Es wird

Eineinhalb Stunden Flugzeit und aus Graubraun wird Multicolor. Aus Nachtfrost inklusive Autofreikratzen werden 18 Grad. Aus Nichtaroma bis Abgasgestank wird Eukalyptus-, Pinien- und Macchiaduft. Aus Baulärm und Kirchengeläut wird Meeresrauschen, aus monotonem Spatzentschilpen wird Hahnen- und Möwenschrei, Taubengurren, Spechtklopfen, Eulenheulen und der Telephonebird in zwei Singvarianten ist auch da (drei- und viertonig).

Dann noch der Meerblick und der Besuchskater, der einem selbst dann nicht von der Seite weicht, als er noch gar nicht gefüttert wird (schließlich hat er „Besitzer“ oder gelegentliche Dosenöffner nebenan, die aber nur manchmal da sind und vielleicht gar nicht wissen, wie sprech- und schmusebedürftig er ist). Dafür bringt er gleich am Morgen des zweiten Tages ein Geschenk und platziert es auf der Fußmatte vor der Haustür: ein Herz und andere Innereien, säuberlich ausgelöst. An zwei anderen Morgen vorm Frühstück verzehrt er vor unseren Augen jeweils den Rest eines Kaninchens, offenbar beginnt er vorn und endet bei den Hinterläufen. Da kann man nichts machen, da spricht wohl die Natur. Erstaunlich, wie wenig von der Beute übrigbleibt. Natürlich wird auch das störende Selbst- und Fremdhaar direkt auf der Fußmatte ausgewürgt. Nach regelmäßiger und von den Ferienhausbesitzern verbotener Fütterung wird der Kater dann doch etwas jagdfaul und genießt wie wir und mit uns gemeinsam das dolce far niente. Kehren wir von einem Ausflug zurück, begrüßt er uns an der Gartenpforte wie „unser“ Kater. Ach, ich vermisse den Tiger so. Heul.

Der alte zottelige Esel ist auch noch da. Ob er uns wiedererkennt? Was für ein Gedächtnis haben Esel? Er reagiert sofort, als wir uns dem Gatter seiner diesmal frischgrünen Koppel  nähern. Nimmt aber einen Umweg und nähert sich mit gemessenem Schritt. Nach der Begrüßung und ein paar Streicheleinheiten (zuviel mag er nicht, dann wirkt es so, als wolle er gern zubeißen) wendet er uns den Kopf seitlich zu und beginnt ein Schauspiel, wie ich es noch nie erlebt habe: Der Esel schnauft und ächzt, als bekäme er keine Luft und als wolle er vor unseren Augen das Zeitliche segnen. Dabei hängt ihm die Zunge raus (weiter unten und hinten fährt er parallel auch noch was aus). Nach einer Weile entlädt sich ein markerschütternder Schrei, der sicher über viele Kilometer hörbar ist und fast unser Trommelfell platzen lässt. Sicher hat auch er lange niemanden gesehen und keine Gelegenheit zum Reden gehabt, so war die Stimme eingerostet und musste sich erst freibrüllen. Dann, endlich: IiiAaa! Geschafft. Aug in Aug schnaubt er mir noch ein paar Tropfen ins Gesicht. Natur kann ja so schön sein. Beim nächsten Besuch kam er schnell und ohne Umschweife ans Gatter, nur das IA schaffte er nicht, war ihm aber auch nicht mehr so wichtig, lieber fraß er gesellig zu unseren Füßen. Vor zwei Jahren war ein Großteil seines „Grundstücks“ abgebrannt gewesen, so hatten wir ihm Grünzeug über den Zaun gereicht. Immer wenn wir aufhören wollten, hatte er mit den Hufen aufgestampft. Diesmal musste er nicht protestieren.

Aus Arbeitsverpflichtungen und diversen diffusen Zukunftssorgen wird endlich Entspannung und Gleichmut. Abwarten, wird schon alles, irgendwie. Zwischen stressigen Nachrichten aus der unendlichen Ferne kommen auch gute. Dann habe ich tatsächlich doch ein Buch gelesen, trotz des mir genügenden Blicks aufs Meer. Keines der mitgebrachten, sondern eines aus dem Regal des Ferienhauses: „Die kleine Bijou“ von Patrick Modiano. Ich mag Modiano und es war gerade richtig.

Nur der Mond war nie zu sehen, dafür viele bekannte Sternbilder und unzählige namenlose dahinter.

Chicas, todo bien? Si, so ziemlich! Hasta luego!

Hier noch ein bisschen Blütenmeer.

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6 Antworten zu Es wird

  1. kormoranflug schreibt:

    Ja die Frühlingssehnsucht ist hier auch gross. Die Kranich- und Gänseverbände fliegen über den See Richtung Polen/Russland. Schön das der alte Esel sich an Dich erinnert (lach).

  2. Ulli schreibt:

    Liebe Rotewelt, heartly welcome back und was für schöne Geschichten und Bilder du mitbringst! Die Eselgeschichte hat ich noch am meisten berührt und die Blumenbilder … seufz …
    herzliche Grüsse
    Ulli

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