Schwedenhappen, Vadstena am Vätternsee

An Seen kommt man in Schweden nicht vorbei, überhaupt scheint das Land hauptsächlich aus Wasser und Wäldern zu bestehen, durchsprenkelt von Bauernland mit wie hingetupften roten Häusern, Dörfern, Städtchen und Städten. Was ich seit der Kindheit nicht gesehen hatte: An manchen Wegkreuzungen standen wie früher große Milchkannen abholbereit.

Am Vätternsee hat man alles auf einmal: einen großen See (der zweitgrößte See im Land nach dem Vänern) mit 135 KM Länge und circa 31 KM durchschnittlicher Breite, und hübsche Orte inmitten grüner Landschaft, zum Beispiel Vadstena.

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Während man sich an manchen schwedischen Ostseegestranden an einem See wähnt, glaubt man am Vättern wie am Meer zu sein, sogar wenn man von der östlichen Schmalseite aus schaut.

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Vadstena, ein kleiner Ort am Ostufer des Vättern, hat nur rund 5600 Einwohner. Das Städtchen glänzt nicht nur mit der Seelage und einem kleinen Freizeithafen, sondern unter anderem auch mit einem burgartigen Schloss: 545 hatte im Auftrag von Gustav Wasa der Bau begonnen, ursprünglich als Verteidigungsanlage gegen die Dänen gedacht.  Später war es dann nach einem Umbau im Renaissance-Stil einfach ein eher friedlicher Herrschersitz.

Fast fühlt man sich dort wie in einer Sommerfrische, auf der parkähnlichen Wiese vor dem Schloss picknicken Familien und man hat direkten Seeblick.

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Auf einer kleinen Landzunge gelangt man zu einem Mini-Leuchtturm.

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Als sei das alles bei dem traumhaften Wetter Ende August nicht schon Glück genug, erschien plötzlich ein Schwarm Wildgänse. Ich liebe das, die Geräusche, alles, einfach magisch. Der Herbst scheint sich für die wissenden Zugvögel schon angekündigt zu haben.

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In Vadstena direkt gibt es nur ein paar kleine Badebuchten, die jedoch an diesem Tag gut besucht waren. Spaziert man am Ufer entlang, stößt man auf die Abtei Pax Mariae. Der Grundstein für das Kloster wurde 1346 gelegt, die heilige Birgitta hatte das Mutterkloster für den gleichnamigen Orden gegründet.

Im Pilgercafé im Garten neben dem dazugehörigen Museum kann man günstig etwas essen und trinken. Der bärtige junge langhaarige Wirt schneidet Scheiben von (nicht bröseligen) Graubrot ab und belegt sie, es gibt selbstgebackenen Kuchen und auf einer schattigen Wiese oder in mehreren gemütlichen Räumen kann man sich stärken, auf mit Schaffell ausgelegten Bänken ausruhen oder sich Bücher aus der gemütlichen Bibliothek auswählen.#

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Hier das Bischofskloster

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Die gotische Klosterkirche, mit deren Bau 1369 begonnen wurde, wurde nach Anweisung von Birgitta einfach und ohne Schmuck errichtet. Man beachte den Beichtstuhl im unteren mittleren Bild: Die Beichtenden saßen da auf kalten Steinbänken und noch dazu von jedem sichtbar.

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Das Besondere – und nicht nur an dieser schwedischen Kirche – ist das Profane, das Praktische,  das ich so noch nirgendwo anders gesehen habe: Nicht nur hat jede Kirche eine Toilette (natürlich mit Baby-Wickeltisch), sondern auch kostenlosen Kaffee und Wasser parat, eine Sitzecke abseits des offiziellen Gottesdienstbereichs für Gemeinde- und andere Gemeinschaftssitzungen und – eine Kinderspielecke! Sie befindet sich, wie auch in dieser Kirche, gut einsehbar von den Eltern, direkt neben der Kanzel,  und hält Bilderbücher, einen weichen Teppich und Plüschtiere in einer Arche Noah für die Kleinen bereit.

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Ehrlich gesagt, konnte ich es kaum glauben, aber ich finde es toll! Wie „sozial“ die Schweden doch sind, auch wenn das jüngste politische Enwicklungen nicht immer bestätigen, aber…

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Der Ort Vadstena, weitgehend noch im seiner mittelalterlichen Struktur erhalten, hält ansonsten lauschige Ecken parat, wie die meisten schwedischen Städtchen in Östergötland…,

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… dazu reichlich pastellfarbene Holzhäuser und Kopfsteinpflaster.

Frau pflegt einen lässigen Stil, bisweilen schräg…, und manche alte Dame erinnerte mich ein wenig an Astrid Lindgren.

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Als der Abend drohte, ließen wir uns im Mat fran Koket, einer Art  Bistro, nieder. Von unseren Plätzen aus hatten wir durch eine Gasse hinweg einen schmalen Blick auf den Vättern. Das Essen war anders als erwartet, aber schmackhaft. Ich bestellte Knoblauchbrot und Mozzarella-Sticks und erhielt: Knoblauchbrot und Mozzarallasticks. Dummerweise hatte ich mir Spieße statt Sticks vorgestellt, selbst schuld, mit frischen Tomaten, doch stattdessen bekam ich frittierte Mozaralla-Stangen mit einem Glas Aioli zum Eintunken. Klingt strange? So sah es auch aus. Zu meinem Erstaunen schmeckte es aber: Man tunke fette panierte Mozzarella-Stäbchen in fettes Aoli. Nur das mit Olivenöl und Knoblauch extem getränkte Brot, das ein Monsterbrötchen war, war dann doch zuviel. All das war aber völlig okay, wegen der schon genannten Tiefenentspannung.

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Nach dem Abendmahl machten wir uns auf zum Auto und weil es so schön war im bilderbuchartigen Sonnenuntergang, stromerten wir nochmal zum Leuchtturm.

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Unterwegs unterhielt uns eins bronzener Flötenspieler.

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Dann der kanalähnliche Hafen zwischen Wasa-Burg und See,

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das Leuchtturmidyll und der Rest.

Lauter Bilder, die mich sanft in die Träume schaukelten.

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Schwedenhappen, erst Kuchen, dann Krabben

Über das bröselig-staubige Schwedenbrot, das man überall kaufen kann, schrieb ich ja schon. Gut, wenn man eine der rar gesäten Alternativen kennt. Über einen Schotterweg, mitten in der Pampa von Östergötland, dort, wo man außer Feldern nichts mehr erwartet, kommt man zu einem Bauernhof, wo es nach Kuhstall riecht und wo die Hühner gackern.

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Auf dem Hof gibt es glücklicherweise auch eine Bageri, eine Bäckerei. Zwar kann man dort, wie ich im Land schon vor Jahrzehnten gesehen habe, auch säckeweise Mehl kaufen, um sein Brot selbst zu backen, doch man kann die fertigen Produkte auch direkt vor Ort kaufen. Das Brot schmeckt wirklich gut, mir hatten es allerdings die Kuchen angetan. Handlich klein sind sie, nicht so mächtig wie deutsches Gebäck, und sogar der Hefeteig ist richtig fluffig. Mein Hefekringel mit Streuzucker und drinnen ein wenig Himbeeren schmeckte köstlich.

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Gebäck und Getränke nimmt man mit raus auf die Wiese oder die Terrasse und fühlt sich wie zuhause im eigenen Garten. Überall saßen Paare, Freundesgruppen und Familien und die Stimmung war so überaus leger und gelassen, wie ich sie bisher nur in Schweden verspürt habe. Übrigens ist in schwedischen Cafés Selbstbedienung üblich, man wählt aus, bezahlt (bevorzugt elektronisch, bisweilen wollte man mein Bargeld gar nicht mehr annehmen, dabei hatte ich mir extra doch ein paar Kronen besorgt – wem die digitalen Bezahlmethoden vor allem dienen, darüber lässt sich diskutieren) und nimmt die Sachen mit an seinen Platz. Kaffee gießt man sich  aus Warmhaltekannen ein (die Schweden trinken jedenfalls Tag und Nacht Unmengen von Kaffee, erstaunlich!), ebenso das Teewasser, das man auf einen Beutel (man liebt es fruchtig und aromatisiert)  in einer frei ausgewählten Tasse oder einen Becher gießt. Da findet man überall ein putziges Sammelsurium aus Keramikbechern, alten Sammeltassen mit Goldrand etc, das gefiel mir. Trinkwasser ist übrigens kostenlos, man kann es aus Hähnen zapfen, das gilt zum Beispiel auch für den Bahnhof am Flughafen Arlanda: Überall stehen Gläser bereit und jeder nimmt sich soviel Wasser, wie er möchte. Finde ich sympathisch und nachahmenswert.

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Den Hefekringel kauend, schielte ich auf das hübsche Haus, in dem die Bauern- und Bäckerfamilie lebt. Hach.

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Frisch gestärkt, machten wir uns auf zum Göta-Kanal, der fünf Seen (unter anderem den Vättern) auf circa 190 Kilometern Länge (ohne die Seen ist er nur 87 Kilometer lang) Länge miteinander verbindet und 58 Schleusen passiert. Er wurde zwischen 1810 und 1832 erbaut, beginnt in Mem an der Ostsee und endet in Sjötorp im Vänern-See. Ursprünglich war der Kanal dafür gedacht, Schiffe vom Kattegat zur Ostsee durch Schweden zu führen statt durch den Öresund, dort musste nämlich Zoll an Dänemark gezahlt werden. Die Mühe war ein wenig vergebens beziehungsweise zahlte sich nur kurz aus: 1857 wurde der Sundzoll nämlich aufgehoben und ein Jahr vorher wurde die Eisenbahn eingeführt, die eine große Konkurrenz zum Kanal war.

Schon lange wird der Göta-Kanal nicht mehr zum Warentransport genutzt, sondern ausschließlich von Freizeitbooten und touristischen Kanalschiffen. Auch an diesem Wasserlauf stehen viele Häuser, um die man die Besitzer beneidet.

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Ein Häuschen mit eigenem Wasserzugang und Boot, ein Traum. Das viele Wasser kühlte wenigstens in Gedanken, denn es war ungewöhnlich heiß für das letzte Augustwochenende in Schweden, meist hat dann schon der Herbst Einzug gehalten.

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Kein Schatten auf dem Weg längs des Kanals, den man zu Fuß begehen oder mit dem Rad erkunden kann (ist er nicht auch fast so idyllisch wie der Canal du Midi früher, der allerdings durch die wegen eines Pilzes abgeholzten Platanen seinen Charme offenbar komplett verloren hat – heul?). So schafften wir es auch nicht bis zu den Schleusen.

Stattdessen war bald schon wieder Einkehr angesagt. Da tauchte, welch Erleichterung, eine alte Glashütte auf, die schon seit längerem zu einem Café mit ein paar Zimmern umfunktioniert wurde.

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Nachdem wir uns im Garten unter Apfelbäumen bei einem Getränk etwas ausgeruht hatten, war es plötzlich schon später Nachmittag und uns gelüstete nach Pikantem. Ich bestellte und bekam ein Krabbensandwich, an das ich jetzt noch denke: ein mit Mayonnaise bestrichenes rundes Brot (nicht staubig), darauf Salat, Tomaten, Paprika, Gurke, hartgekochte Eier und das ganze gekrönt von einem Riesenberg superfrischer köstlicher Krabben. Leider vergaß ich ganz, mein Essen zu fotografieren. Tja, da ich kein Smartphone habe, denke ich auch nicht an instagrammable Moments, noch dazu mit Selfies. Zum Glück habe ich aber ja noch meinen Kopf und die Bilder und Erinnerungen darin.

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Das Café, wie viele Cafés in Schweden auch Fika genannt (Fika bedeutet Kaffeepause mit Gebäck), liegt zwar etwas vom Götakanal zurückgesetzt, doch direkt hinter dem Haus fließt der hier fast noch romantischere Motala Ström, ein Fluss zwischen den Städten Motala am Vätternsee und Norrköping nahe der Ostsee. Überall zwischendurch gibt es kleine Badestellen mit Stegen. Alles ist so unbeschreiblich friedlich.

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Muss man hier nicht fast an Monet denken?

Der Unterschied zu Frankreich ist nur, dass ich in Schweden außer Hej (die Begrüßung) und Hej hej (doppelt bei guter Laune),  Hejdå (Tschüs/Auf Wiedersehen) und ein paar Ortsnamen kein Wort verstehe. Niemals in Europa habe ich mich so im Ausland gefühlt wie dort. Zum Glück lernen die Schweden schon als Kinder Englisch, so dass man sich trotzdem problemlos verständigen kann. Aber bei den Bahnhofsdurchsagen hatte ich das Gefühl, Chinesisch oder Japanisch zu hören. Und von dem, was meine Sitznachbarin im Zug von Norrköping nach Stockholm eine geschlagene Stunde in ihr Handy sprach, verstand ich nur „absolut“ –  neben „precis“  (genau) DAS aktuelle Modewort in Schweden) – und Hej.

Hejdå. Bis zum nächsten Happen.

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Schwedenhappen, das Wiedersehen

Um möglichen Assoziationen wegen des Titels gleich vorzubeugen: Ja, ich war in Schweden, aber ich habe keinen Surströmming gegessen, nicht mal gesehen geschweige denn gerochen.

Hätte mich nicht eine frühere gute „Bekannte“ (klingt irgendwie abwertend, da war doch mehr und ist noch/wieder), ursprünglich Kollegin einer Fortbildung und spätere Freundin einer Freundin, noch dazu dann Ex-Arbeitskollegin meines damaligen Mannes und Partnerin des Bruders der Freundin (sehr komplexe Vernetzung), mich nach 13 Jahren Stillschweigen nicht ermuntert, sie in Schweden zu besuchen, hätte ich sie und das Land sicher nicht wiedergesehen.

Dabei hatte ich keine schlechten Erinnerungen an sie und auch nicht an Schweden, im Gegenteil. Der erste und einzige Besuch im Land war nur schon lange her, genau 38 Jahre. Kaum zu glauben (den zweiten Versuch hatten wir schon auf der Hinfahrt wegen schlechten Wetters abgebrochen, tauschten schwedische Kronen in französische Francs und fuhren gen Süden). Damals waren wir zu viert – zwei Paare – im Urlaub in Südschweden, mieteten spontan vor Ort für wenig Geld so ein rotes Holzhaus mit weißer Umrandung und lebten gefühlt wie vor fünfzig Jahren. Kein Bad, sondern nur eine Küchenspüle fürs Waschen der Menschen- wie der geangelten Fischleiber, der gesammelten Beeren und des Geschirrs. Dazu gab’s über einen Feldweg hinweg an einem Schuppen ein Doppel-Plumpsklo, immerhin mit Wandbildern und anheimelnden Flickenteppichen. Ansonsten erinnerte ich mich an viel Wasser, viel Wald, viel Ruhe, viele Mücken, nicht essbares staubiges Brot in den Bäckereien und eingeschweißte Kötbulla aus dem Supermarkt. Bis drei Uhr nachts spielten wir Doppelkopf, denn es wollte einfach nicht dunkel werden im Sommer, während es aber doch schon so kühl war, dass wir den Holzofen befeuern mussten. Beim Blick aus dem Fenster oder während nächtlicher Plumpsklogänge nahmen wir im Zwielicht bisweilen spukähnliche Gestalten wahr, vor allem Elche, die sich dann aber entweder als Kühe oder als pure Phantome erwiesen, einmal auch als unheimlicher Spaziergänger. Wir ernährten uns von selbstgebackenem Brot und Kuchen, von den Männern geangelten Fischen (karge Ausbeute und Tötungshemmung, was uns Frauen aber nicht unsympathisch war), selbst gesammelten Pilzen und Beeren, aus denen wir auch Marmelade kochten. Damals schien alles ein wenig wie in Bullerbü-Kinderbüchern und -Filmen und nach meinem jetzigen Besuch muss ich sagen, dass sich – zumindest auf den ersten Blick – seitdem kaum etwas verändert hat.

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Und nun, am ersten Abend im südschwedischen Östergötland, fuhren wir gleich nach meiner Ankunft am Bahnhof Norrköping an die Ostseeküste. Dort wirkte das Meer eher wie ein See oder Fjord.

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Alles sehr idyllisch.

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Wir aßen im Restaurant Hamnkrog in Stegeborg unterhalb der Burg sehr guten Zander mit Pfifferlingen. Da dort inzwischen auch einige Yachten dümpeln, sind die Preise entsprechend. Gewöhnungsbedürftig ist vor allem, dass die Restaurants zu fast allen Gerichten, auch zu feinem Zander, runde Kartoffeln mit Schale servieren, wobei es sich nicht um junge Kartöffelchen handelt, doch die Schweden mögen anscheinend die Pelle und verspeisen alles komplett. Vielleicht sind nichts anderes gewohnt. Manche sagen, man lebe dort in einer kulinarischen Diaspora.

Auf der Rückfahrt im Dunkeln sahen wir mindestens hundert Hirsche, vor allem Hirschkühe. Sie standen in Gruppen zwischen vier und mehr als zehn Tieren auf den Wiesen zu beiden Seiten der kleinen Landstraße. Zwei Hirsche überquerten direkt vor uns auch die Fahrbahn, ebenso wie sechs Dachse und zwei Hasen. Ich wähnte mich wie in einem Märchen oder Film, wann immer die Tiere im diffusen Abendlicht auftauchten und werde dieses Erlebnis nie vergessen.

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Als ich am ersten Morgen aufwachte, blickte ich auf einen verwunschenen Wald mit wie hineingestreuten Felsen. Das erinnerte mich ein wenig an das Felsenmeer im Odenwald.

K1024_2019_08260019Daneben sah ich die Plumpsklos der ehemaligen Schule nebenan, in deren früherer Lehrerwohnung ich mein Quartier hatte. Mein Schlafzimmer war das damalige Kinderzimmer des Lehrersohns, der nun der Mann meiner Freundin ist. Die Schule wurde 1970 geschlossen, ein Raum wird jedoch als Museum erhalten, mit all den alten Schulbänken, dem erhöht gelegenen Lehrerpult und den alten Wandkarten. An einem Vormittag stand eine ausgewachsene Hirschkuh neben dem Klohaus. Leider kam ich nicht dazu, sie im Bild festzuhalten, zumal sich meine Freundin beeilte, sie wegzujagen. Die Hirsche dringen nämlich frech jede Nacht und mittlerweile auch tagsüber in die Gärten ein. Sie fressen alle Blütenknospen, lieben aber auch Aufgeblühtes, vor allem rote Rosen. Manche Hausbesitzer beginnen schon, ihre Häuser einzuzäunen, obwohl das sonst nicht ihre Art ist.

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Vom Balkon aus schaute ich auf einen Bauernhof. Während ich zum Frühstück Walnussbrot mit Frischkäse und der weltbesten Blaubeermarmelade aß, sah ich zwar nicht Kleiner Onkel aus Pippi Langstrumps Geschichten, aber ein nicht eingezäuntes Pferd, das morgens direkt vor der Haustür spazieren ging und graste, hatte ich auch noch nicht gesehen. Hängebauchschweine und Hühner vervollständigten Bilder und Geräusche. Das fing ja gut an. Ich wähnte mich in meiner Kindheit, die ich – wenngleich auf dem Lande verbracht – so dann aber doch nicht erlebt hatte.

Auf jeden Fall fühlte ich mich auf der Stelle wie positiv ausgebremst und tiefenentspannt und das sollte sich die nächsten Tage nicht ändern.

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Nur mal so nebenbei

Der 11. September 2001 wird volljährig – Zeit, um endlich erwachsen zu werden.

https://www.rubikon.news/artikel/die-sprengung

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Die Deutsche Bahn oder wenn Sibylle nicht antwortet

Autobahn oder Deutsche Bahn – wer sich für das eine oder andere entscheiden will, hat die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die letzten Jahre hatten fast alle deutschen Züge, mit denen ich fuhr, Verspätung. Als ich es genervt mit dem Auto versuchte, steckte ich mehrmals in Zwölf-Kilometerstaus bei Lahr auf der A5, zuletzt wieder Ende Juli. Was machen?

Diesmal wählte ich Richtung Bensheim wieder die Bahn, weil mir das Fahren auf den Autobahnen hierzulande sowieso keinen Spaß mehr macht, sofern man von Fahren überhaupt reden kann. Und überhaupt, warum soll mein Auto mit mir allein als Passagierin die Luft verpesten. Mit dem Taxi zum Bahnhof (falsche Hausnummer registriert, Fehler der Zentrale, gerade noch rechtzeitig am richtigen Gleis gestanden) und sogleich notgedrungen in den Zug gesprungen, obwohl auf der Anzeige außer Hamburg Altona auch Berlin stand, was mich verwirrte. Der Zug hatte Abteile, seit 30 Jahren nicht gesehen, ich ließ mich in eines fallen und erklärte dem dort schon sitzenden Paar, wie erfreut ich über die überaus pünktliche Abfahrt des Zuges war. Die beiden schauten leicht verwirrt oder als würden sie an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln. Später unterhielten sie sich darüber, ob sie wohl trotz der Verspätung den Anschlusszug kriegen würden und in meinen Augen blitzten Fragezeichen. Der Kontrolleur klärte mich dann auf: Den Anschlusszug in Mannheim würde ich wohl bekommen, doch ich säße im falschen Zug und erst recht in der falschen Klasse (ach daher war es im Abteil so komfortabel). Ansonsten herrschte freie Platzwahl, weil der Zug ein Phantomzug war, der gar nicht existierte. Ansonsten: Der IC/EC, den ich gebucht hatte, war noch gar nicht in Freiburg eingefahren, weil eben auf diesem Gleis der Zug (ebenfalls ein IC/EC) stand, in dem ich nun saß. Der wiederum ein Ersatzzug für einen ausgefallenen ICE war und zwölf Minuten Verspätung hatte. Immerhin hatte ich Glück und der Zug hielt auch in Mannheim, puh. Leider musste ich dann die erste Klasse verlassen und in die Holzklasse, die heute eher Plastik- oder Metallklasse ist und ziemlich schäbig verschrammt aussieht, auch wenn es dort zu meinem Erstaunen ebenfalls Abteile gibt. Das Allerbeste aber war, dass man dort noch die Fenster öffnen konnte, herrlich!

In Mannheim kam ich pünktlich an und freute mich, den falschen Zug genommen zu haben, denn der gebuchte kam ja erst später und ich hätte nur vier Minuten Umsteigezeit gehabt. Mein Anschlusszug, die S-Bahn Rhein-Neckar, war jedoch selbst zu spät, weil ein (sicher verspäteter) ICE das Gleis blockierte. Während ich wartete, lief auch mein voriger eigentlich gebuchter und verspäteter Zug ein, mit dem ich dann die verspätete S-Bahn doch auch noch erwischt hätte.

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Zwischendurch vier herrlich ruhig-entspannte Tage in Schweden (Züge vom Flughafen Stockholm-Arlanda in die Provinz und zurück pünktlich).

Die S-Bahn Rhein-Neckar erreichte pünktlich Mannheim. Die Informationen über die Anschlusszüge verschwiegen jedoch meinen Zug nach Freiburg, nannten stattdessen einen Zug, der drei Minuten später von einem anderen Gleis fuhr und außerdem kein IC/EC, sondern ein ICE war. Was tun? Ich astete mit meinem Gepäck von Gleis 1 zu Gleis 8 (diesmal hatte ich aber ganze zehn Minuten), nur um auf der Anzeige zu entdecken, dass sich mein Zug um 90 Minuten verspätete. Selbst der Zug, der vorher auf diesem Gleis einlaufen sollte, hatte 70 Minuten Verspätung. Na prima. Eineinhalb Stunden mittags bei 30 Grad warten – keine schöne Vorstellung. Da hörte ich wieder die Ansage des Zugs nach Freiburg und erreichte ihn auf Gleis 4 mit Müh und Not. Sicher würde ich für den ICE nachzahlen müssen, egal, nur weg hier. Immerhin war der Mannheimer Hauptbahnhof der einzige, an dem mir je mein Portemonnaie gestohlen worden war vor ungefähr 30 Jahren. Ich hatte es auf der Rückfahrt wiederbekommen von der Bahnpolizei, der Dieb hatte nur das Bargeld entwendet, alle Papiere dringelassen und das Portemonnaie in einen Mülleimer geworfen. Damals hatte die Bahnpolizei noch eine „Stube“ in gedeckten Grün-Ocker-Tönen wie oft in auch neueren „Tatorten“, man schrieb noch mit der Schreibmaschine die Protokolle und an der Wand hingen neben RAF-Fahndungsfotos Plakate über „Nacktgeher“.

Aber jetzt war ich ja schon wieder im Zug. Der hoffnungslos überfüllt war, die Gänge blockiert von monströsen Koffern und stehenden Menschen. Für mich blieb nur eine letzte Stehplatzlücke: direkt in der Mitte vor zwei Klos. Herrlich, ach, was herrschte auf den beiden Toiletten ein Kommen und Gehen. Manche blieben kurz, manche länger, was mir kurzfristig Sorgen bereitete. Ich sah ihnen widerwillig dabei zu (da bin ich Hypochonder) oder schaute lieber weg, wie sie alle nach dem WC-Gang diverse Keime auf den Türklinken verteilten oder erst einsammelten und sie dann beim schwankenden Gang durch die Wagen mit den Händen auf den Kopfstützen verteilten, dann auf ihre Smartphones wischten, sich durch die Haare strichen und ein Sandwich aßen. Zwischendurch setzte ich mich müde auf meine Reisetasche, doch dabei glitt mein Blick auf die Fußnägel eines Amerikaners, die unvorteilhafterweise in Sandalen steckten und ich wünschte mich woanders hin.

Zwischendurch ertönte aus dem Lautsprecher die Mahnung, doch bitte die Gänge freizumachen, damit Fahrgäste hindurchkämen. Eine Frau neben mir wollte in Wagen 25, wo sie reserviert hatte, doch bis dahin war von Wagen 21 kein Durchkommen, also stand sie. Endlich, in Karlsruhe, quoll eine Karawane aus dem Zug und ich bekam sogar einen Sitzplatz. Noch dazu bot mir ein sehr junger Mann an, meine schwere Tasche ins Gepäckfach zu hieven, was ich gern und dankbar annahm. Die ganze Zeit fürchtete ich schon den Schaffner und war gespannt auf die Höhe des Betrags, die ich für den nicht gebuchten ICE nachzahlen müsste. Erst nach dem letzten Halt in Offenburg kam er dann, doch er fand es zu meiner Überraschung ganz normal, dass ich mich – mit einigen anderen – in diesen Zug gerettet hatte – und meinte fast fatalistisch, mein Zug sei auch nicht der einzige verspätete an diesem Tag. Der, in dem ich saß, hatte zum Beispiel 45 Minuten Verspätung – und nur deshalb hatte ich ihn überhaupt erwischt. Eigentlich hätte er bis Basel fahren sollen, aber aufgrund der Verspätung war Freiburg Endstation und viele Passagiere mussten nun auf einen Anschlusszug in die Schweiz warten. Auf meine Frage, was denn die Gründe für diese Verspätungen seien, antwortete mir der Schaffner, in meinem Zug hätte es einen Notarzteinsatz gegeben und im aktuellen einen Polizeieinsatz. Interessant. Was ist denn bloß in deutschen Zügen los? Oder sind das Ausreden? Während ich in Deutschland in den letzten vier Jahren nur einen pünktlichen Zug erlebt habe, war es in Frankreich ein unpünktlicher, zumindest, was die TGVs betrifft. Da stimmt doch was nicht. Wie halten das bloß die japanischen Touristen in Deutschland aus, die den Shinkansen gewohnt sind, der in ich weiß nicht genau wie vielen Jahren auf insgesamt genau 36 Sekunden Verspätung kommt? Jedenfalls musste ich nichts nachzahlen, sondern bekam sogar ein Fahrgastrechteformular in die Hand gedrückt, damit ich mir wegen meines 90 Minuten verspäteten Zugs Geld zurückerstatten lassen kann. Da ich ja aber mit einem verspäteten ICE fuhr statt mit dem verspäteteten IC, kam ich sogar neun Minuten früher an als ursprünglich geplant. Soll ich jetzt trotzdem…?

Ich denke, bei der nächsten Reise weiche ich auf eine Segelyacht aus, mir fehlt nur noch der Sponsor. Nur entgehen einem dann auch schon mal skurrile Begebenheiten. Während mir die Augen zufielen, hörte ich eine Frauenstimme sagen „Ruf Sibylle an“. Nichts von Bedeutung, doch dann wiederholte sie es. Ich schaute auf und sah in der Vierersitzgruppe links vor mir eine Frau Mitte bis Ende 60, die ihr Smartphone anstarrte. „Ruf Sibylle an“, wiederholte sie da. Und dann „Ich werde pünktlich sein“. Hmmm, okay. Doch irgendwas lief offenbar nicht wie gewollt und sie begann von neuem, nicht ohne vorher zu sagen, sie unterhalte wohl den ganzen Wagen, womit sie zweifellos Recht hatte. Also wieder von vorn: „Ruf Sibylle an!“. „Sibylle anrufen, privat oder geschäftlich?“, antwortete ein weiblicher Roboter (ob es Alexa war, weiß ich nicht). „Privat“. „Sibylle wird angerufen“. Tüttüttütütüt. Sibylle ging nicht ran, aber wohl die Mailbox, was man seltsamerweise nicht hörte. „Ich werde pünktlich sein“, wiederholte die Frau. „Um vier Uhr im Himmelreich.“ Da staunten die sie umgebenden Mitreisenden, was für eine schöne Adresse. Komisch, ich fühlte mich auf dieser Reise eher wie im Höllental.

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Oh Paris

Macron und  Bürgermeisterin Hidalgo zum Trotz, die die alten schönen Kioske ersetzen lässt, hält sich doch ein Stück des alten Paris. Oft sicher nur,  solange es dem touristischen Weltbürger dient, aber besser so als ganz ausgelöscht.

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Notre Dame sieht nach dem Brand wirklich traurig aus, doch man hat den Eindruck, dass jetzt keinesfalls weniger Touristen kommen.

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Kennt man ja.

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Gut für die Individualisten, dass die Massen eben ticken wie Massen – nur eine Parallelstraße entfernt hat man seine Ruhe und spürt, dass die Stadt trotzdem noch eine menschliche Dimension bewahrt (okay, ich weiß nicht, wie es am Tour Eiffel aussieht, auf Nebenwegen sicher ähnlich).

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Es gibt Gassen und Fassaden, die seit Jahrhunderten unverändert sind oder fast.

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Selbst die Smartphone-Generation gerät bisweilen auf Nebenwege, auch wenn sie nicht darauf achtet, wo sie ist.

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Manchmal glaubt man sogar Rehe im ersten Stock zu erkennen.

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Auch sehen die Patrons der vielen kleinen Restaurants im fünften Arrondissement, also an der berühmten Rive Gauche, oft noch so aus wie vor 30 Jahren.

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Hier ist noch einer. Und sage hier jemand, Paris sei ein unbezahlbares Pflaster (okay, was die Mieten betrifft, schon!).

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Überhaupt hat das alte Paris immer noch das…,

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…was den Charme der Stadt ausmacht. Nun ja, ganz in der Nähe sah ich in einem kleinen Park einen Mann im Gras liegen, der – auf der Seite liegend – an seiner Hose nestelte. Bevor ich mich versah, hatte er sein Ding rausgeholt und urinierte vor sich hin.  Eine neue Erfahrung, auf die ich auch hätte verzichten können. Umschalten, wegdenken, vergessen. Trotzdem: Musste er das denn ausgerechnet vor der gebeutelten ehrwürdigen Notre Dame machen? Kein Respekt vor nichts und niemandem. Aber in Paris heißt es ja “Un pays sans clochards est un pays malheureux!“ (Ein Land ohne Clochards ist ein unglückliches Land). Hmmm. Ich glaube, das ist zu bezweifeln. Andererseits: Wenn Regierungen keinen Respekt mehr vor der Bevölkerung haben, wieso soll letztere dann respektvoll sein, ob sie nun in Wohnungen oder auf der Straße lebt.

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Aber da war ja auch die Dame, die die alten Häuser malte und die Entgleisung nicht sehen konnte, die Glückliche. Besser doch weg von all den „Attraktionen“ und menschlichen Auswüchsen.

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Der Blick in einen nicht weit entfernten versteckten lauschigen Hinterhof kann da schon etwas ablenken.

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Und auch die alte Metrostation vermag es, ein wenig  zu versöhnen mit all den gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen.

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Entfernt man sich noch weiter vom Stadtzentrum, etwa gar ins 13. Arrondissement, das sogenannte Chinesenviertel, muss man auch nur ein paar Gassen hinaufsteigen und fühlt sich wie vor hundert Jahren oder gar wie einem Pariser Dorf.

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Auf der Butte aux Cailles lebten mal die Armen, außerhalb der Stadt, und auch jetzt wirkt das Leben dort bescheiden. Ich frage mich, wie sich die oft sehr einfach ausehenden Menschen die Mieten leisten können – 800 Euro für ein 10-Quadratmeter-Studio sind in der Stadt inzwischen normal. Vielleicht hatten sie Glück und ihre Miete wurde nicht erhöht.

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Bei diesem Anblick musste ich an Pessoa denken, keine Ahnung, warum.

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Diese Dame verdient ihr Geld sicher nicht mit Diamanten. Das sympathische Café, das sowohl von Studenten als auch von den Männern des Quartiers und von anderen Menschen besucht wird, führt übrigens ein Araber.

Ansonsten ist das 13me auch bekannt durch seine Grafitti, vor allem die von Miss Tic. Bei meinem letzten Besuch sah ich von ihr jedoch nichts Neues. Stattdessen eher lieblich-ästhetische Klebearbeiten anderer Straßenkünstler wie diese:

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Der Stadtteil wirkt ein wenig wie außerhalb der Zeit. Was ihn extrem sympathisch macht.  Nur nicht zu empfehlen: eine Karaffe Wasser zu bestellen. Nirgendwo in Paris schmeckt das Wasser derart gechlort wie dort. Eau de Javel pur. Ansonsten wünschte mir die kessen Graffiti von Miss Tic zurück.

Mit 15 habe ich mal für diesen Mann geschwärmt.

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War nicht dabei

Die Welt wird immer kleiner und überfüllter. Es gibt zwar noch Orte, die nicht von Kreuzfahrtschiffen überwältigt werden, aber Billigflüge etc. machen heute alles möglich. Davon profitiere auch ich, manchmal. Nach Paris kann ich seit ein paar Jahren direkt mit dem TGV von Freiburg aus fahren – ein großes Wunder, 3 Stunden 40 Minuten. Pattensen, Peine, Paris, denke ich manchmal und wundere mich, dass ausgerechnet Freiburg vor ein paar Jahren an die französische Metropole angeschlossen wurde. Hier stiegen allerdings immer nur maximal zehn Leute ein und der Fahrpreis war meist so überteuert, dass man besser per Auto zum Bahnhof Mulhouse fuhr und von da aus den TGV nahm. Das hat sich nun anscheinend geändert, denn seit ich weiß nicht genau wann fährt der Zug ab Freiburg nicht mehr über Mulhouse, sondern über Strasbourg. Und hält nicht nur in Offenburg, sondern sogar in Kaffs wie Emmendingen und Lahr, bevor er über Kehl Frankreich erreicht und ab Strasbourg nonstop in unter zwei Stunden nach Paris fährt. Ach, warum also nicht einen Versuch starten.

Die Enttäuschung folgte auf dem Fuß: Zug ausgefallen. Tja. Warum, weiß kein Mensch, wird auch nicht bekanntgegeben. Kurz vor sechs Uhr morgens am Freiburger Bahnhof angekommen, taumelten zahlreiche Nachtschlafene wie ich (wer denkt sich bloß Abfahrten nach Paris um 6 Uhr 22 aus) zum Infoschalter in der Halle. Um 6 Uhr öffnet die Information, die meisten Reisenden sind vor sechs Uhr da, des êtres errants. Ah, was machen die Franzosen wieder, sagt der lustige junge Mann am Schalter. Erst will er uns – eine circa 30-köpfige Menge verschiedener Nationen – über Mulhouse leiten, doch dann findet er eine Alternative: IC bis Offenburg, umsteigen in eine elsässische Regionalbahn bis Strasbourg und dann würden wir einen TGV mit Ziel Paris erreichen. Er brauche aber all unsere Tickets. Leider fährt der Zug nach Offenburg schon um 6 Uhr 25 und ich sehe schwarz, wie wir den allesamt nach Ticketkontrolle erreichen könnten. Da erscheint eine Kollegin des Mannes, jünger, blond gelockt, gut geschminkt und streng bis gleichgültig schauend. Ich frage sie, da wir ja nun so wenig Zeit hätten, ob sie uns nicht parallel zu ihrem Kollegen auch abfertigen könne. Da wir ja alle unsere Tickets vorzeigen müssten. Unsere Tickets seien gültig, antwortet sie mir unfreundlich, wir müssten sie gar nicht vorzeigen. Als ich sie darauf anspreche, aber genau das hätte ihr Kollege doch gerade gesagt, wird sie noch muffiger, nein, das sei nicht so. Also hoffe ich – wie all die anderen, die das mitbekommen haben, dass es klappt und dass wir einfach so zu unserem Gleis gehen können. Unter den Reisenden sind viele Asiaten, ein paar Franzosen und englischsprachige Menschen, man versucht, sich gegenseitig zu informieren, doch es herrscht Chaos.

Da schrillt es generalstabsmäßig durch die morgendlich verschlafene Bahnhofshalle, aus dem Mund der hübschem jungen Frau: Anstellen, aufstellen, in einer Reihe!!! Sofort! Die Asiaten und auch andere der in Ungewissheit Wartenden schrecken zusammen. Ich bekomme sofort den Deutschen-Schuldkomplex. Fehlte nur das Wort „Achtung!“ Fühle, wie so oft, kollektive Scham, die anscheinend immer bestehen bleibt. Diese junge Angestellte der Freiburger Information hat mit derart durchdringender Stimme und derart obercooler Mimik ihre Befohlenen zusammengebrüllt, dass mir angst und bange wurde. Ich weiß auch gar nicht, was sie von den Reisenden wollte, denn es war doch angeblich alles klar. Als ich merkte, dass wir den Zug doch noch bekommen würden, wandte ich mich an ihren freundlichen Kollegen und bat um ihren Namen, denn ich wollte mich bei der Bahn über sie  beschweren. Kenne ich nicht, sagte er solidarisch. Inzwischen hatte eine dritte Person das Terrain des in erhöhter Lage gelegenen Infoschalters betreten und nahm ihre Kollegin in Schutz. Sie hätte alles richtig gemacht, weil Chaos geherrscht habe und die Leute nichts verstanden hätten. Klar haben sie nichts verstanden, weil sie kein Deutsch konnten – in militärischem Kommandoton aus dem Glaskasten auch nicht – und weil die Informationen widersprüchlich waren. Es sei überhaupt nicht unhöflich gewesen, ranzte mich die zweite junge Frau an. Doch, genau das war’s. Und noch viel mehr. Respektlos. Kundenunfreundlich. Unerträglich. Peinlich. Unter aller Sau. Auf weitere Assoziationen verzichte ich hier. Wie war das noch mit dem Fremdschämen?

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Chez Arielle oder so

Im brandenburgischen Werder, bekannt für das Blütenfest (inzwischen längst verrufen wegen des Besäufnischarakters wie die meisten Feste auch) kann das Leben Anfang August durchaus ein heiteres entspanntes sein.

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2019_08040027Man muss nur, etwa im Arielle, vom gebratenen oder geräucherten Fisch bestellen, sich auf der wie auf einem Schiff schwankenden Plattform niederlassen und schon findet man selbst die Standup-Paddler auf der Havel nicht mehr sooo doof, sondern wird tiefenentspannt und frönt seinem eigentlichen Motto „Leben und leben lassen“. Und das ist gut so.

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Ob nun der Name der Meerjungfrau dazu beiträgt oder einfach die gelassene Szenerie, weiß ich nicht. Vermutlich Letzteres.

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Man kann einfach dasitzen und aufs Wasser gucken. Oder in den Himmel.

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Oder Leute gucken. Mehr braucht man nicht.

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Vor toten Fischen – nicht essbar – darf man keine Angst haben, sonst alles idyllisch.

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Wer will, kann sich auch vor Ort einquartieren (na ja…, der Eindruck kann täuschen).

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So ähnlich sehe ich’s auch

https://www.rubikon.news/artikel/die-verantwortungsluge

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Kurz vorm Kollaps

Heute fand ich im Internet ein „fröhliches Kleid“ mit floralem Print. Ich wusste gar nicht, dass Gegenstände fröhlich sein oder überhaupt zu Gemütszuständen in der Lage sind. Ich war aber schon fast froh, dass es sich nicht um ein Cheerful oder gar Happy Dress handelt, zumal der Druck ja schon halb englisch ist. Vielleicht besteht der Stoff aber ja auch aus glücklichen Pflanzenfasern, wer weiß.

Vor einigen Wochen, als ich beim Friseur mal wieder die Brigitte las, die ich jahrzehntelang als meiner Meinung nach beste Frauenzeitschrift bis vor ungefähr sieben, acht Jahren gelesen und früher sogar  eine Zeit lang abonniert hatte, hätte ich das Machwerk beinahe wutschnaubend in die Ecke geworfen, doch ich weiß mich ja zu benehmen. Meine Abscheu rührte allerdings nicht nur von der Verenglischung der deutschen Sprache her à la „mein Style“ und „Beauty Tipps“ – das liest man schon lange in allen Magazinen für die überwiegend weibliche Zielgruppe. Auch die biedere Für Sie und die nette Freundin haben das übernommen, nachdem vor allem die Cosmopolitan schon lange vor allen anderen Begriffe wie Blowjob in den Mund genommen hatten, bevor Fashion Highlights folgten.

Nein, was mich so aufbrachte, war etwas anderes. Da beklagte sich eine Frau über Männer, die nicht einstecken können. Die Dame hatte mal kurz einen Kerl aufgegabelt, von dem sie nichts wollte außer Sex für eine Nacht, das wusste sie schon vorher. Ob der Mann das auch wusste, schrieb sie nicht. Dann aber stellte sich der Typ ungeschickt an, jedenfalls fasste er die Frau “zwischen den Beinen“ nicht so an wie von ihr gewünscht. Das sagte sie ihm dann umgehend. Daraufhin verließ er ihre Wohnung. Was die Frau ungeheuer aufregte. Diese Männer, sie sind einfach nicht in der Lage, klare Worte zu akzeptieren und sich nach den Bedürfnissen der Feministinnen zu richten. Denn selbstverständlich bezeichnet sich auch diese Frau als solche. Vielleicht hätte sie mit dem ONS-Partner vorher einen schriftlichen Vertrag schließen sollen.

Feministin sein bedeutet anscheinend die Überzeugung, dass Frauen das bessere Geschlecht mit Vorrechten sind und dass sich Männer an deren Anforderungen anpassen müssen (der Titel der Zeitschrift Myself spiegelt das ja ganz offen wider). Das ging nicht nur aus diesem, sondern auch aus anderen Beiträgen im Heft hervor. Stellt euch vor: Die Dame, hihi, beklagte unter anderem, sie habe öfter Männer kennengelernt, die ihr von Büchern vorschwärmten, deren Autoren männlich waren! Unglaublich, Frechheit! Warum erzählten sie ihr denn nicht von tollen Frauen, die auch schreiben können? Das konnte sie natürlich nicht tolerieren noch akzeptieren und kickte die Typen weg. Leider hat die Frau Probleme, einen festen Partner zu finden. Warum, verstehe ich überhaupt nicht.

In diesem Tenor sind mittlerweile jedenfalls viele Beiträge in der Brigitte und natürlich nicht nur dort geschrieben. Warum die Frauen überhaupt noch an diesen absolut unzulänglichen Männern interessiert sind, erschließt sich mir nicht ganz. Sicher suchen sie willfährige Diener. Aber eine Meinung sollen sie bestimmt doch haben, sonst müssen sie ja auf sie herabsehen und das wollen sie nun auch wieder nicht. Da lobe ich mir ja fast die schon immer einfach gestrickten Frauenzeitschriften, die nur Mode und Rezepte zeigen, auch wenn sie allesamt langweilig sind. Wenigstens rufen sie nicht zum Geschlechterkampf auf. Ach ja, Brigitte & Co sind ja so feministisch, widmen aber Beauty-Strecken erstaunlich viele Seiten (die fand ich schon immer schlimm, was interessieren mich Fotos von Frauen an karibischen Stränden, die angeblich ihre Haut mit dieser oder jener Care verwöhnen, ich brauche keine Creme-Werbung) – ist das nicht zumindest ein kleiner Widerspruch? Überhaupt finde ich Feminismus doof, ich bin für Humanismus.

Frauen und Männer sollten besser gemeinsam für eine sozialere gerechtere Welt und bessere Lebensgrundlagen eintreten. Statt Einzelnen – sozial absolut ungerecht – Flüge und Autos zu verbieten oder höher zu besteuern und anderem Kleinklein sollten sie zum Beispiel dafür kämpfen, dass die Industrie die Regenwälder nicht mehr abholzt, dass die Monokultur überall auf der Welt gestoppt wird und die Agrarwirtschaft wieder zu dem zurückkehrt, was sie mal war: Bauern, die mit und von der Natur leben.

Na, das entsprang gerade spontan meinem Hirn, sicher infolge einer tagelangen Hitzelähmung und nur weil gerade Sturm aufkommt, der die Synapsen aufrüttelt und Gegenstände von den Bänken der Fenster wirft, die schon offen sind. Bei 29 Grad vor glühender Tastatur. Die Balkontür lasse ich lieber noch zu, 30 Grad drinnen will ich dann doch vermeiden.

PS: Mit den Bauarbeitern gegenüber hätte ich diese Woche auch nicht tauschen wollen.

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