Shut up!

Es ist ja bekannt, dass man heutzutage an öffentlich zugänglichen Plätzen durch Telefonate belästigt wird, ob am Flughafen, im Supermarkt, beim Friseur oder indem einem ein Handytelefonierer vors Auto läuft. Eine gewisse Abstumpfung ist bei mir jedenfalls eingetreten. Was die private Umgebung betrifft, aber nicht.

Im Sommer sitzen alle auf ihren Balkonen. Man unterhält sich mit dem Partner, en famille oder mit Freunden, man lacht, hört vielleicht Musik, manche sind allein, manche grillen, manche rauchen selbst – egal, es ist Sommer, das gehört dazu, zum Leben, jeder soll nach seiner Façon glücklich werden.

Aber eins kann ich nicht leiden. Warum gehen Menschen extra hinaus auf den Balkon, um zu telefonieren?! Am Netz liegt es jedenfalls nicht. Manche sind gar die ganze Zeit in ihrer Behausung, aber wenn’s um Telefonieren geht, öffnen sie die Balkontür, damit die anderen auch ja alles mitbekommen. Und ich mich nicht mehr konzentrieren kann auf die Arbeit, die Privatlektüre oder eben die „normale“ Stille. Ein Telefonat ist nämlich was anderes als eine normale Unterhaltung. Man hört nur die eine Seite und das allein irritiert, auch wenn man nicht zuhören will. Ich will immer weghören. Aber nicht zuzuhören kann ganz schön schwierig sein, anders als bei normalen beidseitig hörbaren Unterhaltungen, die kann ich eher ausblenden.

Zwei Nachbarn hatten Besuch, beide Besuche nutzten den Balkon, um sich dort ausgiebig per Handy mit Verwandten etc. zu unterhalten, zum Teil sogar in Gegenwart ihrer Gastgeber, die währenddessen zum Schweigen verurteilt waren, egal, welches Grillgut da gerade auf den Verzehr wartete oder verspeist werden wollte. Das Alter der Telefonierer spielte dabei übrigens keine Rolle (aber immer waren es Frauen, die sind überhaupt, was die Sommersaison auf Balkonien und im Garten angeht, die Lautesten und Rücksichtslosesten, wenn man von halbsterkan Jungs mal absieht, wie ich schon lange festgestellt habe, die reden auch noch um ein Uhr nachts so laut und oft dozierend, dass man kein Auge zubekommt).

Was ist das? Es fehlt an Höflichkeit und Respekt vor den Mitmenschen. Aber die Leute haben anscheinend auch gar kein Interesse mehr, ihre Privatsphäre zu schützen. Ungefragt, es wird einem geradezu aufgedrückt, bekommt man auf Balkonien ganze Familiengeschichten und auch wichtige geschäftliche Anrufe mit, in allen Details und Tonlagen.

Ich will das nicht hören, ich will das alles nicht wissen. Selbst käme ich niemals auf die Idee, für alle hörbar meine Anrufe zu tätigen. Im Gegenteil, ich schließe die Türen, denn meine Anrufe gehen nur mich etwas an und ich will meine Umwelt in Ruhe lassen und nicht belästigen.

Die letzten Tage ist es ganz extrem in meiner Nachbarschaft, es macht mich aggressiv, gerade eben habe ich die Balkontüren extralaut zugeknallt, vor Wut, weil der Besuch der Vermieter nebenan mich mit ihrem Privatkram belästigt hat. Warum werden alle immer lauter und rücksichtsloser?

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9 Antworten zu Shut up!

  1. Dina schreibt:

    Deswegen kommen immer mehr und mehr Kniggebenimmdich mit deinem phone auf dem Markt, wir haben es dringend nötig. Ich bin sehr viel unterwegs und sitze manchmal 2-3 Stunden in Flughafenbusse (im Bus und Bahn ist es bestimmt nicht anders, nur die benutze ich kaum) ; mich ärgert es wie viele, so bald sie gemütlich in der Öffentlichkeit sitzen, ihr Handy rausholen um endlich in Ruhe lang und ausgiebig mit Gott und der Welt zu telefonieren. Ich will es nicht hören, wenn es möglich ist, wechsele in den Platz. Auf den Balkon geht das nicht, mich würde das auf der Palme bringen.
    Ja, warum werden alle immer lauter und rücksichtsloser? Eine Frechheit ist das.

    • rotewelt schreibt:

      Danke dir, Dina, ich sehe, du verstehst mich. Nur eine Antwort auf die Frage, die haben wir noch nicht… Schimme Zeit, ja, und immer frecher, die Menschen! 😦

      • Dina schreibt:

        Stimmt. 😦

        • Ulli schreibt:

          ich schliesse mich euch beiden einfach an, auch wenn ich ja keinen Balkon habe und auch keine nervenden Nachbarn, mich nervt das schon, wenn ich in den Städten unterwegs bin, wohl mit ein Grund warum ich das Landleben dann doch vorziehe, auch wenn es manchmal etwas hart an der Grenze ist, wie gerade eben mit der Balsmusik von gegenüber … na gut, zweimal im Jahr … seufz … und ich hatte es vergessen und bin nicht geflohen 😉
          liebe Grüsse an euch beiden
          Ulli…

  2. traeumerleswelt schreibt:

    Ich erlebe das im Wartezimmer..da wird hemmungslos telefoniert, noch dazu in einer Lautstärke, die mein Chef sogar im Wartezimmer hört.
    Früher wurde das deszent gemacht oder vor die Türe gegangen, aber jetzt wird es immer schlimmer. Musste schon mehrmals eingreifen, aber da wird man nur verständnislos angeschaut 🙂

    • traeumerleswelt schreibt:

      sollte Sprechzimmer beim Chef heissen 🙂

    • rotewelt schreibt:

      Stimmt, das ist auch rücksichtslos und sie merken es nicht einmal… Es gibt keinen Ort mehr, an dem die Mitmenschen nicht belästigt werden, nirgends hat man mehr seine Ruhe. Kürzlich war ich beim Zahnarzt, er hatte einen neuen Zettel an der Tür mit der Bitte, auf Handytelefonate im Wartezimmer zu verzichten. War wohl nötig…
      Mehr noch als die Rücksichtslosigkeit wundert mich, dass alle ihr Leben (und auch geschäftliche Dinge) derart vor anderen offenlegen… Kein Bedürfnis mehr nach Privatheit? Kein Schamgefühl auch? Diskretion ist zum Fremdwort geworden…

  3. richensa schreibt:

    Ich fahre ja häufig Zug, da wird auch ohne Ende telefoniert, auch gerne in den Waggon, die extra als Ruhewagen ausgewiesen sind, ebenso im Speisewagen. Ich wurde allerdings einmal rüde daraufhingewiesen, obwohl das Telefon nur bimmelte, ich den Anruf aber abgewiesen hatte…

  4. Solminore schreibt:

    Ein emergentes Phänomen: Das Mobiltelephon macht eine Anlage sichtbar, die es sicherlich auch früher schon bei Menschen gegeben hat, deren Auswirkungen mangels Ausdrucksmöglichkeit aber unsichtbar bleiben mußten. Faszinierend, aber deswegen leider nicht weniger nervig.

    Manchmal schaue ich im Zug oder in der Straßenbahn um mich und zähle sie: Einer, und noch einer, da wieder eine … manchmal stehen vier, fünf Personen um mich rum — und alle starren sie gesenkten Hauptes auf ihr Schächtelchen.

    Lächerlich.

    Aber insofern nicht weiter störend, als sie das ja schweigend tun.

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