Die einundzwanzigste Woche, 2012

Verbissen verfolgte Ziele versäumen uns den Weg.

(Andreas Tenzer, Philosoph und Pädagoge)

Würden wir nichts anderes sehen als auf den Weg,
so wären wir bald am Ziel.

(Teresa von Avila, spanische Mystikerin und katholische Heilige)

Einige unserer Ziele ähneln den Sternen:
Sie dienen lediglich der Navigation.

(Wolfgang Mocker, Journalist und Autor)

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Port Grimaud – la “Venise Provençale”

Schon seit Anfang der 90er komme ich häufig in diese Gegend an der schönen Halbinsel von Saint Tropez, doch nie wagte ich mich nach Port Grimaud vor. Ich hatte keine Lust auf einen künstlich angelegten Ort mit Venedig-Flair (die Serenissima ist eben einzigartig), obwohl die Bilder, die ich zuvor gesehen hatte, mich schon ansprachen. Dann, im letzten Oktober, traute ich mich doch.

Von der Küstenstraße zwischen Sainte Maxime und Saint Tropez führt eine kleine Straße Richtung Meer. Man hat das Gefühl, auf einem Privatgrundstück gelandet zu sein und erwartet beinahe eine Kontrolle, eine Schranke, ein Schild „Propriété privée“, doch es geht ungehindert weiter. Dann, am Ende erst, ein riesengroßer Parkplatz für Besucher und tatsächlich ein weiterer beschrankter für die Anwohner. Gnadenlos brennt die Sonne schon am späten Vormittag vom azurblauen Himmel. Schnell weg, in den Ort, der sicher Schatten verspricht.

Doch, man wird hier durchaus einladend begrüßt mit einer kleinen Brücke, die man überqueren muss.

Dahinter hübsch gestaffelte Bögen, ein typisch südlicher Kirchturm. Und drinnen trifft man bald auf einen kleinen Platz mit Platanen und Bänken. Ich fühle mich doch weniger in Italien als in Südfrankreich, irgendwie beruhigend. Optimistisch wird noch Bademode angeboten in einem kleinen Laden.

Ich entdecke ein Schuhgeschäft und hübsche Sandaletten in meiner Größe, kaufe sie dann aber doch nicht. Gegenüber der Eingangstür gelangt man durch eine weitere Tür direkt an einen der Kanäle, die Port Grimaud durchziehen. Wahrscheinlich hat mich eher dieser Durchblick in das Lädchen gelockt als die Schuhe… Im Dunkeln ist es hier bestimmt gefährlich und man kann leicht ins Wasser plumpsen…

Von oben sieht die Szenerie doch ziemlich venezianisch aus, doch ich empfinde das gar nicht als störend.

Nein, das hier ist kein schlimmes Disneyland, es ist schön anzuschauen. Port Grimaud entstand 1966 durch den französischen Architekten Francois Spoerry. Er wollte damit als Architekt und Segler den Traum vom eigenen Boot direkt vor der Haustür realisieren. Gebaut wurde auf trockengelegtem Lagunen- und Sumpfland.

Die kleine Lagunenstadt, mediterranen Bauformen nachempfunden, ist im gesamten Mittelmeerraum die aufwendigste Anlage dieser Art und wurde zum Vorbild für andere postmoderne Planstädte. Alle Häuser hier haben einen eigenen Bootsliegeplatz direkt vor der Tür. Die Größen der Häuser und der Bootsliegeplätze wurden nach den Bedürfnissen der Bewohner angelegt.

Die Stadt hat ihr eigenes unverwechselbares Flair und wirkt stellenweise durchaus gewachsen, so wie die Bäume, an die man auch gedacht hat. Der letzte Bauabschnitt begann 1980, inzwischen ist längst alles fertiggestellt.

Sicher gibt es Puristen, die das alles zu spielzeug-bauklotzartig-bunt finden, aber mir gefällt es ganz gut. Auf Dauer leben würde ich hier nicht wollen, aber Port Grimaud ist ja auch vor allem als Ferienort konzipiert worden.

Viele Wege führen durch den Ort, vielleicht sollten wir erst einmal außen herum gehen?

Wir kommen an einem kleinen Park vorbei mit Oleander und Schirmpinien, Menschen führen ihre Hunde aus, andere joggen. Aus einigen der kleinen Reihenhäuser mit winzigen Vorgärten dringen Geräusche, es duftet nach Essen und nach frisch gewaschener Wäsche. Männer kommen mit einem Baguette in der Hand nach Hause, damit es Brot gibt, das man in die Sauce tunken kann. Dann ein kleiner Platz, völlige Stille.

Auf der äußersten Gasse, die einen Bogen macht, schlendern wir weiter und finden den Sandstrand, den es hier wundersamerweise auch gibt, fern ab von tosendem Straßenlärm, eine überraschende kleine Oase. Bevor es weiter geht, muss ich erst meine Sandaletten ausziehen und mich entsanden, typisch… Wann immer ich spontan einen Strand besuche, trage ich das falsche Schuhwerk oder versäume, die Schuhe auszuziehen, doch sandig wird’s ja sowieso.

Schon bald geht es nicht weiter, es sei denn, mit dem Boot, also ins Innere des provenzalischen Venedigs. Hier reihen sich Läden mit Mode und Kunsthandwerk und auch Souvenirs aneinander, abwechselnd mit zahlreichen Restaurants. Lebensmittelgeschäfte sind rar, aber draußen vor der Tür haben wir einen großen Supermarkt gesehen.

Um diese Jahreszeit sind offenbar nicht viele Urlauber und anscheinend auch Dauerresidenten hier und die Bistros geben sich Mühe, wetteifern untereinander um die einladendsten Tischdekorationen in den Farben des Südens.

Oder darf es vielleicht ein Eis sein?

Da ist ja auch wieder die Kirche, die wir schon am Eingang gesehen haben. Yachten und Segelboote, die direkt vor einer Kirche parken, habe ich noch nie gesehen… Hier fahren Brautpaare vermutlich nicht mit der Kutsche vor, sondern legen mit dem Boot an, das hoffentlich gut vertäut wird. Weiß zu Weiß…

Innen ist der Bau so schlicht gehalten wie außen. Doch da ist dieses Licht, das durch das einzige Buntglasfenster fällt…

Es genügt vollkommen als Dekoration.

Eine kleine Bootstour durch die Kanäle? Ach nein, lieber zu Fuß weiter.

Na, ein bisschen zuckersüß ist diese Trompe-l’Oeil-Fassade ja doch…, etwas zu laut vielleicht… Mal sehen, was der nächste Nebenweg so bietet.

Er führt zu einem stillen Eckchen, an dem man verweilen möchte. Einfach sitzen und schauen, die Beine und die Seele baumeln lassen. Aber die Mägen beginnen zu knurren, also weiter!

An mehreren Ecken finden Renovierungs- und Aufräumarbeiten statt, bevor die Restaurants und Läden sich in den Winterschlaf verabschieden. Doch insgesamt ist Port Grimaud fast zu geleckt, herausgeputzt, hier bröckelt kein Putz.

Da, ein italienisches Restaurant, alle Tische sind besetzt, hier scheinen sich sämtliche Besucher versammelt zu haben. Hoppla, wer mit dem Stuhl etwas zu weit nach hinten rückt, kann schauen, ob es in den Kanälen Fische gibt…

Also, ich sehe gerade keinen…

Wir beschließen dann doch, Port Grimaud zu verlassen und anderswo essenzugehen. Aber es ist schön bunt in dieser Cité lacustre, die sich gut ist für einen Ausflug eignet. Ein paar Stunden kann man hier prima verbringen, als Bootsbesitzer vielleicht auch eine Woche oder länger, mit dem eigenen Schiffchen vor der Tür und dem Klingen der Masten im Ohr als einzigem Geräusch beim Einschlafen und Aufwachen.

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Die zwanzigste Woche, 2012

Körperlich darf man sich ruhig verausgaben,

aber seine Seele muss man davon freihalten.

(Haruki Murakami)

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Pariser Leben, fast ein Film

Immer wenn ich in Paris bin, habe ich das Gefühl, in eine Welt einzutauchen, die mir aus alten Filmen bekannt ist. Das war schon so, als ich 19 war und ist es bis heute geblieben. Was in Deutschland schon verschwunden ist oder was es dort nie gegeben hat, gibt es hier (noch). Die Vergangenheit, zumindest ein Teil davon, darf lebendig bleiben.

Alt und Neu, Tradition und Moderne, konkurrieren nicht miteinander, sondern ergänzen sich, mal kontrastreich, mal harmonisch. Das macht einen großen Teil des Charmes dieser Stadt aus. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass sich viele der alten Gassen, Plätze, Cafés und Bistros halten. Hier versteht man sich, so klischeehaft es klingen mag, auf Lebensqualität, hier darf man sein, wie man ist, gern auch exzentrisch, und wird nicht schief angesehen wie hierzulande. Leben und leben lassen, die “Grande Nation” mag es individualistisch, daran kann auch das zentralistische System nicht kratzen.

Und weil ich mich in Paris, das trotz der métro-boulout-dodo-Hektik (und ja, es gibt schon auch gestresste Menschen und arrogante Kellner) so ein entspanntes und gleichzeitig vibrierendes dynamisches Gefühl vermittelt, wie in einem schönen Film fühle, habe ich für diese Fotoimpressionen ausnahmsweise Cinemascope-Format und -Farbe gewählt.

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Die neunzehnte Woche, 2012

Deine Einstellung musst du ändern, nicht deinen Aufenthaltsort.

(Lucius Annaeus Seneca)

Ich bin nicht sicher, ob ich mich dem anschließen kann…

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Fünf, 2012

Tropea/Kalabrien im Mai 2011 – Hier ist es mir zurzeit zu nasskalt…

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Bedeutung

Erst Gefühle verleihen Ereignissen Bedeutung. Ereignisse ohne begleitendes Gefühl sind bedeutungslos.

(Autor ist mir nicht bekannt)

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L’Estaque – Marseilles 16. Arrondissement

Das Hinkommen gestaltete sich als etwas zäh: Die Metro, mit der ich bis zum Alten Hafen fahren wollte, stand still, die Eingänge waren abgesperrt, schon zum dritten Mal in einer Woche. Feuerwehrmänner kamen aus dem Untergrund, „fuites de gaz, Gasaustritt“ antworteten sie auf meine Frage. Nun, so weit war es ja auch zu Fuß nicht von meiner Ferienwohnung. Eine alte Dame fragte mich, mit welchem Bus sie denn nun nach Hause käme, doch leider war ich überfragt. Ich wusste selbst nicht weiter, hatte im wahrsten Sinne keinen Plan. Denn der Bus vom Alten Hafen in Richtung meiner Umsteigestation La Joliette fuhr nicht von der angegebenen Haltestelle ab (Baustelle) und hatte auch nicht die Nummer, die ich vorher im Internet gefunden hatte. Doch die Marseillais sind ja freundlich und hilfsbereit: Fragte ich einen Passanten, gesellte sich gleich ein weiterer hinzu und man diskutierte über die für mich beste Möglichkeit. In La Joliette – wie hübsch, joli, das klingt – erwischte ich sofort den Anschlussbus nach L’Estaque. Vorbei an den alten Speichern und am Vorhafen ging es zum neuen Hafen, dorthin, wo die Korsikafähren und die Schiffe nach Afrika ablegen und ankommen.

Eine seltsame Gegend ist das hier, Niemandsland. Ein paar Imbissbuden, kleine Restaurants am Straßenrand für die Hafenarbeiter, dahinter verwildertes erstes Frühlingsgrün, leuchtende Blüten vor verwitterten Fassaden und Schmutz, dazwischen vertrocknetes Platanenlaub vom letzten Herbst und weitläufige unwirtliche Gelände auf der anderen Straßenseite Richtung Meer. Was sich hier wohl alles abspielt? Krumme Geschäfte, Erpressung, Bestechung, geheime Geldübergaben. Schüsse. Hier kann ich mir Vieles vorstellen. Die Bushaltestellen erscheinen wie hineingebeamt in die Ödnis. Kaum jemand steigt zu, niemand aus. Es ist ja auch später Vormittag, früher Mittag.

Hier bleibt man nicht, hier kommt man nur an oder fährt weg. Oder man bewegt Container. „J’ai rêvé de Marseille.“ Ja, auch ich habe von Marseille geträumt, taggeträumt, getagträumt, Träume getagt oder getagged…?. Jetzt war ich da und es gefiel mir. So, wie es ist.

Eine abgewrackte Kneipe, wie ich sie seit mindestens 20 Jahren in Frankreich nicht gesehen habe. Aber, wie könnte es anders sein, es gibt ein Tagesmenü, für nur 10,50 Euro. Kein Wunder, sie heißt ja auch „Bar der LKW-Fahrer“ und die sind bekanntlich hungrig. Bestimmt schmeckt das Essen sogar. In diesem Land, in dieser Region.

Dann weiß ich nicht, ob ich direkt im Ort oder eine Haltestelle später aussteigen soll, der Fahrer rät mir zum Zentrum mit dem vorgelagerten Hafen, von dort aus könnte ich ja spazieren gehen. Später werde ich feststellen, dass es zum kleinen Strand, an den ich eigentlich wollte, doch etwas weiter ist und ich – ohne Bedauern – im Ort hängengeblieben bin.

Der Bus hält, ich lasse mich in den Ort fallen und bin gespannt, was mich erwartet.

Klar, hier gibt es alles, was man für Boote und Zubehör braucht. Die ehemalige Eisenwarenhandlung scheint ihr Sortiment aber erweitert zu haben. Der Passant, sieht er nicht, wenn man nicht genau hinschaut, ein bisschen wie Zizou aus? Schließlich ist Zinédine Zidane, Sohn algerischer Einwohner und lange Zeit Fußballstar, in Marseille aufgewachsen. Aber nun weilt er ja in Madrid…

Doch schnell zum Hafen…, der jedoch weniger klein und pittesk ist als erwartet. Le port d’Estaque ist ein ehemaliges Fischerdorf an der Rade de Marseille, weiter westlich beginnt die Côte Bleue, die ich mir bestimmt irgendwann einmal anschauen werde. Der Ortsname leitet sich vom provenzalischen „estaco“ (attache des bâteaux, also so etwas wie „Boots-Tau“) ab.

So sah L’Estaque einmal aus…

Ich fühle mich weit weg vom Moloch Marseille, obwohl die Fahrt vom Alten Hafen bis hierher nur eine halbe Stunde dauert. Kaum vorzustellen, dass dieses Dorf zu Marseille gehört: 1946 wurde der Hafenort eingemeindet und ist seitdem das 16. und nordwestlichste Arrondissement.

Hinter der Bucht erheben sich die Hügel der Chaîne de l’Estaque. Das helle und nur karg bewachsene Gestein dieser Region kann, je nach Wetter, hell-flirrend oder abweisend wirken.

Die niedrigen Häuser im Ort mit farbigen Fensterläden oder Fassaden strahlen mediterrane Heiterkeit aus; das hier ist ein Ort der Kontraste. Kein Wunder, dass Estaque einmal zu den Lieblingsorten französischer Künstler am Mittelmeer gehörte.

Alles, was Rang und Namen hat, kam hierher: Paul Cézanne, Georges Braque, Raoul Dufy, Auguste Renoir, Henri Matisse, André Dérain und viele andere Bildende Künstler. Auch der Deutsche August Macke besuchte L’Estaque und fühlte sich inspiriert vom Licht und von den Farben. Er kam 1914 dorthin, um die von Braque gemalten Viadukte fotografisch festzuhalten. Es heißt, Estaque sei der Geburtsort der modernen Malerei, zudem sich Cézanne und Braque dort oft aufhielten.

Angeblich hat Braque dort am Hafen sein erstes kubistisches Bild gemalt, die „Häuser in L’Estaque“. Unbestritten ist auf jeden Fall, dass sich dort eine Künstlerkolonie von Impressionisten, Kubisten und Fauvisten bildete – bevor sich bei Estaque Industrie ansiedelte, Soda-, Zement- und Fliesenfabriken. Ziegeleien hat es jedoch schon vorher gegeben, Schornsteine auf Bildern Cézannes zeugen davon.

Auch wenn in L‘Estaque inzwischen der Tourismus Einzug gehalten hat, ist noch ein wenig von der Vergangenheit als Künstlerdorf spür- oder besser vorstellbar. Massentourismus gibt es nicht und wird es sicher nie geben, auch Souvenirshops findet man nicht. Hierher kommen vor allem die Ortskundigen, die Menschen aus dem „richtigen“ Marseille, aus der Umgebung, all Jene, die sich nicht an die überfüllten Stadtstrände legen wollen. Der Ort gibt sich sympathisch bescheiden. Oder ist es Stolz? Die Verweigerung, gefressen, geschluckt zu werden, das Gesicht zu verlieren? Die Bewohner von L’Estaque wollen sich auch von den restlichen Marseillais unterscheiden, sie fühlen sich nicht zugehörig. Obwohl sie ja doch dazugehören. Wie in anderen Arrondissements leben auch hier viele arabische Immigranten; so lockt zum Beispiel ein orientalisches Restaurant.

Mich zieht es zunächst bergan, schon bald ist die Häusergrenze erreicht, dahinter Garrigue, dann nur noch nackter Fels. So weit will ich nicht emporkraxeln, obgleich es mich verlockt, ich liebe dieses Steinige, auch die Alpilles gefallen mir sehr, allerdings sind sie lieblicher als das Hinterland hier. Die Sonne brennt erbarmungslos an diesem 30. März. Schon bald muss ich meine Jacke ausziehen. Gut, dass ich darunter in weiser Voraussicht ein ärmelloses Shirt angezogen und sogar an die Sonnenbrille gedacht habe.

A propos heiß: Emile Zola schrieb mit “Naïs Micoulin” die Geschichte einer brennenden Leidenschaft, die sich im grellen Licht von l’Estaque abspielte. Marcel Pagnol hat die Novelle 1946 verfilmt, unter anderem mit dem Schauspieler Fernandel. Überhaupt Pagnol: Überall in dieser Region stolpert man über seine Spuren, kann sich ihm nicht entziehen. In seinen Kindheitserinnerungen, dem Buch „Eine Kindheit in der Provence“ erzählt er unter anderem davon, wie er als Elfjähriger die Ferien bei seinem Onkel Jules bei Estaque verbringt. Für Marcel wird es der Sommer seines Lebens.

Ich bin nur Stunden hier und nehme jetzt die letzte oder vorletzte Gasse nach links. Ein Mann, auch ein Ortsfremder, kommt mir entgegen und fragt nach einem Weg, den ich nicht kenne. Wir wechseln noch ein paar Worte über die Beschaulichkeit hier und müssen lachen, als Einzelgänger fühlt man sich anscheinend verbunden. Sonst ist es menschenleer hier oben. Nicht einmal Geschirrklappern dringt aus den Wohnhäusern. Dafür blüht es in den winzigen Gärten und Eingängen. Wenn ich einen Blick zur Seite wage, fühle ich mich wie ein Eindringling, hoffentlich überrasche ich niemandem auf einem Gartenstuhl. Ich bin froh, dass ich Turnschuhe trage und meine Schritte die Ruhe nicht durchbrechen. Doch ich störe sowieso niemanden, alle haben sich ins Dunkel ihrer Behausungen zurückgezogen.

Dafür sehe ich Stillleben. Wer keinen Garten hat, macht sich einen auf dem Parkstreifen oder kombiniert mit ästhetischem Gespür Mülltüte, Besen und farblich passende Kunstblumen. Was wird sich mir bieten, wenn ich um diese Ecke biege…?

Ein Lebewesen, eine Katze, die Gesellschaft sucht und gestreichelt werden will. Dann ein Privataltar vor’m Klofenster? Apart. Und so ein Schild „Nur Beerdigungsfahrzeuge erlaubt“ habe ich noch nie zuvor gesehen. Ach ja, ich komme allmählich der Kirche näher.

Dann wieder heiteres Türkis in einem Hauseingang, mit Pastell-Limonengrün frech kombiniert, Auf der bemalten Kachel thront Notre Dame de la Garde einsam auf einem Felsen, das Marseille drum herum ist einfach nicht da!

Aber hier hat man neben der Kirche auch den Rest im Dorf gelassen. Was für ein schöner Platz für eine Kirche! Wie auf einer weiten baumbegrünten Terrasse steht sie da, es fehlte nur noch das Straßencafé. Die Kirche wurde 1851 erbaut, ist also viel jünger als die sie umgebenden Dorfhäuser. Ungewöhnlich auch der verwendete rötlich-ockerfarbene Backstein.

Tritt man an den Rand des Platzes, auf dem Bänke zum Verweilen einladen, blickt man über die Häuser hinweg in das Rund der Bucht hinein.

Die Dekoration des Kircheninneren ist wie das Äußere schlicht und eher nüchtern gehalten. Im Unterschied zu anderen Kirchenfenstern ist das Glas hier etwas opak, das hereinfallende Licht wird leicht gedämpft.

Dennoch gelingt es einigen Strahlen, mit Lichtreflexe den Boden und die reinen Wände zu schmücken. Durch die offene Tür in einem Nebenraum sehe und höre ich eine Putzfrau ihr Werk verrichten.

Was ist außen, was innen? Wer hinaustritt, sieht das Meer. Wer hineingeht, auch. Ich würde auf diesem Platz mit der schönen Aussicht noch gern verweilen, doch ich habe Hunger. Also mache ich auf, gehe wieder abwärts, denn gegenüber dem Hafen befinden sich fast alle Restaurants und Cafés.

Ein paar schöne Ein- und Durchblicke halten mich jedoch noch etwas auf.

Verschachtelt sind die Häuser. Das Fahrrad auf dem Balkon kann wohl kaum sicherer aufbewahrt werden…

Hier leben immer noch vor allem die kleinen Leute, ehemalige Fischer, nun vor allem Arbeiter. In den 90er Jahren hat der Regisseur Robert Guédiguian L’Estaque mit seinem vielfach ausgezeichneten Film “Marius et Jeannette” (Ähnlichkeiten zu Pagnol waren beabsichtigt…) wieder bekannter gemacht. Der Marseillais Guédiguian, der einen armenischen Vater, der Dockarbeiter war, und eine deutsche Mutter hatte, zeigte mit seinem Film den Alltag der kleinen Leute von L’Estaque und hielt den proletarischen Charme in Bildern und Dialogen fest.

http://www.youtube.com/watch?v=CJC-9lhEnTM

Vor kurzem, im November 2011, erschien ein weiterer Film von Guédiuian (hier Co-Autor und Regisseur), der in L’Estaque spielt: “Les Neiges du Kilimandjaro” (deutsche Fassung “Der Schnee am Kilimandscharo”, seit März 2012 in den Kinos) – eine soziale Utopie.

http://www.youtube.com/watch?v=-X44EmPDUDg&feature=related

Fast unwirklich beschaulich ist es hier. Als ich an einem Eckhaus mit geöffneter Tür vorbeikomme, vernehme ich Stimmen und wende instinktiv den Kopf. Eine winzige Bar, im Dunkel sitzen ein paar Männer, sie schauen mich an, als sei ich eine Außerirdische und verstummen kurz. Obwohl die Hauptstraße nur noch eine Querstraße entfernt ist, bin ich immer noch die einzige Touristin hier und werde entsprechend bestaunt.

Oder was für geheime Gespräche, nicht für fremde Ohren gedacht, werden dort im Finsteren geführt? Warum ich überhaupt nach L’Estaque wollte, hat vor allem mit einem französischen Journalisten und Schriftsteller zu tun, mit Jean-Claude Izzo und seinen sozialkritischen Kriminalromanen, der „Marseille-Trilogie“ mit den Titeln “Total Khéops”, “Chourmo” und “Soléa”. Auch wenn L’Estaque nicht Hauptschauplatz ist, sondern nur nebenbei vorkommt.

Jean-Claude Izzo wurde am 20. Juni 1945 in Marseille geboren und starb dort am 26. Januar 2000. In Deutschland wurde er erst nach seinem Tode bekannt und 2001 für “Chourmo” mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Hauptfigur seiner Krimis ist der (Ex-)Polizist Fabio Montale, im Panier-Viertel von Marseille geboren. Izzo selbst ist der Sohn eines süditalienischen Einwanderers. Aber über Izzo und die Hintergründe mehr, wenn ich über das Panier-Viertel schreibe.

Montales eigentlicher Wohnort ist Les Goudes, quasi gegenüber, am östlichen Ende der Bucht von Marseille. Bei meinem nächsten Besuch der Stadt werde ich auch dorthin fahren.

Izzo beschrieb oft das frühe Sonnenlicht über Marseille, wenn der Himmel rosig angehaucht ist und die Fassaden golden leuchten. Von meiner Wohnung aus habe ich dieses Farbenspiel auch bewundert.

Hier, in L’Estaque, in der Hitze des Nachmittags, glühen die Wände ebenfalls.

Manche Kritiker werfen Izzo vor, dass in seinen Krimis so viel gegessen und Wein getrunken wird. Aber das war eine Leidenschaft des Autors selbst, der Menschen hier, die er auch auf seinen Protagnisten Montale übertrug. Ich kann daran auch nichts Schlimmes finden, es tupft Lokalkolorit hinzu…

Und wo soll ich jetzt einkehren, endlich? Ich bin in der Restaurantmeile am Hafen angelangt. 26 Grad, kaum zu glauben! Ein Platz im Schatten wäre nett. Das erste sympathisch wirkende Restaurant hat keine Sonnenschirme, der Wirt möchte mir einen Tisch empfehlen und schaut mich verwundert bis missbilligend an, weil ich nicht in der prallen Sonne sitzen möchte. Im nächsten ist alles belegt, ein weiteres ist mir zu teuer und nach Pizza ist mir nicht, es soll schon eher französisch sein.

Dann werde ich fündig im „Le Français“. Außen ist zwar auch hier kein Platz mehr frei, aber es gibt außer dem Innenraum noch eine transparente und halboffene Zwischenlösung, da lasse ich mich nieder. Die Masten der Boote im gegenüberliegenden Hafen habe ich im Blick und bin zufrieden.

Am Nebentisch links zwei Fernfahrer, einer erzählt von seinen Fahrten nach Strasbourg. Rechts von mir zwei beanzugte Herren, Büromenschen, die anscheinend Mittagspause machen und bald aufstehen. Einen Tisch weiter eine Dreigenerationenfamilie, der Jüngste ist Säugling. Wuselig ist es, mal steht hier einer auf, mal kommt da jemand hinzu. Man kennt sich, begrüßt sich, die Bedienungen werden geduzt. Zu den Fernfahrern gesellt sich kurz eine Frau, lächelt mich an und bezieht mich ein. Familiär geht es zu, das gefällt mir. Ich fühle mich sonntäglich.

Leider sind die gegrillten Rotbarben aus, die ich mir ausgesucht hatte. Doch ich finde als ebenso verlockende Alternative Seeteufel mit Flusskrebssauce. Die Alufolie, in der der Fisch gegart ist, sieht zwar nicht sonderlich hübsch aus, dafür schmeckt der Inhalt umso besser! Die Beilagen – Reis, eine Grilltomate und grüner Salat – sind einfach, aber alles ist wohlschmeckend.

Ein Dessert schaffe ich nicht, aber einen Café Gourmand schon, zumal es Schokoladenkuchen zum Espresso gibt! Dazu Vanillesauce – und Schlagsahne! Gut, zumindest einen Teil davon, den mit der Schokosauce, muss ich essen. Lustig ist, dass man nicht am Tisch zahlt, sondern an der Bartheke drinnen! Die erste Antwort auf mein „L’addition, s’il-vous-plaît“ habe ich akustisch nicht verstanden und bitte nochmal um die Rechnung, bis ich es begreife. Doch als ich gerade reingehen will, kommt ein Kellner und macht netterweise eine Ausnahme.

Satt und durchgewärmt schlendere ich zur Bushaltestelle und muss nicht einmal zehn Minuten warten, bis mich das nächste Gefährt wieder zurück in die brodelnde Großstadt bringt.

„Ich fuhr an den Kais entlang, vorbei am großem Joliette-Becken bis zum Quai de la Tourette, dann um die Kirche Saint-Laurent herum. Dort lag der Alte Hafen, von Lichtern umringt. Ein Gedicht von Brauquier kam mir in den Sinn:

Das Meer

wiegte mich in seinen schlummernden Armen

wie es einen verirrten Fisch umfangen hätte…”

(aus „Chourmo“)

Zu Fuß wähle ich einen der vielen möglichen Wege vom Alten Hafen zur Wohnung, oft geht es bergauf, schließlich erklimme ich noch die 90 Stufen in den vierten Stock des fahrstuhllosen Altbaus, doch fast habe ich mich schon daran gewöhnt. Nun noch packen…Warum bloß muss ich am nächsten Tag abreisen? Bleiben will ich.

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Die achtzehnte Woche, 2012

Trenne dich nicht von deinen Illusionen, wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufhören zu leben.

(Marc Twain)

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“Der Klang der Zärtlichkeit” – Tanztheater aus Buenos Aires

Vorspann: Offizieller Programmtext
„Dem Regisseur und Choreographen Gonzalo Orihuela gelingt es, Bilder voll Poesie zu erschaffen, die durch eine gehörige Portion Selbstironie nie ins Klischee abrutschen.
Erzählt werden Geschichten von Beziehungen zwischen Liebenden, Freunden oder Fremden. Fragmente alltäglicher Verhaltensmuster – bei der Eroberung, beim Warten, bei einem Missverständnis, beim Auffangen eines zärtlichen Blickes, bei den Erinnerungen an eine vergangene Liebe, bei der Lust – ergeben zusammengefügt den “Klang der Zärtlichkeit“.
Den Rahmen für die Geschichten bildet ein Tangolokal. In dessen Mikrokosmos aus Regeln, Sozialstrukturen und einem ganz eigenen Verständnis der Rollen von Mann und Frau entwickeln sich berührende Momente zwischen den Tänzern, die sich bei allen Einflüssen von Elementen des zeitgenössischen Tanzes oder des Schauspiels immer der Wurzeln des Tangos bewusst sind.
Einer Tanzform, die neben ihrer ästhetischen Werte vor allem auch eine ganz eigene, soziale Welt hervorbringt.“

Ach ja, im Programmheft zur Tournee befindet sich ein Dank an Pina Bausch, durch die die Arbeit zum Projekt inspiriert wurde. Das las ich erst nach der Vorstellung, doch es wundert mich nicht, denn die poetischen Szenen ließen mich mehrfach an die Grande Dame des deutschen Tanztheaters denken.

Persönliche Impressionen und Bilder
Es war wunderschön, es war wirklich getanzte Zärtlichkeit, ein sehr sinnliches Erlebnis, melancholisch, komisch und sehr erotisch. Ja, es hat geknistert im E-Werk! Und es ging viel zu schnell vorbei! Am liebsten würde ich morgen nach St. Gallen fahren, um die letzte Vorstellung der kurzen Tournee noch zu besuchen.

Ich hatte ein Ticket in der ersten Reihe ergattert – wunderbar! Die Bühne empfängt mit gelben Blumen, wie zufällig verstreut. Im Hintergrund ein paar Tische und Stühle. Mehr Bühnenbild würde es während der gesamten Vorstellung nicht geben. Es hätte auch nicht gepasst. Nur Farben setzen die wechselnden Stimmungen in ein anderes Licht.

Anfangs war ich etwas verwundert, keine Musiker zu sehen. Doch wie sich herausstellte, stand der TanzTHEATER-Aspekt im Vordergrund, so war die Musik vom Band gerade richtig. Nichts störte, nichts lenkte ab.

Dann rutscht sie ins Bild, aus dem Dunkel kommend, auf allen Vieren, sucht die Blumen auf, eine nach der anderen, langsam, auch ein bisschen lasziv manchmal. Sehnsüchtig? Danach, gesehen zu werden?

Der traurige Clown jedoch, er hat keinen Blick für die Schöne, für das Treiben zu seinen Füßen. Tief in eigene schwer Gedanken versunken, sitzt er da.

Während sie aufpasst, keine Blume zu vergessen, erscheinen nach und nach zwei weite schöne Tänzerinnen und zwei Tänzer.

Und schon formieren sich aus dem Nebeneinander Paare und wirbeln über die Bühne des Lebens. Noch ist es etwas kühl. Und wechselhaft.

Dann die Aufwärmung: Zur Tango-Perfektion gesellt sich Übermut, man spielt miteinander, um sich auf diese Weise näherzukommen.

Den Clown ficht es nicht an, er sieht nichts von alldem. Die ebenfalls einsame Schöne schenkt ihm Wein ein, sie gibt ihm, was er zu brauchen scheint, jetzt. Vielleicht wird er sie dann sehen…? Er würdigt sie keines Blickes. Doch beginnt er zu sprechen. Zu sich selbst. Unterdrückt klingende heisere Worte rasseln aus seinem Mund. Er leidet.

Die Paare, die sich gefunden haben, nach einigem Hinundher und Neuausprobieren, steigern sich hinein, in den Tango und ihre Gefühle. Nach ausgetauschten Zärtlichkeiten wächst die Leidenschaft, Funken sprühen, das Begehren fängt die Tanzenden schließlich ein, sie vergessen die Welt zu Zweit, hitzige Ungeduld lässt sie sie zu Boden stürzen – ein Tango-Liebesakt.

Die Anderen finden sich nicht. Sie zieht es vor zu schweigen. Und zu trinken. Er wird später aufstehen, zwischendurch. Wird sogar, gesenkten Kopfes, die Ränder der Tanzfläche zeitlupig beschleichen. Und er wird sich vor dem Publikum aufbauen und lauter klagen, je betrunkener er ist. Das ganze Leid der Welt herausschreien, seinen Schmerz. Das Schlechte anprangern, ausufernd, nicht enden wollend. Der Alkohol löst die Zunge. Lo Malo, das Schlechte. Er hat es in sich selbst, aus der Kindheit mitgebracht. Alles ist malo, schlimm, schlecht, böse. Sein ganzes Leben. So malo wie ein kalter Eintopf am Morgen schmeckt. Finstere Melancholie, nicht aufzuhalten.

Auf der Tanzfläche erprobt man sich derweil einzeln in giftigem Neongrün, aber doch synchron. Dann wieder…, weiß man nicht: Freundschaftlicher Tanz oder Konkurrenzkampf?

Die Schöne versucht es noch einmal. Und wenn sie ihm einfach zuhört? Wird es nicht ein warmes Gefühl des Gebrauchtseins in ihm auslösen, wird er sie dann wahrnehmen? Nein, er kann nicht aus seiner eigenen Gedanken- und Gefühlshaut. Nun hat er sich so in sich selbst geschraubt, dass er feststeckt. Na, dann wird sie eben ihre Strategie ändern. Eine wählen, die immer wirkt bei den Männern. Sie spielt all ihre Reize aus, versucht, in seinen Blick zu geraten, tanzt, dreht und wendet sich, stapelt Stühle, klettert hinauf, zeigt demonstrativ ihre immer wieder neu ausgestreuten und eingesammelten Blumen. Nichts. Für ihn, der nur den Innenblick kann heute, bleibt sie unsichtbar.

Verzweifelt geht sie aufs Ganze, greift zum allerletzten Mittel und bietet sich an. Doch er, er stöhnt nur in sein Weinglas. Versuch gescheitert.

Aber es gibt ja noch andere Männer. Was ist mit diesem los? Er träumt sich was. Lässt sein Haar fliegen vor einem Ventilator – buenos aires, guter Wind – und knöpft sein Hemd auf. Luft an die Haut lassen.

Fliegt er, fährt er Wasserski, bespiegelt er sich selbst? Auf jeden Fall ist er glücklich, jetzt, mit seiner Illusion.

Näherrutschen, mit den Blumen. Sind Blumen nicht immer wie ein Geschenk?

Vielleicht kann sie an seinem Glück teilhaben, dem schwebenden? Mit ihm oder wenigstens allein zu Zweit.

Doch ja, sie kann ein wenig mitträumen. Da geht ja Leichtigkeit!

Huch, wie bei Marilyn lässt sie das Kleid hochflattern (als mein Finger den Auslöser nicht rechtzeitig fand).

Diese üben das Spiel der Verführung. Sie zeigen sich, sie verstecken sich, sie öffnen sich, sie verschließen sich, sie weisen ab und ziehen an.

Und er? Nun, im Delirium, hat er sich vom Schlechten abgewandt und gibt sich grandiosen Wunschträumen hin. Ist er nicht in Wahrheit ein Großer? Hat er nicht Aufmerksamkeit und Ehrung verdient? Ja, er bekommt sie, er wird hofiert, von rechts und links, wie ein Star! Bis er zusammenbricht. Die Realität hat ihn wieder eingeholt. Grausam schluchzend liegt er am Boden. Bis ihn die Schöne wieder hoch holt, aufsammelt, wie eine ihrer Blumen.

Doch er, schwankend, macht Tabula Rasa, er räumt auf, so richtig. Wenigstens die Milonga ist für heute zu Ende. Zum Schluss schafft er es noch, seinen eigenen Trümmerberg zu erklimmen. Nein, er erhebt sich, denn kann er nicht von dort oben alles besser überblicken?

Epilog: Buenos Aires hat die höchste Psychologendichte der Welt. In diesem Land der Einwanderer gehört die Melancholie zum Leben. Man versucht, sie zu lindern und man pflegt sie.

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