Dutzidutzi oder die Infantilisierung der Gesellschaft

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Als ich 20 war, befand sich meine Schwester im Vorschulalter. Zu der Zeit hatten sich unsere Eltern dann auch schon einen Fernseher angeschafft. Ich verließ das Elternhaus zwar nach dem Abi, war aber anfangs zum Wochenende noch oft da und so lernte ich neben der „Sesamstraße“ auch die „Sendung mit der Maus“ kennen. Um ehrlich zu sein, schaute ich das alles – weil neu? – sehr gern gemeinsam mit meinen jüngeren Geschwistern und auch den Eltern und später hielt ich über die ebenfalls interessante Kindersendung „Neues aus Uhlenbusch“ mit Kommilitonen im Soziologiefachbereich an der Uni sogar ein Referat. Ich mochte die Maus, den blauen Elefanten, den Hahn und alles und auch die anschaulichen Erklärungen des Alltags. Vieles war halt neu und so schön subversiv.

Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, doch die Maus ist immer noch da und subkutan wirkt sie weiter mit. Anfangs fand ich es ja noch lustig, dass sich auch populärwissenschaftliche Erwachsenensendungen im TV des Mausprinzips bedienten, doch irgendwann nahm es doch überhand oder wurde unerträglich, vor allem die unsäglich kindischen Wettervorhersagen, die einem mittlerweile auch dazu raten, bei niedrigen Temperaturen Mützen zu tragen, gern mit Bommel.

Wir Erwachsene werden ja schon lange nicht mehr ernst genommen von Politik und Wirtschaft, freundlich formuliert. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass unsere Gesellschaft zunehmend infantilisiert und dass genau das beabsichtigt ist. Man betrachte nur die Werbung. Was für ein Blödsinn, wer denkt sich diesen Mist für erwachsene Konsumenten bloß aus? Werbung für Produkte, die sich an Erwachsene richtet, behandelt ihre Zielgruppe wie Kindergartenkinder. Da geht es nicht nur um Süßigkeiten, die alle froh macht oder solche, die ein paar ach so gesunde Milchmoleküle enthält, sondern auch um Fischfilet (und zwar keine bei Kindern beliebten Stäbchen). Doch das Schlimme ist, dass es zu wirken scheint, sonst hätten sie doch längst andere Strategien ersonnen. Neuerdings werden wir auch immer öfter geduzt.

Woran mir die bestimmt beabsichtigte Regredierung der Menschen ins Kleinkindalter vor allem auffällt, auch jenseits der Werbung, ist die Veränderung der Alltagssprache. Noch vor einigen Jahren war es so, dass man seine Eltern im direkten persönlichen Umgang zwar mit Mama, Papa, Mami, Papi angesprochen hat (zum Teil durchaus sogar noch auch mit Mutter und Vater), aber niemals, wenn man mit Freunden oder Bekannten über sie redete. Immer hieß es dann „meine Mutter“,  “mein Vater“. Es gab einen Unterschied zwischen dem Privaten und dem Formalen und Formellen und dem, was andere nichts angeht. Dieser Unterschied scheint mir inzwischen aufgelöst zu sein. Heute heißt es „ich bin Mama“ oder „mein Papa“. Wirkt bestimmt auch irgendwie natürlicher, wenn man whatsappst, dass der Papa den inzwischen längst uninteressanten Pokemon gefunden hat (oder seine Nachfolger).

Und viele Menschen, leider gern Frauen, verhalten sich trotzig, wenn sie nicht kriegen, was sie wollen, quengeln, schreien rum, stampfen mit dem Fuß auf oder versuchen es mit süßlichem Einschmeicheln – anscheinend wurden zu viele zum verwöhnten Prinzesschen erzogen und sind im Alter einer Dreijährigen steckengeblieben.

Ich bin übrigens die Ute.

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21 Antworten zu Dutzidutzi oder die Infantilisierung der Gesellschaft

  1. Publicviewer schreibt:

    Wir sind eher auf dem Weg eine Weicheier gesellschaft zu werden.
    Ich fürchte, diese Zivilisiertheit ist über jedes Ziel hinaus geschossen. Die Schwachen sind so zivilisiert, dass ihre Angst sie ständig lähmt, doch so tief sie sich auch bücken, sie werden dennoch getroffen. Die Aggressiven nutzen das nach Herzenslust aus und prügeln täglich ein paar Opfer durch. Konsequenzen? Nicht machbar, selbst mit diktatorischen Mitteln, die obendrein noch damit gerechtfertigt werden. Meinung ist gefährlich. Die Gefahr muss eingedämmt werden.

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    • rotewelt schreibt:

      Ich glaube zu wissen, was du meinst, doch ich würde das vielleicht nicht als Zivilisiertheit bezeichnen, sondern eher als übereifrigen zivilen Gehorsam. Wobei: Nicht konforme Meinungen werden ja schon auch laut geäußert – in den sogenannten sozialen Medien oder in rechten Parteien und damit leider oft von den Falschen, den Unreflektierten. Ansonsten ist die Vielfalt der Meinungen tatsächlich abgeschafft worden, sie kommt in den sogenannten Leitmedien nicht mehr vor, höchstens noch in Talkshows, in denen es aber nur auf Krawallquoten ankommt und nicht auf inhaltliche Diskussionen. Jetzt überlege ich gerade, was das mit meinem Artikel zu tun hat, doch der gemeinsame Nenner ist sicher die Manipulation.

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  2. aquasdemarco schreibt:

    Aber warum ärgert es dich?
    Da Generationen sich immer wieder verändern und alles einem stetigem Wandel unterliegt, wird auch die Duzzizeit ein Ende haben, mal schaun was dann kommet.
    Nur, je älter man wird um so verwirrender sind oft gefühlt die Veränderungen um einen rum, darauf einen Algorithmus Cocktail geschlürft.
    Stößchen!:-)
    Der Andy

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    • rotewelt schreibt:

      Hi Andy, aber wie kommst du darauf, dass ich mich ärgere? Ich nehme wahr, beobachte und äußere meine kritische Meinung dazu. Und ja, was wir schon alles an raschen Veränderungen erlebt haben, nehmen wir nur die letzten 20 Jahre, das kann einen schon schwindelig machen, auch ohne Cocktail. Und sag nie wieder „Stößchen“, das macht mich wirklich wahnsinnig, ich könnte laut schreien! 😉
      Die Ute

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  3. kormoranflug schreibt:

    Hallo Ute, die Werbung geht mir am A. vorbei – alleine wenn ich Werbekonzepte sehe die für ganz verschiedene Produkte immer die gleiche Masche benutzen. Aber, wie ich bei meinen Nachbarn erfahren musste gibt es in der Werbung soviel zu verdienen – da kann ein Kormoran nur von Fischen träumen. Kein Wunder das nur Mist rauskommt. tom

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  4. Ulli schreibt:

    Ich stimme dir zu, viele sind spätestens in der Pubertät stecken geblieben, manche stecken noch im Sandkasten und kloppen sich ums Schäufelchen – erwachsen sein heißt ja Verantwortung für sich und seine Familie und Freund *innen zu übernehmen, das scheint manchen zu hart! Ich bin auch gespannt was aus den Kindern werden, die heute vor allem möglichem geschützt und behütet werden…
    herzliche Grüße, Ulli

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    • rotewelt schreibt:

      Tja, die berühmten Helikopter-Eltern… Der komplette Haushalt wird desinfiziert, die Mutter, pardon, Mamma, steht unter dem Klettergerüst auf dem Spielplatz oder lässt das Kind gar nicht erst hin und überhaupt dem Nachwuchs keine Freiräume mehr (dauernd betüddelt und bewacht zu werden, ist sicher auch anstrengend und der Entwicklung nicht förderlich). Gerade vor ein paar Tagen las ich übrigens, dass mittlerweile die Eltern eingeladen werden, wenn das Kind mit dem Studium beginnt. Ob das Kind dann auch eine Schultüte bekommt? In Freiburg musste mal das SC-Stadium herhalten, weil der Andrang von Mamas und Papas so groß war… Als ich das las, habe ich Bauklötze gestaunt! 🙂 Herzlichen Gruß zurück

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  5. vilmoskörte schreibt:

    Der Begriff GroKo, der laufend in den Nachrichten auftaucht, gehört auch in diese Kiste Kindersprache.

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  6. Jürgen EHRE schreibt:

    Ist das eine Revolte? Lach…Tja, aber es stimmt: die bewusste Massenverdummung, gezielte Manipulation, hauptsächlich durch Infantilisierung, Hilfe der „Gadget-Technologie“ und All-kominikationsmôglichkeiten.… dazu die Unterhaltung von Angst, Furcht vor sozialem Absturz und allgemeiner Lügenpropaganda, ist gewollt gesteuert, um die Massen besser unter Druck zu halten; anders , sie durch Dissonanz , Zwietracht und Dissoziation, Erzeugung von Krisen, zu regieren; dann gehorchen die Schafe, so wie die Wölfe es wollen, und laufen „unbewusst“ in ihr eigenes Elend ! Das Volk wird verachtet, es hat nichts zu entscheiden, nichts zu kritisieren, als „dumm verkauft“, soll es nur konsumieren und „überzeugt“ an die Verwirklichung der Pferdeäpfel -Theorie glauben… was eben übrig bleibt…für die Spatzen!
    On sait que les lois sont ont été inventées par les puissants pour dominer les faibles, qui sont beaucoup plus nombreux. Elle est belle la vie… et ça, depuis toujours ! Hé ! N’oubliez-pas de nourrir les pauvres moineaux ! Et vive le fameux ruissèlement ! mdr !

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    • rotewelt schreibt:

      Tja, sieht ja fast so aus, als wäre ich nicht allein mit meiner Beobachtung und meiner Kritik. Gadgets, zum Beispiel Pokemon, gehören auch dazu, stimmt. Die Infantilisierung ist sicher kein Zufall, zumal damit eine gewisse Verdummung einhergeht, die einigen gut in den Kram passt. Wenn ich an das deutsche Bildungssystem denke, werde ich sehr wütend – da ist ganz klar, dass „man“ unter sich bleiben will und keine sozialen Aufsteiger duldet – jaja, die Pferdeäpfeltheorie. Und wer arm und ungebildet ist, muckt weniger auf – selbst die Pegida- und AfD-Anhänger kommen ja nicht primär aus der Unterschicht und die Anführer sind erst recht nicht gegen den um sich greifenden Neoliberalismus. Wer weiß, wohin das alles noch führen wird… On verra!

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  7. Lakritze schreibt:

    Seufz. Nur zu wahr in manchen Bereichen; und auch die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub wird uns systematisch ausgetrieben. Können viele Erwachsene nicht mehr. (Werbung kriege ich, zum Glück und wenn überhaupt, nur gedruckt mit. Und dagegen hilft Kurzsichtigkeit.)

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  8. karu02 schreibt:

    Bei allem, was zu beobachten ist, denke ich heute, es war nicht so schlecht, die eigenen Eltern zu siezen. So gab es über den Prinzen und Prinzessinnen noch eine höhere Instanz. Und ja, speziell den Frauen scheint es schwer zu fallen, den Kindchen-Status abzulegen. Ich sehe sie in unseren Kleinstädten ringsum nur noch mit dicken Bommelmützen, wusste nicht, dass es Empfehlungen dafür gibt bei den Wetterfröschen. Vor kurzem waren es noch die kleinen Kuscheltierchen, die an den kleinen Rucksäcken baumelten. Von wem waren die empfohlen worden? Die sind weg. Im Müll? Landen da die Bommelmützen im nächsten Jahr auch?
    Es hat sich übrigens bewährt, die Nachbarn konsequent zu siezen, sie gewöhnen sich daran. Alle die sich geduzt haben, als wir hier einzogen, sind inzwischen zerstritten.
    Mir ging es mit den von Dir beschriebenen Sendungen ähnlich, habe sie auch alle mit meinen Kindern geguckt. Danach nie wieder Fernsehen, es kam nichts Vergleichbares mehr. 🙂

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    • rotewelt schreibt:

      Ach, dann haben dir die damaligen Kindersendungen auch so gut gefallen. 🙂 Das Siezen der Eltern war ja ein rein formales Insignium der Autorität, des erwünschten Respekts. Aber eigentlich müssten es die mittlerweile erziehungsmäßig etwas aufgeklärteren Eltern doch hinbekommen, ihren Kindern auch ohne Siezen Anstand zu vermitteln und sie auf dem Weg ins Erwachsensein zu begleiten und zu fördern… Doch offenbar gelingt das nicht und die Prinzesschen – natürlich auch die Prinzen – tanzen ihnen auf dem Kopf herum. Dass viele Menschen anderen gegenüber heute so unverschämt sind, liegt wohl auch daran, wie ich kürzlich las, dass ihnen von den Eltern heute vermittelt wird, sie sollten sich bloß nichts gefallen lassen, sich von niemandem etwas bieten lassen, sondern immer versuchen, ihre vermeintlichen Rechte durchzusetzen. Tja, das „unerwachsene“ und respektlose fordernde Verhalten ist eine Folge davon. Ich will die Männerwelt sicher nicht schonen, aber ich sehe es auch so wie du, dass gerade Frauen sich oft noch wie kleine Mädchen verhalten. Was die Bommelmützen betrifft, so gaben die Wetterfrösche keine direkte Empfehlung für diese Modesünde, sondern weisen bislang darauf hin, dass eine warme Wollmütze, Schal und Handschuhe angesichts den herannahenden Wetters angebracht seien (dass die sich nicht schämen, Erwachsene so anzusprechen). Stimmt, diese Stofftiere gab es ja vor kurzem auch noch bei jungen Frauen – voll geschminkt und auf Weibchen gestylt und dazu DAS… Heute sind die Smartphones wichtiger und auch daran kann man was hängen, zum Beispiel gaaanz süßen Eulchen- oder Marienkäferchen-Schmuck. Ich glaube, ich war nie ein „richtiges Mädchen“, ich habe nie so gequietscht und gekreischt wie junge Frauen heute, wenn ich mit Freundinnen zusammen war, habe nicht vor Freude in die Hände geklatscht, bin wie wild umhergehüpft und in die Luft gesprungen.
      Bei den Nachbarn wäge ich wohl ab, wen ich siezen oder duzen möchte und bislang war alles gut.

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  9. Pingback: Kleinigkeiten – Fädenrisse

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