Wann sind wir da? Mir ist langweilig!

Letztes Jahr hatte ich ein lustiges Erlebnis:  Kaum in den Flieger gen Spanien gestiegen und angeschnallt, fragt das Schweizer Kleinkind in der Reihe hinter uns seine Eltern: “ Sind wir jetzt da?“ Ich musste so lachen!

Wenn es jemanden gibt, der nie unter Langeweile litt, so gehörte ich dazu. Viel zuviel ging immer in meinem Kopf vor, es gab so viele interessante Möglichkeiten, sich zu beschäftigen oder über Pläne zu sinnieren, was ich gern machen würde, der Geist war immer in Bewegung. Plötzlich ist das anders, sicher war das eine schleichende Entwicklung. Nachdem ich meinem Brotverdienst nachgegangen bin und irgendwann am Tag den Griffel bzw. die Tastatur fallenlasse, ist da eine Leere (nee, der Geist arbeitet schon immer noch, aber ohne etwas Konstruktives hervorzubringen). Ich sitze da, starre Luftlöcher gen Schwarzwald und denke stumpf vor mich hin…Dabei würde ich doch so gern auch noch und… Schon länger kann ich mich auch kaum noch auf Bücher konzentrieren, nur im Urlaub. Dabei abe isch gar kein Smartphone, das mich ablenkt und selbst das alte Handy ist meist aus oder der Akku leer. Was ist mit mir los? Den Medien- und vor allem Nachrichtenkonsum habe ich schon eingeschränkt, um mir nicht 24 Stunden am Tag Sorgen zu machen, dabei rege ich mich trotzdem noch genug auf.

Ich glaube, ich weiß nicht mehr, was ich kann und was ich möchte, ich habe das vergessen, meine Träume sind mir verlorengegangen. So scheint es. Warum, weiß ich nicht. Ich langweile mich plötzlich. Bin vollkommen orientierungslos. Und deshalb bin ich langweilig geworden, uninteressant für mich selbst und für andere erst recht. Ödnis pur. Ich warte auf Tritte in den Hintern, auf Zufälle oder einen Wink des Schicksals, aber da kommt nix, da ist nur pure Stagnation.

Vielleicht helfen mir ja Fremdzitate, auch oder weil sie den Finger in die Wunde legen…

In der Provinz ist schon der Regen Zerstreuung.
(Jules und Edmond Huot de Goncourt)

L’ennui pleure.
(Mauerinschrift in Paris)

Langeweile ist der Zustand ungelebten Glücks.
(Almut Adler)

Langeweile ist eine Halbschwester der Verzweiflung.
(Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)

Wer über Langeweile klagt, hat zu sich selber nein gesagt.
(Erich Limpach)

Die Langeweile wartet auf den Tod.
(Johann Peter Hebel)

Mitunter sage ich mir wohl: das Leben ist zu kurz, daß mich nichts beunruhigen darf. Kommt aber ein unwillkommener Besucher, der mich beim Ankleiden stört, packt mich Ungeduld, und ich kann es kaum ertragen, mich auch nur eine halbe Stunde zu langweilen.
(Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues)

In meinem bisherigen Leben bin ich oft umgezogen, habe oft den Job gewechselt, das hat mir immer gut getan, mich inspiriert und glücklich gemacht. Aber nun weiß ich nicht wohin und ein paar Lebensjahre mehr machen wohl auch zögerlicher für einen Neuanfang fern der alten Freunde, die eh schon überall verstreut sind. Ach, ich würde so gern reisen, eigentlich dauernd… Was ja nicht heißt, dass es keine Menschen gibt, zu denen ich mich immer hingezogen fühle, egal wo ich lebe, das schließt sich ja nun gar nicht aus, nur brauche ich anscheinend alle zehn Jahre spätestens einen Ortswechsel. Aber der Schwarze Wald lässt mich nicht los, es muss das zähe Baumharz sein, die Behäbigkeit hier, daran klebe ich fest, obwohl mir das alles gar nicht gefällt… Also verordne ich mir erstmal Träume, denn damit fängt ja oft alles an…

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10 Antworten zu Wann sind wir da? Mir ist langweilig!

  1. casta66 schreibt:

    Ich war früher viel kreativer, habe gestrickt, genäht und hatte Spaß am Gestalten…gestern fragte mich ein Gast: „Was war denn der letzte tolle Roman, den Du gelesen hast?“ Und ich blieb stumm…weil ich nur noch Fachbücher lese und gar nicht mehr zum Vergnügen.
    Danke für Deinen Blog, manchmal braucht man so einen Denkanstoß. Iihhh. Ich bin erwachsen geworden. Das wollte ich nie.

    • rotewelt schreibt:

      Na, wenn ich dir einen Denkanstoß geben konnte, ist das doch schon mal was! 🙂 Und nur weil man errwachsen ist, muss man ja nicht auf seine privaten Interessen verzichten, es sei denn, du arbeitest einfach zuviel? 😉

  2. aquasdemarco schreibt:

    Langeweile ist für mich eine Mischung aus Gefühlen und fehlenden Gefühlen.
    Es fehlt die Liebe, Traurigkeit und Resignation warten in der Langeweile auf die Wut, diese ist dann die Kraft für Veränderung.

  3. Ulli schreibt:

    Liebe Rotewelt, für mich gibt es nicht schwierigeres als Zeiten der Stagnation auszuhalten, Zeiten der Leere und des Nichtwissens und auch Langeweile mag ich nicht, habe ich aber auch nur selten. Es ist mir fast zu banal zu schreiben, dass man das manchmal im Leben aushalten muss, bis jetzt ist es immer vorbei gegangen und ganz unbemerkt hat sich etwas in mir geformt und zack, los geht es ins Neu. Na ja, du weisst wie ich es meine, oder?
    Träumen ist doch schon einmal was 😉
    Ich wünsche dir immer nur das Beste
    Ulli

    • rotewelt schreibt:

      Liebe Ulli, ja, das Gefühl der Stagnation ist schwer auszuhalten, aber für mich ist Langeweile etwas Neues, ich habe mich kaum jemals im Leben gelangweilt. Vielleicht habe ich auch gar nicht das richtige Wort gewählt… So banal ist es gar nicht zu sagen, dass man manchmal bestimmte Situationen einfach aushalten muss. Und sie gehen ja vorüber. Ja, ich verstehe, was du meinst und danke dir für deine Worte und Wünsche! 😉

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