Die 36. Woche, 2018

Frühling, Sommer und dahinter
gleich der Herbst und bald der Winter –
ach, verehrteste Mamsell,
mit dem Leben geht es schnell.
(Wilhelm Busch)

Eigentlich ist alles soso,
heute traurig, morgen froh,
Frühling, Sommer, Herbst und Winter,
ach es ist nicht viel dahinter.
(Theodor Fontane)

Den Frühling habe ich verpasst, im Sommer hatte ich keine Zeit, der Herbst brachte mir die Angst vor dem Winter, im Winter träume ich vom Frühling.
(Stefan Rogal)

Wenn ihr ein Jahr gelebt und den Wechsel der Jahreszeiten erlebt habt: Winter, Frühling, Sommer, Herbst, dann habt ihr alles gesehen und nichts Neues werdet ihr mehr erblicken.
(Michel de Montaigne)

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Gestrige Notiz vom Wegesrand, gesehen an der Dreisam (die nicht mehr so ausgetrocknet ist wie vor ein paar Wochen) bei Freiburg Richtung Kirchzarten. Endlich war mal entspanntes Radfahren möglich, zwischen Gluthitze und Regen. Nur, warum setzt sich die junge Frau an dieses schönes Fleckchen Erde, um auf ihr Smartphone zu schauen? Ein lieber Mitleser gab den Tipp,  das Bild „Einsam an der Dreisam“ zu nennen, finde ich passend, danke!

Selbst finde ich, dass der Sommer ein richtiger Sommer war, endlich mal wieder, lang und warm, aber dann doch meist zu heiß und schwül (wenn auch nicht so schlimm wie 2003) und ich ihn deshalb gar nicht wirklich mitgekriegt habe (abgesehen von den immerhin zwei Wochen in Apulien im Juni), was ich jetzt sehr bedaure. Wochenlang arbeiten in der abgedunkelten Wohnung (das hat man nun vom Freiberuflerdasein im sogenannten Home Office ohne Klimaanlage), keine nächtliche Abkühlung, schlechter Schlaf, Erschöpfung. Die letzten Wochen wenigstens schulfrei nebenan und zwischendurch sogar zwei Wochen Bauferien an der Großbaustelle gegenüber. Die Presslufthammer, Rüttler & Co sind schon wieder in Betrieb und am Montag kommen die brüllenden und kreischenden Schüler zurück. Noch zwei Tage die Ruhe genießen. Doch Melancholie schwingt mit.

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15 Antworten zu Die 36. Woche, 2018

  1. Ulli schreibt:

    Wilhelm Busch stimme ich zu, Theodor Fontane sage ich: wie schade, wohl nicht richtig geschaut und gespürt, Stefan Rogal kann ich nachempfinden und nehme mir vor noch aufmerksamer zu sein, Michel de Montaigne widerspreche ich, keine Jahreszeit gleicht der anderen, kein Frühling, kein Sommer, kein Herbst, kein Winter dem anderen …
    es sind die Äusserlichkeiten, die sich „scheinbar“gleichen und dann kommt doch wieder alles ganz anders und das ist gut so!
    Und ich, jetzt? Der Sommer ist in seiner späten Zeit angekommen, neigt sich dem Herbst entgegen, ach … wie schnell vergeht die Zeit –
    herzliche Grüße, Ulli

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    • rotewelt schreibt:

      Liebe Ulli, danke für deine Gedanken. Vieles hat für mich nur symbolische Bedeutung (huch, nein, auf DAS Thema will ich hier nicht eingehen ;-)). Vor allem: Jedes Zitat kann unterschiedlich interpretiert werden, je nach Mensch und sogar je nach Befinden/Stimmung/Lebenssituation. Fontane interpretiere ich gerade so, dass es gar nicht auf die Jahreszeit ankommt, ob man traurig oder froh ist. Man kann im Sommer tieftraurig und im Winter total glücklich sein. Der Rogal ist meinen Gedanken auch am nächsten. Und de Montaigne sagt für mich, dass die Menschen, die alle „Jahreszeiten“ durchlebt haben, alles durch haben, alle Gefühle von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt (ich übertreibe). Aber ich finde es auch schön und interessant, dass unterschiedliche Menschen – sogar je nach Laune, was ich zumindest auf mich beziehe – manche Zitate so unterschiedlich sehen.
      Total einer Meinung bin ich mit dir darin, dass kein Sommer (keine Jahreszeit) einem anderen gleicht. Und während ich gestern noch melancholisch war, weil der Sommer vorbei zu sein schien, hatte ich heute das erste Mal das Gefühl, dass wir einen Sommertag haben. Ich habe mich nämlich erstmals nach der Rückkehr aus Apulien kurze Zeit auf meinem Balkon gesonnt (vorher war es entweder zu heiß oder zu kalt/nass). Meinetwegen könnte der Sommer jetzt beginnen. Liebe Grüße, Ute

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      • Ulli schreibt:

        Stimmt, liebe Ute, jede und jeder liest, je nach Stimmung, etwas anderes. Deine Sichtweisen sprechen mich an und ich stimme dir zu: heute war ein herrlicher Sommertag, auch ich saß einige Zeit auf meiner Terrasse in der Sonne, trank, aß und las und rauchte ( 😉 ), so darf es jetzt noch eine Weile weitergehen!
        Auch liebe Grüße an dich, Ulli

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        • rotewelt schreibt:

          Ja, vielleicht noch ein paar Tage „richtiger“ Sommer, lechz. Sorry wegen meiner sonstigen Schreibfaulheit. Ich habe momentan zu meinem Privatleben kaum Worte, das Äußere beschäftigt mich wohl zu sehr (die Arbeit gerade auch, Termindruck). Aber ich will das nicht, grrr. Also: sobald ich Luft habe! Schönen Sonntag noch, Ute

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  2. Die heißen Sommer, die bleiben mir stets in Erinnerung; die durchwachsenen, die verregneten und die kühlen, hinterlassen keinen bleibenden Eindruck. Auch ein Office fern des Homes hat nicht immer eine Klimaanlage. Ja, am belastendsten ist der schlechte Schlaf bei fortdauernder Hitze.

    »Nur wer ein Auge dafür hat, sieht etwas Gutes und Schönes, in jedem Wetter, er findet Schnee, brennende Sonne, Sturm und ruhiges Wetter schön, hat alle Jahreszeiten gern und ist im Grunde damit zufrieden, dass die Dinge so sind wie sie sind.«
    – V. van Gogh

    Seit ich wieder regelmäßig Laufe kann ich tatsächlich jedem Wetter etwas abgewinnen (nur Hitze mit Sonneneinstrahlung ist ein No-Go).

    Liebe Grüße, Bernd

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    • rotewelt schreibt:

      Mir geht es ähnlich, dass die heißen Sommer in Erinnerung bleiben, 2003 werde ich nie vergessen. Die anderen verschwimmen, sind verwaschen irgendwie.
      Stimmt, auch ein Office fern des Homes hat nicht immer eine Klimaanlage. Und dann sah ich aus dem Fenster immer die Bauarbeiter, die auch nicht hitzefrei hatten. Zwei Wochen lang war nun Baustellenurlaub, aber die größte Hitze mussten sie vorher ertragen, sie haben mir schon mehr leidgetan als ich mir selbst.
      Van Gogh hatte ja einen ganz besonderen Blick. Er hat anders gesehen, auch verstörend und es ebenso dargestellt und er gehört zu meinen Lieblingskünstlern, wenn man das so sagen kann. Doch vielleicht war er zwar mit den Jahreszeiten zufrieden, aber nicht mit dem Rest seines schwierigen Lebens…
      Was du von deinem wetterunabhängigen Laufen sagst, verstehe ich gut. Vor ein paar Jahren bin ich auch jeden Tag rausgegangen, auch bei Regen, wenn auch nicht gelaufen (ich bin eher die Gängerin). Schon länger nehme ich mir vor, das wieder zu tun, weil es guttut und auch, um die Natur und die Jahreszeiten wahrzunehmen mit all ihren Nuancen. Ob ich mich aufraffen kann? Liebe Grüße, Ute

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      • Neben dem Haus in dem ich wohne wird ein neues Haus gebaut und in unmittelbarer Nähe meines Arbeitsplatzes wird ein Krankenhaus erweitert und ein Altenheim neu gebaut. Auf diesen Baustellen gab es auch kein Hitzfrei und ich fragte mich, wie ein Mensch diese Hitze bei körperlicher Arbeit erträgt.
        Es ist die Frage, ob van Gogh überhaupt von sich selbst spricht oder Beobachtungen und Rückschlüsse wiedergibt.
        Die neuste Ausgabe der „Psychologie heute“ nennt und beschreibt 9 Gründe, warum wir den Aufenthalt in der Natur als wohltuend empfinden:
        Hier nur die Stichworte
        – Selbsterfahrung
        – Abstand vom Alltag
        – Verbundenheit mit dem Wesentlichen
        – Ruhe
        – Kraft
        – Freiheit
        – Harmonie
        – Zuversicht in neue Anfänge und Möglichkeiten
        – Anregung unserer Sinne
        Ja, raffe dich auf. Tue es einfach. Mache ein Ritual daraus. Und Schrittweise. Fange mit kleinen Spaziergängen an. Alles andere kommt von selbst. Wenn es dir gut tut, wirst du (mehr) weitermachen, wenn es dir abträglich ist, lasse es wieder. Gib dem inneren Schweinehund einen Kuss auf die Stirn und gehe los. Liebe Grüße, Bernd

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        • rotewelt schreibt:

          Na, dann bist du auch nicht lärmungeplagt? So liest es sich jedenfalls. Die Bauarbeiter selbst müssen schon recht widerstandsfähig sein, um heiße Temperaturen auszuhalten und nicht umzukoppen. Mir fällt auf, dass hier viele dunkelhaarig sind und oft von dunklerer Hautfarbe. Und dabei frage ich mich dann auch, ob sie für weniger Geld arbeiten…
          Psychologie heute hatte ich früher sogar mal abonniert und später noch öfter gelesen, nun schon lange nicht mehr. Aber sicher gibt es hin und wieder noch interessante Artikel. Die von dir genannten Stichworte kann ich nur unterschreiben (nur, ob ich dafür das Heft kaufen muss?). Sorry, nicht böse gemeint! Und das mit dem inneren Schweinehund ist so eine Sache, ächz. Lieben Gruß zurück, Ute

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          • Oh ja, mich „verfolgen“ Baustellen (oder folge ich ihnen?).
            Bei den hiesigen Bauarbeitern vernehme ich osteuropäische Sprachen. Sicherlich arbeiten die für einen geringeren Stundenlohn oder verdingen sich als Selbstständige (zwangsweise).
            Ich bin im März auf die Zeitschrift gestoßen und habe sie nach drei Monatsausgaben abonniert. „Lach“, nein, dafür musst du dir das Heft nicht kaufen, es handelt sich nur um eine Seite mit drei Viertel Bild und einem Viertel Text.
            Ja, schicke den Schweinehund spazieren. Er freut sich sicher, wenn du ihn begleitest. 😉
            Liebe Grüße, Bernd

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          • rotewelt schreibt:

            Hier kann ich die Sprachen nicht identifizieren, der Baulärm überttönt alles. heute waren auch wieder die Jakobs und Elias(se?) auf dem Schulhof nebenan und brüllten, was das Zeug hält. Den Schweinehund musste ich heute leider überlisten, was schwer fiel.

            Liken

  3. eimaeckel schreibt:

    Dein Sommer scheint ähnlich gewesen zu sein wie meiner: Links des Büros die Baustelle und rechts der Schulhof, brütende Hitze und wegen des Lärms kein Fenster zu öffnen. Ich habe das Gefühl, dass ich in diesen Wochen nur überlebt habe, wie ein Fiebertraum an den ich keine Erinnerung habe.

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    • rotewelt schreibt:

      Uff, ja, das kling wirklich ähnlich (geplagt). Überlebt wie im Fiebertraum, der sich von acht Wochen auf einen Tag reduziert hat, so kommt mir der diesjährige Sommer vor. Einfach an mir vorbeigerauscht. Umsomehr genieße ich es dieser Tage, mal auf dem Balkon sitzen zu können (wenn auch leider nicht an den nun schon kühlen Morgen und Abenden, aber immerhin, bin sehr dankbar!).
      Heute müsste ich viel arbeiten, doch alles in mir sträubt sich. Will diesen stillen letzten Sommer(ferien)tag noch auskosten, faul sein. Also wieder morgen schon vor den Spatzen und Krähen raus und ranklotzen.

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  4. Corinna schreibt:

    Ja, also ich muss auch sagen, dass ich Michel de Montaigne widerspreche. Jede Jahreszeit ist in jedem Jahr in ihren Details immer wieder anders. Sonst wäre das Leben ja auch echt langweilig.

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