Ein verlassenes Hotelrestaurant – die Luisenhöhe

Verlassene Häuser, vor allem alte Hotels, ziehen mich magisch an und so musste ich mal wieder umherstromern, das Gebäude umschleichen und hinter jede Ecke, in jeden versteckten Winkel schauen, ein wenig Grusel inbegriffen… Eigentlich hatte ich aber erhofft, ein lebendiges Haus vorzufinden…

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Doch seit ein paar Jahren schon steht es nun verwaist da, das 1897 erbaute und wunderschön gelegene, wenn auch etwas streng wirkende (wie ein sehr großes Forsthaus oder ein überdimensioniertes Hexenhaus), ehemalige Hotel-Restaurant Luisenhöhe in Horben bei Freiburg. Benannt wurde es nach Großherzogin Luise von Baden.

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Ein paar Tische und Stühle findet man noch auf der Terrasse, doch der Biergarten ist schon lange unmöbliert und verlassen. Das Glas einiger Gartenlaternen ist zerbrochen. Nur das schöne Tor zum Biergarten und zur Terrasse wirkt noch unversehrt.

Der neue Eigentümer wollte die Luisenhöhe zu einem Vier-Sterne-Hotel machen. Trotzdem sollte es aber auch – vor allem der Biergarten – für spontane Ausflügler offen bleiben. Doch bislang ist daraus nichts geworden. Erst sollte in nur 500 Metern eine größere Windkraftanlage entstehen, wie die Badische Zeitung berichtete, aber der Wind im Hexental reichte dann wohl doch nicht aus für die optische Umweltverschmutzung, hihi. Und nun heißt es, weil das Hotel aus dem 19. Jahrhundert kernsaniert wurde, gilt es plötzlich ein Neubau. Und das bedeutet, dass es außen angebrachte Fluchttreppen geben muss. Die gibt es sogar, habe sie selbst gesehen! Doch sie entsprechen nicht den Vorschriften. Und warum? Es sind Wendeltreppen, doch nach den neuesten Regelungen müssen es Treppen mit Plattformen sein! Was soll man zu all dem Behördenbürokratiekram sagen? Würde das Haus noch als Altbau gelten, hätte es diese Auflage nicht gegeben. Es erscheint mir völlig absurd und willkürlich! Und das ist kein Aprilscherz!

Wer weiß, vielleicht verfällt das Hotel irgendwann und niemand mehr wird sich dort auf ein Bier, auf Kaffee und Kuchen oder ein Mittags- oder Abendmahl niederlassen dürfen. Das wäre wirklich schade, habe ich doch dort ein paarmal gern gesessen, die lauschige Stille im Baumschatten genossen und dazu denk- bis merkwürdige Gespräche an Nachbartischen mitbekommen. Doch heute keine Bedienung… Stattdessen hatten es sich mehrere Menschen auf den Wiesen rund ums ehemalige Hotel gemütlich gemacht und blickten in die Weite – die Lage auf 650 Metern Höhe ist eben ein Anziehungspunkt. bei guter Sicht kann man hier bis ins Rheintal, den Kaiserstuhl und zu den Vogesen schauen.

Hier – und nicht das erste Mal – frage ich mich: Warum konnte man nicht einfach alles lassen, wie es war – “gutbürgerlich” die Küche, schmackhaft, der Service freundlich? Warum bloß wollte man nach den (vier) Sternen greifen? Die Hotelzimmer kenne ich nicht, aber In das frühere Restaurant kamen Spaziergänger, sportlich gekleidete Radfahrer, die unterwegs Rast machen, aber auch Familien und Paare im Sonntagsstaat sowie ein paar Individualisten – eine schöne bunte Mischung. Doch angeblich verlangt der anspruchsvolle Gast heute anderes, Moderneres. Daher hielten auch viele Menschen, die für einen Abriss und Neubau waren, den neuen Eigentümer Toni F. Schlegel für verrückt, weil der nur sanieren will – wenn er noch will. Es ist wie verhext…

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Obwohl das Haus (das ich heute nicht fotografieren mochte, alles sträubte sich) noch nicht verfallen ist, wirkt es doch wie eingeschlafen, auf immer oder zumindest noch lange Zeit. Ob ein Prinz kommt, der…? Dornenhecken gibt es zwar nicht, aber der schwarze Wald drum herum ist noch ziemlich abweisend. Nur ein paar Wiesen und Bäume schmücken sich hier schon mit Grün und Blüten.

Ich wünsche der Luisenhöhe, dass sie überlebt. Und wenn sie schon saniert werden soll, dann behutsam, so wie Herr Schlegel sicherlich seine auf den Namen “Luise” getaufte Tochter behandelt. Und außerdem wünsche ich dem Haus, dass dort nicht nur Herzoginnen, sondern auch ganz normales Fußfolg weiterhin zum Speisen willkommen sein werden und von diesem schönen Platz profitieren dürfen.

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PS: Eigentlich wollte ich die Überschrift “Ein Hotelrestaurant im Dornröschenschlaf” nennen, doch als ich ein wenig recherchierte, sah ich, dass schon die Badische Zeitung auf dieselbe Idee gekommen war… und klauen will ich ja nicht.

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Köln – außen abweisend, innen herzlich

Köln… Rheinischer Frohsinn? Köln ist keine Stadt, die sich aufdrängt und einladend wirkt. Nur der imposante prächtige Dom drängt sich ins Blickfeld, schon bevor man den Bahnhof verlässt.

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Der Dom ist das Wahrzeichen, er ist die Stadt, so scheint es. Doch die „Domplatte“ wirkt so wie das Wort: kalt, grau, steril, erst recht bei grauem Himmel. Der Wind weht so eisig, dass ich meine in weiser Voraussicht umlegten zwei Schals beide festzurren muss.

Köln ist auch bei näherer Betrachtung so hässlich, wie ich sie bei meinen bisherigen zwei kurzen Stippvisiten in Erinnerung in Erinnerung hatte. Es gibt den Dom, die hübschen Altstadthäuser am Rheinufer und ein paar Jahrhundertwendebauten, etwa in Köln-Süd.

Aber der Rest der Stadt, die für ihre Zerbombung im Zweiten Weltkrieg nun auch nix kann, nimmt mich nicht für sich ein. Hier will ich genauso wenig tot überm Zaun hängen wie in Ludwigshafen, Offenbach oder sonstwo. Selbst Hannover ist schöner. Sowieso. Auch Frankfurt am Main, eine Stadt, mit der ich hadere. Köln aber geht gar nicht, trotz des Flusses. Furchtbar ist auch die Fu0gängerzone, ohne jeden Charme und jede Individualität. Schon wieder illusions perdues, denn ich will ja weg aus Freiburg.

Aber die Menschen in Köln (und auch in Düsseldorf, ja doch, sorry, im gesamten Rheinland), die sind so herzlich und einladend, man sagt, oberflächlich, denn am nächsten Tag würden sie einen nicht mehr kennen und wahre Freunde zu finden sei schwierig… Letzteres kann ich nicht beurteilen, ich war nur zwei Tage dort jetzt und noch kürzer früher. Aber was ich fand, war lächelnde Gastfreundschaft und nicht nur die auf den Werbeplakaten vor den Restaurants aufgestellten, sondern wahre, menschliche.

„Herzlich willkommen“ ist dort nicht nur ein mit Regionalstolz vorgetragener Trick wie in Freiburg, sondern ernst gemeint. Hier ist man nicht falsch, hier darf man sein und zwar wie man ist. Selbst wenn man kein Bier und keinen Karneval mag und also auch kein Kölsch trinkt. Man wird vom Wirt mit „Herzlich willkommen“ ins Restaurant gelockt und auch auch wenn man sagt, jetzt nicht oder vielleicht später, ist alles gut.

Im vom Hotel empfohlenen Restaurant – eigentlich eine Brauerei – war schon am frühen Sonntagabend kein Tisch mehr frei. Der Wirt jedoch spähte nach freien Stühlen aus und fragte an zwei von zwei Paaren besetzten Tischen, an denen je ein Platz frei war, ob ich mich dazu setzen dürfe. Beide Fraktionen bejahten und so war ich das fünfte Rad am Wagen, ohne mich so zu fühlen, wenngleich ich quasi in der Mitte saß: zwischen einem Paar über siebzig, über deren Leben ich so gut wie alles erfuhr, und einem lesbischen Paar über vierzig, das so gut wie nichts von sich preisgab, nur schaute mich der eine Paarteil immer so strahlend an, wenngleich ich doch so gar nicht in ihr Beuteschema zu fallen schien, verglichen mit ihrer Frau, die doppelt so groß und breit wie ich war und mit ihrem runden Gesicht und Kurzhaarschnitt wir ihr Sohn aussah. In Freiburg hätte der Wirt die anderen Gäste gewiss nicht gefragt und sie hätten sich auch demonstrativ desinteressiert abgewandt… Hier geht anscheinend alles und das gefällt mir.

Durch mein Dazukommen kamen auch die bisher separierten beiden Paare ins Gespräch und es war ein lustiger Abend! Kaum saß ich, fragte die weibliche Bedienung, die mich duzte, „Erstmal’n Kölsch?!“ Aber das war gar keine Frage, das war sowas wie eine vorausgenommene Bestellung, doch sie nahm es mir nicht übel, dass ich lieber Rotwein wollte, der hier aus der Pfalz und als Dornfelder daherkam, egal, er schmeckte, und sie machte den ersten Strich auf dem Bierdeckel, als sei es das erste Kölsch, die erste Stange, und bei den anderen Gästen wurden viele Striche und Kreuze gemacht. Ich aß Matjesfilets nach Hausfrauenart mit Bratkartoffeln und schaffte mein Essen nicht, doch war ich nicht die Einzige, selbst Riesenbabys kapitulierten vor Fleischbergen und ließen sich den Rest einpacken, auch ohne Hund.

Glücklich ging ich zum Hotel zurück, gut die Hälfte der Strecke begleitet vom älteren Ehepaar. Er, besonders gesprächig, hielt auf dem Weg oft an, um mir mitzuteilen, wo in jenem Viertel ehemals ein Metzger und ein Bäcker angesiedelt waren, auch versäumte er nicht, mir zu erzählen, wo seine Schwiegermutter (da, wo das runde Fenster ist, ist das Bad, und da, wo die Jalousien runtergelassen sind, die Küche) und seine Schwester gelebt hatten.

Es war wie in der Pfalz, nur noch „näher“ und lustiger und großstädtischer. So fiel ich satt und zufrieden ins Hotelbett. Und auch am nächsten Tag auf meiner kleinen Odyssee nach Köln Hürth/Efferen, was am Ende der Welt liegt, traf ich nur freundliche Menschen und sogar eine Begleitung bis fast vor die Tür der Firma, zu der ich musste. Eine andere warf extra in der Straßen-U-Bahn ihr Smartphone an, um die von mir gesuchte Straße zu suchen.

Fazit: Eine hässliche Stadt mit – zumindest auf den ersten Blick -  „schönen“ Menschen. Auch Hochzeitspaare und deren FotografInnen aus aller Herren Länder lockt der Rhein. Und abends findet der Hotelbesucher die Bibel in Sichtweite…

 

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Kloster mit Meerblick

Auch wenn ich die schönsten Klöster bisher in Portugal gesehen habe, so ist die Abbaye de Beauport (= Abtei zum schönen Hafen) die bezauberndste Klosterruine, die ich besucht habe. Sie befindet sich im Weiler Kérity, einem Ortsteil von Paimpol, im Département Côtes-d’Armor in der Nordbretagne.

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Die Lage der Abbaye – nur ein paar Schritte vom Meer entfernt – kann herrlicher kaum sein. Von einem Teil des Gartens und von den oberen Stockwerken aus hat man einen traumhaften Blick auf die Küstenlandschaft, über Salzwiesen – früher grasten dort Rinder. Auch gibt es noch steinerne Reste eines befestigten Damms, der zu einem kleinen privaten Hafen gehörte und vor Hochwassser schützte.

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Ursprünglich hatten sich Glaubensbrüder und -schwestern seit 1184 auf der kleinen Insel Saint-Riom angesiedelt, ganz in der Nähe. Aber die Lebensbedingungen dort waren sehr hart, raue Winde umtosten den Felsen und brachten Staub mit, so dass auf Anordnung von Alain de Penthièvre die Abtei auf dem Festland gebaut und bis 1700 mit zusätzlichen Gebäuden erweitert wurde. De Penthièvre spendierte das Land, die Pré aux oies (Gänseweide), die zwischen der Mündung des Correc und einer Sumpfgegend liegt.

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Bis 1790 wurde die Abbaye de Beauport von Mitgliedern des Ordens der Prämonstratenser bewohnt. Sie hatten im Laufe der Zeit eine Domäne von 70 Hektar geschaffen und das, was die kultivierte Erde abwarf, reichte – zusammen mit der Ausbeute des Fischfangs, den die Meereslage ermöglichte – fast zur Selbstversorgung der Gemeinschaft.

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Es gab Apfelbäume zur Cidre-Herstellung, Feigenbäume, einen Gemüsegarten, aber auch einen Rosengarten auf französische Art. Rosen blühen auch heute noch, dazu Stockrosen und wilde Blumen auf den Wiesen vor und hinter der Anlage.

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Schon allein der Weg vom versteckt gelegenen Parkplatz aus dorthin weckt Vorfreude und ist Balsam für Augen und Seele…

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…doch am schönsten sind die Hortensien, die das ausgehöhlte Kircheninnere schmücken. Die Blumen und das viele Grün bilden einen frischen Kontrast zum etwas streng wirkenden normannischen Baustil.

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Die Klosterkirche ist von gothischen Einflüssen geprägt. Von ihr bestehen nur noch die Außenwände, so ist der Blick frei direkt bis in den Himmel…

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Seine Blütezeit hatte das Kloster vor allem im 13. und 14. Jahrhundert und dann noch einmal in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Bis zum 15. Jahrhundert war die Abtei eines der bedeutendsten Wirtschaftszentren der Region und eine wichtige Etappe der Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Ab 1750 folgte die der Abstieg, 1790 die Schließung und damit begannen Plünderungen. 1797 kaufte ein Islandfischer aus Paimpol, Louis Morand, einen Teil des Kloster, die restlichen Geäude gingen ins Eigentum der Gemeinde Kérity über.

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Später zog die Welt ins ehemals heilige Kloster ein…: Während der Französischen Revolution wurde dort Schießpulver hergestellt…, anschließend dienten die Räume als Stallungen, dann als Rathaus und schließlich als Schule. 1845 kaufte der slavische Graf Poninski die Gebäude, der den religiösen Ort privatisierte, welcher schon seit langem seine ursprüngliche Bestimmung verloren hatte. 1862 dann wurde die Anlage, die damals schon fast eine Ruine war, als Monument Historique klassifiziert und erst damit wurde den Plünderungen Einhalt geboten. 1992 kaufte das Conservatoire du Littoral das Anwesen; einige Gebäude wurden restauriert und andere konsolidiert, um sie zu erhalten.

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Der zweischiffige Gästesaal der Abtei dient heute als Empfangs- und Informationsgebäude. Mit der Eintrittskarte bekam ich eine umfangreiche Informationsmappe – und den Hinweis, ich könne mich damit 30 Minuten (oder waren es 45?) auf dem Gelände aufhalten. Doch bald klappte ich die Mappe zu und ließ mich treiben, Jahreszahlen und einzelne Epochen interessierten mich weniger, so etwas kann man später nachlesen.

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Ich war – um ein Modewort zu benutzen – so geflasht, als ich in den ersten Hof hinausging, dass mir die Augen übergingen. Da war das wunderschöne Kirchenskelett mit den Hortensien, da waren meine geliebten Ein-, Aus- und Durchblicke und viele weitere Innenhöfe und Gärten, alte Steintreppen und Gewölbe.

Hinter jeder Ecke entdeckt man Neues. Der große ehemalige Gemüse- und Obstgarten trägt noch Früchte und lockt mit rotwangigen Äpfeln. Ein wenig fühlte ich mich wie im Paradies, am liebsten hätte ich dort – wie frevelhaft – ein Picknick veranstaltet. Als ich die Infomappe zurückgab, waren zwei Stunden vergangen… Ich hatte gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit verstrichen war.

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An manchen Nächten wird die Anlage illuminiert, auch finden ab und zu kulturelle Veranstaltungen statt. Mehr Infos gibt es hier:

Und zum Abschluss das Kloster einmal von oben:

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(Foto: corresmond.free.fr)

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Bildergalerie Mallorca: Mauer(blümche)n, Wiesen und etwas Meer

Von den blühenden Wiesen, der immergrünen Vegetation im Januar war ich so angetan, dass ich mich gar nicht sattsehen konnte. Dazu das Licht, die Farben von Meer und Himmel… Und angesichts des Winters hier kann ich mich nicht zurückhalten, noch ein paar Fotos einzustellen (und mich selbst daran hochzuziehen, in Erwartung des Frühlings auch hier). Alle Bilder sind im Südosten der Insel entstanden.

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Die Cala Llombards, von Mai bis Oktober gibt es hier eine einfache Strandbar und man kann Liegen und Sonnenschirme mieten, aber am schönsten ist es, am Morgen hinauszuschwimmen, wenn der Strand noch verwaist ist.

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Die Mandelblüte hat gerade begonnen.

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Auf jeder Wiese blüht es anders.

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Oberhalb der Cala s’Almunia

Cala s’Almunia und die ganz in der Nähe liegende Cala d’es Moro mit alten Fischerhütten. Die Hinweisschilder zu beiden Buchten werden immer wieder abmontiert oder übermalt, so findet nicht jeder dorthin…, finde ich gut! :-)

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Cala d’es Moro

Noch mehr Mauern und Mandelbäume zum Abschluss. Mit diesen mörtellosen Mauern, nach alter Handwerkskunst gebaut, werden heute auch viele neue Grundstücke umfriedet.

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Tierisches – ein bisschen Bilderbuch

Ich bin gegenüber eines Bauernhofs aufgewachsen und habe viele Stunde bei den Tieren im Stall und auf der Weide verbracht. Vielleicht bin ich deshalb noch heute so verzückt, wenn ich mal wieder die Gelegenheit habe, Schweine, Schafe und anderes Getier im Freien zu sehen. In Deutschland kommt das ja nur noch selten vor, man sieht die Tiere kaum noch draußen grasen, die Massentierhaltung pfercht sie in Ställe ein, wo sie sich wenig bewegen können, um in kürzester Zeit viel Gewicht zuzulegen. Und wenn sie dann geschlachtet wurden, schmeckt das Fleisch nach nichts.

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Diese Schweine auf Mallorca dürfen noch draußen leben. Noch nie hatte ich schwarze Ferkel gesehen! Die Muttersau hat eine enorme Größe, auf das Freigelände habe ich mich nicht getraut, um die Tiere näher anzusehen, auch wollte ich nicht stören. Das schwarze Ibérico-Schwein gibt den aromatischen luftgetrocknenen Serrano-Schinken, früher durfte er auch Jamón de pata negra genannt werden, weil die Klauen der Schweine (pata) meist schwarz sind, aber eben nicht immer, daher wurde die Bezeichnung inzwischen verboten. Aber wer mag angesichts der Bilder schon ans Fleischessen denken, auch als Nicht-Vegetarier…

Auf Mallorca haben übrigens alle Schweine schwarze Klauen, auch wenn das porc negre durchaus nicht immer vollständig schwarz ist, sondern manchmal schwarz-rosa gefleckt.

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Esel gab es auch zu sehen, zumeist hübsche Exemplare, die offenbar keine Arbeit (mehr) verrichten müssen und ein schönes Fell hatten. Dieser hier lugte sehnsüchtig über die Mauer, machte laut auf sich aufmerksam und holte ein paar Streicheleinheiten ab.

Auch das schmusende Eselpaar (sofern es ein Paar ist) kam sofort an den Zaun… Der Bauer fuhr mit dem Traktor vorbei und grüßte freundlich, auch wenn unser in der schmalen Straße geparktes Auto fast den Weg versperrte.

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Die freundlichen Pferde im Blumenmeer waren ebenfalls neugierig und trabten sofort auf uns zu.

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Bei der Gelegenheit ließen sie sich das Grün jenseits des Weidezauns schmecken, denn sicher schmeckt es dort viel besser und Abwechslung muss ja sein.

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Dieses Schaf allerdings wollte keine Kamera, es zog sich mit seinen zwei Jungen zurück, um seine Ruhe zu haben, kann man ja auch verstehen. Manche mallorquinischen Schafe sind übrigens von einer dunkel rotbraunen Farbe, die fast genauso aussieht wie die inseltypische rote Erde, die sich unter dem Grün verbirgt.

Schafherden unter Bäumen im hohen Gras, bukolische Landschaften im Januar. und anscheinend sind die Blätter des Baums für manches Schaf aromatischer als das Gras. Ein Schafbock blökte so laut, rau und krächzend, wie ich es nie zuvor gehört habe – das war sicher Mallorquin…

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Portocolom – Mallorca im Januar

Zweiter Urlaubstag, die freundlichwarme Januarsonne macht Lust auf Hafen und weckt den Wunsch, mittags draußen zu essen – sofern ein Lokal geöffnet sein würde. Mir fällt ein, dass wir vor mehr als acht Jahren einmal in Portocolom waren und da gibt es – wie der Name schon sagt – einen Hafen und viele Restaurants.

Und wir fliegen aus… „Colom“ lässt mich an Tauben denken, aber im Spanischen heißt die Taube ja paloma und nicht colomba wie im Italienischen oder columba auf Latein. Doch wie die Tauben ausschwärmen und wieder in ihren Schlag zurückkehren, so laufen auch die Boote aus und wieder ein in ihren Porto. Die Anwohner der kleinen Hafenstadt mit nicht einmal 5.000 Einwohnern haben allerdings eine ganz andere Erklärung für den Ortsnamen: Sie behaupten, dass Portocolom die Geburtsstätte von Christoph Columbus war, dabei soll er in Genua geboren sein. Egal, auch eine schöne Erklärung!

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Portocolom liegt an der südlichen Ostküste von Mallorca und gehört zur Gemeinde Felanitx. Das Städtchen besticht vor allem durch seinen Hafen, den größten Naturhafen der Insel.

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Natürlich gibt es auch inzwischen Yachten, jedoch kaum protzige, und immer noch sieht man viele Fischerboote und die vor allem machen den Charme aus.

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Man kann auch Boote ohne Führerschein mieten, was meinen Begleiter durchaus zu reizen scheint.

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Die Hafenbucht ist kein einfaches Halbrund, sondern langgestreckt und kurvig. Alte Häuser mit wenigen Stockwerken umrahmen das Becken und wo der Ort endet, werden sie von immergrünen Bäumen abgelöst.

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Die Promenade, hinter der die Restaurants liegen, lädt zum Flanieren ein…

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…nicht nur Besucher, sondern auch Einwohner, die dort ihre Hündchen spazierenführen. Übrigens sind die mallorquinischen Hunde besonders kommunikativ, wie ich feststellte, sie drängen oft von Herrchen und Frauchen weg, um mit neuen Menschen zu spielen, mit oder ohne Ball.

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Portocolom hat sich nicht verraten. Hier existieren Einheimische und Urlauber friedlich nebeneinander, der Ort ist auch im Winter nicht tot. Die meisten Restaurants haben ganzjährig geöffnet, sehr sympathisch. Die kleine Hafenstadt ist nicht schick und nicht laut, sondern einfach charmant. Das Schöne an Portocolom sei, das sich so wenig ändert, sagen sowohl die Einwohner als auch die Besucher, las ich neulich.

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Die Aussicht nimmt von jeder Position aus ein, aber dort, wo man die von weitem eng aussehende Hafenausfahrt erspäht, ist es doch am anziehendsten. Man kann die ankommenden und ausfahrenden Boote sehen, was gibt es Schöneres und zugleich Sehnsucht und Fernweh Weckendes? Heute fährt gerade nichts ein und nichts aus, nur ein Surfer dreht seine Runden, aber das macht nichts.

„sotavento“, Lee, heißt das Boot. Ich glaube, es an der gleichen Stelle schon vor acht Jahren gesehen zu haben, meine sogar, darauf für ein Foto posiert zu haben, aber wo ist bloß die CD mit den Bildern? Damals trug ich ein Sommerkleid, Ende Oktober immerhin.

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Zwei Männer präparieren ihr Boot. Geht es bald hinaus?

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Eine Frau, die deutsch aussieht und einen ihrer Hunde „Lasse“ ruft, ist auf dem täglichen Gassiweg mit Blick.

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Hinter jeder Kurve bieten sich neue Perspektiven…

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…denn der Hafen ist schön verwinkelt

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Hinter diesem „Rücken“ des Hafens, auf einer Halbinsel, liegt der älteste Teil der Stadt mit der Kirche Sant Jaume. Vor hundert Jahren siedelten sich hier die ersten Einwohner an, der Ort ist also noch recht jung.

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Früher war Porto Colom nicht nur ein Fischerort; die Menschen lebten auch vom Weinhandel. Das Städtchen war Umschlagplatz für den Wein, der in Felanitx und Umgebung angebaut wurde. Allerdings endete das Weingeschäft – wie auch andernorts –, als die Reblaus die Weinstöcke überfiel. Porto Colom soll weitgehend entvölkert gewesen sein. Doch dann wurde die Stadt von den Bewohnern von umliegenden Dörfern und auch von Felanitx als Sommerresidenz entdeckt.

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Eine kleine Straße führt weiter um den Hafen herum. Von der gegenüberliegenden Seite hat man einen schönen Blick auf die Fischerhäuser und die darunter liegenden Bootsgaragen mit Anlegeplatz davor.

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Hier gibt es ein paar kleine Sandbuchten, doch die größeren Strände befinden sich im Süden des Ortes, rund um die Cala Marçal, wo neuere Gebäude für die Touristen entstanden, die jedoch noch nicht überdimensioniert sind.

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Schließlich gelangt man zum Leuchtturm, der auf einer Felsnase liegt.

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Doch nun haben wir Hunger. Zurück im Zentrum entdecken wir an der Promenade ein Restaurant mit sonniger Terrasse direkt am Hafen. Ein Tisch ist auch noch frei, um uns herum sitzen zumeist Spanier, aber auch ein paar Deutsche.

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Der freundliche Kellner begrüßt uns mit einem lächelnden „que tal“? Danke, es geht uns gut. Gern akzeptieren wir den Vorschlag, mit Oliven, Brot und Aioli zu beginnen. Hier im „Club Nautic“, das, wie ich später las, zu den alt eingesessenen Restaurants gehört, wird man gefragt, anderswo kann es passieren, dass alles unaufgefordert auf den Tisch gestellt wird. So Mancher ist dann verwundert, dass er das Verzehrte auch bezahlen muss…

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Zwar gibt es hier keine Tapas variadas, aber Frit de Peix, frittiertes Meeresgetier: verschiedene Sorten Fisch, unter anderem Oktopus und Sepia, sowie gegrillte Garnelen. Mein Begleiter kann nicht umhin, sich vorab Fischkroketten vom Bacalau (Stockfisch) zu bestellen und gnädig nehme ich ihm ein paar davon ab. Alles mundet gut, auch der Wein aus Binissalem.

Genauso hatte ich es vor dem Urlaub gehofft: in der Sonne sitzen, Boote gucken, Fisch essen – aber ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass es im Januar tatsächlich möglich sein würde.

Bei der Verabschiedung gibt uns der Kellner noch ein „Feliz navidad“ mit auf den Weg. Ach ja, es war ja vor kurzem erst Weihnachten bzw. für die Spanier ist es das noch, denn erst heute, am 6. Januar, am Tag der Heiligen drei Könige, bekommen die Kinder dort ihre Weihnachtsgeschenke.

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Dass die Restaurants und Bars und weihnachtlich geschmückt sind – am Hafen steht sogar ein „Baum“ –, während man draußen ohne Wintermantel spazieren und gar sitzen kann, mutet skurril an.

Nun habe ich während der ganzen Rückfahrt diesen Song von José Féliciano im Ohr und auf den Lippen.

Über den Straßen hängt hin und wieder eine Weihnachtsbeleuchtung, ein „bon nadal“ oder „bones festes“. Ich muss lachen – da fährt man an grünen blumenbesäten Wiesen und blühenden Mandelbäumen vorbei und es ist Winter.

Am letzten Urlaubstag geht es nochmal nach Portocolom.

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Mir fällt ein, dass ich die andere Seite der Bucht noch gar nicht gesehen habe, also los.

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Kaum angekommen, bewölkt es sich und ein etwas frischer Wind kommt auf.

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Der Leuchturm von der anderen Seite

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Es sieht ganz so aus, als würde es heute nichts mit Draußensitzen… Welches Restaurant macht denn auch drinnen einen guten Eindruck und verspricht Tapas? Zufällig erhasche ich das Restaurantschild „Florian“ an einem Lokal, das zwischen zwei anderen liegt und mir fällt ein, dass ich vor acht Jahren eine gute Bewertung darüber gelesen hatte. Eine lange Zeit, aber die Entscheidung ist gefallen, um die Qual der Wahl zu verkürzen.

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Zunächst sind wir die einzigen Gäste, kein gutes Zeichen? Aber später kommen weitere hinzu, die meisten wagen sich doch auf die Terrasse. Doch im Innern ist es sehr gemütlich mit dem dunklen Holz, Polsterbänken und Korbsesseln, man sieht durch die offene Tür und die Fenster das Meer und fühlt sich ein wenig wie auf einem Schiff. Der Kellner ist freundlich und leise und schmückt schon mal zwischendurch diskret etwas ab.

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Auch hier gibt es keine gemischten Tapasteller, aber man kann sie sich ja einzeln beliebig zusammenstellen. Zur Auswahl stehen sowohl traditionelle Tapas wie Albondigas (Fleischbällchen) in Tomatensoße, die köstlichen kleinen grünen Paprikaschoten (Pimientos) mit grobem Meersalz, Datteln im Speckmantel und würzige Mini-Chorizo-Würstchen in Rotwein wie auch „modernisierte“ feinere Tapas, etwa Garnelen und Hühnchen in Tempurateig mit Chillisoße oder gebackener Ziegenkäse mit Balsamico und frischen Früchten. Zusammen schaffen wir fünf Tapas, die alle sehr wohlschmeckend sind. Der offene Hauswein dazu ist sehr gut, der beste dieser Woche, ebenso wie die Aioli.

So wird der Abschied von der schönen Insel mit gutem Essen und Wein versüßt, während das heute etwas kühlere Wetter uns offenbar vergraulen möchte, was jedoch nicht gelingt, leider…

Epilog

Zurück am Ferienhaus steht Kofferpacken auf dem Programm, aber das muss warten, denn auf der Straße begrüße ich den Nachbarn nebenan, den ich zum ersten Mal sehe, woraufhin er etwas ruft, das ich nicht verstehe, man kommt sich entgegen und ins Gespräch, da tritt auch schon seine Frau aus der Tür und ehe wir uns versehen, werden wir ins Haus gezogen und auf ein Glas Süßwein eingeladen – “una copa?”, fragt die Senora, die mich zunächst für eine Spanierin hält, mich bei der Hand nimmt und mir erstmal Terrasse und alle Zimmer zeigt. So machen wir die Bekanntschaft mit einem sympathischen alten Ehepaar, das schon lange dort lebt und sich etwas einsam fühlt, weil alle Freunde weggestorben sind und die Eigentümer der benachbarten Häuser ständig wechseln, viele werden fast ausschließlich an Feriengäste vermietet. Das Gespräch mit den beiden aufgeschlossenen Menschen ist interessant, witzig und berührend, er holt Alben hervor und zeigt uns Bilder; beide waren früher Schauspieler und er hat mit Berühmtheiten wie Erol Flynn vor der Kamera gestanden. Zwar ist die Verständigung nicht so einfach, denn er ist ein in Nordengland aufgewachsener Ire und sie gebürtige Katalanin, auf Mallorca großgeworden. Zusammen haben sie auch mehrere Jahrzehnte in England gelebt. So gibt es einen Sprachmix und ein Hinundher und auch wenn sie zwischendurch Englisch spricht, verstehe ich nur Spanisch, aber was vielleicht verbal entgeht, wird über Blicke und Gestik verstanden. Beide haben noch dieses Blitzen in den Augen und vor allem sie sprüht vor Temperament. Schade, dass wir sie erst am letzten Tag kennengelernt haben, aber nun gibt es einen weiteren Grund, wieder nach Mallorca zu kommen… Eine Einladung zum Grillen wurde schon ausgesprochen…

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Alt bei Aldi oder: Jahresendzeitfiguren ohne Flügel

Heute Mittag fuhr ich noch kurz nach, pardon, zu Aldi, weil ich fürchtete, am Nachmittag und erst recht morgen früh würde es zu voll sein. Aber – weit gefehlt: Ganz Freiburg war da. Nein, so kann man das auch nicht sagen, es waren vor allem Rentner. Und die kamen zu zweit, als lange verschweißte Ehegesponse. Sowas habe ich in dieser Konzentration noch nirgends gesehen!

Männchen und zugehöriges Weibchen wälzten sich in Zeitlupe und anscheinend sowohl schwerhörig als auch halbblind und kaum noch reaktionsfähig, ansonsten aber anscheinend noch rüstig bis auf manchen Fall von Knie- oder Hüftarthrose, durch die Reihen. Sie hatten jedenfalls die Ruhe weg, als seien sie auf einem Sonntagsausflug.

Sicher kommt dieses paarweise Einkaufen nicht oft vor und das ist auch gut so, denn es bremst alle anderen aus. Aber als Ausnahme wurde es regelrecht zelebriert, hier geschaut und da geschaut, im Zickzack, doch zeitlupengleich, den Einkaufswagen gelenkt und dann wieder in staunender Kontemplation stehengeblieben. Sie fühlten sich offenbar allein auf der Welt. Aber, ach nein, dann traf ein Rentnerpaar noch ein anderes und grüßte einander fröhlich, den Verkehrsfluss rabiat stoppend und alle Ausweichmöglichkeiten versperrend.

Kaum ein Durchkommen, nirgends. Mann und Frau nebeneinander, beide gleich breit geworden und auf fast gleiche Höhe zusammengeschrumpft, waren von hinten – oft auch von vorn – kaum voneinander zu unterscheiden, alle die gleichen dunklen Kastenjacken und Hosen, alle die gleiche Frisur und Haarfarbe. Selbst die Stimmen klangen meist geschlechtsneutral. Im Alter gleichen sich Männchen und Weibchen – jedenfalls beim Homo sapiens – doch wieder stark an. Und irgendwann werden sie wieder zu Babies, nur müssen sie das Laufen nicht noch lernen, sondern haben es schon wieder verlernt. Bald dann auch wieder die Fütterung… Bleibe mir das erspart…

Aber wohin war ich heute bloß geraten…? Und wenn sie vielleicht alle per Bus angereist waren? Ein Tagesausflug, eine Art Butterfahrt zu Aldi? Ich vergaß zu schauen, ob gerade Rheumadecken oder falsche Perserteppiche im Angebot waren. Soweit ich weiß, gibt es bei Aldi noch keine Treppenlifte.

Immerhin hatten sie alle gute Laune und viiiel Zeit, null Hektik. Zufrieden vor sich hin lächelnd rollten sie mit ihren Einkaufswagen kreuz und quer über den Parkplatz zu ihren Autos, auch hier bewegten sie sich so, als hätten sie ein Vakuum um sich herum. Die Welt bleibt draußen.

Endlich war ich mit meinem kleinen Einkauf wieder zu Hause. Dreimal fuhr ich um den Block, weil inzwischen wieder mal alle Parkplätze von Auswärtigen besetzt waren. Als ich ausstieg, begegnete ich der alten Dame mit dem Rollator. Immer hatte ich sie so gesehen, mit ihrem Hündchen. Dann plötzlich, an einem Tag, spazierte sie ohne Rollator vorbei, langsam, aber es/sie ging, ohne Gehhilfe. Für das Hündchen vielleicht ein ganz neues Gefühl. Heute hatte sie wieder den Rollator dabei. Der Hund fehlte.

Weihnachten waren die Zimmer im nahen Altenheim so beleuchtet wie sonst nie. Am ersten Weihnachtstag hatten viele Besuch. Nur der alte Herr oben links, der vor allem in Sommernächten oft laut „Haaallooo!“ ruft, ließ wie immer seinen Fernseher laufen und hatte nicht geschmückt.

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Capo Vaticano – Granitfelsen mit Charme

Das Capo Vaticano ist vielleicht das schönste Fleckchen Küste in Kalabrien. Das ahnte ich schon aufgrund der im Internet betrachteten Bilder, bevor ich meine Reise organisierte und fast hätte ich mir dort eine Unterkunft gesucht. Aber die Gegend erschien mir zu einsam und so mietete ich mich in Tropea ein, was die richtige Entscheidung war, denn dort herrscht doch mehr urbanes Leben, auch im Mai, zumal man dort außer Touristen auch viele Einheimische vorfindet.

Auch trennen nur 20 Kilometer kurvige Straßen Tropea vom Kap, eine Entfernung, die schnell bewältigt ist…, wenn man nicht auf der Strecke ständig kleine Stichstraßen nimmt, um schon auf dem Weg nach Perlen zu suchen.

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Ich finde kleine Altäre am Wegesrand…,

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…traurige Pferde…

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…und wunderschöne wilde Natur, nur wenige Meter von den Stränden entfernt.

Die Sträßchen erweisen sich alle als Sackgassen, die direkt ins Meer zu münden scheinen. Hier liegen versteckte Strände mit Ferienhausanlagen oder Hotels, alles schön flach und auffällig angelegt. Doch auf Feriengäste stoße ich nicht, stattdessen auf Bauarbeiter und Putzpersonal – überall wird renoviert und gewienert, um die Häuser für die Touristen aufzupolieren, bevor die Saison losgeht. An manchen Stellen ist es jedoch fast unheimlich ruhig, so dass ich mich dort nicht lange aufhalte.

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Und da bin ich auch in der Gemeinde Ricadi, zu der das Capo Vaticano gehört. Ricadi zählt nur 4.770 Seelen. Das Kap liegt auf einer felsigen Landzunge – ein Ausläufer des Monte Poro – am Tyrrhenischen Meer. Der weißgraue Granit soll in Italien eine Seltenheit sein. An seiner höchsten Stelle erreicht das Kap 284 Meter Höhe über dem Meerespiegel. Der Gebirgsausläufer trennt hier den Golf von Gioia Taura von dem des Sant’Eufemia.

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Für Besucher gibt es eine Aussichtsplattform, den belvedere, der seinem Namen alle Ehre macht und von dem aus man Richtung Südosten blickt.

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Eine wunderschöne Küstenlandschaft offenbart sich: mediterrane Vegetation, fast karibisch anmutendes glasklares Meer und zwei menschenleere weiße Sandstrände, die nach dem Capo Vaticano benannt sind.

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Die Küstenabschnitte hier werden seit Jahren mit der „Bandiera Blu“ ausgezeichnet, der blauen Flagge Europas, die für sauberes Meerwasser steht.

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Über einen schmalen Pfad kann man am Kap entlangspazieren und das Panorama sowie Blicke in den Abgrund genießen. Bei günstigen Wetterverhältnissen kann man bis zur Straße von Messina sehen – Sizilien ist „nur“ hundert Kilometer entfernt -, und den Äolischen Inseln Stromboli (manchmal raucht der Vulkan), Lipari, Salina, Vulcano, Alicudi und Panraea.

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Ein kleines Restaurant-Café lädt zum Verweilen ein.

Bei meinem ersten Spaziergang bin ich ganz allein. Eine Woche später, bei schlechterem Wetter, läuft eine italienische Dreigenerationenfamilie mit, staunt und füllt die Stille mit Worten.

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Andere Besucher haben sich still verewigt, auf den Kakteen, die den Wegrand säumen, eine beachtliche Größe erreichen und wie Bäume anmuten.

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Warum das Kap „Capo Vaticano“ heißt, habe ich mich gefragt. Aber mit Rom hat es nichts zu tun. Sondern mit einer Legende: In der Antike, als die Region von Griechen besiedelt war, lebte in einer Höhle auf der Landzunge die Prophetin Manto, heißt es. Sie wurde von Seefahrern besucht, die von ihr die naheliegende Zukunft erfahren wollten. Vor allem interessierten sie sich für Wetterprognosen und die Navigationsbedingungen im recht gefährlichen Golf von Messina. Andere sagen, es sei keine Frau, sondern der Seher Mantineo (was soviel heißt wie „Kommunikation des göttlichen Willens“) gewesen. Ob Prophetin oder Prophet – von dieser historischen Stätte, von diesem Orakel stammt der ursprüngliche Name „Capo die Vaticinii“, Kap der Prophezeiungen. Ein Felsenzipfel, der in der Nähe der Landzunge liegt, wurde „Mantineo“ genannt.

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Ich sehe weder Seefahrer noch Propheten, dafür Katzen, die ja vielleicht auch einer Legende entstammen oder verzaubert sind.

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Doch dafür sind sie zu hungrig. Ein jüngeres deutsches Pärchen, das öfter in die Gegend kommt, füttert sie regelmäßig. Von mir kriegen sie noch ein paar Streicheleinheiten, bevor ich in meinen Fiat 500 steige und weiter Richtung Süden fahre.

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Unterwegs halte ich noch an, weil mich bunte expressive Keramik und ein verrostetes Moped anlachen.

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In dieser Region wird die Kunsthandwerktradition hochgehalten und man liebt es farbenprächtig und üppig.

Dann mäandere ich von Bucht zu Bucht.

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Zuerst komme ich an den Strand von Grotticelle, der aus drei unterschiedlichen aneinander gereihten Einzelstränden besteht. Im ersten Abschnitt wurden tatsächlich schon die ersten Bagni aufgebaut, wie überall in Italien sind Liegen und Sonnenschirme exakt ausgerichtet.

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Hier hat man die Wahl, ob man lieber hohe zackige Felsen als Nachbarn hätte oder begrünte flachere Hügel.

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Auch beim nächsten Stopp bin ich ganz hingerissen vom Anblick, der sich mir bietet. Herrlich muss es sein, morgens in diesem Haus aufzuwachen, vor dem Frühstück ins Meer zu hüpfen und bei Sonnenuntergang auch nochmal eine Runde zu schwimmen, bevor es zum Aperitivo auf die Terrasse mit Meerblick geht. Träum…

Ich bin nicht die Einzige, die die Aussicht genießt, ich werde verfolgt von einem weißen Fiat, der immer da hält, wo ich halte.

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Nun bin ich oberhalb von Santa Maria di Ricadi angelangt mit den gleichnamigen Stränden. Tote Hose auf dem Parkplatz, nur wieder dieser Fiat. Heraus quellen fünf Frauen mittleren Alters und mit ihnen quillt durcheinander geredetes munteres Italienisch heraus. Sie reden mehr – parlare, parlare – als dass sie schauen. Alle paar Meter bleiben sie stehen, um sich zu unterhalten und alles, was sonst noch lebt, wird auch angesprochen und einbezogen, unter anderem der einzige Einwohner, der sich blicken lässt. Aus dem nördlichen Ligurien (für mich schon lange Süden) kommen sie – eine ganz andere Welt als der mezzogiorno und vom Tourismus schon lange eingenommen –, allerdings sind auch sie wie ich mit dem Flugzeug angereist, das Auto ist wie meines ein Mietwagen.

Ein hübscher kleiner Strandort mit ein paar Fischerhäusern, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Hier liegen Boote friedlich neben Autos und alles wird beschützt von dahinter aufragenden schmucken kleinen Kirche – und alles unter diesem leuchtend blauen Himmel.

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Hier, am vorletzten Strandabschnitt, der zum Capo Vaticano gehört, sind noch keine bagni aufgebaut, die Ferienhäuser ohnehin noch leer, weil die Italiener es ja doch am liebsten rammelvoll und laut und eng haben und alle zusammen im August Ferien machen. Nur zwei junge Bikinischönheiten nehmen ein Sonnenbad und natürlich haben sie ihr cellulare, auf „Deutsch“ Handy, dabei und telefonieren ständig

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Schließlich komme ich zum Porticello-Strand und damit zum letzten, der noch zum Kap gehört. Ein Parkplatz und sonst nur Meer, Sand, Felsen und südliches Grün. Ich lasse mir den Wind um die Nase wehen und atme tief ein. Da sind sie schon wieder, die Signore, bleiben in meiner Nähe stehen und zerstückeln die Stille. Ich warte, bis sie genug haben und bleibe noch einen Moment allein.

Alle Strände und Buchten dieser abwechslungsreichen Küste sehe ich nicht, denn manche von ihnen sind nur vom Meer aus zu erreichen oder über gefährliche Felsenpfade an Steilhängen. Es gibt auch kleine Grotten, zu denen man nur per Boot gelangt.

Dieses Fleckchen Erde ist sehr beliebt bei Tauchern. Hier bietet die Natur einen immensen und artenreichen Fischbestand und auch ein reiches Pflanzenleben unter Wasser. Die beiden Golfe, die sich hier treffen, sorgen mit ihren Strömungsverläufen von Norden und Süden dafür, dass die Fische aus zwei Richtungen aufeinander zu getrieben werden.

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Auf dem Rückweg nach Tropea nehme ich im Nirgendwo eine verlockend aussehende Abzweigung. Das Sträßchen wird ein Erdweg und endet im Gestrüpp. Ein paar hüttenartige Häuser stehen hier, sie sehen unbewohnt aus, aber ob sie wirklich verlassen sind? Ich stromere hier lieber nicht weiter umher, nehme nur ein Bild mit von der bezaubernden Pflanzenwelt, die hier wild gedeiht, einfach so, und die so Mancher sicher gern in seinem Garten hätte, aber bei diesem Bemühen scheitert. Beim Wenden bekommt die Autotür noch ein paar Kratzer von wehrhaften Dornen, aber das macht nichts. Ich bin schließlich im Süden…

Natürlich hat das Paradies auch kleine Schönheitsfehler, wer aber noch ursprüngliche Natur und unverbaute Küstenlandschaft ohne Massentourismus – zumindest in der Vor- und Nachsaison – mag, dem könnte es hier auch gefallen.

Für den kleinen und großen Überblick:

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Gruß zum Jahresende

Liebe MitbloggerInnen,

ich mag Weihnachten schon länger nicht mehr und bin immer froh, wenn endlich das neue Jahr anbricht und diese hektische wuselige und oft auch schein-heilige Zeit vorbei ist, in der man in der Stadt kaum noch durchkommt wegen all der konsumwütigen Geschenkesucher, beschallt von seligem Liedgut, getränkt von Glühwein auf den Weihnachtsmärkten und gemästet von Lebkuchen, Gans & Co. Da muss man die ruhigen Momente schon suchen oder sich selber schaffen.

Ich wünsche euch genau den Grad an süßer Fröhlichkeit und/oder kontemplativer Besinnlichkeit, der für euch stimmig ist, auf jeden Fall angenehme Weihnachten, eine schöne Zeit „zwischen den Jahren“ und einen guten Übergang ins Neue Jahr!

Vielleicht bin ich ja 2014 wieder öfter präsent hier, mal sehen. Bis dahin frohes Bloggen und ganz liebe Grüße,

U.Rotewelt

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Sandsturm

Gerade hatte ich ein zitierenswertes Zitat erfunden, war beinahe aufgeregt, glaubte sogar, es notiert zu haben, gezeichnet U.Rotewelt. Doch es ist weg, ich habe es nicht festgehalten, selbst nicht in Gedanken. Das zweite Zitat, das sich direkt an das erste anschloss wie eine Kaskade oder eher die Folgedüne, hat sich auch aufgelöst. Alles wie weggeblasen, als sei ein Sandsturm darüber hinweggefegt. Vergebens suche ich Reste meiner eigenen Chiffren. Also habe ich jetzt nichts mehr zu zitieren und ein dritter Sinnspruch will mir nicht in den Sinn kommen, die Wüste bin ich. Andererseits, was nützen schon Zitate, und seien sie von einem selbst. So habe ich nur diese und andere Worte, die nichtssagend zwischen den Fingern zerrinnen und keinen Boden treffen. Vielleicht habe ich auch nur geträumt.

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Die Dame mit dem widerspenstigen Haar im französischen Film auf arte saß gerade im Café “Au Départ”, nachdem sie ihre neuen Schuhe – frisch gekauft in der Galerie des Palais Royal – zurückgeben musste, da ihr die Handtasche mit all ihrem Geld entrissen worden war. Nun ging sie mit einem noch halbfremden Monsieur ins Kino und auf dem Weg dahin dachte er “Beinahe hätte man sich noch untergehakt”.

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