Um- und Wegziehen

Neue Nachbarn ziehen ein, am dunklen Abend. Hannover-Freiburg. Ein Paar um die 30 wieder, vermutlich. Ich schaue aus dem Küchenfenster und da steht ein mittelgroßer Miet-LKW, in der Größe, wie ich ihn auch schon selbst gefahren habe, Führerschein Klasse 3 reicht. Lange her. Erinnerungen drängen sich auf. Alle Umzüge haben wir so erledigt, mit Freunden. Bis auf die letzten zwei, da wurden Umzugsunternehmen engagiert. Einmal bezahlte es die Firma, einmal gebot es sich so.

Hannover-Freiburg. Ich habe diese Etappe nicht direkt genommen. Da lag Einiges an Orten dazwischen, immer mehr habe ich mich gen Südwesten geschraubt im Lauf der Jahre und bis auf einmal gab es immer einen konkreten Anlass, eine „Zielberechtigung“. Nun sehe ich junge Männer und eine junge Frau, mit Jeans und Sweatshirts, wie ich, wie wir damals, nur eben direkt aus Hannover. Sie wirken so, als hätte die bestimmt sechsstündige Fahrt ihnen gar nichts ausgemacht. Kommt mir bekannt vor. Mir wird wehmütig, traurig auch. Nochmal neu anfangen, egal wo. Immer war es schön und aufregend, spannend, ich habe es geliebt, liebe es immer noch, woanders zu sein, da mir das Heimatgefühl fehlt. Komisch, und trotzdem erfordert es heute Mut, bis vor wenigen Jahren hatte ich gar keine Angst.

Hätte ich heute noch die Kraft, einen Umzug so zu wuppen? Na ja, andere konnten das nie, insofern besteht Hoffnung: Wann war das noch, erinnere mich nicht mehr, da halfen wir Arbeitskollegen/Freunden bei einem Umzug, der nur über ungefähr fünfzehn Kilometer Distanz ging. Aber es war der schlimmste Umzug aller Zeiten, den ich nie vergessen werde. Voller Tatendrang stürmten wie die Wohnung – und nichts war vorbereitet. Kein Schrank ausgeräumt, kein Tisch abgeräumt, das Home-Office der Dame noch verkabelt im Schlafzimmer. Ein hoffnungsloser Fall. 13 Stunden lang taten wir mit den anderen Helfern unser Bestes, lieferten selbst aus privatem Fundus die nicht organisierten Umzugskartons, während die Umziehenden hilflos danebenstanden, sich im Keller orientierungslos drehten und dann gänzlich unsichtbar wurden. Mein Mann fuhr den Umzugswagen, ich schleppte ganze Küchenoberschränke allein, nur damit wir fertig wurden, ebenso engagierten sich die wenigen anderen Bekannten und Verwandten und wir gaben unser Letztes, nur damit dieser schlimme Umzug mal vorbei sein würde. Nach 13 Stunden wieder zuhause angekommen, versank ich in der Badewanne, danach aßen wir ein Stück bestellte Pizza. Niemals wieder in meinem Leben war ich so kaputt, alle Knochen taten mir weh. Seitdem möchte ich bei keinem Umzug mehr helfen.

Die heute Abend sehen trotz Gepäcks frischer aus, sicher war alles besser organisiert. Wie bei uns immer. Da konnte sich kein Helfer beklagen. Na ja, vielleicht über die vielen Terrassenpflanzen, zum Teil vollkommen verrankt in diversen Gittern, aber alle lachten nur beim Entflechten und darüber, dass es eine Extra-Pflanzenfahrt mit dem LKW gab. Danach bekam wenigstens jeder was zu essen, während nach dem 13-Stunden-Horrortrip der Bekannten jeder für sich allein sorgen musste.

Ob mit oder ohne Hilfe, wie würde es heute sein umzuziehen, wegzuziehen, neu anzufangen an einem Ort, an dem man niemanden kennt? Das Leben scheint nicht mehr endlos, so fürchtet man sich vor Konsequenzen, ich fürchte mich ein wenig. Und die Freunde sind längst überallhin verstreut, manche Kontakte wegen der Entferungen auch eingeschlafen. Aber wenn man etwas ändern muss, sollte man doch, sonst… Ich strecke meine Fühler aus, in diverse Länder. Doch wieviel Mut bleibt mir wirklich?

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7 Antworten zu Um- und Wegziehen

  1. tikerscherk schreibt:

    Wenn Du es musst, dann sollst Du es tun, umziehen. Vielleicht probeweise, mal zwei-drei Monate und die aktuelle Wohnung solange behalten.
    Hast Du immer noch soviele Pflanzen? Wenn sie mitkommen ist man schneller Zuhause, oder?
    Schöne Grüße aus Kreuzberg

    • rotewelt schreibt:

      Manche Entscheidungen müssen lange reifen. Aber das mit dem probeweisen Umzug (auch früher schon gemacht) ist natürlich auch heute eine Option. Nein, ich habe nur noch wenige Pflanzen und ich hänge nicht mal mehr an ihnen, ich hänge kaum noch an etwas, wie ich feststelle, nur wenige Dinge/Gegenstände sind mir wirklich wichtig.

  2. Ulli schreibt:

    Wann wenn nicht jetzt?!

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