Frisch aus dem Höllental

Der Mond ist noch längst nicht voll, aber er tut so. Leuchtend scharf projiziert er mein Scherenschnittprofil auf die Hauswand, obwohl ich nicht gesehen werden will. Ein wenig eingedellt gibt er sich, doch lächelt er vor sich hin und ein schaukelnder Zweig verleiht ihm die Aura eines Zigarrenrauchers.

Sommerabend, jedenfalls eine Ahnung davon. Wird ja auch Zeit, denn schon sind die Tage wieder kürzer geworden.

Meine Urlaubserinnerungen sind… Erinnerungen, wenngleich schöne. Von ewig lauen Abenden auf der Terrasse. Geräuschkulisse: Keine. Allenfalls ein Windhauch, fremde Vögel, Froschkonzerte oder Meeresrauschen.

Hier rauscht es nun auch, seit gestern. Das ist nicht irgendein normaler Wind, wie ihn jeder kennt, das ist der Höllentaler. Seine Zeit ist der Abend. Wie der Name schon sagt, kommt er aus dem Höllental hierher, bis nach Freiburg hinein. Das erste Mal erlebte ich ihn auf dem Münsterplatz, da wohnte ich noch gar nicht hier. Er brachte Erfrischung nach einem schwülheißen Sommertag.

Inzwischen kenne ich ihn schon länger. Abkühlung bringt er immer noch, der Wind aus dem Schwarzwald. Dabei wirbelt er umher wie ein kleiner Mistral und kann gänsehautfrostig sein. Mal ist er Wohltat, mal Fluch.

Heute ist er mir… nichts von beidem, er ist, was er ist, ein Wind, der aus dem Höllental kommt. Nur, wie schafft er es, aus dem Tal nach oben zu steigen und dann wieder nach unten? Frage ich mich. Aber am faszinierendsten finde ich, dass er nicht nur Bewegung in die Stadt bringt. Nein, er bringt auch Duftschwaden mit sich.

Da, wo ich wohne, erstreckt sich zu drei Seiten die Stadt. An der vierten Seite liegt der Schlossberg, der Hausberg Freiburgs. Ein Wald. Keine Landwirtschaft, nirgends. Und trotzdem, man mag es kaum glauben:: Seit gestern, wie an manchen anderen Sommertagen, riecht es bis in meine Wohnung nach Landleben. Genauer, nach Stall, noch präziser: nach Kuhstall. Oh, ich weiß, wie Ställe duften, habe ich doch einen Großteil meiner Kindheit auf dem Bauernhof gegenüber verbracht, im Heu, im Stroh, in Ställen bei den Tieren, auf Äckern, Wiesen und Feldern. Da kann mir niemand was vormachen.

Also inhaliere ich mit Verwunderung – ohne Ekel, ohne Verzücken, sondern ganz neutral – diesen Kuhstallgeruch und wundere mich, wie er den weiten Weg bis in die Stadt schafft. Derweil kühlt der Höllentaler meine nackten Arme, die Finger bleiben vom Tippen wohltemperiert. Der Quartierkater hat seine gewohnten Abendtöne abgegeben, von den Menschen sind wie meist hierzulande kaum verzückte Singereien zu hören, wenn das Kindergeschrei, das Männergrölen und die Frauendiskussionen verstummt sind. Man und frau ist diszipliniert bis ins Schlafzimmer (sorry wegen der noch dazu pauschalierenden Abschweifung, aber wenn ich denn mal was gehört habe, dann vor allem in Frankreich oder mal in Italien, aus dem Nebenzimmer im Hotel oder aus einer anderen Ferienwohnung).

Nur der Wind ruht selbst hier nicht, für heute scheint er sich viel vorgenommen zu haben. Ich sollte jetzt auch mal ins Bett gehen. Wie passend: Die Glocken des Münsters läuten die erste Stunde des neuen Tages ein.

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9 Antworten zu Frisch aus dem Höllental

  1. Der Emil schreibt:

    Mitfühlbar. Riechbar, wenn der Unterschied zwischen den Stallgerüchen wie hier bekannt ist 😉

    • rotewelt schreibt:

      Ah, ich sehe schon, da kennt sich noch jemand aus. 😉

      • Der Emil schreibt:

        Dorfkind halt, Großeltern hatten selbst Hof mit mehreren Schweinen und 2 Kühen, noch 1970 rum. Und Schaf und Ziege kenn ich auch. Wobei: Mist riecht auch nochmal anders als Gülle.

        • rotewelt schreibt:

          Verstehe! Und, oh ja, zwischen Mist und Gülle besteht olfaktorisch ein Riesenunterschied!!! Wer einmal zwischen Osnabrück und Oldenburg unterwegs war (ich war dies eine Zeit lang häufig) und die mit (vor allem mit Hühner-)gülle begossenen Äcker der Schweine- und Hühnermassentierhaltungsbarone gerochen hat, vergisst das nie! Würg! Der Misthaufen des Nachbarn dagegen, direkt unterm Fenster vorm Plumpsklo gelegen, roch geradezu würzig-frisch! Na ja, fast… 🙂

  2. Jürgen EHRE schreibt:

    Hmmm…schwüle Sache! lach 🙂

  3. Ulli schreibt:

    das reicht gut, vielleicht auch weil es sich verdünnt hat? Auf dem Weg vom Höllental in die kleine Stadt?
    Apropos Schlafzimmer: das kenne ich aber auch aus D, zumindest aus Berlin … 😉
    herzlichst Ulli

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