Der Samstagsmarkt – Tropea

Kalabrien war nach Kampanien die zweite Region des Mezzogiorno, die ich besucht habe. Inzwischen war auch Apulien dran, aber darüber berichte ich später. Auf jeden Fall hat sich Kalabrien besonders bei mir eingebrannt, vielleicht auch, weil ich dort allein unterwegs war.

Eigentlich wollte ich dem Friedhof von Tropea einen Besuch abstatten, bei diesem unentschiedenen Wetter. Doch auf dem Weg dahin fiel mir das Gewusel auf und wieder ein, dass ja am Samstag „richtiger“ Markt ist, also nicht nur die gewohnten täglichen Stände auf mich warteten. Na, da musste ich aber hin, und zwar auf den kleinen alten Markt oberhalb der Altstadt, auf dem es vor allem Lebensmittel aus der Region gibt (parallel dazu findet „unten“ noch ein Markt statt, auf dem man sich mit Kleidung und Schuhen versorgen kann). Flugs Augen aufgesperrt und doch glatt einen Parkplatz ergattert für meinen piccolino Fiat Cinquecento – das Glück war mir hold, sono stata fortunata!

Auf den ersten Blick bin ich etwas enttäuscht von diesem großen Parkplatz, der den Ständen eine eher schäbige Bühne bietet, denn nicht nur wegen des diesigen Lichts strahlt der Markt weniger Farbigkeit aus und ist auch längst nicht so adrett wie andere italienische Märkte mit ihren gestreiften leuchtenden Markisen. Kalabrien ist eine arme Region mit wenig Industrie, ein Bauernland.

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Allgegenwärtig sind hier die Cipolle rosse, die roten Zwiebeln, natürlich müssen sie unbedingt aus Tropea sein! Es heißt, man könne sie wegen ihrer milden Süße und Fleischigkeit wie einen Apfel essen – das finde ich nun doch etwas übertrieben, aber sie schmecken tatsächlich vorzüglich und finden sich in vielen Speisen.

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Mandeln, Nüsse und andere Knabbereien, Buongiorno Signori, jungen Käse, Olivenöl und Wein findet man ebenso wie die deftigen Würste und allerlei Eingelegtes, natürlich auch Confit von der roten Zwiebel, das man zum Beispiel zu Fleisch essen kann. Da kaufe ich mal zwei Gläser! Außerdem liebt man hier alles mit Chili, das auch gern das Öl verschärft, und andere scharfe Sachen.

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N’Duja etwa, eine sehr pikante Salami, mit der die Kalabresen gern in Form von Brotaufstrich ihre Gaumen kitzeln. Irgendwo bekomme ich so ein Stück auf die Hand – oh ja! Aber, was ist das, sogar Viagra gibt es, ebenfalls in Gläsern. Ich entdeckte es erst auf dem Foto. Bestimmt ist es am schärfsten von allem und deshalb zur Vorsicht nur in kleinen Dosen abgefüllt!

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Hmmm, Oliven mag ich doch auch so gern, dumm, dass ich erst gestern welche gekauft habe!

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Frage ich die Standbesitzer, ob ich sie fotografieren darf, stellen sie sich sofort in Positur und machen bella figura! Er verkauft Fleischiges und Fischiges und als ich frage, was diese merkwürdigen Gerippe seien, zeigt er mir die aufgeschlitzten und ausgenommen getrockneten und nun hängenden Fische dazu. Drei Tage lang in Wasser einweichen und dann kann man es zubereiten, erklärt er gerade, als eine Bekannte von ihm vorbeikommt, eine schöne junge Frau mit den typischen italienischen Augen in einem porzellanfarbenen Madonnengesicht. Er will, dass wir ins Gespräch kommen und so unterhalten wir uns eben, warum denn nicht? Lustig! Natürlich fragt sie, wo genau ich Urlaub mache, wo ich wohne, das tun alle Süditaliener. Er hört zu. Und sie trainiert ihr Englisch, während ich ihre Fragen auf Italienisch beantworte. Ciao, hat mich gefreut! Was war das jetzt für ein interessantes Intermezzo? Ich war so überrascht, dass ich vergaß, sie zu fotografieren. Also schlendere ich weiter.

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Hier hängt alles, Fische, Würste, sogar der Käse! Der linke, mit dem kleinen Köpfchen, ist ein Caciocavallo. Wie er zu seinem Namen kann, darüber gibt es verschiedene Erklärungen, mir gefällt diese am besten: Der Käse wurde früher paarweise in Satteltaschen oder an einer Stange auf einem Pferd (cavallo) transportiert , daher die Schnüre! Cacio kommt entweder von „paarweise“ oder von „casio“ (frühitalienisch „cacio“), da streiten sich die Geister, vielleicht ist ja die Doppelbedeutung Absicht.
Zum Glück sind die Sapori aus „Casa nostra“ und tragen nicht den Stempel der Cosa Nostra, doch das wäre ja die sizilianische Mafia. Die in Kalabrien heißt ‚Ndrangheta.

Entschuldigung, ich musste gerade zwischendurch an den Kühlschrank, mir einen kleinen Antipastiteller zubereiten, zwar mit Pecorino, aber der ist auch gut.

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So, jetzt erst mal weg von den Lebensmitteln, hier gibt es ja auch ein paar Haushaltswaren, Buntes aus Plastik und auch Getöpfertes. Ach, doch noch was zum Essen dabei: Pasta! Na, die darf natürlich nicht fehlen, denn auch hier im Süden hat frau nicht immer Zeit und Lust, den Nudelteig selbst zuzubereiten!

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Was für ein riesiger Hühnervogel! Selbst der am Haken! Den muss ich ablichten. Oh, Signori, darf ich? Aber gern! Und schon muss die andere Signora auf ihr Geld und eine weitere auf Bedienung warten. Wer sagt, die Kalabresen seien sehr zurückhaltend? Ich las es überall, aber das Gegenteil ist der Fall, ständig werde ich von Wildfremden gegrüßt und angesprochen, meist von Männern, dabei bin ich weder jung noch blond. Den Schalk im Nacken haben sie auch.

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Wenigstens beißen sie nicht, die roten Zwiebeln ja auch nicht, die berühmten.

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Ich verlasse den Parkplatz und gehe die Straße hinunter zum Dauermarkt mit festen Ständen, die jeden Morgen geöffnet haben. Am Rande des Geschehens verkauft ein altes Paar, was die Eigenproduktion so hergibt, als Stand dient die Ladefläche der Ape. Improvisation ist alles.

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Pecorino bieten diese Beiden an, einer ebenfalls in Kleinstmengen und auch von seinem Ape-Laden aus. Der andere Signore genießt das Privileg, ein Dach überm Kopf zu haben. Stolz sind sie beide.

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Ein paar Tomaten und Fenchel könnte ich brauchen. Soll ich für heute Abend Fisch kaufen? Ach nein, ich habe doch noch einen Rest von meiner riesigen Costoletta mit Paprika-Tomaten-rote-Zwiebel-Gemüse! Immer habe ich Reste, weil ich mittags – heute zum vierten Mal in einer Woche! – von meiner netten Vermieterin mit Essen beliefert werde, einfach so, aus Gastfreundschaft! Es ist meistens so viel, dass ich es nicht mit einer Mahlzeit vertilgen kann. Wann soll ich eigentlich endlich in ein Restaurant zum Essen gehen? Aber so bekomme ich die wirklich typische regionale Kost, mit Liebe zubereitet, was will ich mehr? Ich werde verwöhnt! Nur vom Wetter nicht. Es regnet schon den ganzen Tag, da schreibe ich mal ein bisschen und verarbeite ein paar Eindrücke.

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Nein, kein Fleisch heute! Dankeschön! Wo ich schon einmal eingekauft habe, werde ich begrüßt. Hier fällt man und frau auf, wenn „neu“ und wird entsprechend neu-gierig beäugt. Wie im Cilento, im wilden Kampanien, da war es genauso.

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Die Zitrusfrüchte fallen einem hier vom Baum direkt in den Mund, hier wächst alles. Und die Auberginen gehören zu den wichtigsten Hauptbestandteilen der kalabresischen Speisen, seit jeher. Die Küche ist überhaupt alt, hat sich kaum geändert über die Zeit, sie ist so gar nicht raffiniert, aber aus guten frischen Zutaten, aus dem Boden oder dem Wasser, und sehr herz- und schmackhaft.
Nach dem Umherstreifen meldet sich mein Magen! Ich werde gleich das spendierte Risotto von gestern aufwärmen, schwarz gefärbt von Sepiatinte. Die Tierchen wurden vom Bruder der Vermieterin am frühen Morgen aus dem Meer geholt.

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Aber die Blumenbilder muss ich mir noch kurz anschauen. Tja, sie weiß wohl nicht, wofür sie sich entscheiden soll…

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Während die Damen sich um die (Schnitt)blumen kümmern, engagieren sich die Herren bei den Nutzpflanzen – ist doch schön, wenn solche Arbeitsteilung beiden Seiten Freude macht.
Nun aber ab nach Hause, im ersten Gang den steilen Hügel hochgekurvt in der Hoffnung, dass kein Auto entgegenkommt, wenn es gerade keine Ausweichstelle gibt!

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Ach ja, die Cipolle rosse – ich hab doch noch Vorrat!

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21 Antworten zu Der Samstagsmarkt – Tropea

  1. mataicooking schreibt:

    Herrlich, da werden Erinnerungen wach . . .

  2. rotewelt schreibt:

    Die Fotos sind ja alle verschwunden!!! Nun hat Yelp nach der Übernahme von Qype wohl zugeschlagen (wo meine Artikel inkl. Fotos alle noch gespeichert waren). Sorry an alle Leser!

  3. Kalabrienfan schreibt:

    ^Das schönste am Samstagmorgen Markt in Tropea

  4. Norbert Hoffmann schreibt:

    Hallo und guten Tag rotewelt, wie ich es so lese, kennst du dich in Tropea sehr gut aus. Vielleicht kannst du mir helfen. Wir, eine Segelmannschaft von 6 Leuten wollen ende Mai von Tropea zu den Aeonischen Inseln segeln. Vorher müssen wir aber Proviant bunkern. Wo in Tropea, möglichst in Hafennähe, können wir Lebensmittel einkaufen ? Bei 6 Männern brauchen wir einiges an frischen Lebensmitteln. Es wäre nett wenn du uns einige Tipps geben könntest. Erst mal herzlichen Dank.
    LG Norbert

    • rotewelt schreibt:

      Hallo Norbert,
      in Hafennähe habe ich nie eingekauft, sondern immer nur oben im Ort, aber ich meine mich zu erinnern, nicht weit vom Hafen einen kleinen Supermarkt/alimentari gesehen zu haben. Nun habe ich mal für euch gegoogelt… 😉 und diese Seite gefunden: http://www.sunsail.de/yachtcharter/mittelmeer/italien/tropea/reiseinformation
      Dort steht, dass es sogar drei kleine Supermärkte hundert Meter vom Hafen entfernt gibt. Also, ihr legt an und wendet euch nach rechts, immer geradeaus. Ich glaube, die Läden sind auf der Querstraße, auf die man dann stößt. Gute Reise! Ach nee: Ahoi! 🙂

      • Norbert Hoffmann schreibt:

        Guten morgen rotewelt, vielen herzlichen Dank für Deine hilfreiche Antwort. Wir werden Deinem Ratschlag folgen und demnach nicht an Essen darben müssen oder gar verhungern. Nochmals Danke und einen schönen Tag und Glück.
        LG Norbert

    • vilmoskörte schreibt:

      Sechs Männer sollten doch wohl ausreichen, die Lebensmittel vom Markt zum Hafen zu tragen. Ihr verpasst da einiges an Qualität, wenn ihr einfach in irgendeinen Supermarkt geht.

  5. Tobias schreibt:

    Hallo Rotewelt!
    Erst einmal ein Dankeschön an Deine sehr schön zu lesenden Texte! Ich werde Ende Augus in Tropea/Capo Vaticano sein und bin auf der Suche nach Supermärkten oder Läden, die ein großes Angebot an Weinen führt! Je größer/regionaler desto besser! Vielleicht hast Du ja einen n paar Tipps für mich, würde mich sehr freuen!
    Liebe Grüße aus Hamburg,
    Tobias

    • rotewelt schreibt:

      Hallo Tobias, dankeschön erstmal für deinen Kommentar. Freut mich, dass dir meine Berichte gefallen. Aber ich fürchte, dass ich dir nicht helfen kann. Ich war – außer im Supermarkt – in zwei Wein- bzw. Spezialitätenläden in Tropea und weiß die Namen nicht mehr. Aber sie sind nicht groß, dafür allerdings verkaufen sie Wein aus der Region.
      Der eine Laden wirkt ein bisschen wie eine touristische Genossenschaft. Er befindet sich quasi am Ortseingang bzw. dem Beginn des Zentrums, nachdem man hochgefahren ist. Geradeaus darf man nicht weiter, weil Fußgängerzone, links führen ein paar Stufen ebenfalls in eine Fußgängerzone, man kann nur rechts abbiegen. Fast genau gegenüber von diesem Geschäft befindet sich links vor den Stufen hinab Bild 19 meines Artikels „Primavera in Tropea“, das Foto mit den Heiligenfiguren und in der Glasscheibe spiegelt sich ein Auto, Untertitel „Aber Vorsicht, hier ist von den Seelen im Fegefeuer die Rede! Zu denen möchte man ja auch nicht gehören.“
      Der andere Laden, der meiner Ansicht nach qualitätsvollere Weine bietet, befindet sich in einer kleinen Seitengasse. Du musst weiter geradeaus gehen in die Fußgängerzone und dann die ?gste Gasse links ab, danach findest du irgendwo links an der Ecke den Laden. Davon gibt es auch ein Bild in genau diesem Artikel, es ist das viertletzte Foto. Darauf sieht man den Laden „Vini & Dintorni Vinoteca Prodotti locali“, der wurde mir auch vom Vermieter empfohlen. Viel Erfolg oder Glück und einen schönen Urlaub!

  6. manuela schreibt:

    Hallo rotewelt, mein Mann und ich wir werden Anfang Oktober nach Kalabrien reisen, für mich ist es dort auch das erste Mal, und ich suche natürlich auch Märkte, wo man suuper bummeln kann.
    Sind die Märkte auch unter der Woche? Würde mich über eine Antwort sehr freuen.

    • rotewelt schreibt:

      Hi Manuela, ich war nur auf diesem Markt und er findet nur Samstags statt. Im Internet findest du aber sicher Übersichten über andere Märkte in der Gegend bzw. Kalabrien überhaupt. Übrigens sind diese eher ländlichen Märkte im äußersten Süden Italiens, so auch in Apulien, nicht mit denen in Rom oder nördlicheren/reicheren italienischen Gegenden oder in größeren Städten zu vergleichen, sie sind einfacher und schmuckloser, schlichte Bauernstände. Dafür bekommt man Spezialitäten, die man anderswo nicht findet und eine ganz besondere Atmosphäre. Schon mal eine schöne Zeit für euch in Kalabrien!

  7. vilmoskörte schreibt:

    Sehr schöner Bericht samt Fotos aus dem Süden. Ich war dieses Jahr auch in Kalabrien, aber „auf der anderen Seite“, am Ionischen Meer. Ansonsten entwickelst du dich anscheinend zu einer Auskunftei für Reisewillige 😉

    • rotewelt schreibt:

      Hallo Vilmos, grazie mille! Tja, mittlerweile habe ich auch das Gefühl, ich könnte ein Reisebüro aufmachen… 😉 manchmal bekomme ich aber auch Anranzer à la „du kennst das Land ja gar nicht, was du besuchst und bist nicht an Land und Leuten interessiert“, wie letztens zu einem anderen Kalabrien-Beitrag. Ich habe schon darüber nachgedacht, die Kommentarfunktion zu schließen, zumal mir das Internet mehr und mehr zuwider wird. Auf der ionischen Seite von Kalabrien war ich noch nicht, dafür war ich im Juni zum ersten Mal in Apulien, hauptsächlich auf der ionischen Seite! 😉 Will wieder hin, noch eher als nach Kalabrien, obwohl es mir auch dort sehr gut gefiel.

  8. Jürgen EHRE schreibt:

    OH ! Drei Tage war der Frosch so… nun lacht er wieder G… sei Dank… und die Dame verführt uns in „ihr“ Schlaraffenland! Man sieht, das Glück dürfte auch durch den Magen gehen… nachdem es sich durch die Augen hineingeschlichen hat…lach; diese schönen Fotos sind also nicht nur zum Träumen da… sie schildern die Wirklichkeit…es gibt sie… irgendwo, wo Seele und Körper jauchzen! 🙂

    • rotewelt schreibt:

      Klar ist das alles nicht nur zum Träumen, lach, sondern das Glück geht auch durch den Magen – und das Auge isst auch mit, wie man weiß! Danke dir für den Kommentar. 🙂

  9. Lakritze schreibt:

    Ist das schön! Danke für diesen Marktbericht; Märkte sind doch immer, wo sich Leib und Seele einer Gegend begegnen. Den reiche ich gleich mal weiter. (Und ach, die schönen Zwiebeln! Hierzulande einfach nicht zu bekommen.)

    • rotewelt schreibt:

      Danke dir, Lakritze. Ja, an Märkten erfreue ich mich auch immer wieder, so ein Marktbesuch gehört zu den Reiseimpressionen, die man unbedingt mitnehmen muss, finde ich. Dir roten Zwiebeln bekommt man hierzulande wirklich selten, aber auf einem kleinen Wochenmarkt in meiner Nähe gibt es einen Stand, der sie verkauft.

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