzen durch den Raum, Lachen erklingt, während Kaffee und Tee gekocht wird. Warme Hosen und Strümpfe wärmen die Körper, Gespräche, radebrechend mit Händen und Füßen, erwärmen die Herzen.
    So würde ich gerne weiterschreiben. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die sich für die Flüchtlinge engagieren. Weißt Du, was ich mir aber wirklich wünschen würde? Dass diese leidgeprüften Menschen auf Herzenswärme treffen, auf Mitmenschen, die sich verlässlich um sie kümmern. Aber ich bin, gerade in diesen Tagen, nicht wirklich guter Hoffnung in dieser Beziehung.

    • rotewelt schreibt:

      Eine schöne Vorstellung, ja. Dass sie auf Menschen mit Herzenswärme treffen, wünsche ich mir auch für sie. Aber eher müssen sie zurzeit wohl Angst bekommen…
      Das Helfen wird einem aber auch nicht leicht gemacht, bzw. es ist schwer, an Informationen zu kommen. Ich habe mich erst beim Flüchtlingsrat erkundigt, woher diese Flüchtlinge kommen, welche Sprachen sie sprechen, wie viele es sind, wie viele Kinder dabei sind etc., denn bevor ich einfach in die Unterkunft gehe, möchte ich das doch gern wissen und vorbereitet sein. Der Flüchtlingsrat verwies mich ans Diakonische Werk. Dort sprach ich mit einer freundliche Frau, die mir aber kaum Infos geben konnte oder wollte, nur dass es sich um illegal eingereiste Flüchtlinge – vermutlich aus Syrien und dem Irak – handelt, die mindestens drei Monate in dieser Unterkunft bleiben, wahrscheinlich aber sogar ein halbes oder ganzes Jahr. Sie wollte eine andere Mitarbeiterin ansprechen, die sich besser auskennt und sie bitten, mich anzurufen und mir auch die Telefonnummer der zuständigen Sozialarbeiterin zu nennen. Das ist jetzt zwei oder drei Tage her, niemand hat mich angerufen. Die Frau, mit der ich gesprochen habe, meinte übrigens, ich solle nicht einfach alleine dorthin gehen, sondern mit der Sozialarbeiterin, was ich insofern auch begrüßen würde, falls sie dolmetschen kann, denn Arabisch kann ich nicht. Wenn sich aber niemand bei mir meldet, gehe ich doch mal auf eigene Faust hin, um erstmal guten Tag zu sagen, vielleicht sprechen manche Englisch oder Französisch.

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