„Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun

Kürzlich bin ich bei einer wegen ihrer Buchrezensionen von mir geschätzten Blogger-Kollegin mal wieder auf Irmgard Keun gestoßen, von der ich bislang nichts gelesen hatte. Es spricht auf den ersten Blick zunächst für die Keun, dass ihre Bücher von den Nazis verboten wurden und gegen sie, dass ausgerechnet die deutsche „Frauenliteratur“ sie in den 70ern hochlobte und zu neuen Ehren führte, denn was unter dem zum Teil haarsträubenden Emanzengedöns veröffentlicht wurde und wird, hat mit anspruchsvoller Literatur oft nichts zu tun.

Irmgard Keun war eine Zeit lang mit Joseph Roth liiert. Angeblich sprachen sie untereinander nie über das, was sie schrieben, es hatte auch nichts Gemeinsames. Trotzdem ist mir die Autorin schon allein deswegen sympathisch, weil sie mit diesem Autor zusammen war und auch mit dem von mir noch mehr geschätzten Schriftsteller Stefan Zweig verkehrte. Angeblich war sie Roth – neben dem Emigrantenstatus – darin ähnlich, dass sie beide gesoffen haben. Ob da noch mehr war, vermag ich nicht zu beurteilen. Literarisch jedenfalls nicht, das steht fest.

Nun widerstrebte es mir irgendwie, als erstes Buch von Irmgard Keun ausgerechnet das zu lesen, mit dem sie erfolgreich wurde, „Gilgi“ und auch der später verfilmte Bestseller „Das kunstseidene Mädchen“ regte mich inhaltlich nicht übermäßig zum Lesen an. Also machte ich mich für den Anfang an „Nach Mitternacht“, ein Roman, der den Aufstieg Hitlers und die Manipulation der Bevölkerung vor dem Hintergrund einer Liebesgeschichte und anderer persönlicher Beziehungen beschreibt. Als Keun das Buch schrieb, war sie schon 35 und bereits seit zwei Jahren im Exil. Mit der Geschichte „entsteht ein authentisches Bild des ´gewöhnlichen, alltäglichen Faschismus´, indem Irmgard Keun mit den Erfahrungen von fast vier Jahren nationalsozialistischer Herrschaft zeigt, wie sich Menschen in der Diktatur eingerichtet und ihr angepasst haben“, heißt es im Klappentext. Das interessierte mich, denn genau von diesem gewöhnlichen Alltag liest man viel zu wenig (Ähnliches gilt ja über die Menschen unter der Stasi-Diktatur der DDR, wer schreibt schon wahrheitsgemäß darüber – wenn fast alle mitgemacht haben…).

Was soll ich sagen, ich bin enttäuscht. Schon wieder ein Buch, das ich nicht zuende lesen mag und schon nach weniger als 50 Seiten aus der Hand legte. Lakonischer Stil, neue Sachlichkeit – auch diese oft gelesenen eher freundlichen Kritiken haben mich zur Lektüre angespornt, doch ich finde davon wenig wieder oder es wird überlagert durch die mir zu mädchenhaft-übernaive Schreibweise. Manchmal hatte ich gar das Gefühl, Irmgard Keun richtete sich an Leser im Schulalter, wenngleich jene die an manchen Stellen in der Lakonie hervorblitzende Ironie noch gar nicht verstehen können. Doch, sie macht zum Teil hübsche Bemerkungen über den Führer und seine Gefolgschaft, die sie ins Lächerliche zieht. Und sie zeigt, wie schwierig es damals wurde und wie gefährlich es selbst unter Verwandten und Freunden war, seine Meinung über das Regime zu sagen. Aber wie sie das sprachlich macht und wie sie das in den Alltag von ja nur zwei Tagen einbettet, ist mir zu kindlich, zu gewöhnlich, ich habe nicht mal Lust, hier Zitate aufzuführen. Statt dass das Böse im Banalen klar entlarvt wird, finde ich hier, dass es durch die hingerotzte und für das Alter der Autorin sogar künstlich wirkende Sprache an Schärfe eher noch verliert.

Alfred Döblin soll sie zum Schreiben ermutigt haben, nachdem sie als Schauspielerin gescheitert war, und Tucholsky sagte über sie: „Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an!“, sie habe Talent und aus ihr könne einmal etwas werden. Doch ja, manchmal fand ich Passagen treffend und wortwitzig und musste schmunzeln. Aber mit so einer Schreibe einen Roman zu gestalten erscheint mir doch etwas, na ja, einfach. Vielleicht hätte Irmgard Keun eher Kabarettistin werden sollen oder Sketchschreiberin als ausgerechnet Romanautorin? Sie würde gut in die Reihe der Kebekus- und Pussy-Terror-Frauen passen, über die ich mich aber auch nicht wirklich amüsieren kann, alles zu platt und wenig hintergründig. Diesen Roman aus wichtiger Zeit kann ich jedenfalls nicht beenden, ich kann dieser Art von Literatur nichts abgewinnen, dafür ist mir die Zeit zu schade und es würde mich Nerven kosten trotz vereinzelter kleiner Schmunzler über ein paar erfrischende Passagen. Und bei „Nach Mitternacht“ soll ihr Stil ja sogar schon „erwachsen“ gewesen sein. Schade eigentlich angesichts eines historisch so bedeutenden Themas, über das noch längst nicht alles gesagt wurde. Dass sie eine große Erzählerin gewesen sein soll, wie Thomas Mann über sie sagte, will sich mir jedenfalls nicht erschließen. Da lese ich zum Thema Nazizeit lieber Erich Maria Remarque.

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2 Antworten zu „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun

  1. Jürgen EHRE schreibt:

    Die Dame Irmgard hat wohl angenommen (nicht mit Unrecht), dass der „Umgang“ mit großen Geistern ( Roth und Zweig) ihr eigenes Niveau hebt. Doch es reicht sicher nicht, sich mit ihnen zu besaufen! Mdr 🙂
    Siehe Joseph Roth: „Die Legende vom heiligen Trinker“

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  2. rotewelt schreibt:

    Gut möglich, dass sie durch ihren illustren Umgang berühmt wurde, das ist ja tatsächlich oft so… Ich bin nur erstaunt über das Lob, das ihr auch von manchen renommierten Schriftstellern zuteil wurde. Allerdings las ich auch nur, sie habe „Talent“ (aus dem man/frau ja aber erst was machen muss) oder sie habe „Humor“ (der auch nicht ausreicht, um ein guter Literat zu werden). Dass sie mit Roth und Zweig verkehrte (und mit ihnen trank, tja, der arme Roth, im Buch über den heiligen Trinker hat er ja wohl seine eigene Trunksucht zum Thema gemacht… 😦 ), lässt sich vielleicht auch schlicht damit erklären, dass ja viele Exilanten sich im Ausland zusammentaten und sich deshalb leicht untereinander kennenlernten.

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