Am Jägerzaun

„Der Jägerzaun, auch Scherenzaun oder Kreuzzaun, ist ein kostengünstiger Holzzaun, der früher zum Schutz vor Wildverbiss aufgestellt wurde.“ (Wikipedia).

Heute wirken Jägerzäune altmodisch, als Inbegriff der Spießig-keit und gleichzeitig abwehrend-feindlich auch da, wo sich kein Wild verbeißen kann. Letzteres liegt an den spieß-artigen Zacken und nicht zuletzt an deren Über-Kreuz-Anordnung, was dem Gesamtbild etwas Christliches und gleichzeitig Dämonen-Abwehrendes verleiht. Beim „Tanz der Vampire“ hätte so ein Zaun jedoch eher lächerlich gewirkt.

Von meinem 16. bis 19. Lebensjahr schaute ich von meinem „Kinderzimmer“ hinaus auf einen Jägerzaun, der das Grundstück des berasten Vierfamilienhauses begrenzte. Dahinter eine kleine Straße, wiederum dahinter das Grundstück vom „Haus des Gastes“, denn es handelte sich um einen Luftkurort. Des Abends plätscherte dort ein in wechselnden Farben illuminiertes Springbrünnlein. Für mich war das ein Fortschritt, denn das Dorf, in dem ich vorher lebte, kannte nicht einmal Straßennamen geschweige denn bunte Lichter und Springbrunnen.

Eines Tages stürzte der kleine Bruder meiner besten Freundin aus unbekanntem Grund bäuchlings auf diesen Jägerzaun, spießte sich leicht auf und verletzte sich ziemlich, auf jeden Fall war es eine blutige Angelegenheit. Vielleicht hatte er die Kurve, in der das Grundstück liegt, mit dem Fahrrad zu schnell genommen. Er hatte einen Schutzengel und genas bald, ohne Spätfolgen davonzutragen. Anders erging es David, dem Sohn von Romy Schneider, denn er kam zu Tode, weil ihn die Metallspitze eines Zaunes aufgespießt hatte. Um einen Jägerzaun handelte es sich also offenbar nicht. Trotzdem. Jägerzäune sind mit Vorsicht zu genießen.

Nur wenige Jahre zuvor hatte es mich genau dort mit meinem Rad wegen übermäßiger Geschwindigkeit aus der Kurve getragen, als ich eines sommerlichen Abends aus der Batze (westfälisches Wort für „Schwimmbad“) nach Hause fuhr, wobei mein damaliges Zuhause eben noch das ein paar Kilometer entfernte Kuhdorf ohne Springbrunnen war. Das Haus mit dem Jägerzaun gab es noch nicht. Anstelle des Jägerzauns befand sich damals eine mindestens mannshohe dichte Hecke, im Vorfeld gedämmt von ungefähr brusthoher dichter Brennesselbepflanzung, die meinen Sturz hauptsächlich abfing. So kam ich mit vielen juckenden und schmerzenden Bläschen und ein paar Heckenkratzern davon, während so ein Jägerzaun…

Epilog
Als mein Vater Frührentner wurde und sich langweilte, bekam er die Schlüsselgewalt für das Haus des Gastes, stellte pünktlich die Figuren für das Außenschachspiel auf, das kaum benutzt wurde, teilte die wenigen angefragten Prospekte aus, wies auf den naheliegenden Minigolfplatz hin, auf dem wir auch oft gemeinsam spielten, und bewirtete die einkehrenden Menschen, meist Männer, die in der Mehrzahl keine Kurgäste waren, mit den von der Gemeinde erlaubten Getränken, meistens. Ich fand es dort nach erstem Stolz auf meinen so einflussreichen Vater gähnend langweilig, bis ich die kleine Bibliothek aus ausgemusterten Büchern im Aufenthaltsraum entdeckte und mir Exemplare auslieh, die ich niemals zurückgab (ich war sowieso die einzige Leserin) und von denen ich heute noch einige besitze, kaum vergilbter, als sie damals schon waren: Ich fand und las neugierig Gabriel García Márquez, D.H. Lawrence und Henry Miller. Weiß der Himmel, wie diese Bücher dorthin gelangt waren, so nah am Jägerzaun. Vielleicht gehörten sie einem ehemaligen Wildhüter oder eher einer gewissen Lady, die oft den Wald aufsuchte, der gleich dahinter begann, ungefähr auf Höhe der Batze, und wo sich erste Stelldicheins auch im Leben jenseits der Literatur…, oder es hatte sich mal jemand aus Clichy an diesen stillen Ort verirrt oder gar jemand, der erleben wollte, wie sich Einsamkeit wirklich anfühlen kann, dort, hinter dem Jägerzaun.

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8 Antworten zu Am Jägerzaun

  1. kormoranflug schreibt:

    Ja so ein Jägerzaun kaschiert bürgerlich das wilde Leben hinter den Zäunen.

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  2. rotewelt schreibt:

    Möglich. Oder auch nicht.

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  3. ehre9 schreibt:

    Wird nicht so ein spitzer Jäger-Zaun gepflanzt, um sich einen bissigen Nachbarn vom Leib zu halten? Oder umgekehrt, wer ist der bissige Hund im Haus? Lach mdr 🙂

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  4. Ulli schreibt:

    seitdem ich einen Garten mit einem Jägerzaun an zwei Seiten habe, gärtner ich nicht mehr so unbedarft … 😉
    liebe Grüsse

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