Schwedenhappen, erst Kuchen, dann Krabben

Über das bröselig-staubige Schwedenbrot, das man überall kaufen kann, schrieb ich ja schon. Gut, wenn man eine der rar gesäten Alternativen kennt. Über einen Schotterweg, mitten in der Pampa von Östergötland, dort, wo man außer Feldern nichts mehr erwartet, kommt man zu einem Bauernhof, wo es nach Kuhstall riecht und wo die Hühner gackern.

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Auf dem Hof gibt es glücklicherweise auch eine Bageri, eine Bäckerei. Zwar kann man dort, wie ich im Land schon vor Jahrzehnten gesehen habe, auch säckeweise Mehl kaufen, um sein Brot selbst zu backen, doch man kann die fertigen Produkte auch direkt vor Ort kaufen. Das Brot schmeckt wirklich gut, mir hatten es allerdings die Kuchen angetan. Handlich klein sind sie, nicht so mächtig wie deutsches Gebäck, und sogar der Hefeteig ist richtig fluffig. Mein Hefekringel mit Streuzucker und drinnen ein wenig Himbeeren schmeckte köstlich.

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Gebäck und Getränke nimmt man mit raus auf die Wiese oder die Terrasse und fühlt sich wie zuhause im eigenen Garten. Überall saßen Paare, Freundesgruppen und Familien und die Stimmung war so überaus leger und gelassen, wie ich sie bisher nur in Schweden verspürt habe. Übrigens ist in schwedischen Cafés Selbstbedienung üblich, man wählt aus, bezahlt (bevorzugt elektronisch, bisweilen wollte man mein Bargeld gar nicht mehr annehmen, dabei hatte ich mir extra doch ein paar Kronen besorgt – wem die digitalen Bezahlmethoden vor allem dienen, darüber lässt sich diskutieren) und nimmt die Sachen mit an seinen Platz. Kaffee gießt man sich  aus Warmhaltekannen ein (die Schweden trinken jedenfalls Tag und Nacht Unmengen von Kaffee, erstaunlich!), ebenso das Teewasser, das man auf einen Beutel (man liebt es fruchtig und aromatisiert)  in einer frei ausgewählten Tasse oder einen Becher gießt. Da findet man überall ein putziges Sammelsurium aus Keramikbechern, alten Sammeltassen mit Goldrand etc, das gefiel mir. Trinkwasser ist übrigens kostenlos, man kann es aus Hähnen zapfen, das gilt zum Beispiel auch für den Bahnhof am Flughafen Arlanda: Überall stehen Gläser bereit und jeder nimmt sich soviel Wasser, wie er möchte. Finde ich sympathisch und nachahmenswert.

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Den Hefekringel kauend, schielte ich auf das hübsche Haus, in dem die Bauern- und Bäckerfamilie lebt. Hach.

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Frisch gestärkt, machten wir uns auf zum Göta-Kanal, der fünf Seen (unter anderem den Vättern) auf circa 190 Kilometern Länge (ohne die Seen ist er nur 87 Kilometer lang) Länge miteinander verbindet und 58 Schleusen passiert. Er wurde zwischen 1810 und 1832 erbaut, beginnt in Mem an der Ostsee und endet in Sjötorp im Vänern-See. Ursprünglich war der Kanal dafür gedacht, Schiffe vom Kattegat zur Ostsee durch Schweden zu führen statt durch den Öresund, dort musste nämlich Zoll an Dänemark gezahlt werden. Die Mühe war ein wenig vergebens beziehungsweise zahlte sich nur kurz aus: 1857 wurde der Sundzoll nämlich aufgehoben und ein Jahr vorher wurde die Eisenbahn eingeführt, die eine große Konkurrenz zum Kanal war.

Schon lange wird der Göta-Kanal nicht mehr zum Warentransport genutzt, sondern ausschließlich von Freizeitbooten und touristischen Kanalschiffen. Auch an diesem Wasserlauf stehen viele Häuser, um die man die Besitzer beneidet.

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Ein Häuschen mit eigenem Wasserzugang und Boot, ein Traum. Das viele Wasser kühlte wenigstens in Gedanken, denn es war ungewöhnlich heiß für das letzte Augustwochenende in Schweden, meist hat dann schon der Herbst Einzug gehalten.

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Kein Schatten auf dem Weg längs des Kanals, den man zu Fuß begehen oder mit dem Rad erkunden kann (ist er nicht auch fast so idyllisch wie der Canal du Midi früher, der allerdings durch die wegen eines Pilzes abgeholzten Platanen seinen Charme offenbar komplett verloren hat – heul?). So schafften wir es auch nicht bis zu den Schleusen.

Stattdessen war bald schon wieder Einkehr angesagt. Da tauchte, welch Erleichterung, eine alte Glashütte auf, die schon seit längerem zu einem Café mit ein paar Zimmern umfunktioniert wurde.

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Nachdem wir uns im Garten unter Apfelbäumen bei einem Getränk etwas ausgeruht hatten, war es plötzlich schon später Nachmittag und uns gelüstete nach Pikantem. Ich bestellte und bekam ein Krabbensandwich, an das ich jetzt noch denke: ein mit Mayonnaise bestrichenes rundes Brot (nicht staubig), darauf Salat, Tomaten, Paprika, Gurke, hartgekochte Eier und das ganze gekrönt von einem Riesenberg superfrischer köstlicher Krabben. Leider vergaß ich ganz, mein Essen zu fotografieren. Tja, da ich kein Smartphone habe, denke ich auch nicht an instagrammable Moments, noch dazu mit Selfies. Zum Glück habe ich aber ja noch meinen Kopf und die Bilder und Erinnerungen darin.

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Das Café, wie viele Cafés in Schweden auch Fika genannt (Fika bedeutet Kaffeepause mit Gebäck), liegt zwar etwas vom Götakanal zurückgesetzt, doch direkt hinter dem Haus fließt der hier fast noch romantischere Motala Ström, ein Fluss zwischen den Städten Motala am Vätternsee und Norrköping nahe der Ostsee. Überall zwischendurch gibt es kleine Badestellen mit Stegen. Alles ist so unbeschreiblich friedlich.

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Muss man hier nicht fast an Monet denken?

Der Unterschied zu Frankreich ist nur, dass ich in Schweden außer Hej (die Begrüßung) und Hej hej (doppelt bei guter Laune),  Hejdå (Tschüs/Auf Wiedersehen) und ein paar Ortsnamen kein Wort verstehe. Niemals in Europa habe ich mich so im Ausland gefühlt wie dort. Zum Glück lernen die Schweden schon als Kinder Englisch, so dass man sich trotzdem problemlos verständigen kann. Aber bei den Bahnhofsdurchsagen hatte ich das Gefühl, Chinesisch oder Japanisch zu hören. Und von dem, was meine Sitznachbarin im Zug von Norrköping nach Stockholm eine geschlagene Stunde in ihr Handy sprach, verstand ich nur „absolut“ –  neben „precis“  (genau) DAS aktuelle Modewort in Schweden) – und Hej.

Hejdå. Bis zum nächsten Happen.

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6 Antworten zu Schwedenhappen, erst Kuchen, dann Krabben

  1. Jürgen EHRE schreibt:

    Auch dieser zweite Schwedenhappen ist appetitlich und verspricht einen idyllischen Frieden, gebettet in duftiger grüner Landschaft, verziert mit bunten Spielzeughäuschen. Aber man fragt sich, wie soll ein Verliebter seiner Angehimmelten einen Rosenstrauß binden…wenn die Hirsche dort alle Rosen vernaschen? lach 🙂

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    • rotewelt schreibt:

      Ja, friedlich ist es dort wirklich, man fühlt sich wie in eine imaginäre Vergangenheit und Kindheit versetzt. Deine Frage ist natürlich von existenzieller Bedeutung, lach, die Beantwortung gar nicht so einfach. Ich hätte da mehrere Antwortmöglichkeiten:
      a) Mann kauft die Rosen in einem Blumenladen mit Hirschverbot
      b) Mann pflückt einfach stattdessen Stockrosen, die blühen in allen Gärten und auf der Straße, selbst in den Städtchen, in die sich die Hirsche nicht vorwagen
      c) Die Schwedin an sich steht nicht auf geschenkte Blumen, weil sie die Natur ja schon überall hat, oder weil sie unromantisch ist.

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  2. cablee schreibt:

    Herrliche Fotos und so schön beschrieben. Ein Krebs, ein Schnaps ein Lied – en cancer, en snaps, en sång, fällt mir dazu ein 🙂
    (Ich bin nicht so für Kuchen…, eher kräftig, deftig muss es sein)

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