Hôtel Victoria – 112 Rue de France, 77300 Fontainebleau

Schon komisch, manchmal stößt man sogar im TV auf Sendungen, die etwas in einem erwecken und Erinnerungen auslösen. Gerade sah ich wundervolle Klavierkonzerte und irgendwann ging es in Richtung Chopin und wer Bach lieber mag (klar, kein Vergleich und trotzdem), dem sei es unbenommen…

Nach Fontainebleau, etwa eine halbe Autostunde südlich von Paris, fährt man normalerweise, um das imposante Schloss zu besuchen und sich französischer Geschichte zu widmen oder wenigstens wegen des schattigen Waldes im Hochsommer. Aber es soll auch Pariser geben, die einfach mal raus wollen aus dem Moloch, um hier für ein Wochenende durchzuatmen. Meine Motivation war noch profaner, Entschuldigung, pardon, aber der Ort liegt einfach günstig, ergibt ein ideales Etappenziel auf dem Weg von der Bretagne nach Freiburg. Gut gefällt mir außerdem, dass im Hotel Victoria schon George Sand und Alfred de Musset logiert haben. Ich mag alte Häuser, sie atmen Geschichte, tragen Geheimnisse in sich.

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Schlicht und beinahe etwas streng wirkt die neu-alte Fassade.

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Der erste Eindruck ändert sich jedoch…,

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…sobald man die Einfahrt durchquert hat…

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…und durch den parkähnlichen Garten gehen „muss“, um zur Rezeption zu gelangen.

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Mein Zimmer riecht dummerweise penetrant-streng nach frischem Lack und die angekündigte Minibar fehlt, aber ich werde auf meine Beschwerde hin sofort und freundlich umquartiert. Es gibt übrigens ältere größere und die kleineren so genannten Designzimmer (nun ja…), von denen ich wohl eines hatte.

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Das Haus, bestehend aus mehreren Gebäuden und mit zwei separaten Eingängen. ist vermutlich nichts für Hyper-Perfektionisten und Liebhaber des Steril-Genormten. Die schönen Holzböden knarren laut und unter manchen Türen kann man hindurchsehen, aber ich habe mich hier sehr wohl gefühlt.

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In einem kleinen angenehmen Salon steht sogar ein Klavier. Schade, kein spielfreudiger oder fähiger Gast in Sicht!

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Man fühlt sich frei hier, hat viel Raum, denn das Grundstück ist unerwartet groß.

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Der Garten verlockt zum Lustwandeln, schöne alte Bäume gibt es, grüne Winkel und außerhalb der Terrasse steht noch mehr Gartenmobiliar auf dem Rasen verteilt.

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In der Einfahrt erfreut ein alter Brunnen.

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Und auch einen alten Kaminofen gibt es noch.

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Wie war das wohl mit George Sand und Alfred de Musset, die 1833 bis 1834 eine heftige, aber ziemlich schmerzvolle Liebesaffäre hatten? Ob sie auch hier ihrer von de Musset beklagten Arbeitswut verfallen ist und der Arme ausschließlich allein den Garten durchstreifen musste? Doch da holt mich ein älterer amerikanischer Herr in die Gegenwart zurück. Übermäßig präsent in diesem diskreten Umfeld à la Française telefoniert er laut und Kaugummi kauend (ich schwöre es!) mit dem Handy. Obwohl er auf der Terrasse an der Hauswand sitzt, hört man ihn bis in den letzten Parkwinkel. Später begegnet er mir auf dem Weg, kariertes Hemd und Schirmmütze, seine Frau, mit viel Rosa am Leib und einem Touch davon im Silberhaar, ein paar Schritte hinter ihm. Ihr aktzentfreies freundliches „Bonsoir, Madame“ macht mich ganz perplex und meine Antwort kommt verzögert.

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Meistens ist es aber recht ruhig, man hört Vogelgezwitscher…

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und zwei kleine englische Mädchen mit blondem Haar und rosa Kleidchen tanzen singend im Garten umher wie Elfen – hier haben sie sich gerade im Kindergartehäuschen versteckt! Pssst!

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Hach, Am liebsten würde ich im Garten picknicken! Aber auf die Idee sind offenbar schon andere Hotelgäste gekommen… Das ist nicht gestattet!

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Schade eigentlich. Das Hotel hat kein Restaurant, bietet aber dennoch auf Bestellung täglich ein Menü. An diesem Tag gibt es drei Gänge für 16 Euro: zuerst Salat oder Suppe, dann Hähnchenspieß und ein zweites Gericht, das ich vergessen habe, und zum Dessert Schokoladen- oder Zitronenkuchen. Das Essen kann man sich auf dem Zimmer, im Frühstücksraum oder auf der Terrasse servieren lassen.

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Mir ist aber nicht nach drei Gängen, also bestelle ich zwecks weiterer Planung einen Porto und genieße ihn auf der leeren Terrasse.

Dabei komme ich mit der Rezeptionistin, die tagsüber auch für den Barservice zuständig ist, ins Gespräch. Sie erzählt mir, dass ein Pool und ein Jacuzzi hinten im Park geplant seien, eigentlich für diesen Sommer schon. Sie hofft – wie ich – dass das natürliche grüne Ambiente dadurch nicht beeinträchtigt wird, denn sie mag diesen Garten, aber das Gelände ist groß genug dafür. Überhaupt scheint sie das Hotel zu mögen, macht ihre Arbeit hier gern und ist genau richtig dafür mit ihrer freundlichen, kommunikativen, aber unaufdringlichen Art. Sie kann meinen Akzent nicht einordnen (huch, dann habe ich heute wohl wieder mal einen, wie ärgerlich), sucht aber nach einem französischen Landstrich – na ja, Glück gehabt, ganz so schlimm ist es ja doch nicht! Oder noch schlimmer! Nun will ich aber auch wissen, woher sie kommt. Mit ihrem Teint, ihren dunklen Augen und Haaren könnte sie eine Südfranzösin sein, aber da steckt was Exotisches drin, das ich nicht zuordnen kann. Ach so, die Mutter kommt aus Mauritius und der Vater aus Pakistan. Eine Mélange und in Frankreich aufgewachsen sei sie, erklärt sie mir. Aber was für eine gelungene hübsche Mischung, muss ich ihr nun doch sagen, was sie freut. Also, wenn ich ein Mann wäre oder den Frauen zugeneigt, würde ich sicher ein bisschen baggern, denn ihre charmant-natürliche Art, gepaart mit ihrem Aussehen und ihrer Grazie…, aber so ist es ein kleiner Flirt unter „Normalo“-Frauen – auch mal schön.

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Es wird Zeit, sich aufzumachen, um die Restaurants zu inspizieren. Das Hotel liegt in einem Wohnviertel, aber in fünf Minuten Fußweg hat man das Zentrum mit einem ersten Stück Fußgängerzone erreicht. Viele kleine hübsche Läden und zahlreiche Restaurants mit französischer, marokkanischer, italienischer, chinesischer und indischer Küche – sogar eine australische Kneipe erblicke ich –, hier dürfte jeder fündig werden.

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Das Frühstück nehme ich mit Blick auf den Garten zu mir, leider ist es noch etwas zu frisch, um auf der Terrasse im Schatten zu sitzen.

Ein schönes Ziel für eine Zwischenübernachtung mit Charakter habe ich da erwischt, ein richtiges und kein Fast-Hotel diesmal!

(Aktualisiert am 17. April 2015 und am 4. Februar 2016)

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2 Antworten zu Hôtel Victoria – 112 Rue de France, 77300 Fontainebleau

  1. Pingback: Die 16. Woche, 2015 | rotewelt

  2. Jürgen EHRE schreibt:

    Chopin ? Piano im Wald, lauschende steife Ohren, schöne Frau, schöne Schultern und schöner roter Mund für ein effektvolles Chopingeklimper… Geklimper… Geklimper…usw. klapp klapp klapp… Rauschender Beifall… lach… Sonst…sehr interessanter Bericht! 🙂

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