Sonnenfinster, partiell und anders

Diesmal war es anders. Nicht nur, weil der Mond die Sonne in Freiburg nur zu 71 Prozent verdeckte – no total eclipse wie 1999 bei Landau. Auch wenn Freiburg heute der erste Ort Deutschlands war, an dem die Sonnenfinsternis sichtbar wurde. Optimales Wetter kam dazu.

Diesmal fehlte auch die feierliche Stille. Nebenan lärmende Schüler auf dem Schulhof, nie hielten sie ein, ich vernahm ein genervtes „Man sieht ja nichts!“, während ich mit meiner aufbewahrten SoFi-Brille von damals vom Balkon aus den schwarzen runden Mond betrachtete, der aus der Sonne eine Sichel machte. Als der höchste Verdunkelungsgrad erreicht war, stellte ich fest, dass auch ein Lehrer anwesend war: „Mehr dunkel wird’s jetzt nicht mehr“, sagte er. Aha. Deutschstunde gleich mitgeliefert? Huch! Und schon wurden die Schüler noch lauter, wie gewohnt, als hätten sie nichts gesehen, als wäre nichts geschehen. Die Brillen waren diesmal ja auch schon lange ausverkauft, also hatten die Schüler sicher Guckverbot nach oben. Und für die subtilen Veränderungen des Lichtes direkt um sie herum hatten sie wohl keinen Blick. Das kommt davon, wenn man immer auf sein Smartphone glotzt und sowieso von der Welt wenig mitbekommt.

Kein allgemeines Innehalten diesmal. Damals schlichen wir im Stau an den verheißungsvollen Ort, an dem man am besten sehen können würde. Wie durch ein Wunder kamen wir rechtzeitig an, erklommen einen kleinen Hügel und warteten. Die unzähligen Menschen mit uns waren still und erwartungsvoll. Auch die Vögel verstummten schon länger vor der völligen Abdunkelung der Sonne. Die Landschaft färbte sich grüngrau, eine seltsame Kälte schlich sich herbei, begleitet von einem unsichtbaren Wind. Die kalte Sophie nannten wir diese Sonnenfinsternis. Wie die Eisheilige.

Heute war es nicht so deutlich, es wurde nicht Nacht, aber kälter wurde es doch. Der Himmel nahm eine bleierne Farbe an. Eine Drossel saß lange bewegungslos auf einer Baumspitze. Ein anderer kleinerer Vogel wagte ein Zwitschern. Bäume und Häuser warfen Schatten in Winkeln und einem Grauton, wie sie sie nie zuvor geworfen hatten. Fast noch intensiver als draußen spürte ich die Sonnenfinsternis in der Wohnung. Wie gewohnt an sonnigen Tagen drangen die Sonnenstrahlen herein, aber sie erhellten die Räume nicht. Es war, als seien die Rolläden heruntergelassen, die Lichtflecken auf dem Parkett ein Tag-Trugtraum, eine optische Täuschung: Sonne, die Dunkelheit bringt. Seltsam unruhig fühlte ich mich und in gewisser Weise demütig, dem Kosmos ausgeliefert.

Dann, allmählich, wurde die Welt wieder normal und alles kehrte zurück in die Gegenwart. Die nächste partielle Sonnenfinsternis in Deutschland könnte und will ich noch erleben, bei der nächsten totalen werde ich eh längst im Dunkeln weilen.

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10 Antworten zu Sonnenfinster, partiell und anders

  1. Philipp Elph schreibt:

    Die Stille fehlte. Das war wohl der große Unterschied zu 1999, als es dunkel wurde, kaum noch Autos auf der sonst so befahrenen Prinzregentenstraße in München fuhren und Vogelgezwitscher für einige Minuten verstummte.

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    • rotewelt schreibt:

      Ja, es war zwar heute etwas stiller als gewöhnlich an einem Wochentag um diese Urzeit, aber… Ach, sogar mitten in München war es damals ruhig, an diesem Ort… Wahrscheinlich sieht man sich das Spektakel heute lieber später online und nicht direkt an? Ich kannte ja auch mal jemanden, der wiederholt sagte, Venedig müsse man nicht besuchen, es gebe ja Filme darüber…

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  2. aquasdemarco schreibt:

    Da gehst du aber mit den Schülern und deren ungebremste Lebensfreude ins Gericht:-).
    99 war ich in Südengland und habe Bilder gemacht. Erst war blauer Himmel, später dunkel, kalt, unheimlich und es zog Wind auf.
    Ich glaube es gab auch eine Springflut.
    Ich finde es immer Listig, wenn Menschen meine Astrologie, wäre doch Quatsch, Sterne könnten nichts beeinflussen, dabei bewegt schon der kleine Mond Gemüter und Meere.
    Nimm es gelassen, du hast noch unendlich viele Leben😄

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    • rotewelt schreibt:

      Ach, ich war nur genervt, weil ich mir Stille gewünscht hatte. Aber vielleicht werde ich auch alt, lach!nd)
      Südengland, wie schön, warst du in Cornwall? In Frankreich sollte es heute oder hat schon (bin nicht auf dem aktuellen Stand) auch eine Springflut geben mit einem tidenhub von circa 14 Metern am Mont St. Michel! Sicher beeindruckend, von einem sicheren Plätzchen aus gesehen. Doch doch, ich sehe es auch so, die Sterne beeinflussen eine ganze Menge. Man muss ja nicht die Zeitungshoroskope als Grundlage nehmen. Mal gucken, wie viele Leben ich noch habe, doof ist nur, man merkt nicht, falls und als wer man schon mal gelebt hat… 🙂

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  3. aquasdemarco schreibt:

    Sollte lustig lauten und nicht listig

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  4. richensa schreibt:

    Ich hatte Stille, naja, relative, denn ich saß im „stillen Abteil“ eines Zuges u war froh, nicht in einem der beiden komplett von einem großen Schulausflug gebuchten Waggons zu sitzen 😉

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  5. kormoranflug schreibt:

    Ein schöner Badmantel so am Morgen.

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