Erste römische Impressionen – prime impressioni romane

In sechs Tagen kann man in Rom ziemliche viele Eindrücke sammeln, doch womit soll man anfangen, um sie zu beschreiben und zu bebildern? Ich beginne fürs erste einfach mal mit einigen meiner beliebten Einblicke – Blicke in Fenster, durch Tore, auf Plätze und Höfe, in Cafés und Läden. Manchmal sind es auch Ausblicke. Komm einfach mit mir mit, via con me (was ja eigentlich „weg mit mir“ heißt, also: gemeinsam weg nach Rom).

Gleich geht’s ins Haus, in einen mittelalterlichen Palazzo. Meine Ferienwohnung befindet sich unterm Dach, bis dahin sind es 64 Stufen, die in den unteren Etagen noch einigermaßen komfortabel sind – aus Marmor und mit güldenen Knöpfen am Treppengeländer – und ganz oben dann extrem steil werden und nur nochgestaltet aus einfachem Stein und mit schmucklosem Eisengeländer– an dem ich mich regelrecht hochziehen musste, wenn ich viel zu tragen hatte. Man nennt sowas auch Training, sagte mir der lustige junge Mann, der mir bei der Ankunft die Tür öffnete und den schweren Koffer hochschleppte. Hat man die Treppe dreimal am Tag erklommen, hat man tatsächlich das Gefühl, Sport getrieben zu haben.

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Oben angekommen, gibt es zur Belohnung zwei gemütliche Zimmer und einen kleinen Balkon mit Blick auf ein Gewirr von Hinterhöfen und Terrassen.

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Dem Palazzo, der wie ein normales schmuckloses Wohnhaus wirkt, sieht man nicht an, dass er nach hinten raus weitergeht und dort mehr Etagen hat. Nach 1870 war dort eine Zeit lang die römische Präfektur untergebracht, ansonsten hatten dort einige Akademien ihren Sitz: die römische archäologische Akademie und die Accademia dell’Arcadia, der Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler angehörten; auch Goethe wurde in die Akademie aufgenommen. Schließlich befand sich im Haus früher einmal die Accademia dei Lincei (vom lateinischen „lynx“, Luchs – auf Deutsch also: Akademie der Luchsartigen) – luchsartig im Sinne von scharfsichtig. Heute heißt sie „Nationale Akademie der Wissenschaften Italiens“ und ist längst in ein anderes Gebäude umgezogen. In welchen Mauern ich da wohnte, fand ich erst nach meinem Aufenthalt heraus.

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Auf meinem ersten Erkundungsgang durch die Altstadt kam ich an der barocken Kirche Sant’Ivo alla Sapienza vorbei, 1642 bis 1664 von Francesco Borromeni erbaut. Sie ist dem heiligen Ivo geweiht, dem Schutzpatron der Juristen, und architektonisch besonders originell gestaltet.

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Im großen Innenhof hielten sich allerdings keine Juristen auf, sondern Schüler oder Studenten, die sich daran übten, das Bauwerk zeichnerisch festzuhalten.

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Am Campo di Fiori, auf dem ich einmal absichtlich und einmal zufällig landete, stieß ich auf dieses Schaufenster eines Geschäfts, das Geistliches und Weltliches in bunter Mischung anbietet und skurril drapiert. Überhaupt liegen beide Sphären in Rom, in Italien überhaupt, ja nah beieinander und schließen sich nicht immer aus.

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Ob dieser Geistliche ein Priestergewand kaufen oder sich lieber an einem Glas Chianti in der Enoteca Corsi laben will? Er hat die Wahl – und das alles dicht beieinander in der Via Gesù, der Jesusstraße! Selbst entschied ich mich für ein Mittagessen in der zur Enoteca gehörenden Osteria mit typischer römischer Hausmannsküche, sehr schmackhaft ist das Ossobuco.

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Bald stellte ich fest, dass es von meinem Ferienquartier aus nur ein Katzensprung zu allen Sehenswürdigkeiten des alten römischen Zentrums war. Im Nu war ich beim Pantheon angelangt, das ich bei meinem ersten Rombesuch mit 18 Jahren nicht gesehen hatte. Die Rundkuppel des unter Kaiser Hadrian zwischen 125 und 128 n. Chr. fertiggestellten Baus galt über 1700 Jahre lang als größte Kuppel der Welt – gemessen am Innendurchmesser – und das Pantheon ist, wie Wiki sagt, eines der besterhaltenen Bauwerke der römischen Antike. Auf jeden Fall ist es beeindruckend.

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Doch da geht es auch schon wieder hinaus, unter den imposanten Säulen hindurch. Es müssen übrigens nicht unbedingt nur die berühmtesten Bauwerke sein, die mein Herz erfreuen. Oft sind es gerade die ziellosen Streifzüge durch die Gassen, die die Flaneurin in mir wecken und immer Neues fürs Auge bieten.

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Da wäre zum Beispiel das Back- und Süßwarengeschäft, in dem der Bäcker gerade die frischen dolci anordnet,

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die knallgelbe Vespa vor dem Café, in das man bei Regen fliehen kann,…

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oder der Pinocchio-Schnitzer im Eingang seiner kleinen Werkstatt, dessen freundliches Gesicht fast auch ein wenig wie geschnitzt wirkt.

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A propos dolci: Der Römer ist ein Genussmensch, er isst und trinkt gerne. Ich habe in keiner anderen Stadt soviele Weinbars gesehen wie dort – in den meisten kann man auch zumindest kleine Speisen bekommen. Und Restaurants gibt es sowieso zuhauf. Aber auch die Kuchen verlocken. Ich sah eine Frau mit einem dieser gefüllten süßen Röllchen oben links aus der Pasticceria kommen – sie biss hinein und seufzte laut und verzückt „Oah!“. Ansonsten kann man in der Norcineria Wilschweinsalami, -schinken und vieles mehr kaufen oder, bei sehr gut gefülltem Portemonnaie, beim Metzger/Traiteur die feinsten Gerichte erstehen, die wie Kunstwerke aussehen – Italiener sind halt Ästheten – und die man nur noch in den Backofen schieben oder auf andere Art garen muss.

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Tststs, wieder weg von der Esskultur zur Kultur, die man nur anschauen kann, zum Beispiel zu den schönen Innenhöfen, die Rom zu bieten hat. Meist ist das große Eingangstor geöffnet und durch ein zweites, ebenso geöffnetes Tor, gelangt man in die Höfe, die oft Gärten ähneln, und auf die Büros oder Wohnungen ausgerichtet sind. Dabei muss man zwar an der Pförtnerloge vorbei, der die nur mit einer harmlosen Kamera bewaffnete Touristin allerdings immer passieren ließ.

Im Hof angekommen, kann man Kunstwerke wie Statuen, Büsten, Wandgemälde und Reliefs entdecken – faszinierend – und manchmal auch etwas Weihnachtsdekoration wie die mit Lichtern geschmückte Tanne weiter oben.

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Auch die Schaufenster und Restaurants präsentieren sich weihnachtlich, was in großem Kontrast dazu steht, dass der Römer an sich zumindest noch bei 10 Grad darauf besteht, unbedingt draußen essen zu wollen, ob mit oder ohne Heizpilz, dann eben mit Mantel. Hier in der rot dominierten Auslage vermisste ich die roten Dessous, die Italienerinnen ja an Weihnachten traditionell tragen, doch sicher waren sie vor den neugierigsten Blicken diskret versteckt.

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Mich aber fror am kühlsten Tag meiner Städtereise und ich nahm meinen ebenso roten Martini lieber drinnen. Vorher hatte ich mir noch in einem kleinen Laden hübsche dunkelrote Lederhandschuhe gekauft zu einem Preis, für den ich sie in Deutschland nicht bekommen würde. Vor der Bar am Platz des Pantheons war die Hölle los, vor allem asiatische Touristen kamen in(s) Schwärmen.

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Die hübsche junge Japanerin verwirrte mich: Sie zankte die ganze Zeit schlecht gelaunt und mit grimmigem Gesicht mit ihrem männlichen Begleiter herum – bis es um die Selfies vor Pferd und Pantheon ging. Kurz Lippenstift nachgezogen und das Haar gerichtet und dann setzte sie von jetzt auf gleich das sanfteste zuckersüßeste, liebreizendste Lächeln auf für das Bild. Wie angeknipst. Nach dem Fotoknipser wurde die Mimik auch gleich wieder auf schlecht gelaunt zurückgestellt. Ich war beeindruckt von soviel zielgerichteter professionaller und abrupter Wandlungsfähigkeit.

Noch mehr Touristen als am Pantheon begegnete ich dann an einem Sonntagnachmittag am Trevi-Brunnen. Aber auch zahllose Römer trafen sich dort auf ihrer Passeggiata, flanierten ein wenig vor und zurück oder standen grüppchenweise zusammen, wie es in ganz Italien üblich ist.

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Ich beschränkte mich beim Fotografieren erstmal auf ein Fenster, in dem sich etwas Trevi-Brunnen spiegelte, so hatte ich keine schwarzen Menschentrauben vor der Linse.

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Viel ruhiger und dabei sonnig und mild verabschiedete mich Rom dagegen am letzten Tag auf der Piazza Navona, begleitet von Straßen-Live-Musik beobachtete ich das friedliche Treiben.

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Ich fühlte mich wie im Vorfrühling, blieb solange, bis mich der Schatten einholte, als die Sonne von den hohen Häusern verschluckt wurde und sagte Arrividerci.

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2 Antworten zu Erste römische Impressionen – prime impressioni romane

  1. Jürgen EHRE schreibt:

    Quel plaisir de « retrouver » Rome, la belle, l’éternelle, où la beauté et la poésie accompagnent chacun de nos pas… grâce à notre reporteur « rotewelt » (aux jolis mollets requis (pour grimper cet escalier d’enfer) et son „œil de lynx !“ 🙂 Merci pour cette jolie promenade et découvertes à travers ces belles images et texte !

    Gefällt 1 Person

    • rotewelt schreibt:

      Merci pour votre commentaire et vos compliments. Oui, moi aussi j’ai mon „œil de lynx“. 🙂 A Rome il y a tant de beauté à découvrir et je suis contente d’avoir pu rafraichir vos vieux souvenirs à travers les images.

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