Postkarten aus Eguisheim / Eguisheim, une carte postale

Auch wenn man den Weihnachtstrubel nicht mag, kann man bezaubert werden. Ich bin es zum Beispiel von der Art der Elsässer, ihre Dörfer zu schmücken, ob nun zu Ostern oder zur Weihnachtszeit. Sie scheinen ein Faible für das Niedliche und Kitschige zu haben, was mir eigentlich nicht so gefällt, aber dort mag ich es doch. Irgendwie.

Es passt so gut zu den sowieso bilderbuchartigen kleinen Orten mit ihren bunten Spielzeughäusern. Man fühlt sich ein wenig wie in einer Märchenwelt. Abgesehen davon sind die Städtchen, vor allem entlang der Weinstraße, zu jeder Jahreszeit schön. Im Sommer bildet die überbordende Blütenpracht die Dekoration. Im Grunde ist Eguisheim eine einzige Ansichtskarte.

Ein Ausflug am ersten Weihnachtstag (für die Franzosen der einzige Feiertag zu Weihnachten, auch die Geschenke werden dort morgens an diesem Tag verteilt) führte uns unter trüb-grauem Himmel nach Eguisheim, südlich von Colmar und nur knapp eine Stunde von Freiburg entfernt.

Der Ort zählt nur 1738 Einwohner und das Stadtbild ist von Winzerhäusern geprägt. Das besondere an Eguisheim ist, dass bis auf die Hauptstraße alle Gassen ringförmig um die Burganlage angeordnet sind und man den Ort auf diese Weise umrunden kann. Wie es sich wohl in dem kaum zimmerbreiten Häuschen in der Mitte wohnt?

Am zentralen Platz mit einem Brunnen befindet sich die Burg mit der neoromanischen St.-Leo-Kapelle. Trotz der feuchten Kälte, die bis auf die Knochen ging, war dort und in den schmalen Kopfsteinpflastergassen einiges los, zumal dort ein Weihnachtsmarkt aufgebaut war. Nur die Storchennester waren leer.

Vor ungefähr 15 Jahren war ich schon einmal Ende Dezember in Eguisheim, doch ich kann mich weder an soviel Weihnachtsschmuck noch an so viele Besucher erinnern. Mag sein, dass es daran liegt, dass Weihnachten damals schon vorbei war. Mag aber auch sein, dass es die Globalisierung bewirkt, dass Menschen aus der Ferne mittlerweile in den kleinsten Orten der Welt auftauchen – auch da, wo es keine Häfen für Kreuzfahrtschiffe gibt.

Jedenfalls hat sich Eguisheim inzwischen bestimmt auch international einen Ruf erworben. Wie schon einige andere schmucke elsässische Kleinstädte wurde dieser Ort nicht nur mehrfach als ville fleurie für seinen Blumenschmuck ausgezeichnet, der ja zu dieser Jahreszeit wegfällt, sondern 2013 im Internet zum „village préféré des Français“, zum bevorzugten Dorf der Franzosen gewählt (was sich natürlich lediglich auf das Optische bezieht) und sicher auch dadurch noch bekannter.

Neben den mehrheitlich französischen Stimmen hörte man auch Russisch und Japanisch. Schicke Japanerinnen mit Einkaufstüten von Designern (vielleicht machten sie Orts- und Shopping Hopping im Elsass, von Strasbourg über Colmar bis hin zum winzigen Eguisheim) kauften doch tatsächlich plüschige Hausschuhe aus dem Souvenirladen. Die Russen drängten sich um die süßen Esel, Schafe und Lämmchen, die sich in einer Art Freiluftstall auf dem Marktplatz befanden. Ob sie – die Tiere – wohl später zum lebendigen Krippenspiel gerufen wurden?

Während man als weihnachtlichen Fenster- und Türschmuck vor wenigen Jahren noch große Päckchen in farbigem Glanzpapier mit großen Schleifen sah, sind nun offensichtlich Plüschtiere modern, vor allem Teddys und Eisbären*. Ich fühle mich ein wenig in eine Kindheit versetzt, die es so puppenstubenartig ja nie wirklich gab – und trotzdem. Aus den putzigen Bildern von Eguisheim, allein aus den weihnachtlich geschmückten Fenstern, könnte man gut einen altmodischen Adventskalender erstellen – etwas silberner Glitzerstaub darüber würde das ganze noch komplettieren. Doch nun sind ja alle 24 Türchen schon wieder geschlossen.

* Ob die Franzosen noch an den Hit Eisbär denken? Zu meinem großen Erstaunen war der NDW-Song der schweizerischen Band Grauzone in Frankreich 1981 ein Riesenhit. Als ich zu der Zeit in der Bretagne war, tönte er ständig aus dem Autoradio. Was fanden sie bloß an diesem deutschsprachigen und ziemlich monotonen Lied? Aber sie mochten ja auch „Autobahn“ von Kraftwerk (fand ich auch gar nicht so übel) und sogar „Dadada“ von Trio. Manchmal ist es sicher gut, nicht alles zu verstehen.

Letzte Nacht träumte ich übrigens, dass ich Eisbären rette. Allerdings sahen sie eindeutig wie Braunbären aus.

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10 Antworten zu Postkarten aus Eguisheim / Eguisheim, une carte postale

  1. eimaeckel schreibt:

    Nach vielen Jahren, die ich in Heidelberg zwischen amerikanischen und japanischen Touristen gelebt habe, habe ich eine harnäckige Allergie entwickelt gegen Puppenhausstädtchen, obwohl sie einem natürlich schon ein heimeliges Gefühl vermitteln.
    Und was die Franzosen und das Lied vom Eisbär betrifft: Die Deutschen liebten ja auch Je t’aime, obwohl sie den Text nicht verstanden 😉

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    • rotewelt schreibt:

      Vor fast zehn Jahren habe ich bei der Umzugsfrage unter anderem auch Heidelberg erwogen, es aber eben wegen der immer von Amerikanern und Japanern bevölkerten und irgendwie künstlich wirkenden Altstadt verworfen. Da war mir das doch etwas sperrigere und – wie mir schien, aufmüpfigere – Freiburg schon lieber (aber in welche Richtung das geht, erfährt man erst nach einer gewissen Zeit). Als Tourist ist es doch aber sowieso immer anders denn als Einwohner. Leben würde ich in Eguisheim auch nicht wollen. Aber eine Allergie gegen solche Orte habe ich nicht, es sei denn, sie bestehen nur aus Andenkenläden und Touristen und man sieht sonst nichts mehr. Was einem ja heute aber durchaus auch in den Metropolen dieser Welt passieren kann.
      Was das Chanson von Gainsbourg betrifft: Na ja, anhand des Gestöhnes haben es sicher auch die des Französischen (oups, zweideutig) unkundigen Deutschen verstanden.

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  2. kormoranflug schreibt:

    Freiburg war Dir für einen Weihnachtsausflug also nicht niedlich genug. Schöne Fotos der kleinen Häuser.

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  3. traeumerleswelt schreibt:

    Muss dir in allem recht geben, die Elsässer Dörfer haben ihren ganz eigenen Reiz. Stimmungsvoll ist es dort immer ! Aber ich habe festgestellt, dass in der Adventszeit sogar die Dörfer abseits von der Weinstrasse einen Besuch wert sind, wie hier z. B. Hunigue (Hüningen) oder Bartenheim 🙂

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  4. Jürgen EHRE schreibt:

    Non, cela n’est nullement du « Kitsch » 🙂 mais une métamorphose féerique qui nous replonge dans le temps béni de notre enfance… le souvenir d’un bonheur indescriptible lorsque, émerveillés, les yeux grands ouverts, nous contemplions le monde qui nous entourait.
    Chaque maison, le village entier, est à lui seul une « friandise »… et nous rappelle nos rêves d’un temps révolu… Quel adulte ne succomberait pas au charme de ces cœurs et autres délicatesses qu’on aimerait croquer à belles dents !
    Nous avons l’impression de nous transformer en Hänsel et Gretel découvrant l’appétissante « maison en pain d’épices » dans la forêt … dont chacun se souvient, sans la sorcière ou le loup, bien sûr !
    Merci pour ce beau rêve qui devient parfois réalité !
    Wenn Traum Wirklichkeit wird ! 🙂

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    • rotewelt schreibt:

      Natürlich versetzen uns solche Bilder auch in die Kindheit und damals war solcher Weihnachtsschmuck noch mit viel Bedeutung behaftet. Die Lichter, der Duft der Tannen- oder Fichtennadeln – und draußen zeigte sich meist eine winterliche Schneelandschaft. Nein, das war kein Kitsch und es stimmt, warum sollten wir es heute so empfinden? Auch wenn die Elsässer, ähm, schon mal übertreiben. Ich mag es trotzdem gern! Allerdings habe ich in Eguisheim nicht diese Knusperhexenhäuschen gesehen, von denen man naschen möchte. Keine Lebkuchen zu sehen, lach!

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