Die zwölfte Woche, 2015

Gar zu leicht missbrauchen und vernachlässigen uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in Vertraulichkeit verkehren. Um angenehm zu leben, muss man fast immer als ein Fremder unter den Leuten erscheinen. Dann wird man geschont, geehrt und aufgesucht.

(Adolph Freiherr von Knigge)

Gar nicht so falsch gedacht vom alten Knigge… Wen man kennt und wer einem zugetan ist, um den muss man sich ja – so wirkt es öfter – anscheinend weniger bemühen, weil man sich der Zuneigung dieser Menschen – zu – sicher fühlt. Andere dagegen umwirbt man, ist aufmerksam, macht ihnen eine Freude, zeigt Wertschätzung, beantwortet alle Post, ruft zurück und immer “zeitnah” (wie ich das Wort hasse, ebenso wie “proaktiv”, aber ich finde, es passt hier)… Ähm, und ich nehme mich nicht vollkommen aus, wenn ich auch bei den Menschen, die mir wirklich am nächsten sind, na ja…

Ja, aber… wenn man mal die Flüchtlingsdebatte ansieht, ist es eher umgekehrt mit den Fremden. Ich  hatte vorgestern ein böses Erlebnis im Supermarkt: Ein Angestellter unterhielt sich mit einem Bekannten oder Freund, der als Kunde dort war, und machte abwertende Bemerkungen über “Asylanten”, die gerade etwas eingekauft hatten. Nach dem Motto “was wollen die in unserem ‘Dorf’?!” und “Wir lassen uns viel zuviel gefallen.” Wie meistens in solchen Momenten war ich zuerst sprachlos vor Schreck und malte mir erst auf dem Heimweg aus, wie ich hätte eingreifen, was ich hätte sagen können oder gar müssen. Zum Beispiel: Sorgen diese Asylanten mit ihren Einkäufen nicht auch dafür, dass Sie hier bezahlt werden und arbeiten dürfen? Etc..

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Sonnenfinster, partiell und anders

Diesmal war es anders. Nicht nur, weil der Mond die Sonne in Freiburg nur zu 71 Prozent verdeckte – no total eclipse wie 1999 bei Landau. Auch wenn Freiburg heute der erste Ort Deutschlands war, an dem die Sonnenfinsternis sichtbar wurde. Optimales Wetter kam dazu.

Diesmal fehlte auch die feierliche Stille. Nebenan lärmende Schüler auf dem Schulhof, nie hielten sie ein, ich vernahm ein genervtes „Man sieht ja nichts!“, während ich mit meiner aufbewahrten SoFi-Brille von damals vom Balkon aus den schwarzen runden Mond betrachtete, der aus der Sonne eine Sichel machte. Als der höchste Verdunkelungsgrad erreicht war, stellte ich fest, dass auch ein Lehrer anwesend war: „Mehr dunkel wird’s jetzt nicht mehr“, sagte er. Aha. Deutschstunde gleich mitgeliefert? Huch! Und schon wurden die Schüler noch lauter, wie gewohnt, als hätten sie nichts gesehen, als wäre nichts geschehen. Die Brillen waren diesmal ja auch schon lange ausverkauft, also hatten die Schüler sicher Guckverbot nach oben. Und für die subtilen Veränderungen des Lichtes direkt um sie herum hatten sie wohl keinen Blick. Das kommt davon, wenn man immer auf sein Smartphone glotzt und sowieso von der Welt wenig mitbekommt.

Kein allgemeines Innehalten diesmal. Damals schlichen wir im Stau an den verheißungsvollen Ort, an dem man am besten sehen können würde. Wie durch ein Wunder kamen wir rechtzeitig an, erklommen einen kleinen Hügel und warteten. Die unzähligen Menschen mit uns waren still und erwartungsvoll. Auch die Vögel verstummten schon länger vor der völligen Abdunkelung der Sonne. Die Landschaft färbte sich grüngrau, eine seltsame Kälte schlich sich herbei, begleitet von einem unsichtbaren Wind. Die kalte Sophie nannten wir diese Sonnenfinsternis. Wie die Eisheilige.

Heute war es nicht so deutlich, es wurde nicht Nacht, aber kälter wurde es doch. Der Himmel nahm eine bleierne Farbe an. Eine Drossel saß lange bewegungslos auf einer Baumspitze. Ein anderer kleinerer Vogel wagte ein Zwitschern. Bäume und Häuser warfen Schatten in Winkeln und einem Grauton, wie sie sie nie zuvor geworfen hatten. Fast noch intensiver als draußen spürte ich die Sonnenfinsternis in der Wohnung. Wie gewohnt an sonnigen Tagen drangen die Sonnenstrahlen herein, aber sie erhellten die Räume nicht. Es war, als seien die Rolläden heruntergelassen, die Lichtflecken auf dem Parkett ein Tag-Trugtraum, eine optische Täuschung: Sonne, die Dunkelheit bringt. Seltsam unruhig fühlte ich mich und in gewisser Weise demütig, dem Kosmos ausgeliefert.

Dann, allmählich, wurde die Welt wieder normal und alles kehrte zurück in die Gegenwart. Die nächste partielle Sonnenfinsternis in Deutschland könnte und will ich noch erleben, bei der nächsten totalen werde ich eh längst im Dunkeln weilen.

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Die elfte Woche, 2015

Un bisou
N’est qu’un biscuit
Un baiser
Est plus qu’un meringue.

(rotewelt, 18.03.2015)

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On such a (n almost) spring day

Gerade sehe ich am Ende eines doch eher milden vorfrühlingshaften und insofern doch ziemlich inspirierenden Tages einen etwas schrägen französischen Film auf arte „Who killed Marilyn?“ So toll finde ich ihn nun auch nicht, ehrlich gesagt, eine Verlegung der Monroe-Geschichte in ein eiskaltes französisches Provinzkaff nahe der Schweizer Grenze, aber die irren Tapetenmuster des Landhotels haben was, die tief verschneiten Landschaften und die begleitende Filmmusik mag ich, auch war ich gerade noch selbst im Schnee. Die Beach Boys hörte ich früher gern und heute noch – aber wer singt denn da „California Dreaming“? On such a winters day…

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(Der Monsieur der etwas auf schickimicki gemachten, aber doch lässig-sympathischen Bar des Skirestaurants “Le mouton noir” – das schwarze Schaf – oberhalb von Verbier hatte gar nix dagegen, dass ich ihn und seine Champagnerflaschen ablichtete, auch wenn wir dort nichts konsumierten, sondern eine Etage tiefer…, da gab’s was Anständiges zu essen, lach!)

Nicht diese Band, sondern José Feliciano, kaum zu glauben, seine Interpretation dieses Songs kannte ich noch gar nicht. Wozu so ein Film doch gut ist, allein dafür hat es sich gelohnt. Wer Feliciano kitschig findet, kann ja weghören, für mich sind seine alten Songs eine Zeitreise weit zurück.

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Internetmüde

Irgendwann ist die Luft raus.

Erst war ich ungefähr drei Jahre bei Qype aktiv, eigentlich ein Bewertungsforum, auf das ich 2009 zufällig stieß, als ich einen Zahnarzt in der neuen Stadt suchte, doch „damals“ (vor der späteren Übernahme durch das amerikanische Unternehmen Yelp) konnte man auch ungeschoren über dies und das schreiben, etwa Reiseberichte, Gedichte oder lustige Sachen, niemand von den Oberen scherte sich darum, also schrieb ich munter, wonach mir der Sinn stand und andere taten es auch. Außerdem gab es Fotogruppen zu verschiedenen Themen. Es war eine fast intime Gemeinschaft mit einer treuen Stammleser- und Guckschaft. Die unterschiedlicher zusammengesetzt kaum sein kann.

Blogs wie WordPress sind dagegen elitär, verinnerlicht-vergeistigt und – natürlich – viel anspruchsvoller, tiefgründiger und überhaupt. Na ja, im Vergleich jedenfalls. Räusper. Facebook, das ich vor ein paar Monaten verlassen habe nach ungefähr eineinhalb Jahren Aktivität, bildet den Kontrapunkt zu „Bloghausen“ (ich zitiere Ulli Gau ;-), danke für das Wort), ist oft entweder oberflächlich oder selbstverliebt bis exhibitionistisch bis ziemlich aggressiv, wenngleich politisch interessant, doch teilweise sehr manipulativ, rechthaberisch und sektiererisch.

Ein Jahr vor meinem schon geplanten Ausstieg aus Qype, unter anderem und vor allem wegen des Aufkaufs durch die Amis mit all den denkbaren Konsequenzen und Beschränkungen, kam ich hierher zum Bloggen und glaubte mich zunächst in einer noch passenderen Welt für mich, weil diese Welt auch konsistenter schien, mehr so wellenlängemäßig. Aber auch begrenzter, denn oft fehlt der Spaß bei all dem hochprozentig Intellektuellen, Vergeistigten und dem das Innerste-nach-Außen-Stülpen, oft sehr feministisch und auch mal elitär und/oder streng, bis hin zu den peinlichsten Betroffenheitsgeschichten und öffentlichen Bekenntnissen (schließe mich da nicht aus, Manches habe ich gleich wieder gelöscht…). Oft ist es aber auch nur wohltönendes und langweiliges Gelaber oder es sind mehr oder weniger wohl gesetzte Worte, oft sparsam dosiert, die sich literarisch-ambitioniert gerieren und ich erschrecke manchmal über selbstgewählte Vergleiche von Autoren (meist Autorinnen) mit namhaften SchriftstellerInnen (um in der Sprache zu bleiben). Und frage mich, warum ich mich das nicht traue und warum sie…

Auch ist man im warmen Bloghausen im allgemeinen nett, liebt das Wort „fein“ und ist vor allem unter Frauen (meist) sehr lieb zueinander, es frauscht ein freundlicher und oft Betroffenheits-Unterton, der manchmal die Grenzen des Süßlichen überschreitet.

Auf Qype fühlte ich mich am wohlsten, dort ging es munter zu, nicht unkritisch, aber doch empathisch, lebhaft, herzlich. Meistens jedenfalls. Man kam sich aus verschiedenen gesellschaftlichen Milieus mit Toleranz, Respekt und Neugier entgegen, ging aufeinander ein und für mich und andere ergaben sich daraus auch reale Begegnungen und Freundschaften (nun, hier ja auch, was ich sehr schätze und wofür ich dankbar bin, aber ich verallgemeinere ja gerade ein bisschen, um die Unterschiede deutlicher zu machen).

Auch wird man durch’s Bloggen nicht entdeckt, für gewöhnlich jedenfalls, Ausnahmen bestätigen die Regel. Also warum das, was man auch seinem stillen Tagebuch anvertrauen kann, in die Öffentlichkeit schießen? Ich sehe – derzeit – kaum noch Sinn darin. Jedenfalls nicht, um auf Leser zu hoffen. Mir ist nach der längeren Ausprobier- und Austobphase weitgehend die Lust vergangen, hier und im Internet überhaupt zu schreiben, selbst über Reiseerlebnisse. Was bringt es? Ja, klar, es macht manchmal Spaß, das einfach so zu tun, aus Lust am Aufbereiten der eigenen Erinnerungen, und es hat was, seine Worte und Bilder quasi öffentlich zu sehen und zu wissen, dass andere die eigenen Ergüsse auch sehen können, wenn sie wollen oder sie finden. Aber ist das wichtig? Frage ich mich. Wofür, wozu? Und wenn ich es dann doch noch ab und zu mache, dann als Dokumentation für mich selbst. Und falls jemand liest oder guckt, freut es mich natürlich.

Aber in Bloghausen ist es ja wie im Kindergarten: Guckst du nicht mehr bei mir, guck ich auch nicht mehr bei dir, dann bin ich eingeschnappt! Also bleiben die „alten“ und ehemals treuen Leser aus. Schon lustig, diese Mechanismen… Bei Qype war es anders, da nahm niemand jemandem etwas übel, da herrschte eine ungezwungenere freundlichere lässigere Atmosphäre. Und hier? Warum können nicht alle das, was man hier tut und was die anderen tun, als Angebot sehen, ohne etwas zu erwarten oder sich verpflichtet zu fühlen? Die Zeiten meines schlechten Gewissens sind endlich vorbei, es hat aber lange gedauert.

Ich habe eine ganze Weile alles gelesen und kommentiert, was meine liebsten Mitblogger schrieben oder abbildeten. Aber das kostet Zeit (ich wiederhole mich, pardon, schrieb das schon früher mal anlässlich einer vorübergehenden Blogpause). Ich habe es gern getan, aber es wurde mir zu viel. Was für ein zeitlicher Aufwand! Klar, es ist oft inspirierend, bereichernd, bildend, nahegehend, berührend, amüsant auch mal, aber… Und wenn man jemanden übers Bloggen privat kennenlernt, kann man sich ja weiter persönlich austauschen und erfährt das Wichtigste nicht allein dadurch, dass man in den Blog schaut. Wäre ja noch schöner, wenn man dafür erst das Internet konsultieren müsste, lach!

Ich bin sooo internetmüde. Sechs Jahre sind genug. Ausprobiert und fertig. Es lebe das (reale) Leben! Aber wundert euch nicht, dass ich ab und zu doch Lust habe zu gucken, was ihr so macht! ;-) Wenn mir danach ist oder mich ein Thema anspringt und verlockt. Und danke für euer Vorbeischauen und Kommentieren, ob regelmäßig oder nur sporadisch!

PS: Das auch als zugegeben lange Antwort an meinen Ex-Schwager Didier bezüglich meiner Abstinenz hier (ich wollte dir privat nicht so viel zu diesem Thema zumuten, tauschen wir uns lieber weiter über andere Dinge aus, die näher am Leben sind, aber deine Frage ließ mich nachdenken und gab den Anlass zu diesen Worten).

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Die zehnte Woche, 2015

Im März sieht die Erde viel jünger aus als sie ist.

(Arthur Feldmann)

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Die neunte Woche, 2015

Die Ziege muß dort weiden, wo sie angebunden ist.

(Honoré de Balzac)

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Das Jahr der Ziege

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Das chinesische Horoskop sagt für 2015, dem Jahr der Ziege, ein eher sanftes, friedliches und soziales Jahr voraus. Soweit die deutschen Interpretationen. Für die Chinesen selbst ist das Jahr der Ziege allerdings angsteinflößend und ein Unglücksjahr. Wie passt das zusammen? Gar nicht. Was tun? Ich, sogar im Zeichen der Ziege geboren und nun doppelt betroffen, versuche jetzt mal einen Kompromiss und folge dem chinesischen Rat, was mir nicht allzu schwer fällt: Trage an jedem Tag des Jahres Rot, um das Unglück abzuwehren!

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Määähhh!

Und hier noch ein paar weitere Impressionen vom Chinesischen Neujahrsfest 2015 in Paris. Die schönen aktuellen Bilder wurden mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt, lieben Dank, merci beaucoup an den emsigen Fotoreporter. :-)

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Es scheint, als solle der Winter ausgetrieben werden! Bunt geht es zu beim Fest im sogenannten “Chinesischen Viertel” im 13. Arrondissement, wo sehr viele Asiaten und vor allem Chinesen leben.

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Schöne junge Chinesinnen stecken in hübschen Kostümen…

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…und die Männer werden zu mutigen starken und bedrohlichen Drachen…

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…pardon, sie schwenken sie wild umher!

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Andere Teilnehmer des Umzugs kommen auf Pferden daher.

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Die gelbe Gefahr – huch!

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Sind sie nicht bezaubernd-zauberhaft?

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Das Chinesische Neujahrsfest ist nicht nur bunt, sondern auch laut! Da wird getrommelt und gerasselt, aber leider haben die Bilder keinen Ton…

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Mit Maske sieht es sich vielleicht doch nicht so gut?

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Huldvoll grüßen die graziösen lächelnden Damen von ihren Wagen herab das gemeine Fußvolk und sagen adieu für dieses Jahr!

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Schneewittchengleich

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Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz

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You’re never too old to be young.

When in doubt, sing a silly song.

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Die 8. Woche, 2015

Where choice begins, Paradise ends, innocence ends, for what is Paradise but the absence of any need to choose this action?

(Arthur Miller)

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