Port Lazo – Route du Kap Horn, 22470 Plouézec

Port Lazo, Port Lazo…. Auf dem Circuit des Falaises, der Rundtour an der Felsenküste zwischen Plouha, Bréhec und Plouézec, brannte sich mir dieser Ortsname ein, als ich im Vorbeifahren ein Hinweisschild wahrnahm. Was für ein Name für einen Hafen, der klein, sehr klein sein muss, sonst hätte ich schon davon gelesen oder gehört. Port Lazo klingt wie Musik. Etwas Besonderes. Ich muss dorthin. Unbedingt. Zwar macht sich die Beschilderung an den winzigen Straßen lustig über mich, aber mein Instinkt siegt und so finde ich ihn, den Hafen.

Habe ich ihn mir so vorgestellt? So ähnlich: kein Strandbad, kein Laden, kein Restaurant. Doch nicht einmal eine Kneipe, nun gut, auch das überrascht mich nicht sehr. Ort der Vergangenheit. Ein leerstehendes Haus, noch nicht verfallen, die Farbauffrischung lässt darauf hindeuten, dass die Bewohner noch nicht lange fort sind. Oder sich neue bereits angekündigt haben.

Doch kein Mensch weit und breit, nur ein paar parkende Autos. Lebt hier noch jemand? Nur Spaziergänger unterwegs? Wie muss es hier im Winter sein? Etwas für Romantiker, die sich selbst genügen.

Port Lazo klingt nach Melancholie. Und nach Ferne. Und siehe da, der Straßenname passt perfekt.

Die Einwohner müssen einst große Seefahrer gewesen sein, zumindest Fernreisende in Gedanken, die Sehnsucht im Blut. Auch wenn sie vermutlich immer nur Fischer waren. Ein paar bunte Zubringerboote haben sie immerhin noch, die Bewohner oder Ferienhausbesitzer.

Ein Mensch kommt mir entgegen, aus dem Meer, langsam. Es strengt ihn an, das Boot an Land zu bringen. Er will nicht gesehen werden, am liebsten.

Ich gehe auf den Wassersaum zu und wende mich nach rechts. Nanu, was ist das? Lauter Autos, vor allem Lieferwagen, am Strand. Was geht da vor? Hier muss bald ein Ereignis stattfinden oder schon stattgefunden haben.

Außer den Lieferwagen stehen ein paar Traktoren da, Männerknäuel drum herum, für die eine einzelne über Schlick und Stein spazierende Frau offenbar eine Besonderheit darstellt. Andere kleine Menschengrüppchen, die eher nach Touristenfamilien aussehen, sitzen auf den Felsen, mit Körben, wie bereit für ein Picknick, für das es aber noch nicht Zeit ist. Es ist still. Alle haben etwas gemeinsam: Sie scheinen zu warten. Also passiert hier noch etwas, es ist nicht vorbei.

Wenn alle warten, warte ich auch. Will nichts versäumen. Das scheint eine besondere Wartezeit zu sein, eine spannende. Die Lieferwagen sehen aus, als wollten sie frischen Fisch direkt nach Rungis oder zumindest in bretonische Städte transportieren wollen. Da muss also gleich, bald etwas kommen, aus dem Meer. Aber was? Woher? Kommt gleich die Flut? Ich habe den Gezeitenkalender nicht im Kopf. Bei diesen Stränden hier weiß man nie, ob es noch oder schon Ebbe ist und wie weit das Wasser zurückgehen wird.
Immerhin kommt manchmal die Sonne durch, sie macht mich beduselt. Am Straßenrand, etwas erhöht über dem Hafen, finde ich einen Platz auf dem Anhänger eines Autos. Lasse mich bescheinen und hin und wieder betröpfeln vom bretonischen Crachin. Gespannt bin ich, übe mich im Geduldigsein; die anderen können’s ja auch.

Und es klappt, das stille Warten. Ich bin jenseits von Zeit und Raum, spüre nur die feuchte Luft und die Wärme. Ich schaue. Für Gedanken ist kaum mehr Platz. Wie schön. Da sehe ich es: Das Meer weicht immer weiter zurück. Aber wenn es zurückweicht, können die Menschen hier ja keine Fischerboote erwarten. Wie merkwürdig das alles ist, wie unwirklich.
Oh, Geräusche. Es bewegt sich etwas. Von hinten, von oben kommen sie, noch mehr Traktoren, einer nach dem anderen. Männer mit Hosen bis unter die Achseln. Aha. Gleich geht’s hinaus.

Das sich weiter zurückziehende Meer gibt den Blick frei auf grafische Linien. Endlich begreife ich: Austernbänke!

Die wartenden und neu ankommenden Traktoren fahren hinaus ins Meer. Einfach so. Manche vorsichtig, andere übermütig, wie wahnsinnig. Sie wissen genau, wie tief es wo ist. Wie weit sie gehen können.

Nun kommt Bewegung ins Spiel.

Einige Meeresbauern machen sich zu Fuß auf. Doch, da gibt es was zu holen
.

Den Traktoren folgen die Fischer zu Fuß, les pêcheurs à pied.

Alle, die Austernzüchter und die Hobbysammler, haben nur ein Ziel, die Früchte des Meeres zu ernten.
Immer mehr Land gibt das Meer frei. Die ersten Traktoren haben die Austernbänke erreicht und laden die kostbare Fracht in Säcke um. Aus der Ferne kann ich es ahnen.

Wie lange soll ich ausharren? Wie lange wird es noch dauern, bis die ersten zurückkehren an Land? Warum sind die anderen so geduldig? Wieso waren so viele schon vor mir da und warten immer noch? Ist das Warten an sich köstlich? Kein Zeitgefühl auf der Straße nach Kap Horn. Soviel Gleichmut. Sollte ich den Rest nicht auch aufbringen? Kann ich nicht, was sie können? Nun bin ich hier schon so lange, eineinhalb, zwei Stunden vielleicht? Bestimmt werden die Austernzüchter auch ein paar Meeresfrüchte direkt hier verkaufen. Dumm nur, dass ich Austern nicht so gern mag. Ein, zwei vielleicht und dann… Aber das Gefühl, die ganz frisch geerntet zu essen, würde ich schon mögen.

Mein Magen meldet sich. Ich eise mich stockend und widerwillig los von der Szenerie. Ich kapituliere, werde, muss irgendwo etwas essen gehen. Kann mich dennoch kaum lösen. Ein paar Meter weiter grüßt mich freundlich lächelnd ein Mann. Er hat ein hübsches Plätzchen auf einer Mauer gefunden und packt gerade sein Picknick aus. Der Glückliche, er kann bleiben und weiterwarten! Wenn er jetzt fragen würde, ob ich auch Hunger habe… Ich grüße möglichst unaufdringlich zurück. Ein paarmal halte ich noch an, werfe Blicke zurück. Nach Port Lazo. Dem Ort des Wartens. Hier wartet man anders als in sonstigen Häfen.

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