Schmidt-Schnauze, leiser geworden, aber…

Ich weiß nicht, wie viele Jahre ich nicht „Maischberger“ gesehen habe, jedenfalls eine lange Zeit. Immer der gleiche Fernseh-Mist. Auch in Nachbarprogrammen. Irgendwie noch zu unruhig heute Abend, zappe ich wild herum und lande dort, bei Helmut Schmidt als Gast. Er spricht leicht schleppend, fast lallend, als sei er nicht ganz Herr über seine Zunge, als habe er… etwas zuviel getrunken. Und wie immer raucht er seine Zigaretten, obwohl das ja heute im nicht privaten Raum bzw. ein No Go ist. Doch, er darf es, setzt das durch, darüber muss ich schmunzeln, und er ist ganz wach und da und geistig total nüchtern, man darf sich nicht täuschen lassen.

Ich wusste nie so genau, was ich von diesem Politiker halten sollte. Ich war und bin sozusagen ambivalent ihm gegenüber. Der Mann steht einerseits für eigenen Willen, Mut und Konsequenz, anderseits eben auch für Härte und Sturheit; er hat die „Fähigkeit“, das Leiden von Einzelschicksalen komplett auszublenden. Ich werde hier nicht auf die RAF-Geschichte eingehen. Ich fand ihn oft zu hart, fast unmenschlich, das Ganze über einzelne Schicksale stellend. Aber damals immer noch besser als die Alternative, die CDU hieß. Dass er aber in der „Zeit“, in dieser Zeit, auch um Verständnis um die Sichtweise Putins im Ukraine-Krieg warb und die Putin-feindliche Welt, vor allem Europa, zu Zurückhaltung aufrief und vor einer möglichen Eskalation, gar einem neuen Weltkrieg warnte, hat mir Respekt abgerungen. Er denkt ja doch differenziert – oder besser: Er hat das Ganze im Blick. Die Welt. Der Mann ist 96!

Nach Brandt, ihm und Weizsäcker habe ich kaum einen deutschen Politiker seiner Intelligenz und Klugheit, Weitsicht gesehen. Brandt kam öffentlich wärmer rüber, hatte aber privat auch seine Schwächen, Weizsäcker war ebenfalls nicht frei von Schuld. Paffpause. Ich gucke die Sendung nicht zuende, ich mache jetzt einfach Schluss, ganz unausgewogen.

Dummes Zeuch! Sprach Schmidtschnauze mal wieder. Ich würde mir heute mehr Schnauze wünschen, in die eine und andere Richtung, nicht demagogisch, sondern aus Überzeugung, aus Courage, weniger Hinundherwinden, mehr Klarheit, an der man sich wenigstens reiben kann. Die großen Politiker seiner Art scheinen mir ausgestorben zu sein. Auch wenn ich längst nicht immer mit Schmidt einverstanden war, hat er wenigstens die Klappe aufgemacht und sich nie verbiegen lassen.

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6 Antworten zu Schmidt-Schnauze, leiser geworden, aber…

  1. eckisoap schreibt:

    das bringst du gut auf den punkt. ich habe zwar nur den anfang geschafft, weil mich dann doch der schlaf übermannt hat, aber ich sehe das wie du.
    ja, diese menschen, die für ihre sache einstehen und sich nicht verbiegen lassen, die fehlen gänzlich.
    leider!
    danke dir für diese zusammenfassung!

  2. Anhora schreibt:

    Überleg mal, warum es nur wenige Politiker gibt,die sich nicht verbiegen lassen? Richtig. Sie sind nicht lange im Amt. Klugheit und Weitsicht finde ich die weitaus höheren Werte, da konnte Schmidt natürlich gut mitmischen. Andere aber auch. Wieder andere nicht. So isses halt.

    • rotewelt schreibt:

      Tja, Macht und Priviliegien kriegen jeden rum…? Fast jeden, würde ich vermuten, traurige Wahrheit… Viele Polititker von heute – jedenfalls die, die was zu sagen haben – empfinde ich auch nicht als klug und weitsichtig. Merkel sitzt wie Kohl alles aus (zumindest innenpolitisch) bzw. bleibt fest im Sattel, und die anderen Parteien, die früher noch den Mund aufgemacht haben, tragen brav alles mit. Gähn.

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