Der Fall Özil

Eigentlich wollte ich mich dazu nicht äußern, denn es ist schwierig, sich ein umfassendes Gesamtbild von den Geschehnissen zu mache, noch dazu, wenn man sich im Fußball nicht so auskennt und sich kaum dafür interessiert. Aber es geht ja nicht eigentlich um den Sport. Daher wage ich es nun trotzdem, meine persönliche Meinung zu sagen.

Ich finde es falsch und ungerecht, Mesut Özil für die Niederlage der deutschen Mannschaft verantwortlich zu machen, wie es viele tun. Die ganze Mannschaft hat nicht überzeugt, da sind sich alle Kritiker einig (und ja, habe auch schon mal hingeschaut). Natürlich war es unklug und unsensibel von Özil, sich mit Erdogan ablichten zu lassen, auch wenn er türkischer Herkunft ist. Er hätte in dieser Situation wissen müssen, dass es nicht so gut ankommt, wenn er sich wie ein Freund des Despoten darstellt – und bis heute bereut er nichts, hat die Bedeutung seiner Geste für andere also offenbar nicht begriffen. Andererseits: Wenn Angela Merkel Erdogan nicht nur die Hände schüttelt und gemeinsam mit ihm in die Kameras lächelt, sondern sogar weiterhin mit ihm Geschäfte macht und die Türkei weiter EU-Anwärterin ist, ist das anscheinend vertretbar und korrekt?! Was für eine Bigotterie. Natürlich hat sie den Fußballspieler dann auch verteidigen müssen, sonst hätte sie selbst ja in schlechtem Licht gestanden.

Daher finde ich, dass Özil zu Unrecht als der an allem Schuldige an den Pranger gestellt wird, er kommt mir vor wie ein Bauernopfer bzw. ein Stellvertreter, der alle Enttäuschung und allen Hass auf sich zieht. Wie wär’s, wenn man mal die deutsche Regierung kritisieren und die Waffenexporte in die Türkei unter die Lupe nehmen würde?

Und so übertrieben und auch ungerecht ich Özils allgemeine Anklagen zum Rassismus in Deutschland auch finde, so steckt doch ein Stück Wahrheit darin. Das bemerkt man schon, wenn man die Äußerungen von DFB-Präsident Grindel sieht, der meiner Meinung nach abgesetzt gehört. Teile dieser Gesellschaft sind wohl un“heil“bar. Auch Hoeneß sollte besser den Mund halten, er diskreditiert sich selbst, ebenso wie es andere Fußballoberen tun – vom tumben Matthäus mal ganz abgesehen.

Klar, dass das alles für die AfD ein gefundenes Fressen ist. Am schlimmsten fand ich aber im Grunde die Äußerung unseres (ausgerechnet) SPD-Außenministers Heiko Maas. Von Diplomatie und Taktgefühl hat der ansonsten blasse Mann offensichtlich keine Ahnung, denn warum sonst hätte er sich dazu hinreißen lassen zu sagen, er glaube nicht, „dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über Integrationsfähigkeit in Deutschland“. Wie dumm, voll daneben, Abseits, Eigentor. Und ausnahmsweise stimme ich mal Agenda-2010-Schröder zu, der die Äußerungen von Maas als „schlicht und einfach unerträglich“ bezeichnet hat.

Und da sind aber noch die anderen, die die „Menschen mit Migrationshintergrund“ quasi aus der Gesellschaft aussparen insofern, als sie sich verpflichtet fühlen, ihnen auch dann vehement beizuspringen, wenn sie Fehler machen und sofort reflexartig Rassismusdebatten lostreten wie zum Beispiel Justizministerine Barley, Maas‘ Parteikollegin. Fördert das die Integration? Ist das nicht auch Ausgrenzung? Und überhaupt, sollten nicht alle Menschen, Bürger, gleichbehandelt werden?

In Deutschland ist es schwierig mit dem „Dazwischen“ – es gibt in vielen politischen Debatten nur Schwarz und Weiß, einseitige Parteinahmen, keine Grautöne, kein Differenzieren. Schade.

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8 Antworten zu Der Fall Özil

  1. Publicviewer schreibt:

    Wie schon des öfteren erwähnt ist Fußball die neue Pest der Menschheit.
    Also am besten völlig ignorieren.

    Mein letztes Essay dazu:

    Fußball und VW die Zugpferde des europäischen Kapitalismus

    Der finanzielle Aufwand von VW für ein besseres Image könnte kaum besser angelegt sein als die Fußball WM zu sponsern.Ich bin der Meinung, dass diese Fußball verrückten, die es seit einer Dekade durch die breite Masse jeglicher Coleur der Bevölkerung zieht, einer Art Massengehirnerweichung unterliegen.Fußball ist genau wie im richtigen Leben kein fairer Sport, gespielt von über bezahlten aber eher unterbelichteten Spielern, die sich benehmen als wären sie Nutten auf dem Laufsteg.
    Es vergeht kaum ein Tag ohne Skandale, wie Schlägereien, Spielabsprachen, Wettbetrug, Bestechung, Doping oder wenigstens einer Beleidigung des guten Geschmacks.
    Mit dem Produkt, hier Fußball, werden Ersatz-Lebenswelten verkauft (Träume), die der Konsument in einer Wirklichkeit, in der nur noch Produkte und ihre Verheißungen leben, umso selbstverständlicher als seine eigene Welt adaptiert.
    Ich schrieb in einem anderen Portal einmal: „5000 Leute waren bei Occupy, aber „Hunderttausende“ von Leuten rennen gleichzeitig in die „Allianzarenen”.
    Scham und Ehre sind unmodern geworden. Die beliebten Spiele zu sponsern, ist billiger und werbewirksamer. Das Vergessen wird beschleunigt – außer natürlich bei den Betrogenen. Die brauchen sicher etwas länger.

    Das sollte euch zu denken geben….Panem et circenses.

    Dazu nochmal Robert Kurz:

    Bleibt die radikale Gegenbewegung aus, ist das Rsultat die unaufhaltsame Entzivilisierung der Welt, wie sie jetzt schon überall sichtbar wird. Selbst dann wäre für eine Minderheit immer noch wenigstens eine Kultur der Verweigerung möglich.
    Wenn schon das ökonomische Terrorsystem in seinem Zerstörungs- und Selbstzerstörungsprozeß nicht mehr aufgehalten werden kann, so gilt doch immer noch die Devise der Kritischen Theorie, sich von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen zu lassen. Unter den gegebenen Umständen kann das nur heißen, jede Mitverantwortung für »Marktwirtschaft und Demokratie« zu verweigern,
    nur noch »Dienst nach Vorschrift« zu machen und den kapitalistischen Betrieb zu sabotieren, wo immer das möglich ist. Selbst wenn es nur wenige sind, die im Zerfallsprozeß des Kapitalismus eine neue innere Distanz gewinnen können: Es ist immer noch besser, Emigrant im eigenen Land zu werden, als in den inhaltslosen Plastikdiskurs der demokratischen Politik einzustimmen. Die Ge-danken sind frei, auch wenn sonst gar nichts mehr frei ist.

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  2. rotewelt schreibt:

    Jaja, Brot und Spiele… Aber ignorieren kannst du das alles ja auch nicht… 😉 Wenn es denn so einfach wäre, es ist ja Teil unserer Gesellschaft und die „Spiele“ werden immer wichtiger, um vom wirklich Wichtigen abzulenken.

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  3. menuchaprojekt schreibt:

    Beim Rassismus muß man ihn in Schutz nehmen, ganz klar. Beim Foto mit Erdogan, dem Despoten, muß man ihn ganz klar kritisieren und ihn hinterfragen, was für ein Demokratieverständnis er hat. Die Aussage von Gündogan ist da noch etwas krasser, wo er Erdogan als seinen Präsidenten bezeichnet. Und es geht auch anders. Emre Can, ein weiterer Fußballer mit türkischem Hintergrund ist der Veranstaltung mit Erdogan ferngeblieben.

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  4. aquasdemarco schreibt:

    Ich finde Deutschland hat noch eine offene Debattenkultur, wenn ich mich so weltweit umschaue.
    Es ist Sommerloch, normalerweise schreibt man hier Lokal über Hundebesitzer und Hundegegner, also schwarz gegen weiß.
    Und nicht alles was da so medial transportiert wird, zeigt das gesellschaftliche Bild wieder.
    Ich habe hier in meinem Umfeld Niemanden sagen hören, der Ösil ist schuld.
    Habe ich tatsächlich, ausser von Ulli aus B und Talk Basler nie so gehört. Eher die Frage, warum Müller das weiter mitspielen durfte.
    Für mich alles eine mediale Aufregung, welche den türkischen Regierenden nützt.

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  5. gripseljagd schreibt:

    Länderspiel, Weltmeisterschaft…das ist doch schon vom Ansatz her ein nationalistischer Wettkampf. Deutschland gegen….was erwarten wir?

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