Die Deutsche Bahn oder wenn Sibylle nicht antwortet

Autobahn oder Deutsche Bahn – wer sich für das eine oder andere entscheiden will, hat die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die letzten Jahre hatten fast alle deutschen Züge, mit denen ich fuhr, Verspätung. Als ich es genervt mit dem Auto versuchte, steckte ich mehrmals in Zwölf-Kilometerstaus bei Lahr auf der A5, zuletzt wieder Ende Juli. Was machen?

Diesmal wählte ich Richtung Bensheim wieder die Bahn, weil mir das Fahren auf den Autobahnen hierzulande sowieso keinen Spaß mehr macht, sofern man von Fahren überhaupt reden kann. Und überhaupt, warum soll mein Auto mit mir allein als Passagierin die Luft verpesten. Mit dem Taxi zum Bahnhof (falsche Hausnummer registriert, Fehler der Zentrale, gerade noch rechtzeitig am richtigen Gleis gestanden) und sogleich notgedrungen in den Zug gesprungen, obwohl auf der Anzeige außer Hamburg Altona auch Berlin stand, was mich verwirrte. Der Zug hatte Abteile, seit 30 Jahren nicht gesehen, ich ließ mich in eines fallen und erklärte dem dort schon sitzenden Paar, wie erfreut ich über die überaus pünktliche Abfahrt des Zuges war. Die beiden schauten leicht verwirrt oder als würden sie an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln. Später unterhielten sie sich darüber, ob sie wohl trotz der Verspätung den Anschlusszug kriegen würden und in meinen Augen blitzten Fragezeichen. Der Kontrolleur klärte mich dann auf: Den Anschlusszug in Mannheim würde ich wohl bekommen, doch ich säße im falschen Zug und erst recht in der falschen Klasse (ach daher war es im Abteil so komfortabel). Ansonsten herrschte freie Platzwahl, weil der Zug ein Phantomzug war, der gar nicht existierte. Ansonsten: Der IC/EC, den ich gebucht hatte, war noch gar nicht in Freiburg eingefahren, weil eben auf diesem Gleis der Zug (ebenfalls ein IC/EC) stand, in dem ich nun saß. Der wiederum ein Ersatzzug für einen ausgefallenen ICE war und zwölf Minuten Verspätung hatte. Immerhin hatte ich Glück und der Zug hielt auch in Mannheim, puh. Leider musste ich dann die erste Klasse verlassen und in die Holzklasse, die heute eher Plastik- oder Metallklasse ist und ziemlich schäbig verschrammt aussieht, auch wenn es dort zu meinem Erstaunen ebenfalls Abteile gibt. Das Allerbeste aber war, dass man dort noch die Fenster öffnen konnte, herrlich!

In Mannheim kam ich pünktlich an und freute mich, den falschen Zug genommen zu haben, denn der gebuchte kam ja erst später und ich hätte nur vier Minuten Umsteigezeit gehabt. Mein Anschlusszug, die S-Bahn Rhein-Neckar, war jedoch selbst zu spät, weil ein (sicher verspäteter) ICE das Gleis blockierte. Während ich wartete, lief auch mein voriger eigentlich gebuchter und verspäteter Zug ein, mit dem ich dann die verspätete S-Bahn doch auch noch erwischt hätte.

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Zwischendurch vier herrlich ruhig-entspannte Tage in Schweden (Züge vom Flughafen Stockholm-Arlanda in die Provinz und zurück pünktlich).

Die S-Bahn Rhein-Neckar erreichte pünktlich Mannheim. Die Informationen über die Anschlusszüge verschwiegen jedoch meinen Zug nach Freiburg, nannten stattdessen einen Zug, der drei Minuten später von einem anderen Gleis fuhr und außerdem kein IC/EC, sondern ein ICE war. Was tun? Ich astete mit meinem Gepäck von Gleis 1 zu Gleis 8 (diesmal hatte ich aber ganze zehn Minuten), nur um auf der Anzeige zu entdecken, dass sich mein Zug um 90 Minuten verspätete. Selbst der Zug, der vorher auf diesem Gleis einlaufen sollte, hatte 70 Minuten Verspätung. Na prima. Eineinhalb Stunden mittags bei 30 Grad warten – keine schöne Vorstellung. Da hörte ich wieder die Ansage des Zugs nach Freiburg und erreichte ihn auf Gleis 4 mit Müh und Not. Sicher würde ich für den ICE nachzahlen müssen, egal, nur weg hier. Immerhin war der Mannheimer Hauptbahnhof der einzige, an dem mir je mein Portemonnaie gestohlen worden war vor ungefähr 30 Jahren. Ich hatte es auf der Rückfahrt wiederbekommen von der Bahnpolizei, der Dieb hatte nur das Bargeld entwendet, alle Papiere dringelassen und das Portemonnaie in einen Mülleimer geworfen. Damals hatte die Bahnpolizei noch eine „Stube“ in gedeckten Grün-Ocker-Tönen wie oft in auch neueren „Tatorten“, man schrieb noch mit der Schreibmaschine die Protokolle und an der Wand hingen neben RAF-Fahndungsfotos Plakate über „Nacktgeher“.

Aber jetzt war ich ja schon wieder im Zug. Der hoffnungslos überfüllt war, die Gänge blockiert von monströsen Koffern und stehenden Menschen. Für mich blieb nur eine letzte Stehplatzlücke: direkt in der Mitte vor zwei Klos. Herrlich, ach, was herrschte auf den beiden Toiletten ein Kommen und Gehen. Manche blieben kurz, manche länger, was mir kurzfristig Sorgen bereitete. Ich sah ihnen widerwillig dabei zu (da bin ich Hypochonder) oder schaute lieber weg, wie sie alle nach dem WC-Gang diverse Keime auf den Türklinken verteilten oder erst einsammelten und sie dann beim schwankenden Gang durch die Wagen mit den Händen auf den Kopfstützen verteilten, dann auf ihre Smartphones wischten, sich durch die Haare strichen und ein Sandwich aßen. Zwischendurch setzte ich mich müde auf meine Reisetasche, doch dabei glitt mein Blick auf die Fußnägel eines Amerikaners, die unvorteilhafterweise in Sandalen steckten und ich wünschte mich woanders hin.

Zwischendurch ertönte aus dem Lautsprecher die Mahnung, doch bitte die Gänge freizumachen, damit Fahrgäste hindurchkämen. Eine Frau neben mir wollte in Wagen 25, wo sie reserviert hatte, doch bis dahin war von Wagen 21 kein Durchkommen, also stand sie. Endlich, in Karlsruhe, quoll eine Karawane aus dem Zug und ich bekam sogar einen Sitzplatz. Noch dazu bot mir ein sehr junger Mann an, meine schwere Tasche ins Gepäckfach zu hieven, was ich gern und dankbar annahm. Die ganze Zeit fürchtete ich schon den Schaffner und war gespannt auf die Höhe des Betrags, die ich für den nicht gebuchten ICE nachzahlen müsste. Erst nach dem letzten Halt in Offenburg kam er dann, doch er fand es zu meiner Überraschung ganz normal, dass ich mich – mit einigen anderen – in diesen Zug gerettet hatte – und meinte fast fatalistisch, mein Zug sei auch nicht der einzige verspätete an diesem Tag. Der, in dem ich saß, hatte zum Beispiel 45 Minuten Verspätung – und nur deshalb hatte ich ihn überhaupt erwischt. Eigentlich hätte er bis Basel fahren sollen, aber aufgrund der Verspätung war Freiburg Endstation und viele Passagiere mussten nun auf einen Anschlusszug in die Schweiz warten. Auf meine Frage, was denn die Gründe für diese Verspätungen seien, antwortete mir der Schaffner, in meinem Zug hätte es einen Notarzteinsatz gegeben und im aktuellen einen Polizeieinsatz. Interessant. Was ist denn bloß in deutschen Zügen los? Oder sind das Ausreden? Während ich in Deutschland in den letzten vier Jahren nur einen pünktlichen Zug erlebt habe, war es in Frankreich ein unpünktlicher, zumindest, was die TGVs betrifft. Da stimmt doch was nicht. Wie halten das bloß die japanischen Touristen in Deutschland aus, die den Shinkansen gewohnt sind, der in ich weiß nicht genau wie vielen Jahren auf insgesamt genau 36 Sekunden Verspätung kommt? Jedenfalls musste ich nichts nachzahlen, sondern bekam sogar ein Fahrgastrechteformular in die Hand gedrückt, damit ich mir wegen meines 90 Minuten verspäteten Zugs Geld zurückerstatten lassen kann. Da ich ja aber mit einem verspäteten ICE fuhr statt mit dem verspäteteten IC, kam ich sogar neun Minuten früher an als ursprünglich geplant. Soll ich jetzt trotzdem…?

Ich denke, bei der nächsten Reise weiche ich auf eine Segelyacht aus, mir fehlt nur noch der Sponsor. Nur entgehen einem dann auch schon mal skurrile Begebenheiten. Während mir die Augen zufielen, hörte ich eine Frauenstimme sagen „Ruf Sibylle an“. Nichts von Bedeutung, doch dann wiederholte sie es. Ich schaute auf und sah in der Vierersitzgruppe links vor mir eine Frau Mitte bis Ende 60, die ihr Smartphone anstarrte. „Ruf Sibylle an“, wiederholte sie da. Und dann „Ich werde pünktlich sein“. Hmmm, okay. Doch irgendwas lief offenbar nicht wie gewollt und sie begann von neuem, nicht ohne vorher zu sagen, sie unterhalte wohl den ganzen Wagen, womit sie zweifellos Recht hatte. Also wieder von vorn: „Ruf Sibylle an!“. „Sibylle anrufen, privat oder geschäftlich?“, antwortete ein weiblicher Roboter (ob es Alexa war, weiß ich nicht). „Privat“. „Sibylle wird angerufen“. Tüttüttütütüt. Sibylle ging nicht ran, aber wohl die Mailbox, was man seltsamerweise nicht hörte. „Ich werde pünktlich sein“, wiederholte die Frau. „Um vier Uhr im Himmelreich.“ Da staunten die sie umgebenden Mitreisenden, was für eine schöne Adresse. Komisch, ich fühlte mich auf dieser Reise eher wie im Höllental.

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10 Antworten zu Die Deutsche Bahn oder wenn Sibylle nicht antwortet

  1. kat. schreibt:

    Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen!

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  2. Ich fahre ja seit vielen Jahren regelmäßig zwischen Koblenz und Stuttgart mit der DIE BAHN. Mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit verspätet. Auf Dauer macht Zugreisen gelassener. Mittlerweile gebe ich im DB-Navigator als gewünschte Umsteigezeit zwanzig Minuten ein. | Es ist der Kapitalismus, die Marktwirtschaft, der man das Adjektiv sozial geraubt hat, deshalb Raubtierkapitalismus, es ist also der Kapitalismus, die Gier nach Geld, die DIE BAHN nur noch auf Verschleiß fahren lässt. Liebe Grüße, Bernd

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  3. gkazakou schreibt:

    Lenin definierte das, was der Kommunismus für Russland bringen werde: Elektrizität und die Präzision der Deutschen Bahn. Die brachte ihn damals ja auch sicher aus seinem Schweizer Exil nach Hause. Und es gab Zeiten, da warb die Bahn mit dem Plakat einer schnittigen Lok: „alle reden vom Wetter, wir nicht“ – das dann vom SDS aufgegriffen wurde, und an die Stelle der Lok traten Marx-Engels-Lenin-Stalin (?) – mit demselben Spruch.
    Seither ist das Auto favorisiert worden. Unsere Bahnstrecke Athen-Kalamata wurde noch mal aufwändig renoviert, um gleich danach stillgelegt zu werden. Zu schade. Eigentlich funktioniert hier nur die Strecke Athen-Saloniki normal, dazu neuerdings auch die Vorortbahn von Attika. Will man sein Auto stehen lassen oder hat keins, nimmt man für Überlandstrecken den Bus. Die Busse sind in Privatbesitz, meist ist der Besitzer auch der Fahrer und die Fahrzeuge daher in gutem Zustand, klimatisiert und sauber. Sie sind in einer Genossenschaft organisiert, durch die die Einnahmen ausgeglichen werden, denn alle Strecken müssen bedient werden und sind natürlich unterschiedlich profitabel. Das System funktioniert schon seit der gr[ndung im Jahre 1952 ausgezeichnet. Verspätungen gibt es so gut wie gar nicht. Die Preise sind staatlich reguliert.

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  4. cablee schreibt:

    Ich habe mit dir gelitten. Wir sind im Frühjahr mit dem Auto einmal nach Köln und zurück gefahren, 2 x gut 500 km. Drei Vollsperrungen, zig Staus, insgesamt waren wir an den 2 Tagen 23 Stunden on the road – für gut 1000 km. Man hätte auch mit dem Rad fahren können….
    Und das ist weder ein Witz noch übertrieben.

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