Ausgang

Was bin ich froh, dass ich weiterhin spazierengehen darf, noch jedenfalls. Nicht dass ich mich sonst exzessiv an der frischen Luft betätigen würde, aber der Gedanke daran, es nicht mehr zu dürfen und die weltweite Situation überhaupt, hat mir schon Tränen in die Augen getrieben und siehe da, man schätzt seine bisherigen Freiheiten plötzlich mehr, selbst wenn man sie vorher nicht in vollem Ausmaß genutzt hat.

Vom Balkon aus sehe ich nebenan auf dem Schulhof drei junge Frauen, zwei jeweils auf einer Seite einer Bank, Bank, eine in größerem Abstand gegenüberstehend. Mehr als zwei Personen sind nicht mehr erlaubt… Ich hoffe doch, dass die Mehrheit der Menschen nun diszipliniert ist, sonst…

Selbst machte ich mittags bei strahlender Sonne, aber eisigem Nordwind einen kleinen Rundgang, auch, um mir ein Bild von der Leere zu machen.

Auf dem alten Friedhof saß fast auf jeder Bank ein Mensch – das ist selbst im Sommer nicht so. Kosten auch andere plötzlich ihre Möglichkeiten aus – aus Angst, diese könnten beschnitten werden? Ansonsten kommt üppig nur die Natur daher und das schmerzt mich in diesen Tagen. Ein komisches Gefühl auch, allen Menschen auszuweichen.

Im Stadtgarten kommen mir Polizisten entgegen und sehen mich streng an. Sie murmeln was von „Mindestabstand“ und ich weiß nicht, ob sie mich meinen. Jedenfalls kann ich nicht weiter an den Rand, während sie ausweichen könnten, mich aber stur und breit zu zweit passieren.

Ansonsten sieht man tatsächlich nur einzelne Menschen oder Zweiergruppen, man hält sich offenbar zumeist an die Regeln. Keine Ballspieler, nirgends.

So leer habe ich die Brücke bisher nie fotografieren können.

Dafür war der Graureiher wieder am Ententeich. Diesmal stand er nicht geschützt auf seiner Plattform in der Mitte des Gewässers. Die war offenbar entfernt worden, überhaupt sind die Gärtner schwer am Werk gewesen, denn es fehlte auch so einiges Buschwerk. Aufs Wesentliche reduziert. Wie alles momentan. Die Enten hingegen hatten wohl Angst, sich anzustecken, denn sie bettelten nicht nach Futter, sondern hielten sich heute vornehm zurück und waren so gut wie unsichtbar.

An den schönen Reiher aber bin ich noch nie so nah herangekommen. Er ignorierte mich redlich, während er wie immer statuenhaft seinen Blick stur auf den Teich oder in die Luft richtete, nur mal leicht einen Fuß hob oder kurz den Schnabel öffnete, wortlos.

Kurz bevor ich den Platz am Freiburger Münster betrat, nahm ich den vertrauten köstlichen Beruch der Langen Roten war. Doch es waren weniger Bratwurststände auf dem Markt als sonst und auch viel weniger Kunden. Kein Gedränge heute, keine kauenden Grüppchen. Ein Bild, das es sonst nicht einmal im kältesten Winter gibt.

A propos Gruppen: in der Nähe des Platzes, bei der Synagoge, scheinen sich alle Obdachlosen an einem Fleck zu versammeln. Selbst sie saßen und standen mindestens eineinhalb Meter voneinander entfernt, umgeben von ihren Habseligkeiten. Vielleicht nur eine zufällige Momentaufnahme.

Auf dem Heimweg passieren mich menschenleere Straßenbahnen – Geisterzüge.

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4 Antworten zu Ausgang

  1. Ulli schreibt:

    Ich frage mich seit Tagen was und wie es jetzt wohl den obdachlosen Menschen geht. Du hast jetzt die Frage kurz beantwortet. Sie gehören für mich auf alle Fälle auch zur Risikogruppe.
    Selbst hier sind die Spazierwege leerer.
    Deine Fotos sind wunderbar, der Reiher ist phänomenal! Alle schenken sie Freude, danke dafür und liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • rotewelt schreibt:

      Danke dir, freut mich. Obwohl man ja mittags nicht fotografieren sollte, zu schlechtes Licht, egal. Über die Obdachlosen dachte ich die letzten Tage auch öfter nach, nun sah ich einige.Liebe Grüße zurück, Ute

      Gefällt 1 Person

  2. cablee schreibt:

    Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken, dass du dem Reiher näher kommen durftest als den Mitmenschen 🙂 Die Welt ist in der Tat ein „bisschen“ anders zur Zeit…
    Liebe Grüße und bleib gesund!
    Gila

    Gefällt 1 Person

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