Apulien, erste Wegesrandnotizen

Wo soll ich anfangen? Am besten mit den kleinen Impressionen, die man halt so unterwegs erhascht, in der Natur, in Orten. Ordnen kann man seine Eindrücke auch noch später. Weggelassen habe ich aber, zugegeben, und sogar nicht mal fotografiert, die schlimmen Bausünden, die man in Süditalien immer wieder findet: irgendwann mal angefangene Parkhäuser, nie zuende gebaute Einkaufsmärkte oder auch Privatvillen, Albträume in Beton, Stahl und Rost. Jetzt, beim zweiten Besuch in Apulien, war ich schon abgehärteter, hatte aber früher auch in Kalabrien und im wilden südkampanischen Cilento schon so Einiges gesehen.  Auch der Müll am Wegesrand (die mittlerweile eingeführte Mülltrennung – nun führen sie dort auch Hausmülltonnen ein, die die großen Gemeinschaftscontainer ersetzen sollen) hat damit nichts zu tun bzw. ändert daran nichts. „Will-nach-Hause-“ oder „Warum-sind-wir ausgerechnet-hierhin-gereist“-Gedanken“ habe ich inzwischen nicht mehr, eher „Will hier nicht mehr weg“, denn da kommt man wirklich runter.  Auch bin ich schon abgehärtet, sind ja alles nur Äußerlichkeiten, selbst wenn ich sie nicht verstehe bei allen Bella-Figura-Inszenierungen und sogar die Süditaliener fahren inzwischen blitzblanke SUVs, als würglich. Doch vor allem weiß ich längst zu schätzen, was man dort hat und das ist eine ganze Menge. Zum Beispiel der „Ha-ha-ha-Buntsprecht, der beim Singen so hübsch nickt, während er auf der Stromleitung sitzt, oder die Kleinohreule, die nur einen Ton kennt, aber dafür beharrlich. Das gute Essen, die (meist) große Freundlichkeit der Menschen, die wunderschöne Landschaft, die hübschen verwinkelten Orte, mal weiß gekalkt und fast griechisch anmutend, mal barock in Natursteintönen.

In der ersten Woche wohnten wir in einem  Trullo bei Ostuni. Wunderschön in die bukolischste Landschaft eingebettet. Erst ziemlich am Schluss entdeckten wir die Heiligenfigur an der Fassade. Danach ging es auf die Innenseite des Stiefelabsatzes in die weniger bekannte Provinz Tarent. Landleben pur, hier hat jeder seinen Gemüsegarten und wo kein Gemüse, kein Wein und keine Oliven wachsen, sieht es aus, wie man sich eine Landschaft der Antike oder an der Via Appia vorstellt, die aber nur knapp bis zu dieser Region reichte.

Dafür grummelte es bestimmt an fünf Tagen, immer mal wieder. Der Himmel wechselte minütlich von harmlos bis bedrohlich und dann knallte es plötzlich derart, wie ich es bisher nie gehört hatte – ich fiel fast vom Stuhl. Auch der Regen war sintflutartig. In San Pietro di Bevagna, ein von mir sowieso ungeliebter Ort, fuhren wir uns fest. Eine halbe Stunde irrten wir über Feldwege und glaubten schon, wegen der Überschwemmungen nie mehr zur Ferienunterkunft zu finden, bis wir dann doch noch die letzte Straße zurück fanden.

In der ersten Woche war der Himmel heiterer, es gab nur ganze Nächte mit Wetterleuchten, eine zum Teil untermalt von der Musik eines nervösen Disc-Jockeys (sagt man heute ja nicht mehr) in einem benachbarten Haus, doch die Gesellschaft war durchaus fröhlich.

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In der zweiten und dritten Woche bei Campomarino waren wir dann nur drei Minuten Fußweg vom Meer entfernt. Hier der Blick aus einem Restaurant, doch wir hatten unseren menschenleeren „Hausstrand“, ohne Bagni, ohne alles.

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Durchaus nicht allabendlicher Blick vom Dach aus.

Ostuni, die „weiße Stadt“ war noch schöner, als ich sie mir vorgestellt hatte. Vorm Ortseingang, wo viele Hochzeitspaare posieren, links Ostuni (nicht im Bild, lach), geradeaus das Meer, lassen sie sich ablichten. Nun, wir fanden nur ein junges Paar, das zwar nebeneinander saß, doch wie üblich jede/r auf’s Smartphone fixiert war. Im Ort dann auch viel Licht und Schatten und ein Gitarrenspieler, der mir spanisch vorkam.

In Manduria, das Städtchen, das wir vor zwei Jahren zugunsten Orias ausgelassen hatten (irgendwo in der Mitte des Stiefelabsatzes) ist hübscher als erwartet. Manchmal auch skurril und man stellt sich Fragen. Ob die Katze ausgesperrt war? Der Mann auf dem Grafitto ließ mich an Pessoa denken, obwohl der doch ganz anders aussah.

Nach Monopoli wollte ich immer schon mal, obwohl ich das Spiel kaum jemals gespielt habe. Blutrote Fischernetze werden dort am bilderbuchartigen kleinen Hafen noch immer benutzt und repariert. In Polignano a Mare, nicht viel weiter nördlich, sind die Menschen auch Touristen gewohnt und posieren gern. Wie die Dame sagte, seien die Touristen vor allem an ihren Hunden interessiert. Tja… Noch eine Spur weiter und man ist im winzigen Fischerort San Vito – wie so oft in der Gegend, von einem alten Wachturm markiert. Sicher eine schöne Lounge-Ecke am Abend, das dazugehörige Restaurant jedoch ist gekennzeichnet von arroganten Besitzern und Bedienungen, die durch alle Gäste hindurchgucken, die nicht befreundet sind. Das nur zur Relativierung der süditalienischen Gastfreundschaft. Das Essen war trotzdem gut, doch die werden keinen Cent mehr von uns sehen.

Ausnehmend hübsch ist Cisternino, das schon im Itria-Tal liegt. Weiß, weiß, weiß,… und der Restaurantbesitzer feudelt schon mal den Boden vor seinem Fischlokal. Fährt man weiter nach Alberobello, ein bisschen Trullo-Disneyland, muss man nur die Nebengassen emporsteigen, um das normale Leben der dort tatsächlich noch ansässigen Menschen ein wenig mitzubekommen. Und Kitsch gibt’s ja überall.

Was soll ich hier am schwarzen Wald?

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2 Antworten zu Apulien, erste Wegesrandnotizen

  1. vilmoskörte schreibt:

    Erinnerungen werden wach, wenn ich lese, wo du überall gewesen bist – alles Orte, die ich auch schon besucht habe. Ich muss wirklich wieder einmal nach Apulien!

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  2. rotewelt schreibt:

    Avanti, avanti, Vilmos! 😉 Ach ja, schon eine schöne und besondere Region, noch ein bischen abseits von den Massenzielen (keine einzige deutsche Speisekarte gesehen, find ich gut, musste aber ein paarmal nachfragen, was ja nicht schlimm ist). Aber es sind doch ganz schön viele Olivenbäume abgestorben oder wurden gestutzt wegen dieses fiesen Schädlings. Zum Glück hat man aber wohl darauf verzichtet, eine 15 Kilometer breite Schneise quer durch den Stiefeabsatz zu schlagen und dort alle Olivenbäume zu vernichten-

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