Flaneurin in Pariser Passagen: Passage Jouffroy – die Prächtige

Wenn die feuchte Kälte unter den Mantel kriecht, sobald die Métro einen ausgespuckt hat, wenn sich niemand traut, die Straßencafés zu bevölkern, wenn der Himmel grau und Paris gar nicht so rosarot erscheint, wie die Stadt vorgibt, dann… kann man zum Beispiel die wunderschönen alten Passagen besuchen und sich darin ein wenig divertieren und aufwärmen!
Die meisten noch erhaltenen Passagen von Paris befinden sich an den Grands Boulevards, einem durchaus chicen Viertel mit zahlreichen Geschäften und sicher – bis auf die Chambres de bonnes unterm Dach – großzügig und edel ausgestatteten Wohnungen.

Am prächtigsten ist wohl die Passage Jouffroy, benannt nach einem der Bauherren. Sie befindet sich im 9. Arrondissement zwischen 9, rue de la Grange Batelière und 10, Boulevard Montmartre und ist circa zehn Minuten zu Fuß von der Opéra entfernt.

Eingeweiht wurde die Ladenpassage im Jahr 1846. Sie ist sehr gut erhalten, wurde 1987 renoviert und strahlt den Charme vergangener Zeiten aus.
Und wenn ich vor hundertfünfzig Jahren eine Flaneurin gewesen wäre? Ach nein, die weibliche Form, an Proust angelehnt, ist ja die Passante.
Der Flaneur/die Passante (oder auch Spaziergängerin) waren einst literarische Figuren, die die anonymen Großstädte durchstreiften, sich treiben ließen und ihre Reflexionen aus kleinen Beobachtungen gewannen, der Lebenskunst frönend und schon auch ein wenig dandyhaft.
Nun, als dandyhaft empfinde ich mich nicht und eine literarische Figur bin ich auch nicht, aber mit dem Rest kann ich mich schon ein wenig identifizieren.

Doch zurück zur Passage Jouffroy: Man höre und staune: Sie hatte bereits eine Fußbodenheizung – ja, auch Mitte des 19. Jahrhunderts wollte man die Flaneure nicht bibbern lassen – schließlich sollten sie auch etwas kaufen und nicht nur Vitrinen lecken, wie die Franzosen sagen!
Jouffroy ist die erste Passage, die vollkommen aus Stahl und Glas erbaut wurde. Nur die dekorativen Elemente sind aus Holz gestaltet. Hat man genüsslich die Konstruktion und den Fliesenboden bewundert, locken die vielen kleinen Läden.

Ein stummes Zwiegespräch unter Engeln, einer lebend, kann man hier beobachten, wenn man kann. SIE sieht ein wenig aus wie Charlotte Gainsbourg, oder? Auf jeden Fall so unschuldig wie der Engel… vorm Haus von Charlotte, das geöffnet ist…

Ach, Paris ist eben was ganz Besonderes! Aber… ich war noch niemals in New York, also kann ich noch nicht sagen, ob mein Herz zwischen den beiden Städten „balanciert“, das wäre zu überprüfen.

Doch erst muss ich mich einmal gruseln, hier, in der Passage. Na ja, fast, ich übertreibe. Was es hier aber alles zu sehen gibt: geisterbahnähnliche Wachsfiguren, grimmige asiatische Krieger und schaurige Piraten!

Das mit den Wachsfiguren hat schon eine besondere Bewandtnis, denn direkt neben der Passage befindet sich das Musée Grévin, ein Wachsfigurenkabinett, das 1882 gegründet wurde. Man erreicht es sowohl von außen als auch direkt über die Passage. Eintritt übrigens 21 Euro…! Wir waren nicht drin, nicht nur wegen des exorbitant-hohen Preises, wie ich finde – dafür bekommt man locker ein gutes Dreigangmenü –, sondern vor allem, weil wir uns auf dem Passagen-Trip befanden.

Ah, direkt übereck hat sich das Hotel Chopin eingerichtet. Was für ein Platz für ein Hotel!

Diese „Oase der Ruhe“, so die Hauswerbung, die bestimmt zutrifft, hat doch tatsächlich 36 Zimmer – kaum zu glauben!

Danach geht’s ein paar Stufen hinab und um die Ecke. Hier lädt ein alt eingesessener Buchladen zum Verweilen und Stöbern ein. Die Auswahl ist groß und es gibt nicht nur schöne und interessante Bildbände über Paris, sondern auch über Kunst, Architektur, Reisen, Erotik und Vieles mehr.

Ach ja, natürlich geht es in der Stadt der Haute Couture auch um Mode! Augen zu und vorgestellt, man würde in der Kleidung von damals durch die Passage bummeln, während der Années folles, der verrückten Jahre – eine schöne Imagination!

Diese Librairie nennt sich stolz „Der kleine König“. Nun, die Lage ist ja auch irgendwie königlich!

Aber es gibt auch etwas für kleine Prinzessinnen, denn viele Spielzeuggeschäfte haben sich hier angesiedelt – ein Traum für die Kleinen! Da gibt es eine komplette Puppenfamilie, gekleidet à la bcbg – bon chic, bon genre, kurz: recht bürgerlich-adrett.

Geschickte Falter haben die Möglichkeit, sich wunderschöne Pariser Häuserzeilen zu basteln.

Kinder, die sich lieber dem kontemplativen Nichtstun hingeben, können ja das Christkind um ein Schaukelpferd bitten, während die Eltern vielleicht den Blick eher oben haben…

…oder überlegen, wie sie die Wohnung weihnachtlich dekorieren können.

Wer es weniger gediegen mag, für den gibt es auch Witziges, zum Beispiel Hirschköpfe der besonderen Art…

Oder doch wieder konventionell-kitschig, pardon? Ein Miniatur-Eiffelturm in Glitzerpink vielleicht? Napoleon en miniature – sofern das noch möglich ist, ähm…?

Ach, das ist dann doch nicht so mein Ding, da lasse ich meine Augen lieber noch eine Stufe höher schweifen, und da gibt es schöne Entdeckungen zu machen, verzaubert-verzaubernde Bilder.

Später, zuhause, muss ich daran denken, dass die Passagen auch für die surrealistischen Flaneure magisch anziehende Orte waren, des lieux sacrés. Ich versuche, mich an „Das surrealistische Manifest“ von André Breton zu erinnern und das, was Louis Aragon dazu gesagt haben könnte, doch, oh Schande, fast alles vergessen. Also schnell noch mal nachgeforscht: Ah ja, die Passagen waren mit dem Kult des Vergänglichen durchwebt und Aragon schrieb in seinem Vorwort vom Pariser Landleben von seinem Plan, eine moderne Mythologie der Großstadt zu entwickeln.

Ein anspruchsvolles Vorhaben. Ähm, jetzt vielleicht – ganz profan – ein kleiner Hunger auf Süßes? Provenzalisches Naschwerk oder Patisserien, hm? Nein, noch nicht?

Und da ist auch schon der Ausgang. Aber wenn man die Straße überquert, lockt sofort die nächste Passage, die Passage Verdeau. Wie in surrealistischer Trance werden wir hineingezogen. A bientôt, votre passante!

Ja, beim Flanieren in den alten Pariser Passagen kann man schön träumen, die Fantasie anregen und sich in alte Zeiten versetzen lassen.

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9 Antworten zu Flaneurin in Pariser Passagen: Passage Jouffroy – die Prächtige

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Phantastische Fotos …
    Eigentlich wollen wir jetzt sofort los!!

  2. kormoranflug schreibt:

    Ein Traum die Passagen von Paris. Mit Deinen Fotos hast Du den Traum in das Unendliche erweitert.

  3. rotewelt schreibt:

    Merci, ihr lieben Leser, aber die Fotos finde ich selbst so lala – zu viele Collagen, doch ich habe ja noch weitere Passagen zu „besprechen“…

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  4. rotewelt schreibt:

    Viel Spaß beim Ausmalen, lach!

  5. paleica schreibt:

    ach herrlich, ich möchte so gern mal wieder nach paris!

  6. rotewelt schreibt:

    Verstehe ich, die Stadt ist einfach zu schön!

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